Wir hatten es gut. Während Thorsten und Jule uns abholten, mussten andere laufen. Marc, Maria und Niko. #traumpfad. Wir fuhren von Frankfurt nach Venedig, die drei aber hatten sich zu Fuß von München aus in eine der meistbesuchten und sicherlich schönsten Städte der Welt gekämpft. Dort trafen wir uns, und dazu noch viele andere. Knapp zwanzig Frankfurter feierten die Ankunft und Marcs Geburtstag. Eins vorneweg: Es war warm.

Und natürlich standen wir eine Viertelstunde vor Ankunft noch einmal schön im Stau, Venedig will erobert werden. Zuletzt noch einmal in Mestre verfranzt, dann aber ab ins Parkhaus. Immerhin hatte der mitgebrachte Apfelwein die Fahrt halbwegs überstanden und so rollten wir mit der Eisenbahn mit Handgepäck sowie Getränk Richtung der Stadt der Lagunen. Am dortigen Bahnhof schnappten wir uns ein Vaporetto und tuckerten zur Rialtobrücke, die leider derzeit restauriert wird. Nach der langen Fahrt und ob der Hitze konnten wir den Blick aus dem Boot auf die vorbeiziehenden Gondeln und die Häuser am Wasser kaum genießen. Letztmals war ich hier 1997, damals hat niemand auf mich gewartet, jetzt waren sie schon fast alle da, auch die Wanderer, die am Tag noch die letzte fußläufige Etappe absolviert hatten. Ein Bierchen am Marktplatz, ein Einchecken in der Wohnung, die wir zu acht teilten, ein Abendessen und schon saßen wir an einem Steg am Canal Grande, tranken Apfelwein, hielten zumindest zum Teil die Füße ins Wasser und stießen um Mitternacht auf den Geburtstag an. Hölzerne Taxiboote zogen ihre Bahn, die Vaporettos sowieso und direkt vor uns hatten ein paar Jungs ihr Boot am Steg festgemacht und unterhielten uns mit Reggaemusik. Die erste Nacht in Venedig, eine warme Nacht voller Geschichten der jüngsten Vergangenheit, die Wanderer aber konnten noch gar nicht so recht glauben, was hinter ihnen lag, welche Erlebnisse und Erfahrungen sie die letzten fünf Wochen gemacht hatten und dass es am morgigen Tag nicht hieß: Aufstehen, Wanderschuhe anziehen, loslaufen.

Die Nacht war mild und lange, doch schon früh am Morgen tranken Pia und ich einen Cappuccino im Stehen, hielten ein Croissant in der Hand und besuchten den Markusplatz just for the record. Dort warteten in der Morgenhitze Hunderte in einer gigantischen Schlange auf Einlass in die Kirche. Selfiesticks waberten vor der Nase, an den Restaurants wurde klassisch musiziert, während wir unseren Weg durch die Gassen bahnten und alle naslang an einem ruhigen Plätzchen am Wasser mit einem Eis in der Hand eine Pause einlegten. Während in manchen Gassen der Teufel los war, herrschte ein paar Meter weiter eine schöne Stille. Die Gondoliere in rot weiß oder blau weiß geringelten Hemden schoben die Gondeln, die kaum Trauer trugen, stoisch durch die Kanäle, die Fahrgäste fotografierten uns, wir fotografierten sie und beobachteten das Treiben. Ein paar Meter weiter Richtung Univiertel trafen wir Flo und trieben gemeinsam und gemächlich durch den Tag. In der Hand ein Wasser, ein Eis oder ein Stück Pizza fanden wir einen Schattenplatz, hier wurden Boote restauriert, dort Getränke aus den Kähnen geladen – bis wir auf eine Ausstellung namens Sweet Death stießen, die den Schwarzen Romantiker bei freiem Eintritt lockte. Die Schönheit der Verwesung, der Einbruch der dunkelsten Dunkelheit in die Leichtigkeit des Seins, die Albträume der Kindesnacht, dargestellt durch Büsten, Skulpturen oder Installationen, eine Reise durch die Finsternis endend an einem der unzähligen Kanäle. Dort, wo Maskenmacher und Souvenirhändler, kleine Bars und Touristenmenues ihr Zuhause haben.

