Voll wurde es wieder im Eintracht Museum, der Grund war schlicht die erste TzA (Tradition zum Anfassen) in der neuen Saison anlässlich des 40jährigen Jubiläums des ersten Pokalsieges der Frankfurter Eintracht. Damals, am 17. August 1974 konnte die Eintracht den HSV nach Verlängerung mit 3:1 bezwingen und erstmals den DFB-Pokal in die Vitrine stellen.

Mit Trainer Dietrich Weise sowie den Spieler Jürgen Kalb, Wolfgang „Scheppe“ Kraus, Dr. Peter Kunter und Peter Reichel konnten wir fünf Protagonisten des Endspieles im Museum begrüßen, die allesamt lange Jahre für die Eintracht am Ball waren oder auf der Trainerbank gesessen hatten.

Fünf Siege reichten seinerzeit aus, um den Pokal in Empfang zu nehmen, die nüchternen Fakten sind schnell erzählt: In der ersten Runde wurde Tennis Borussia in Berlin mit 8:1 besiegt. Weitaus schwieriger wurde es dann in Kassel, erst das 3:2 durch Thomas Parits verhinderte eine Verlängerung. Hochspannend dann das Viertelfinale, trotz einer 2:0 Führung und vieler vergebener Torchancen stand es nach 90 Minuten 2:2 gegen den 1.FC Köln mit Overath und Flohe in dessen Reihen. Auch die erneute Eintracht Führung konnte der EffCee ausgleichen. Erst Hölzenbeins Treffer zum 4:3 besiegelte das Weiterkommen ins Halbfinale gegen den FC Bayern. Im Spiel gegen Köln kam es zu einer kleinen Rangelei zwischen Kliemann und Konopka, die der Funkturm (Uwe Kliemann) mit einer Kopfnuss beendete. Trotz einer angeblichen Ohnmacht Konopkas kamen die Akteure glimpflich davon, der Schiedsrichter hatte es nicht gesehen. Jürgen Kalb meinte lapidar, ach der Uwe hat doch nur ein bisschen genickt. Und nur 28.000 Zuschauer waren Zeuge im halbleeren Waldstadion.

Jürgen Kalb hat das Halbfinale vor 62.000 Zuschauern im ausverkauften Waldstadion noch in bester Erinnerung, immerhin konnte er in der 90. Minute einen Elfmeter gegen die Bayern verwandeln, es war das umjubelte 3:2 und damit der Einzug ins Finale. Zuvor hatte Grabi sogar noch einen Elfmeter verschossen. Es war eine schwere Zeit für Beckenbauer, Maier, Müller und Co in Frankfurt.

Somit stand die Eintracht nach 1964 zum zweiten Mal in einem DFB-Pokalendspiel. Beinahe wäre es nach 1959 sogar zu einer Neuauflage des Finalderbys gegen die Kickers gekommen, doch der HSV machte dem einen Strich durch die Rechnung, indem er die Offenbacher im Halbfinale aus dem Wettbewerb gekegelt hatte. Eintracht gegen den HSV hieß also die Paarung im Düsseldorfer Rheinstadion, das mit 53.000 Zuschauern  nicht ganz ausverkauft war. Die Besonderheit war, dass dieses Finale erst nach der WM ausgetragen wurde, sprich das erste Spiel der neuen Saison war. Dies hatte zur Folge, dass die im Sommer transferierten Spieler Parits und Kliemann nicht mehr bei der Eintracht spielten, während Neuzugang Klaus Beverungen in seinem ersten Pflichtspiel für die SGE gleich den Pokal in den Himmel stemmen durfte. 20.000 Frankfurter Fans waren dabei.

