Hamburg also. Thorsten holte uns Freitag gegen 15:00 Uhr ab, dann gings nach Offenbach, Jule stieg zu und ab dann wurde es holprig. Das hat jetzt ausnahmsweise nichts mit Offenbach zu tun, vielmehr mit der Tatsache, dass Freitag Nachmittag Gott und die Welt auf den Autobahnen der Republik unterwegs ist. Mit anderen Worten: Es zog sich.

Selbst auf der Nebenautobahn war das Teufelchen los, wenigstens lief die Sache hinter Kassel etwas flotter, so dass wir sechs Stunden nach Abfahrt an der Elbe einrollten. Dunkel war’s, aber trocken und so wanderten wir nach einem kurzen Check-In sowie Hallo bei unseren Gastgebern durch die nächtliche Großstadt. Da wir am Schanzenviertel unser Domizil aufgeschlagen hatten, führte unser Weg Richtung Schulterblatt, eine 800 Meter lange Straße zwischen Vergnügungsviertel und Alltag. Ein jedes Haus ist hier quasi eine Kneipe oder ein Restaurant, in den Eingängen der Geschäfte nächtigen Obdachlose, Graffitis allenthalben und es scheint Pflicht, mit einem Schöppchen in der Hand durch die Gassen zu wandern. Unser Ziel war das Olympische Feuer, ein gutbesuchter Grieche im Viertel, wir hatten Glück, fanden einen Platz sowie Nahrung und schlichen später nach einem kurzen Spaziergang in die Kojen.

Aufwachen. Matchday. Jetzt ist das Schöne an Hamburg ja nicht nur der Auftritt unserer Eintracht, sondern durchaus die große Stadt selbst und so brachen wir recht früh auf, die Stadt zu erkunden. Kaum setzten wir den Fuß auf den Bürgersteig, begann es zu tröpfeln und unsere Hoffnung auf Besserung erwies sich binnen kurzem als schnöde Illusion. Die Sonne schien in Strömen, wir drängten uns unter unseren Regenschirm, drückten uns an Häuserwände, kauften einen zweiten Regenschirm – im End hieß die Lösung: Frühstückscafé. Aber wir ließen nicht locker, fuhren später mit der U-Bahn an die Landungsbrücken und blickten auf die regengraue Elbe. Aber der Aufenthalt im Freien war nicht von Dauer, immerhin führte uns ein Wegweiser ins St. Pauli Museum nahe der Reeperbahn. Dort ging es weniger um Fußball als um die Geschichte des weltbekannten Stadtteils, die fünf Euro Eintritt aber waren gut angelegt. Wir trockneten und erfuhren eine Menge über Stadtentwicklung, über Nutten und Zuhälter und Musik.

Auf dem Heimweg spazierten wir noch Jule und Thorsten in die Arme, sprangen später in den Bus und wechselten zuhause brav die Schuhe, um anschließend die S-Bahn nach Stellingen zu nehmen. Der ankommende Zug war voll bis zum abwinken, Kondenswasser lief von innen die Fenster herunter, Umfallen war nicht möglich. Wer nicht hüpft der ist ein Bremer. Jaja.

In Stellingen purzelten alle aus der Bahn – und blickten in einen halbwegs blauen Himmel. Menschen hielten Karten zum Verkauf in die Höhe, direkt daneben ein anderer mit einem Schild: Suche Karte. Kaufe für zehn Euro, verkaufe für Fünfzig. Tausende strömten durch die Unterführungen, durch den Volkspark Richtung Stadion. Flaschensammler harrten der Dinge, darunter auch viele Kinder. An den Eingängen trennte sich dann die Spreu vom Weizen, wer wollte, konnte auch hier noch ein Ticket erwerben, Holger hielt sie in die Höhe, überall natürlich ein Gudewie, man kennt sich. Trotz ordentlichem Pulk vorm Einlass kamen wir gut durch und schoben uns kurz vor Anpfiff in unsere Kurve. Wir stehen ja immer so weit oben wie möglich, meist ist die Sicht gut, das Gedränge überschaubar und wedelnde Fahnen verspielen sich. Es wedeln ja immer irgendwelche Fahnen. Kurvenbild gut und schön, aber eine freie Sicht aufs Spielfeld ist ja auch was feines – es geht ja immer noch um Fußball. Tim gesellte sich zu uns – und es ging los.