Unterwegs trafen wir Chris und Petra, schlenderten gemächlich Richtung Wohnung, besorgten Getränke und nahmen eine Dusche, bevor wir uns alle erneut trafen, um uns per Boot Richtung Burano aufzumachen, eine der Laguneninseln, die eine dreiviertelstündige Wasserreise entfernt unser abendliches Ziel sein sollte. Wir schlängelten uns durch die Gässchen zur Haltestelle, enterten das Vaporetto und tuckerten los. Eine bildhübsche Italienerin übernahm das Anlegen, die Fingernägel bunt lackiert, zog sie sich beim Anlegen Handschuhe über und legte das Tau gekonnt über die Poller der jeweiligen Anlegestellen. Wie überhaupt auffällig war, dass bei Arbeiten jeglicher Art, ob im Kiosk, Eiscafé oder in der Bar, ob beim Beladen der Boote oder beim Verkauf von Souvenirs, die Menschen, welche die jeweiligen Arbeiten verrichteten, eine Würde ausstrahlten, zuweilen gar eine Schönheit, die so gar nichts mit der oft gesehenen Verhärmtheit gemein hat, die wir aus der Heimat kennen. Und sie wissen sich zu kleiden, ob Männlein oder Weiblein. Nicht schick oder überkandidelt, sondern schlicht und adrett und geschmackvoll selbst bei Tätigkeiten, die anstrengend sind oder nicht nach Schönheit rufen. Wie sie essen und trinken so kleiden sie sich. Das Auge lebt mit.

Burano empfing uns bunt und schon nach wenigen Metern sackten wir in eine hochentspannte Stille. Als hätte dich ein Schaumgummihammer mit einem Schlag in tiefes Moos gewuppt, schlenderten wir durch Kanäle und über Plätze, bunt die Häuser, bunt die Poller, bunt die Boote. Menschen saßen vor den Häuschen, plauderten im Damenkreis, während der Kirchturm schief wie das Türmchen zu Pisa die Stellung hielt. Es heißt, die Häuschen seien deshalb so bunt, dass die Fischer nach ihren Touren und den dazugehörigen Weinen auch zu später Stunde leichten Fußes ihr Domizil erkennen können. Wir aber saßen am Ufer und beobachteten die Möwen, die Boote und asiatische Touristinnnen, die sich mit Selfies mühten.

Bevor es ins reservierte Restaurant ging, trafen wir den Rest der Crew bei Aperol Spritz in der Laguna Bar, sie saßen im Kreis, das orangene Getränk leuchtete wie die Häuser bunt in die Dämmerung. Angucken kam man sich ja den Spritz, sieht schön aus, man muss es ja nicht trinken. Plötzlich hatte ich doch einen in der Hand. Also prost. Und während wir so saßen und schwatzten, hob am Nebentisch ein Gesang an, der uns Staunen ließ. Ältere Herren stimmten ein Lied an, bestimmt ging es um Fischer und Schelmereien, einer gab den Solisten, die anderen den Chor und man merkte, dass sie es können. Belohnt wurde das Gratiskonzert mit einem Krug Wein und schon hockten wir mit knapp zwanzig Mann und Mädels im gegenüberliegenden Restaurant und ließen uns feudal bewirten. Während ringsum sich der Feierabend über den Platz legte, fielen wir über gegrillte Fische, Spaghetti Carbonara oder gegrillte Leber her und vernichteten die Weißweinvorräte, zwischendrin ein Schluck Wasser. Alles perfekt? Si.

So zog sich ein phantastischer Abend in die Länge, bis es an der Zeit war, sich wieder Richtung Vaporetto zu bewegen. Natürlich zog sich der Weg ein wenig, ein hochgradig gefährlich gutgelaunter Trupp wanderte nach Gruppenfoto und Plauderei durch die Nacht, erwischte tatsächlich ein Boot und schon tuckerten wir zurück nach Venedig. Die Bootsfrau war die gleiche wie auf dem Hinweg, manchmal meint es der liebe Gott gut mit uns. Kaum an Land, strömten wir durch die Gassen und endeten am Platz am Steg nahe der Rialtobrücke, wo wir noch bis in die Puppen tranken und schwatzten – und glaubt mir, wir waren nicht alleine.

Der nächste Morgen brachte kleine Augen mit sich, aber Pia und ich kämpften uns tapfer aus dem Bett, nahmen zunächst einen Cappuccino samt Croissant zu uns und dann die Fähre Richtung Lido, wir sind ja schließlich Touristen. Die Boote waren voll, die Hitze lag schwer über uns, wir schipperten am Markusplatz und Gärten vorbei, legte am Lido an, marschierten ein paar Meter durch die Gassen zum Strand, suchten vergeblich Tadzio aus Thomas Manns berühmter Geschichte Tod in Venedig, verfilmt von Visconti und schlenderten zwischen Sommersonnenschirmen am Wasser entlang. Eh ich mich versah, hielt ich eine Decke in der Hand, die eben noch einem Strandverkäufer gehörte und so legten wir uns auf die Decke, gingen abwechselnd ins Wasser, sammelten Muscheln und winkten in die Kamera. Ringsum entblätterte sich das Panorama eines Sommertages am Lido. Wer wollte, konnte sich einen aufblasbaren Pinguin kaufen oder einen Selfiestick, wir wollten nicht. Kinder spielten am Wasser, andere brieten in der Sonne, es war aber keineswegs so überlaufen, wie zu Vermuten gewesen wäre.

