Lange Jahre war er eines DER hessischen Gesichter in der ARD-Sportschau: Holger Obermann, geboren und aufgewachsen in Kassel. Als nach über zwanzig Jahren in Diensten des HR das Angebot kam, für den DFB den Fußball in Krisenregionen zu bringen, zögerte er nicht lange – und ein zweites Leben begann: Mit dem Fußball im Gepäck reiste und lebte er in Weltregionen, die wenig zu lachen hatten und brachte Freude in die Herzen der Gebeutelten. Darüber erzählte er im Museum der Eintracht.

Seine Stationen hießen zunächst Kassel, Hamburg und New York. Dort spielte Obermann auch selbst Fußball, stand im Tor und verhinderte Schlimmeres. Bei Hessen Kassel, später im Rahmen von Ausbildung und Studium auch bei Concordia Hamburg. Und als das Angebot kam, bei der größten deutschsprachigen Zeitung im Ausland zu arbeiten, zog es ihn in die USA. Auch dort spielte er Fußball, bei SC Elizabeth New York. Und wer in den USA zurecht kommt, der könnte auch ein Mann für den HR sein, dachte sich zumindest der hessische Sender und fortan arbeitete Holger Obermann in Frankfurt. Zunächst für die Hessenschau, dann für den Sportkalender und anschließend lange Jahre auch für die ARD Sportschau. Es waren die Zeiten, in denen Liveübertragungen ein rares Gut waren, die Sportschauberichte waren kurz und es wurden stets nur wenige Partien ausgewählt. Obermann berichtete von über 400 Spielen der Frankfurter Eintracht, nahm als Reporter und Redakteur an fünf Weltmeisterschaften teil und trainierte zudem den Nachwuchs der Diva – aber auch den des OFC. Wurde er in Frankfurt als OFC-Sympathisant wahrgenommen, so schilderten ihn die Offenbacher als Eintrachtfan.

Zwei Ausschnitte von Reportagen Obermanns belegten den sachlich – analytischen Stil. 1970 besiegte die Eintracht die Alemannia aus Aachen mit 6:2. Schon damals trat die Diva zuhause in blauen Trikots an, dazu blaue Hosen und weiße Stutzen. Grabi wuselte am Strafraumeck, Bernd Nickel traf per Fallrückzieher. 1975 sahen wir eine Eintracht in weißen Jerseys gegen die Bayern eines Franz Beckenbauer. Als Hoeneß eine Torchance hatte – jedoch wegen Abseits zurück gepfiffen wurde, versäumte es der Kameramann das Zuspiel aufzuzeichnen, vermutlich lag ein Filmrollenwechsel an. Später wurde Hölzenbein im Strafraum, sagen wir: gefoult. Den fälligen Elfmeter verwandelte Charly Körbel zur Eintracht Führung. Als durchaus noch einige Zeit zu spielen war, konstatierte Reporter Obermann beim Stand von 1:0, die Bayern hätten resigniert. Selige Zeiten. Nickels 2:0 besiegelte wieder einmal eine Niederlage der Münchner in Frankfurt.

Natürlich tritt ein Reporter auch einmal in ein Fettnäpfchen. Obermann kommentierte einst einen Spielzug der Eintracht. Cha verzog und schoss über das Tor, das Spiel lief weiter, die Redaktion aber schob nach einigen Momenten die vergebene Chance Chas als Wiederholung ins Bild. Und Obermann? Kommentierte tapfer weiter: Und wieder ein Konter – wieder Cha Bum – was macht er? – wieder drüber! In die Zitat-Historie eingegangen ist auch der Satz: Zwei Minuten gespielt, noch immer hohes Tempo, wobei Obermann betonte, dass dieser Satz während einer Verlängerung gesagt wurde.

