Ein Sammelsurium aus dem angebrochenen Leben

If God needs a hero – George Best

1987 erschien die erste Platte von Wedding Present mit dem simplen Titel: George Best. Bester Schrammel-Indie-Sound – auf dem Cover: George Best im roten Trikot von Manchester United. Gekickt hat er damals schon lange nicht mehr. Gesoffen schon.

Wedding Present riefen George Best zurück in meine Erinnerung, Erinnerung an einen Mann, dessen Karrierehöhepunkte ob des Pechs des Spätgeborenen vor meiner Zeit lagen. Als ich mich aktiv für Fußball zu interessieren begann, klang Bests Name zwar immer wieder durch, die erste große Fußball TV-Veranstaltung, die mir den internationalen Fußball näher brachte, war die WM 1974. Best war Nordire und Nordirland war nicht dabei.

Nordirland, das war damals Belfast, Bomben, Straßenkampf, Tote, Verletzte. Und Coleraine. In der ersten Runde des Europapokals der Pokalsieger traf die Eintracht 1975/76 auf Coleraine FC – und erreichte durch ein 5:1 und 6:2 die nächste Runde. Wenn Bilder aus Nordirland über den Bildschirm flackerten, herrschte Chaos. Protestanten, Katholiken, IRA. Als Jugendlicher blickte man damals nicht durch, als Urlaubsland kam es für niemanden in Frage. Dann eher Irland. Heinrich Bölls Irisches Tagebuch erweckte in einer ganzen Generation ein romantisches Irlandbild, bis heute war ich weder dort noch im Norden. Es wird langsam Zeit.

Als Deutschland im März 1977 Nordirland in einem Freundschaftsspiel in Köln mit 5:0 besiegte, standen sich Bernd Hölzenbein und George Best gegenüber, ich hatte keine Augen für Best, der obgleich erst 30 Jahre alt damals als „großer alter Mann“ auf dem Platz keinen bleibenden Eindruck hinterließ. Hölzenbein war mein Mann. Es war der Tag, an dem Sepp Herberger während des Spiels einen Herzinfarkt bekam und wenige Stunden später starb. Das 5:0 sollte für 19 Jahre der letzte Sieg der Nationalelf gegen Nordirland bleiben.

Wenn man heute die Leute nach George Best fragt, dürfte den allermeisten ein Zitat einfallen, besser: DAS Zitat. „I spent a lot of money on booze, birds and fast cars – the rest I just squandered.“ („Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“) Er dürfte nicht gelogen haben, Best soff noch, als er längst eine neue Leber im Körper trug, die alte hatte vorzeitig die Rente beantragt. Im Suff bekannte er auch frei von der Leber weg bei einem TV-Interview: Ich vögel gern.

Als fünfzehnjähriger hatte Best Nordirland 1961 verlassen, der dortige Club Glentorian Belfast hatte ihn als zu schmächtig eingestuft, Best ging nach Manchester – und sofort wieder zurück in die Heimat. Erst der zweite Anlauf wenige Wochen später ließ ihn in Manchester ankommen. Manchester United, das war die Truppe um Cheftrainer Matt Busby, die 1958 auf tragische Weise berühmt wurde: Auf dem Rückflug vom Europapokalspiel in Belgrad stoppte die Maschine in München, um aufzutanken. Mehrfach wurde der Start verschoben, als das Flugzeug im Schneetreiben dann doch abheben wollte, war die Startgeschwindigkeit zu niedrig, die Maschine streifte ein Wohnhaus und stürzte ab. 23 Menschen fanden den Tod, darunter acht Spieler von Manchester United. Trainer Matt Busby überlebte. Auch Bobby Charlton, der 1966 mit England Weltmeister wurde. Busby trainierte Manchester weiter, solange, bis der Club 1968 den Europapokal der Landesmeister holte – natürlich mit George Best. In Wembley wurde Benfica Lissabon mit 4:1 n.V. besiegt. Zehn Jahre nach der Tragödie wurde die Trauer durch Freude veredelt, wahrscheinlich hatten alle damals ihrer verstorbenen Kameraden gedacht – und den Titel auch für sie gewonnen.