Auf dem Rückweg spülten wir uns den Sand von den Füßen und hatten Glück, dass uns ein freundlicher Italiener ein Türchen aufschloss, so dass wir nicht wieder über den heißen Sand laufen mussten, sondern gleich am Ausgang waren. Natürlich liefen wir direkt einem Trupp fröhlicher Frankfurter in die Arme und gemeinsam wanderten wir an Eisdielen vorbei Richtung Anlegestelle. Pia und ich verließen das Boot am Markuspklatz, ignorierten gekonnt die Seufzerbrücke und schlenderten zurück in die Wohnung. Eine Dusche später waren wir zurück auf den Gassen, fanden aber leider nicht dass anvisierte Straßenfest, so dass das geübte Auge uns alle paar Meter an einem schattigen Plätzchen sehen konnte. Es war heiß, wir waren müde und so nutzen wir die Dusche ein weiteres Mal, um uns nach einer Handvoll Schlaf dem nächsten Abend zu widmen.

Wir trafen uns in der anderen Wohnung, die Bolognese köchelte schon, die Hitze trieb den Schweiß aus allen Poren, wir rauchten, blickten über die Dächer Venedigs, futterten Nikos auf den Punkt al dente gekochte Spaghetti und hatten zwischen Rotwein, Bier und Apfelwein zu entscheiden, zwischendrin ein Glas Wasser zur Sicherheit, welches aber sofort sich als Schweißwasserfleck auf dem leichten Hemd wiederfand. Die Ventilatoren surrten und die Glücklichen unter uns nahmen eine kalte Dusche. Später trennten wir uns. Während die einen in der Wohnung blieben und pichelten, schoben sich die anderen durch die Gassen der Stadt um das erwähnte Straßenfest aufzusuchen. Diesmal fanden wir es – und pünktlich bei unserer Ankunft packte die Band die Instrumente ein. Immerhin fielen für uns noch ein paar Flaschen hausgemachter Prosecco ab, auf den Weg zum angekündigten Feuerwerk verzichteten wir daraufhin und quatschten und tranken und lachten bis spät in den Abend hinein ausgelassen und fröhlich. Vom Feuerwerk hörten wir die Töne, ab und an leuchtete die Kirche hinter uns bunt auf, bis das Spektakel ein Ende hatte und wir uns zu einem letzten Spaziergang aufmachten. Nun kamen uns die Feuerwerksgucker entgegen, die Vaporettos, die kurzzeitig den Verkehr eingestellt hatten, fuhren wieder, wir aber marschierten bis zum liebgewonnenen Teffpunkt am Steg, wo wir prompt auf den Rest der Crew trafen. Nun hingen fast alle Füße im Canal Grande, alle hatten was zu schnattern, oder besser fast alle. Chris stand stoisch am Steg und betrachtete die vorbeiziehenden Boote.

Müde aber glücklich machten wir uns spät auf in die Nacht, noch beim Auskleiden fielen uns die Äuglein zu. Und kaum hatten wir uns hingelegt, klingelte der Wecker. Eine letzte Dusche, ein letzter Cappuccino, eine letzte Bootsfahrt, die Suche nach einem Verkaufsstand für das Zugticket nach Mestre und schon holperten wir auf den Gleisen zurück zum Bahnhof, wo Thorstens Auto wohlbehalten auf uns wartete. Und kaum waren wir gekommen, so waren wir schon wieder auf dem Heimweg, im Gepäck drei tolle Tage mit Geschichten und Erlebnissen, mit Freunden und Getränken und der Gewissheit, dass jede Frau in Venedig, ob Einwohner oder Tourist mindestens ein paar Birkenstockschuhe Modell Gizeh im Schrank oder Rucksack hat.

Südtirol, Brenner, Stubaital, Innsbruck, Kufstein, München, Nürnberg, Würzburg, Aschaffenburg – es zog sich ob Stau oder Stäuchen, mit jedem Kilometer ließen wir die schönen Tage hinter uns und näherten uns der Heimat, die wir gegen acht Uhr am Abend erreichten. Frankfurt, da sind wir wieder. Als wir im Nordend hielten um auszusteigen, stoppte vor uns ein Wagen mit Berliner Kennzeichen. Der Fahrer stieg aus – und es war Yves, mit dem ich letztes Jahr in Genua mit Matze und Flo einen tollen Abend verbracht und den ich letztens in Bangkok getroffen hatte. So schließt sich jeder Kreis. Wir verabschiedeten uns von Jule und Thorsten, die noch ein paar Meter vor sich hatten und trotteten in unsere Wohnung, im Gepäck ein Weinkrug aus Burano, der uns noch hoffentlich lange an die schönen Tage in Venedig erinnern wird. Uns und Ariane, Chris, Flo, John, Jule, Katja, Lara, Marc, Maria, Micha, Miriam, Niko, Petra, Olli, Schusch, Steffi, Thorsten und Uli. Danke, es war großartig. Und warm. Und freundlich. Bella Ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao.