Eigentlich wollte ich diesen Winter gar nicht nach Berlin. Aber es kam wie immer so ganz anders als man denkt – und manchmal ist das auch sehr gut so.

Klar, Berlin ist immer eine Reise wert, Freunde besuchen, durch die Stadt stromern, die Eintracht sehen. Aber nach all den Feierlichkeiten anlässlich des zehnten Geburtstages des Eintracht Museums, der traditionellen Unwirtlichkeit der Hauptstadt im Dezember und den großen Erinnerungen an die Tage rund um das Pokalfinale im Frühling, war die Aussicht auf ein gemütliches Wochenende in der Heimat eine Schöne. Doch als die Fanabteilung anfragte, ob ich ein Gespräch mit einem ehemaligen Kicker der Eintracht vor der Bembelbar moderieren wolle, konnte ich nicht nein sagen. Und als feststand, dass Benny Köhler kommen würde, freute ich mich richtig.

Und so kam es, dass ich mich am Samstag Morgen in rechter Frühe mit Thomas von der Fanabteilung am Frankfurter Bahnhof traf und wenige Minuten später im ICE Richtung Berlin saß. Im Ruheabteil – welches ich zuvor gar nicht kannte. Natürlich gab es erstmal viel zu quatschen, doch trotz bedächtiger Worte fiel dies auf und so verebbte unser Gespräch langsam aber sicher. Der Blick aus dem Fenster wurde etwas getrübt durch die Plastikverbindung der Außenwand, der Blick an vorbeiziehende Landschaften endete an jener Abdeckung, aber wir rollten gepflegt und ohne große Störungen durchs Land und landeten pünktlich um 13 Uhr im neuen Berliner Hauptbahnhof. Menschen- und Lichtergewimmel, Ebenen und Verwirrung. Der Berliner Bahnhof inklusive Umgebung ist ja auch so eine Sache. Stein und Glas erschlagen dich, Bullerbü ist anderswo.

Unser Hotel liegt in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof, eine kurze Nachfrage bei einem Taxifahrer klärt den Weg und schon beim Check in treffen wir die ersten Eintrachtler. Dankenswerter Weise gehört zum Hotelpaket auch ein Tagesticket für den öffentlichen Nahverkehr, eine gute Sache, die in den folgenden Stunden auch ausgiebig genutzt wird. Zuerst geht es traditionsgemäß an die Curry Baude am Gesundbrunnen. Wechsel zwischen U- und S-Bahn, Brandenburger Tor, Friedrichstraße, Gesundbrunnen – Gott, wie oft war ich den vergangenen Jahrzehnten in dieser Stadt, die sich gewandelt hat, wie kaum eine andere. Anfang der 80er war ich das erste Mal hier, just an dem Tag an dem Bob Marley starb. Damals wehte der Geist der Christiane F. durch West-Berlin, Brachflächen, Junkieschick, Alternative Szene. Später die Wende, Nebel und Technosound im dritten Hinterhof. Und nach der Nachwendezeit die Gentrifizierung. Viele Freunde zogen hierher, manche gingen wieder, andere sind tot und einige blieben – und auf die freue ich mich immer besonders, wenn ich hier bin.

Und so geht es weiter vom Gesundbrunnen zum Mehringdamm, treffe mich mit Andi bei Curry36, einst die legendäre Imbissbude, nunmehr wahrscheinlich neben Konnopke der überschätzteste Laden in Berlin. Aber der Brauch will, auch hier zu speisen. Später laufen wir in der anbrechenden Dunkelheit am Kanal entlang Richtung Kottbusser Tor, erzählen uns Geschichten aus alten Zeiten, beleuchten die Gegenwart. Und wie immer bleibt viel zu wenig Zeit. Im Franziskaner läuft noch das Spiel von Werder Bremen, wir trinken noch einen Tee, treffen Holger auf der Gass und sind pünktlich an dem Ort, an dem heute Abend wie so oft die Eintrachtfans rund um das Spiel bei der Hertha in der Bembelbar feiern. Heute aber wird es zum ersten Mal einen Auswärtstalk geben. Die Frankfurter kennen dies ja aus dem Eintracht Museum, nun aber ist die Fanabteilung mit der Idee nach Berlin gekommen, auch den Berliner Adlern die Eintracht zum Anfassen zu präsentieren. Kurz wird die Technik eingestimmt, dann kommt auch schon Benny Köhler – und der Laden füllt sich. Mit uns ist noch Ronald Noack auf der kleinen Bühne, ein Berliner Urgestein, der seinerzeit das „Bündnis antifaschistischer Fußballfans“, kurz Baff, mit ins Leben gerufen hat.

