Manchmal frage ich mich ja, wie Leute so aussehen, die einfach nur scheiße sind und im Netz trollen, bis das Christkind heult. Im Alltag bekommt man die gröbsten Vollspacken ja meist nur mit, wenn sie im Auto sitzen; die meisten Menschen, die dir begegnen, sind ja unauffällig bis freundlich. Gestern war das mal anders.

Es stand ein Umzug von Freunden an, wir waren eine handvoll Leute, schleppten Krims und Krams ins Umzugsauto und fuhren ein paar Meter zur neuen Wohnung. Während der erste Teil vom ersten Stock nach unten ging, sah die zweite Halbzeit ein härteres Programm vor: Rauf in Stockwerk Nummer vier. Immerhin gab es vor der neuen Wohnung einen Hof, der genügend Platz für den Sprinter vorsah, gesichert durch ein gelbes Schiebetor mit einem großen Schild: Feuerwehrzufahrt, Parken Tag und Nacht verboten.

Als wir vor Ort anrollten, parkte ein Opel Astra exakt vor dem Tor. Da guckt man erst einmal blöde, denkt sich aber: Na gut, gleich wird jemand mit einer Handvoll Pizzakartons angerannt kommen, sich wild gestikulierend entschuldigen und davon rattern. Erst einmal passierte: Nichts. Wir hupen. Wir warten. Nichts. Ein Blick auf das Kennzeichen offenbarte, dass der Besitzer seine Initialen aller Wahrscheinlichkeit nach samt Geburtsjahr auf das Nummernschild hat drucken lassen. Da im Haus der Begierde jemand wohnte, dessen Nachname mit „M“ begann, hofften wir, den Besitzer ausfindig gemacht zu haben. Ein Klingeln, eine Antwort, eine Absage.

Die Zeit rann dahin, wir wurden langsam nervös – immerhin erhielten wir von freundlichen Anrainern den Tip, es im Nachbarhaus zu versuchen. Tatsächlich, die Initialen auf einer Klingel gaben erneuten Anlass zur Hoffnung. Klingeln. Die Lautsprecheranlage aber blieb ruhig. Erneutes Klingeln. Erneute Ruhe. Was tun? Abschleppen lassen? Könnte teuer werden. Wegschieben? Die Handbremse war angezogen. Wegtragen? Die Kiste war zu schwer. Plötzlich öffnete sich ein Fenster zur Straße hin. Ein älterer Herr, der im kommenden Jahr seinen sechzigsten Geburtstag feiern wird, aller Wahrscheinlichkeit nach alleine, blickte uns an.

„Entschuldigung, gehört ihnen der Wagen hier?“

„Ja.“

„Sie parken vor einer Feuerwehreinfahrt.“

„Na und?“

Entgeisterte Blicke allenthalben.

„Wir müssen durch das Tor, Umzug, fahren sie ihren Wagen bitte weg.“

Stille. Das Fenster wurde geschlossen. Eine gefühlte Ewigkeit später schlurfte dieser Mann aus der Haustür, blickte uns feindselig an.

„Zieht jetzt hier die Partykolonne ein oder was?“

Kein Sorry, keine Entschuldigung, kein Tempo. Jede Faser des Honks, wie der Kiezneurotiker sagen würde, kommunizierte: Ich bin ein Arschloch und hätte am liebsten, dass ihr alle tot seid. So müssen sie aussehen, die Trolle, die den ganzen lieben langen Tag vor dem Rechner hocken und im Pegida-Style Spiegel-Online vollkommentieren. Unauffällig, eher gefällig als hassverzerrt, merkmalslos. Wir überlegten derweil, welcher Eintracht Fußballer die gleichen Initialen trägt. M. wem sonst, fiel später Steffen Menze ein. Auf Slobodan Medojevic, dem naheliegendsten sind wir natürlich nicht gekommen.

„Meister, wie wäre es vielleicht mit einem ‚Sorry‘?“

„Von hinne oder was?“

Da war der Geduldsfaden gerissen, unser Zorn trieb uns näher zu ihm. Er spürte das, verkrümelte sich in seinen Astra, warf den Motor an und rammte beim Ausfahren beinahe einen vorbei fahrenden Wagen. Vielleicht hat er später am Merianplatz beim Kinderkarusell noch einem Vierjährigen das Bein gestellt. Oder einen Rollifahrer geschubst. Oder einen Bürgemeisterkandidaten abgestochen, wer weiß das schon. #Leitkultur.