Als sich der Fußball langsam wandelte, Sport auch zugunsten von Entertainment ein wenig in den Hintergrund rückte, kam das Angebot des DFB an Obermann, quasi als Sportentwicklungshelfer zu arbeiten gerade recht – und so begann das zweite Leben des sympathischen und bescheidenen Mannes. Der eigene Nachwuchs stand auf eigenen Füßen, Frau Barbara spielte mit und so verschlug es Holger Obermann zunächst nach Nepal. Insgesamt sechs Jahre lebte er dort, trainierte den Nachwuchs aber auch die Nationalmannschaft und erreichte sogar den Titel bei den Südostasienspielen. Im Vordergrund aber stand bei all seinen Reisen, die ihn in über 25 Länder brachten, selten der Leistungsgedanke. Er bildete Trainer und Jugendliche aus, brachte Bälle, Trikots aber auch Kleidung in Regionen, in denen es auf Grund von Naturkatastrophen oder Krieg am nötigsten fehlte – und sprach davon, dass es das Wichtigste sei, Freude und Hoffnung zu vermitteln. Unterstützt wurde er vom DFB, vom NOK (heute DOSB), aber auch von der Eintracht, den Bayern oder der Franz Beckenbauer Stiftung. Auf Beckenbauer übrigens lässt er nichts kommen, trotz der heutigen Debatten. Wenn Obermann etwas brauchte, war Beckenbauer zur Stelle. Über seine Stationen im Ausland hat Holger Obermann ein lesenswertes Buch geschrieben – Mein Fußball hatte Flügel.

Obermann arbeitete in Afghanistan nach dem erstmaligen Abzug der Taliban, in Pakistan in unmittelbarer Nähe des Aufenthaltsortes von Osama bin Laden, als dieser der meistgesuchte Mann der Welt war, und er wirkte in Sri Lanka nach dem verheerenden Tsunami. Seine zweite Heimat aber fand er in Nepal. Hat er zu Beginn dieses Jahres noch einen Fußballplatz aufgebaut, so war dieser kurz darauf wie so viele und vieles durch das verheerende Erdbeben zerstört. Erneut begann er anschließend die Sysiphusarbeit des Neuaufbaus.

Ein Team des ZDF hatte Ende der Neunziger Obermann nach Nepal begleitet und eine Reportage darüber produziert. Er wurde vor Ort mit Blumengirlanden überhäuft und generell in Nepal mit großem Respekt behandelt. Sichtlich gerührt sprach Obermann schon damals von der Freude, die er vermitteln wollte – auch und weil gerade in Asien oftmals der Gedanke der Disziplin im Vordergrund steht. Er besuchte auf dem Rücksitz eines Motorrades Flüchtlinge aus Tibet in Nepals höheren Regionen, im Gepäck ein Netz Fußbälle. Auf der Fahrt dorthin durfte er als einziger eine Polizeikontrolle unbeanstandet passieren. Er sprach aber auch davon, dass etliche Spenden ihr Ziel nicht erreicht hätten. Wie so oft greifen die ersten an den Fleischtöpfen Dinge ab, die eigentlich für andere bestimmt waren. So sei manch Ball, der für die Ärmsten bestimmt war, im Zimmer eines Ministersohnes gelandet.

Noch heute ist Holger Obermann unverdrossen unterwegs, bereist die Welt und sieht zu, dass der Fußball in Krisenregionen wenigstens für Momente das Unglück vergessen lässt. Ob Mädchen in Afghanistan, Jungs in Osttimor: Obermann spricht die Sprache der Fußballwelt – auch wenn er nicht nur einmal knapp einem Anschlag entgangen ist oder seine Aufenthaltsorte jeglichen Ansatz von Komfort vermissen ließen. Der langjährige HR-Reporter Wolfgang Avenarius, Stammgast im Museum der Eintracht, betonte, dass er von Obermann viel gelernt habe, vor allem die Menschlichkeit im Umgang mit anderen. Und so präsentierte sich Holger Obermann auch im Eintracht Museum: Jegliche Lobhudelei war ihm fast ein Graus. Für uns aber war der Abend mit ihm eine große Bereicherung. Vielen Dank Holger Obermann.

Fotos: Pia Geiger