Benny erzählt aus seiner Berliner Zeit, als er im Märkischen Viertel zu Hause war, von seinem Vater zum Kicken gebracht wurde und zeitweilig sogar Fan von Borussia Dortmund war. In der Jugend kickte er bei einigen kleineren Berliner Vereinen, bei Normannia, den Reinickendorfer Füchsen oder dem FC Lübars. In der A-Jugend ging es dann zur Hertha, seinen einzigen Einsatz für die Hertha in der Bundesliga folgte dann … gegen die Eintracht. Vier Minuten durfte er dabei sein, die SGE ging mit 0:4 baden.

Über den MSV Duisburg und Rot Weiss Essen holte ihn dann Friedhelm Funkel 2004 zur Eintracht – aus der er über acht Jahre nicht wegzudenken war. 229 Ligaspiele absolvierte er im Trikot der SGE, Zweite Liga, Bundesliga, dazu die Einsätze im Pokal inklusive Pokalfinale, Europapokal – in der ewigen Rangliste der Spieler mit den meisten Liga-Einsätzen für die Eintracht seit Gründung der Bundesliga steht er auf Platz 16. Nur 15 Kicker haben wir also seit 1963 öfter gesehen. Körbel, Grabi, Nickel, Holz, Bindewald, Nikolov, Falkenmayer, Binz, Meier, Neuberger, Roth, Russ, Schur, Kunter, Trinklein – wenn wir also von Legenden sprechen, darf der Name Köhlers nicht fehlen. Eine Erkenntnis, die vielleicht etwas überraschend kommt – an der aber nicht zu rütteln ist.

Im Gespräch wird deutlich, dass Benny vor allem eines wollte: Kicken. Und dies hat er unter Funkel immer geschafft, zuweilen als linker Verteidiger, meist aber offensiv links, eine Allzweckwaffe, die viel zu spät die Anerkennung fand, die ihm gebührte. Nur zu gut erinnern wir uns an die Beschimpfungen, die ihn, aber auch Alex Meier trafen. Aber das hat er weggesteckt, wie später auch den Schock der Krebserkrankung, von der er heute als geheilt gilt. Auch wenn die ersten Nachuntersuchungen ihm ein mulmiges Gefühl verschafften, so geht er heute angstfrei damit um.

Unerklärlich für ihn, wie für uns alle, der Niedergang während der Rückrunde 2010/11. Klar, die Innenverteidigung war schwach besetzt – aber getroffen hat die Eintracht auch nicht. Als Christoph Daum dann die Eintracht für den geschassten Michael Skibbe übernahm und mit Co-Trainer Roland Koch mit markigen Motivatiosritualen die Mannschaft aufrütteln wollte, konnte sich Benny wie so viele ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Wir haben mitgemacht, aber so richtig viel konnten wir damit nicht anfangen“. Den konkreten Abstieg erlebte er nicht mit. Im letzten Spiel in Dortmund wurde er beim Stand von 1:0 für die Eintracht mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht, bei den Dortmunder Toren lag er im Kernspin und als er die Außenwelt realisierte, war die Eintracht abgestiegen.

Doch er blieb den Adlern treu, ging mit ihnen die Zweite Liga und trug mit neun Treffern kräftig zum sofortigen Wiederaufstieg bei. Nach dem Wiederaufstieg kam er nur noch zu wenigen Einsätzen, Trainer Armin Veh zog ihm auf seiner Position Takashi Inui vor, die Eintracht stürmte als Aufsteiger in Europapokal-Regionen – und so verließ er etwas überraschend nach 8 1/2 Jahren die SGE, um in Kaiserslautern anzuheuern. Zwar traf er dort auf die ehemaligen Kollegen Hoffer oder Idrissou, aber glücklich wurde er in der Pfalz nicht. Und die Eintracht mühte sich ohne ihn nur mit Ach und Krach auf Platz sechs, der erst in der letzten Sekunde des letzten Spiels eingetütet wurde. Nach der Saison 2012/13 ließ er über seinen Berater anfragen, ob Union Berlin als neuer Verein in Frage kommen würde – und so landete er nach Jahren wieder zurück in der alten Heimat, in der auch sein ältester Sohn lebt.