Nach Toren von Gerd Trinklein und Ole Björnmose (der genau wie Frankfurts Helmut Müller bereits verstorben ist) stand es nach 90 Minuten 1:1. Ein schnell ausgeführter Freistoß brachte die Führung der Eintracht durch den listigen Hölzenbein, ein Kopfballtorpedo des eingewechselten „Schebbe“ Kraus die endgültige Entscheidung. „Hi Ha Ho, Hamburg ist k.o.“ skandierten die Eintrachtfans und feierten ihre Mannschaft, die in jener Saison erstmals mit Werbung auf den Trikots spielte. Und wäre Jürgen Grabowski im Museum gewesen, der wenige Wochen zuvor mit Holz Weltmeister geworden war, hätte er bestimmt die Geschichte erzählt, weshalb er im Trikot des HSV den Pokal in Empfang nahm. Er hatte sein Trikot getauscht und im Jubel schlicht nicht daran gedacht, dass er vor laufender Kamera Werbung für den Sponsor des Gegners machen würde. Wenig später konnte man auf Bildern dann Grabi wieder mit einem Eintrachttrikot erkennen. Frankfurter und Hamburger feierten anschließend gemeinsam in der Altstadt und badeten in Düsseldorfer Brunnen.

Für Dr. Peter Kunter bedeutete die Saison Licht und Schatten, am Ende hatte er genau wie sein Kontrahent Günter Wienhold in der Liga 17 Spiele in der Liga absolviert. Im Pokal hingegen hütete er das Tor genau einmal zwei Mal. Im Halbfinale gegen die Bayern und im Finale. Weder er noch Dietrrich Weise konnten sich an den Grund erinnern, weshalb ausgerechnet Kunter im Finale das Tor hütete. In kleiner Runde konnte dann Kid Klappergass, wer sonst, das Geheimnis lüften. Da die Geburt des Kindes von Wienhold keine einfache war, hatte er sich zum Saisonende hin darauf konzentriert und den Fußball hinten angestellt. Ein Jahr später wurde Wienhold dann auch aktiver Pokalsieger, aber dies ist eine andere Geschichte.

Peter Reichel war ein eisenharter Verteidiger und kochte regelmäßig Knochen wie Erwin Kremers oder Schorsch Volkert ab – und erhielt in über 200 Bundesligaspielen keine einzige rote Karte. „Ich habe denen gezeigt, was es heißt, im Waldstadion zu spielen“ erzählte er unter großem Beifall der Gäste. Seine Schnelligkeit führte in sogar bis ins die Nationalmannschaft, immerhin zwei Länderspiele stehen in seiner Vita – und dies, obgleich er schon während seiner Zeit als Fußballer in Frankfurt studierte, um Lehrer zu werden. Auch Peter Kunter war ja brav an die Uni marschiert – und wurde der bekannteste Zahnarzt der Liga.

Berufstätig waren auch Jürgen Kalb und Wolfgang Kraus, der eine in Höchst, der andere, Scheppe, absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann und musste seinerzeit auch zum Bund. Jürgen Kalb hatte zwei Jahre zuvor an einem ganz besonderen Ereignis teilgenommen. Kalb, (dessen Kampfgewicht zu aktiven Zeiten keine 70 Kilo war und der auch heute noch genau so schmal daherkommt) stand neben Bernd Nickel und Günter Wienhold im Olympiaaufgebot für die Spiele in München 1972. Als sogenannter Olympia-Amateur. Die bundesdeutsche Mannschaft unterlag damals der DDR, die ja keine Profis kannte und mit der nahezu gleichen Mannschaft 1974 bei der WM in Deutschland antrat. Traurig dann das Attentat auf das israelische Team, das Jürgen Kalb erst später mitbekommen hatte und natürlich die Freude an den Olympischen Spielen eindampfte.