Von Aktionen gegen die verheuchelte Bildaktion „Wir helfen“ keine Spur, beide Teams spielten mit und obgleich sich kein öffentlicher Unmut äußerte waren nahezu alle mit denen wir sprachen leicht verärgert über die Entscheidung der Eintracht, dies dürfte beim HSV nicht anders gewesen sein. Unten auf dem Platz aber gaben die Rothosen zunächst den Ton an, der Ball knallte an die Latte und die Eintracht hatte Mühe, sich in Halbzeit eins zu sortieren. Mit dem nullnull zur Pause waren wir gut bedient. Bedient war sicherlich auch Stefan Aigner, der wie schon gegen Köln auf der Ersatzbank schmorte.

In der zweiten Hälfte erschien die Eintracht stärker, jetzt hielt Drobny den HSV im Spiel. Reinartz, Meier, Seferovic hatten die Führung auf dem Fuß – es blieb jedoch beim torlosen Remis, auch weil die Eintracht bei Eckbällen zu leichtfertig an die Sache heran ging. Unentschieden beim HSV, damit konnten dann letztlich doch alle leben.

Wir machten uns flott vom Acker, quetschten uns in die S-Bahn und fuhren bis zur Station Dammtor nahe der Alster. Nach wenigen Schritten standen wir am Wasser, die Sonne beschien das Hotel Atlantic wo Udo Lindenberg seit Jahr und Tag residiert und wir schlenderten Richtung Binnenalster. Unten am Ufer waren einige Zelte aufgebaut, oben hinter der Brücke ging die Sonne unter. Pärchen hockten auf den Bänken, ein schöner Herbstabend zeigte ein freundliches Gesicht.

Wir wanderten am Ufer entlang, marschierten durch die Stadt und Alsterarkaden Richtung Elbe. Hamburg – wie jede Großstadt eine Stadt der Gegensätze. Hier die Glasfassaden der Hotels und Restaurants, dahinter in den Nischen die Lager der Obdachlosen, Matratzen, Tüten, die Habseligkeiten eines Lebens auf zwei Quadratmetern. Sogar einige Zelte waren errichtet. Wohl dem, der ein festes Dach über dem Kopf hat. Blick auf die Elbphilharmonie. Wohl dem, der dafür Geld hat.

Abendwolkenspiel über der Elbe, Schiffe, Boote, Menschen. In unserem Rücken ratterten S-Bahnen über die hohen Gleise, die Kräne des Hafens ragten im Schattenriss in die Höhe, die bunte Leuchtreklame der Musicals leuchtete in die beginnende Dunkelheit. Mit diesen Eindrücken in Herz und Hirn sprangen wir an den Landungsbrücken in die Bahn, sausten ins Schanzenviertel und gönnten uns ein weiteres Abendessen im Olympischen Feuer. Die letzte Station hieß dann, wie kann es anders sein: Bembelbar im Jolly Roger. Viele Bekannte, viele Unbekannte, viele Astra-Knöllchen, die Zeit sauste, bis wir spät in der Nacht Richtung Heimat latschten und in einen traumlosen Schlaf fielen.

Und eh wir uns versahen, rauschten wir wieder über die Autobahn. So zumindest wäre es schön gewesen. In Wirklichkeit aber stolperten wir von Stau zu Stau. Wie schon auf dem Hinweg war auf dem Highway die Hölle los, erst gegen Ende der Reise kamen wir flotter voran und erreichten nach sechs zähen Stunden die Heimat. Im Gepäck einen Auswärtspunkt, schöne Hamburgbilder und die Gewissheit, dass Hamburg stets eine Reise wert ist. Der Dank aber geht an Thorsten und Jule, die uns brav durch die Republik kutschiert haben und an unsere Gastgeber, die uns Obdach gewährten und an Pia natürlich, mit der das Unterwegssein immer klasse ist, auch wenn ich manchmal unleidlich bin. Blöde nur, dass ich mich abends dann auf meinem Tablet abgestützt habe und in ein zerbrochenes Display blickte. Nothing lasts forever. So ist das mit Verlust und Vergänglichkeit, mögen die wichtige Dinge und Menschen lange bleiben.