Nachdem er 2015 einige Zeit mit latenten Bauchschmerzen haderte, ergaben Untersuchungen die bittere Diagnose: Krebs. Geschockt, irritiert, ging er die Genesung an, die Heilungswahrscheinlichkeit war hoch, Union Berlin unterstützte ihn und so kehrte Benny Köhler wieder auf den Platz zurück, bis ihn Knieprobleme veranlassten, diesen Sommer seine Karriere zu beenden. Als er von der Erkrankung von Marco Russ erfuhr, meldete er sich spontan – wohlwissend, dass auch ihm die Rückmeldung alter Kollegen Kraft gegeben hatte. War Köhler in jungen Jahren ein kleiner Hallodri, der mit seinen Teamkollegen in der Gallerie oder im Living auch gerne mal gefeiert hat, so ließ ihn seine Krankheit nachdenklicher zurück: „Es ist schade, dass es manchmal eines Schicksalsschlags bedarf, um darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist“. Für die Zukunft plant er mit einem Kumpel ein Geschäft aufzuziehen. Erst mal außerhalb des Fußballs, wie er betonte. Und vor Kurzem ist Benny Köhler erneut Vater geworden, Thomas überreichte ihm aus diesem Grunde Eintrachtschnullis und einen Strampler zum Dank an einen aufrichtigen Abend im Franziskaner, großer Beifall wurde unserer einstigen Nummer 7 ebenfalls zuteil, völlig zu Recht wie wir meinen. Nur über die Ecken haben wir nicht gesprochen …

Später wird noch schwer gefeiert und es folgt ein langer Abend, bis ich mit meinem Berliner Kumpel Thomas noch auf einen Absacker in die Berliner Nacht verschwinde.

Am folgenden Tag besuche ich noch meine alte Freundin Susi, auch hier verfliegt die Zeit viel zu schnell, aber besser als gar keine Zeit und schon sitze ich wieder in der Bahn Richtung Olympiastadion. Heute kein Pokalfinale bei T-Shirt-Wetter, heute winterkalter Fußball im viel zu großen Stadion. Und die Hertha spielt die Eintracht an die Wand, folgerichtig dann das 1:0. So hatte ich mir das vorgestellt. Du frierst dir den Arsch ab, während die Eintracht sang und klanglos untergeht. Aber auch hier kommt es anders als gedacht. Die Eintracht trifft nach einer durchdachten Ecke, wahrscheinlich das erste Mal seit Alex Schur anno 2003. Wolf hämmert die Kugel zum Ausgleich ins Netz – und so langsam finde ich ins Spiel. Die zweite Halbzeit geht auch irgendwie vorbei, es schneit und jetzt ist es die Hertha, die ein dominantes Spiel aus der Hand gibt. Und zur Krönung setzt Kevin Prince Boateng, ein weiterer Berliner, den Deckel drauf und ballert die Eintracht mit 2:1 in Führung, als alle schon mit einem Remis leben konnten. Auswärtssieg in Kalt-Berlin – das hatten wir ja jetzt auch nicht so irrsinnig oft. High five.

Die S-Bahn bringt mich zurück zum Bahnhof, ich hole im Hotel meinen Rucksack und treffe später die Mitreisenden der Fanabteilung an Gleis 7. In Hannover landen wir etwas verspätet, müssen umsteigen, wir rennen – und sehen, dass entgegen der Ansagen der Anschlusszug nicht schon weg, sondern sogar noch gar nicht da ist. Und so rollen wir spät am Nachtabend müde aber glücklich in Frankfurt ein. Die U-Bahn erwische ich auch noch und so latsche ich durch den Winterschnee Richtung Heimat. Dort ist es warm, dort wartet Pia – und das ist doch schön. Es war ein großes Wochenende – nur zum Fotografieren bin ich nicht gekommen. Aber das macht nichts. Allen Beteiligten ein großes Dankeschön, es waren tolle Stunden in Berlin.