Nach dem Titelgewinn begann Manchester Uniteds Stern zu sinken, Busby war 1969 ins Management gewechselt, Best jedoch blieb bei der Truppe, auch wenn seine Mitspieler dem begnadeten Stürmer nicht das Wasser reichen konnten und der Club im Mittelmaß versank, bis er 1974 sogar für ein Jahr in die Second Division absteigen musste. Es war das Schicksal George Bests, dass er in jungen Jahren die Fußballwelt verzaubert und sogar dem großen Pelé Respekt abverlangt hatte: Er war der beste Spieler, besser als ich, aber im besten Fußballalter nicht auf der internationalen Bühne präsent war; Manchester war zu schwach – ebenso wie die Nationalmannschaft Nordirlands. Deren größte Zeit lag kurz vor und nach der Karriere Bests. 1958 in Schweden und 1982 sowie 1986 waren die Nordiren bei der WM dabei – ohne George Best. Wäre Best Brasilianer gewesen, seine Art zu spielen, das Dribbling, die Torgewalt, er hätte seine Mitspieler gehabt. Doch Best kam von der Insel, und dort fand man über den Kampf ins Spiel. Für Best war Fußball kein Kampf, es war ein Spiel.

Best avancierte dennoch zum ersten Popstar des Fußballs, ein überliefertes Zitat lautet: „Wenn ich hässlich geboren worden wäre, hätte man niemals etwas von Pelé gehört.“ Sein blendendes Aussehen, sein Lebensstil, der Nonkonformismus, die Individualität trug ihm den Titel „Fünfter Beatle“ ein, damals durchaus eine Auszeichnung. Best spielte, Best soff, Best schwänzte das Training, wurde suspendiert und mäanderte jahrelang zwischen Kneipen und Traingsplatz umher. Fußballerisch hätte ihm eine gemischte Irische Nationalmannschaft gut getan, doch jeder kämpfte für sich und gegeneinander, die Iren und die Nordiren.

Sein musikalische Pendant war vielleicht der Südire Rory Gallagher, Dietrich Schulze-Marmeling beschreibt diesen in seinem großartigen Buch George Best – Der ungezähmte Fußballer als George Best der Bluesgitarre. Trotz der brisanten politischen Situation – oder gerade deshalb – gibt Rory Gallagher etliche Konzerte in Belfast. Wie George ist Rory in seinem Metier einer der ganz großen, wie George hängt Rory an der Flasche – und verstirbt zehn Jahre vor George am Suff im Alter von nur 47 Jahren. Auch ein anderer Ire, der in West Bromwich geborene aber in Dublin aufgewachsene Phil Lynott, Mastermind von Thin Lizzy, zollt George Best Tribut – und veröffentlicht 1975 den ihm gewidmeten Song For Those Who Love to Live, bezeichnender Weise auf dem Album: Fighting. Und wie George und Rory verlässt auch Phil vor der Zeit die Bühne: Er stirbt am 4. Januar 1986 in Salisbury/Wiltshire an den Folgen seines langjährigen Drogen- und Alkoholmissbrauchs – im Alter von 36 Jahren.

George tingelt nach seiner bis 1974 dauernden Zeit bei Manchester United mit 27 Jahren durch die Welt, sportlich schwankt sein Auftreten zwischen Weltklasse und Abwesenheit, er heuert bei diversen Clubs an, verdient Geld, verhilft den Clubs zu Medienspektakel, wird suspendiert, beginnt von vorne und heuert sogar in seiner Wahlheimat London an. Allerdings nicht beim swingenden Chelsea FC, sondern nur wenige Meter von der Stamford Bridge entfernt beim FC Fulham. Sein letztes Pflichtspiel absolviert er 1984 beim siebtklassigen Club Tobermore United aus Nordirland.

2005 wird Best auch vom Leben zurückgepfiffen. Trotz einer Lebertransplantation 2002 trinkt Best weiter. 59 Jahre ist er alt, als er im Londoner Cromwell Hospital am Morgen des 25. November verstirbt. Sein Leichnam wird nach Nordirland verflogen, die Beerdigung gerät zum größten Volksereignis, welches Nordirland je gesehen hat: Sie wurde zum Staatsereignis, 100.000 Menschen säumen die Straßen, 5% der nordirischen Bevölkerung, weitere 23 Millionen verfolgten den Trauerzug im TV.

„Don’t cry for me, I had a fantastic life“ sollen seine letzten Worte gewesen sein. Doch sie weinten. Und Brain Kennedy sang an jenem 3.11.2005: You raise me up.

You raise me up,
so I can stand on mountains,
You raise me up,
to walk on stormy seas,
I am strong,
when I am on your shoulders,
You raise me up…
To more than I can be.

