Es ist der Tag nach der ärgerlichen Niederlage der Eintracht gegen die Bayern, ein Tag, an dem du von Fußball eigentlich nichts wissen willst. Aber gegen halb elf kommen Menschen ins Stadion, die unabhängig von allem eine Führung gebucht haben.  Und die haben ein Recht darauf, das wunderbare Eintracht Museum sowie das Innenleben der Arena kennen zu lernen. Also Herr Beve, reiß dich zusammen.

Rückblende. Freitag spät am Abend laufen wir durch die nächtliche Arena, es ist still, niemand außer uns ist hier – nur der Pförtner wacht vor dem Spiel gegen die Bayern über das Gelände. Die Logen sind eingedeckt, der Adler auf dem Teppich der Mixed-Zone ist abgesperrt, auf dass niemand ihn mit Straßenschuhen befleckt. Es sind nicht nur Fans der Eintracht dabei, die Nachtführung lockt etliche Besucher an, die sich das einmalige Erlebnis fast ganz alleine im Stadion zu sein, nicht entgehen lassen wollen. Einer drückt dem FSV die Daumen, andere kommen aus Hamburg, sogar ein Kölner ist dabei. Kurz vor Mitternacht trinken wir noch ein Glas Sekt auf den Abend – und auf drei Punkte für die Eintracht. Es sollte anders kommen …

Wenige Stunden später bin ich wieder hier. Pia und ich parken unseren Dacia hinten am DFB Parkhaus, es ist kurz nach 13:00 Uhr, nur vereinzelte Fans warten auf ihren Einlass, unsere Arbeitskarten ermöglichen es uns, vor der Zeit die Arena zu betreten. Schnurstracks laufen wir Richtung Museum, die Waldtribüne, unser Arbeitsplatz, ist schon aufgebaut, Jakob, unser heutiger Techniker vor Ort. Aus den Boxen läuft Hey Joe von Jimi Hendrix. Natürlich beginnt so ein Arbeitstag mit Begrüßungsrunden. Maj und Lena warten schon am Merchandisestand auf Kundschaft, das Museum ist proppevoll, die Kids der Fußballschule haben es in Beschlag genommen. Steffen versucht, Ordnung ins Chaos zu bringen, Sebastian führt derweil zur Spieltagsführung durch die Katakomben, während Frauke auf einen Anruf wartet. Denn neben unseren geladenen Gästen Stephan Winterling, der nicht nur im Verwaltungsrat des Vereins sitzt, sondern auch dem Museumsförderverein vorsteht, und Martin Fenin, besteht die leise Hoffnung einen besonderen Gast zu begrüßen, dessen Erscheinen jedoch kurzfristig entschieden wird. Matze ist derweil überall.

Das Museum ist ja nicht nur ein Hort der Geschichte, es ist auch ein Ort der Begegnung. Draußen ist Erwin Stein in ein Gespräch vertieft, da kommt Manni Binz aus dem Museum geschlichen, Helga kommt auf einen Plausch vorbei, Frank und Corinna genau so wie der Stammtisch, der immer da ist. Alle sind eigentlich guter Dinge: Gegen die Bayern, da geht was. Währenddessen verkauft unsere FSJlerin Griselde die ersten Schöppchen.

Kurz bevor die Waldtribüne beginnt, kommt die Info: Unser Überraschungsgast kommt nicht. Das ist schade, Pia und ich hatten uns natürlich vorbereitet – das ist manchmal nicht so einfach, so stellt sich zuweilen die Frage, wie gehen wir mit unseren Gästen um, die einerseits viel erlebt haben, denen wir andererseits nur verhältnismäßig wenig Zeit anbieten können, vor allem, wenn die Lebensgeschichten so vielseitig áber auch widersprüchlich sind, wie bei unserem heutigen Kandidaten. Europameister mit 20, Olympiateilnehmer 1972 – als Palästinenser elf israelische Geiseln und einen Polizisten töteten. Weltmeister mit 22, dreifacher Europapokalsieger mit 24, Karriereende mit 27. Dazwischen der Nachthimmel von Belgrad. Einziger Überlebender eines Hubschrauberabsturzes. Vom Bayernolymp in die Zelle der JVA Landsberg – und zurück. Es wäre spannend geworden mit Uli Hoeneß.

