… laufen die Dinge seltsam zusammen. Und dann öffnen sich Parallelwelten, von denen du nicht den Schimmer einer Ahnung hattest, dass diese überhaupt existieren.

Es begann, als ich den Blog des Kiezneurotikers entdeckte, der über das Leben im gentrifizierten Prenzlauer Berg ebenso berichtet, wie über Essen oder Honks. Meist scharfzüngig, übellaunig, sprachgewaltig. Dazu kommen regelmäßige Verlinkungen zu anderen Blogs, kunterbunt und vielfältig wie das Internet eben so ist. Dabei fielen mir die Comics von Erzählmirnix auf. Mit wenigen Strichen und einigen Worten markiert sie augenscheinliche Widersprüche, mir hat das gefallen und nicht im Traum wäre mir eingefallen, dass diese Comics einen Shitstorm nach sich ziehen hätten können, der sich gewaschen hat. Daneben hat Erzählmirnix sich binnen eines Jahres von 135 Kilo auf 65 gewandelt und darüber ein E-Book geschrieben. Aber das ist (fast) eine andere Geschichte. Ehrlich gesagt, wusste ich bis vor ein paar Wochen gar nicht, dass Erzählmirnix eine Frau ist; es hat mich weder interessiert, noch hatte ich mir je die Frage nach dem Geschlecht gestellt.

Nebenbei tummle ich mich ab und an auf Twitter. Meist werden von mir nur meine Blogbeiträge verlinkt, als informative Abwechslung am Abend lese ich jedoch gerne die 140 Zeichen derer, denen ich folge. Und ich folge relativ wahllos. mal jemandem, der mir folgt, mal jemandem, der über einen Link zu mir gestolpert ist, mal weil ich die Leute kenne, mal, weil mir Sachen gefallen – oder mich ein Thema interessiert. Und so kam es, dass ich dieses und vergangenes Jahr mehrfach über das Stichwort „Feminismus“ gestolpert bin. In den letzten Jahren hatte ich, abgesehen vom Allgemeinen, keinen Zugang, aber auch kein Interesse an der feministischen Debatte – abgesehen davon, dass meine kluge Freundin und Kollegin Katja Kullmann regelmäßig Beiträge zum Thema abliefert, die ich ebenso gerne lese, wie ihre Beiträge über Musik oder Detroit – auch wenn (vor allem im musikalischen Bereich) nicht alles meinen Geschmack trifft. Unterhaltsam und rege ist es allemal. Und zuhause macht jeder alles. Zumindest fast. Damit fahren Pia und ich eigentlich ganz gut.

Irgendwann stolperte ich also über eine Feminismusdebatte, dabei schälte sich heraus, dass es wohl eine neue Bewegung gibt, Netzbewegung, wie man wohl sagen müsste – ein Name, an dem man nicht vorbei kommt ist, dabei Anne Wizorek, berühmt geworden durch ihren Hashtag #Aufschrei nach Rainer Brüderles verbaler Übergriffigkeit auf die Journalistin Laura Himmelreich. Anne hat bis heute über 40.000 Tweets abgesetzt. Das sind viele. Und Rainer Brüderle ist nicht George Clooney. Das ist Fakt.

Im Zuge der Auseinandersetzung, in der es zuweilen recht hoch herging, folgte ein Buch von Frau Wizorek. Dies wurde zwiespältig besprochen – daraufhin forderte sie via Twitter ihre Follower auf, ihr Buch positiv bei amazon zu besprechen – und jenes der Hauptkritiker abzuwerten.

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„maskus“ ist hierbei kein Avatar, sondern meint „Männerrechtler“. Man lernt ja nie aus. Damit hatte sich dann auch die Diskussion, in die ich eher zufällig gestolpert bin, für mich erledigt Hier ein Shitstörmchen, dort ein Shitstörmchen – Kindergartengeplänkel, zumal durchaus sinnige Argumente wie die Tatsache, dass es mehr männliche als weibliche Obdachlose gibt, dass Frauen länger leben als Männer und somit die einseitige Auffassung, Frauen seien per se Opfer anachronistisch ist, eher hemdsärmelig weggewischt wurden. Ich nickte der Besprechung Arne Hoffmanns wohlwollend zu und damit hatte sich das Ganze …

… dann hatte meine liebe Seele ihre Ruhe – bis ich erneut auf ähnliche feministische Verhaltensweisen stieß. Nun hieß das Opfer Erzählmirnix – und die kannte ich ja schon. Zumindest die Comics. Via twitter wurden ihre Bildergeschichten bzw sie selbst als arschig, frauenfeindlich und antifeministisch gebrandmarkt. Es gab sogar eine Liste der bösen Comics, die der gute Mensch fortan nicht mehr lesen sollte. Von @tugendfurie, einer selbsternannten Feministin, Netzaktivistin und Speakerin, welche bis heute über 50.000 Tweets in die Welt gesetzt hat. Die Folge? Sie war dann lustigerweise einem Shitstorm ausgesetzt, den sie ursprünglich selbst angezettelt hatte – während Erzählmirnix immer mehr Follower bekam und mit jedem Tag bekannter wurde. Tante Jay hat das ganze hier ganz gut zusammengefasst: Kindergartenfeminismus. Passend dazu schreibt Helmut Danisch in seinem Blog über seine Erfahrungen mit jenem Kindergartenfeminismus. Er ist aus einer Veranstaltung rausgeflogen, doch lest selbst. Da waren wir in den 70ern schon weiter.

Ist sie nicht irre, diese Internetwelt, dieses haten und speaken und netzaktivistische Verhalten, das Anspeien und Beschweren, in der Hoffnung, irgendwann einmal bei Anne Will zu sitzen, um endlich eine Bedeutung zu erlangen? Ich war ja schon immer ein Freund davon, auf andere einzuprügeln, um dann als erstes „Opfer“ zu rufen. Einer der Höhepunkte war in der Tat ein Tweet von Anne Wizorek: problem: posttraumatische belastungsstörung wird bei betroffenen von hasskommentaren bisher nicht anerkannt.

Wir reden hier nicht von Cyber-Mobbing, von 14-jährigen, die unverschuldet oder naiv sich Netzattacken ausgesetzt sehen, um sich dann vor einen Zug zu werfen, wir reden auch nicht von schwertraumatisiserten Kriegsflüchtlingen, von minderjährigen Soldaten; wir reden hier von Mernschen, die sich anmaßen, andere, die nicht ihrem Weltbild entsprechen, zu attackieren, um bei Gegenwind PTSD für sich zu reklamieren. Doch das Schöne an der Internetwelt ist: Gegenwind gab’s reichlich.

Was wollte ich eigentlich sagen? Dass ich Feminismus gar nicht so blöde finde, solange er nicht in Wohngemeinschaftspalaver abdriftet, dass die Internetwelt zuweilen doch ein unerforschter Kosmos für sich ist und dass ihr durchaus mal einen Blick auf Erzählmirnix‘ Comics werfen könnt, deren Output nämlich wirklich ziemlich gut ist. Und dass der ganz große Gegensatz nicht zwischen männlich und weiblich verläuft, sondern immer noch zwischen Arm und Reich. Och, und falls jemand der jüngeren Generation mich mal an die Hand in diesem Internet nehmen will, ihr wisst ja jetzt, wo ihr mich findet. Hashtag. Emojicon. Katzenbild. Essen.

TF