Gesoffen haben viele, fantastische Fußballer gab es viele. Doch es gab nur einen George Best, auch besungen von der nordirischen Band Unquiet Nights. Wer mehr über den ungezähmten Fußballer George Best wissen möchte, dem sei das Buch von Dietrich Schulze-Marmeling wärmstens empfohlen, welches auch die Geschichte Nordirlands beleuchtet. Nehmt ein Bier, hört Thin Lizzy oder Rory Gallagher oder Wedding Present und denkt daran, dass die FIFA oder Rasenball Leipzig oder den Nachwuchszentren entsprungene Gleichlinge nicht das sind, was Fußball ausmacht, was letztendlich die Herzen erreicht und Lebensgeschichten erzählt. Lebensgeschichten, die nicht von Frisören oder Tätowierer geprägt sind. Und wofür Tausende Woche für Woche unterwegs sind. Fußball, Leben, RocknRoll.

 

7 Kommentare

  1. Andi

    Genie und Wahnsinn liegen immer dicht beieinander. Leider.
    Danke für den Anstoß, George Best kenne ich nur vom Hörensagen, vielleicht finde ich ja auf youtube ein paar bewegte Bilder.

    Rory Gallagher ist/war für mich der größte Rockmusiker seit dem 28.8.1982 (die Älteren werden sich erinnern…)
    Den Mitschnitt von damals habe ich noch auf Chromdioxid (die Älteren…)

    ;-)

  2. Don Alfredo

    Da geht dem Fußballromantiker das Herz auf.
    Habe Georgie selbst noch spielen sehen. Damals waren Fußball und Rock’nRoll Synthese (heute Helene Fischer). Da soll man im Alter nicht verbiestert werden….

    Übrigens, Richie Blackmore damals zu Rory Gallagher, ZITAT:
    „Erst nach dem Tod von Jimi Hendrix und Rory Gallagher werde ich der beste Gitarrist der Welt sein“. Dieser Ausspruch war, sofern er stimmen mag, sicherlich im rabenschwarzen englischen Humor gemeint und zeugte vom Stellenwert Rory Gallaghers.

    Quelle:
    http://www.blues-mani.de/Rory%20Gallagher.htm

    @Bewe
    Die Ziffer in meiner Email Adresse beinhaltet nicht mein Geburtsjahr. Das lag 24 Jahre davor.

  3. owladler

    Maradona good, Pele better, George Best! Und in Belfast haben sie einen Airport nach ihm benannt. Schaut euch den Film an:“Fussball wie noch nie“, von Hellmuth Costard. Der Fussball ist heutzutage kaum mehr auszuhalten, aber die Atmosphäre und die Musik…
    Gruß aus OWL

  4. Goyschak

    In Belfast empfehle ich den Crown Liquor Saloon.
    https://www.google.de/search?q=crown+liquor+saloon&client=ubuntu&hs=SSR&channel=fs&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0CEEQsARqFQoTCM74-r6nisYCFULVLAodLYMA4Q&biw=1039&bih=704
    Angeblich gab es sogar zur Zeit der Bomben und Ausschreitungen ein stilles Abkommen, daß ein paar Blöcke rund um den Crown Liquor Saloon nicht gebombt und gemolotowt wurde, damit dieser Preziose nichts passiert.

    Empfehlenswert sind auch die Murals in Belfast (protestantisch und katholisch):
    https://www.google.de/search?q=crown+liquor+saloon&client=ubuntu&hs=SSR&channel=fs&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ved=0CEEQsARqFQoTCM74-r6nisYCFULVLAodLYMA4Q&biw=1039&bih=704#channel=fs&tbm=isch&q=murals+belfast
    Da könntest Du mal 8 Gigabyte Stadtbilder vollmachen. ;-)
    Und keine Sorge, die Leute waren echt freundlich. Und ob man als Deutscher – sollte man gefragt werden – jetzt besser Protestant oder Katholik ist, kann man an den Farben der Bordsteine in der jeweiligen Gegend erkennen.

    (London-)Derry (je nach Sichtweise) und der Giants Causeway waren auch noch ganz nett. Für mehr war in zwei Tagen keine Zeit.

    Ich empfehle als Reisezeit den Juli, kurz vor dem 13. Da gibt’s dann als Überraschung zu sehen, was man so alles mit Industriepaletten und weißer, roter und blauer Farbe machen kann.

    Also nix wie hin Beve! Und Pia!

  5. Goyschak

    Nachtrag: Nur die orangenen Chucks vielleicht besser zu Hause lassen. ;-)

  6. youngang

    schöner Text über einen genialen Fussballer!

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