Aber es wird auch ohne ihn spannend. Der Doc erzählt von historischen Begegnungen, Stephan erklärt uns ganz genau, was ein Verwaltungsrat eigentlich macht und Martin freut sich wie immer, bei der Eintracht zu sein. Noch am Abend zuvor ist er mit Fans der Eintracht um die Häuser gezogen. Jetzt steht er etwas verloren in zu leichter Kleidung auf der Bühne. Pia überreicht ihm einen Schal, damit der Bub nicht friert. Zum Schluss gib’s noch die aktuelle Aufstellung, damit ist für uns die Arbeit erledigt. Oben im Businessbereich gibt’s Leberkäsbrötchen, Entenkeulen und Weingummis.

Durch unsere Arbeitskarten dürfen wir zwar überall hin, haben aber leider keine festen Plätze mehr. Früher bin ich immer hoch zu unserer kleinen EFC-Abteilung im Oberrang, da aber meist alle Plätze belegt sind, musste ich wieder zurück und verpasste durch die Lauferei die ersten Minuten. Jetzt stehen wir auf der Terrasse der Haupttribüne, da geht es zwar weniger wild zu, doch wenn du mal neben Ronnie Borchers stehst und über das Spiel quatschst, dann ist das auch ganz schön. Nur benehmen muss man sich dort. Das fällt nicht immer leicht, vor allem, wenn Schiedsrichter Osmers den Herrn Vidal trotz klarer Notbremse im Spiel belässt, jener Vidal dann ein Tor macht und wenig später immer noch dabei ist, obgleich er Wolf rüde gelegt hat. Auch die endlose Spielverschleppung der Bayern bei Einwürfen oder Auswechslungen treiben den Puls nach oben. Unsere Kurve hat auch nicht den besten Tag erwischt. Während die Eintracht den Bayern teilweise sogar überlegen ist, die Münchner ein aufreizend unseriöses Match abliefern, plätschert der Support mäßig vor sich hin. Ein nächster Skandal kann gerade so noch abgewendet werden. Wolf legt James im Mittelfeld. Klares Foul. Klare gelbe Karte. Und was macht der Schiedsrichter? Ohne zu zögern: Rot. Besonnene Menschen halten mich fest. Doch während Wolf in die Katakomben stapft, wird der Videobeweis heran gezogen. Und dieser bestätigt, was alle gesehen haben: Keine rote Karte, gelb. Wolf wird aus der Dusche hervor gezerrt und darf wieder mitspielen. Am Ende steht ein unfassbar ärgerliches 0:1.

Nach Spielende dann überall aufgeregte Diskussionen. Nur Matze steht stoisch am Museumseingang und kassiert den halben Eintritt, auf der großen neuen Leinwand läuft die Zusammenfassung. Ich will nichts mehr sehen. André Rothe kommt vorbei, unser langjähriger Stadionsprecher, wir trinken ein Schöppchen. Aber der Abend wird kurz. Während die Bembelbar in der St Tropez Bar feiert, John und Niko im Backstage auflegen und unser alter Techniker Andi in Sachsenhausen seine CD vorstellt, fallen wir in die Kissen. Sonntag früh klingelt der Wecker, die ersten Gäste wollen trotz allem durch Museum und Stadion geführt werden, Kids ihren Geburtstag feiern.

Und so rolle ich wenige Stunden nach Abpfiff erneut ins Stadion ein, es hat begonnen zu schneien, ein jungfräuliches Weiß legt sich über die Arena und überdeckt die Tränen der Wut des gestrigen Tages. Und so stehe ich mit Maj und Sebastian auf der Matte, wir legen Gummibärchen auf die Kindertische und führen Gäste durchs verschneite Rund, erzählen Geschichten von einst, zu denen nun auch schon das gestrige Spiel gehört. In der Kabine liegen Tapes und Rasenstückchen auf dem Boden, der nunmehr schneebedeckte Rasen selbst wird durch mobile Lampen beleuchtet, während sich die Teilnehmer der Führung auf der Ersatzbank niederlassen. Später tobt der Nachwuchs durchs Museum, derweil sich der 1. FC Köln anschickt, den SC Freiburg zu versenken. 3:0 steht es nach 30 Minuten, gleich zwei Mal mussten die Freiburger verletzte Spieler ersetzen. In den letzen Sekunden aber dreht der SC das Spiel völlig und gewinnt noch mit 4:3 in Köln. Dies ändert zwar nichts an unserer Niederlage, zeigt aber, dass es immer noch krasser geht.

Erst kurz vor Acht schließen wir die Pforten und stapfen durch den Schnee zum Auto. Feierabend. Tatort. Bei der Eintracht ist ja immer was los … und die Fotos von der Waldtribüne sind von Wolfgang Becker