Gegen seinen Willen, musste Kalb im kommenden Jahr die Eintracht verlassen und heuerte beim KSC an. Sein erstes Spiel für die Badener führte ihn prompt nach Frankfurt zurück. Da es tropische Temperaturen in Frankfurt hatte, überlegte man, die Partie auf Freitag zu legen. Doch auf Nachfrage des damaligen KSC-Trainers Rühl erklärte Kalb, der seine Frankfurter Pappenheimer ja noch gut kannte: „Die mögen die Hitze nicht, wir spielen Samstags.“ So kam es und die Eintracht unterlag zuhause bei über 40° dem KSC. Kalbs Spielweise erinnerte an Ralf Falkenmayer – wobei: „Gegen Falke bin ich ja ein Bär“ meinte Kalb lachend.

Wolfgang Kraus, genannt Scheppe, spielte von klein auf bei der SGE und jubelte schon als Kind der Eintracht zu. Schon sein Vater Willi war für die Eintracht aktiv – und wurde ob seiner schiefen Fußballerbeine „Scheppe“ also Der Schiefe genannt. Und diesen Spitzname führte der Junior weiter: „Da kommt der klaane Scheppe.“ Mit Körbel bildete Kraus die junge Garde der damaligen Eintracht, die in jenen Tagen recht homogen daher kam. Mit Grabi, Holz und Nickel spielten die Stars, mit Trinklein und Rohrbach die jungen Wilden, mit Kalb und Reichel die seriösen und mit Körbel und Kraus die jungen. Natürlich spielte Kraus nicht immer von Beginn an, was er zwar nicht guthieß aber akzeptierte – doch seine Einwechslungen belebten das Spiel und wurde am Ende mit dem Kopfballtreffer im Finale belohnt.

Dietrich Weise war natürlich der Star des Abends, wobei er solch Vokabular entrüstet von sich gewiesen hätte. Akribisch arbeitend, mit großem Sachverstand und Menschenliebe ausgestattet, führte er die Eintracht in seiner ersten Saison gleich zum Pokaltriumph. Weise, der mit Kaiserslautern zuvor stets im Tabellenkeller herumkrebste, bewunderte seinerzeit schon die Eintracht und empfand es als Glücksfall, jene technisch hoch beschlagene Mannschaft trainieren zu können. Auch wenn die Eintracht in diesen Jahren nie Meister wurde, noch nicht einmal Zweiter, so ist die Erinnerung an viele Tore und sensationelle Auftritten nicht verblasst. Und vielleicht war die Bezeichnung „Diva“ für die Truppe vom Riederwald nie eine treffendere Bedeutung als damals, als Ergebnisse 9:1 oder 6:0 lauteten, die Bayern im Waldstadion keine Schnitte holen konnten, dafür aber Klatschen in Offenbach, Oberhausen oder Fortuna Köln eingefahren wurden.

Maximal 18 Mann betrug damals die Kaderstärke und für Weise war es eine der schwierigsten Aufgaben dem ein oder anderen zu vermitteln, dass er auf der Bank sitzt oder gar auf der Tribüne Platz nehmen muss. Immerhin durfte damals auch nur zwei Mal gewechselt werden. Noch schwieriger für Weise war es jedoch, sich von einem Spieler zu trennen, wie von Jürgen Kalb. Aber trotz aller Menschlichkeit traf er stets die Entscheidungen aus sportlichen Beweggründen im Sinne der Eintracht – auch wenn dies zu manchem Disput mit Ernst Berger geführt hatte, der damals die Eintracht sportlich orientierte. Co-Trainer von Dietrich Weise war übrigens der Deutsche Meister Dieter Stinka. Torwarttrainer gab’s gar keinen, der für einen Torhüter eher kleine Peter Kunter stählte seine Sprungkraft mit Bleiweste in der Sandgrube am Riederwald.

Ruckzuck war die Zeit vorbei, und wir hätten noch viel mehr Geschichten erzählen können, aber das holen wir nach, wenn es im kommenden Jahr heißt: 40 Jahre Pokalsieg 1975. Denn die Saison 74/75 endete für die Eintracht wie sie begonnen hatte: Mit einem Pokalsieg.

 

Fotos: Pia Geiger