Es ist nicht einfach, den Weg von den Dresdner Kasernen zur Kleinen Festung zu finden, obgleich mir die Richtung eigentlich klar ist. Mal stehe ich in einer Sackgasse, mal stehe ich vor einer Baustelle, mal stehe ich vor den Außenwällen. Seltsamer Weise entdecke ich kein Hinweisschild. Seltsamer Weise ist hier kaum jemand. Es muss doch einen Weg geben?

Nach einigen Irrungen lande ich an einer Ausfahrtstraße, die durch die Wallanlagen hindurch in meine gedachte Richtung führt. Ab und an saust ein Fahrzeug die Straße entlang, ich gehe ein paar Meter und drehe mich um. Vor mir liegen die Wälle, dahinter erhebt sich die Garnisonkirche von Terezin. Die Kirchturmuhr zeigt die Zeit an. Es ist zufälliger Weise genau 12 Uhr. Wieviele Augen haben vor Jahrzehnten diese Uhr angesehen, den höchsten Punkt im Ghetto. Welche Rolle spielte Zeit?

Nach wenigen Metern taucht vor mir ein „Für Fußgänger verboten-Schild“ auf. Ich zweifle an mir, es müssen doch vor mir Menschen zu Fuß den Weg gefunden haben? Zu meiner linken sehe ich ein Fußweg, den ich aber so einfach durch die Anlagen nicht erreichen kann. Ich beschließe, das Schild zu ignorieren, laufe weiter und erreiche schließlich die Brücke über die Eger. Von hier aus fällt mir in der Festungsanlage ein kleiner Torbogen auf, ein Fußweg führt dorthin. Weshalb habe ich dieses Tor eben nicht gefunden? Ich überquere die Eger und erreiche hinter einer ehemaligen Mühle den offiziellen Parkplatz für die Besucher der Kleinen Festung. Einige wenige Wagen parken hier, einige Meter dahinter scheint ein kleiner Imbissstand auf die nicht vorhandenen Besucher zu warten. Allem Anschein nach scheint sich auch hier kaum jemand für diesen Ort zu interessieren. Kann das sein?

Bevor ich die eigentliche Festung erreiche, erstreckt sich ein großer Friedhof vor den Mauern. Markant fällt mir ein wuchtiges Holzkreuz ins Auge, dazwischen endlose Reihen von Grabplatten, auf manchen liegen Steine, dem jüdischen Symbol der Trauer. Erst am Rande der Festungsmauer sehe ich einen Davidsstern, der zunächst kaum wahrnehmbar scheint. Wie kann das sein? Seit ich hier bin, erlebe ich ein Gefühl der Verwirrung, eine Anhäufung von Fragen – jedoch kaum Antworten. Weshalb ist das christliche Kreuz so präsent? Weshalb sind hier so wenige Menschen? Weshalb gibt es so wenig Orientierungspunkte? Weshalb bin ich hier an diesem so traurigen und geschichtsträchtigen Ort relativ alleine gelassen? Weshalb erklärt sich hier so wenig?

Ich laufe an den Gräbern entlang, an den Massengräbern, an Einzelgräbern, und erreiche den schwarz-weiß markierten Eingang der Kleinen Festung. Mein Ticket hatte ich mir ja schon im Ghetto Museum besorgt, so frage ich nach einer Führung – und in der Tat dauert es nur wenige Minuten, die ich in einem kleinen Museum am Eingang verbringe (und welches sich mit der Geschichte der Gründung der Festung Ende des 18. Jahrhunderts beschäftigt) bis sich ein junger Mann bei mir meldet und sich anbietet, mich in deutscher Sprache durch die Anlage zu leiten. Ich bin gleichermaßen dankbar wie erstaunt. Dankbar, dass ich endlich Erläuterungen erhoffen darf und erstaunt, dass wir nicht auf andere Besucher warten, sondern sofort beginnen. Es gibt niemanden, der außer mir an der Führung teilnimmt.

Und durch die Führung erfahre ich endlich konkrete Hintergründe. Dass der Kasernenbereich, den ich zuvor besucht hatte, nahezu ausschließlich als jüdisches Ghetto, die Kleine Festung aber vorwiegend als Gefängnis für politische Gefangene diente. Viele der Häftlinge waren tschechische Widerstandskämpfer. Während also die allermeisten Juden zuvorderst von Theresienstadt in die Vernichtungslager deportiert wurden, so sie die Zeit im Ghetto überleben sollten, so wanderten nur verhältnismäßig wenige von ihnen in die kleine Festung. Dies erklärt auch das christliche Kreuz auf dem Friedhof – viele der Häftlinge hier waren christlichen Glaubens. Die Geschichte der Kleinen Festung aber als Gefängnis begann nicht mit den Nazis. Schon in der K&K Monarchie darbten hier die Gefangenen. Für die Nazis aber bot die Festung ideale Bedingungen im Rahmen der Vernichtungsorgie. Während der NS Diktatur waren hier über 30.000 Menschen eingesperrt. Ca. 8.000 von ihnen wurden in die Vernichtungslager deportiert, knapp 3.000 starben an Entkräftung, Krankheit, Folter, Mord und Hinrichtung.

Es ist seltsam am Eingang des Empfangshofes zu stehen, da der Hof nahezu menschenleer ist. Eine surrealistische Illusion der Größe, da ein – wie auch im Ghetto – herausragendes Merkmal der dunklen Jahre die Enge war. Die qualvolle Enge. Neben Hunger. Und Krankheit. Und Arbeit. Und der Allgegenwart des Todes.

Die ankommenden Gefangenen wurden registriert und mit Gefangenenkleidung versehen. Bevor sie in die Räume verteilt wurden, mussten sie im Hof verharren. Und starrten auf das Tor in den Appellhof. Der Lagerkommandant hatte in großen Lettern den Schriftzug „Arbeit macht frei“ über das Tor anbringen lassen.

Wir durchschritten das Tor und betraten exemplarisch einen Gefangenenraum. Mehrstöckige Lagerbetten reihten sich an der Wand, gegenüber lehnten kleine hölzerne Regale für die Habseligkeiten an der Wand, wobei es in der Regel so gut wie keine Habseligkeiten gab. Ein Ofen in deren Mitte hätte Wärme spenden können, in Betrieb war er so gut wie nie. Der Raum war in schlimmen Zeiten mit über einhundert Menschen belegt, nebeneinander, übereinander. Ungeziefer und Krankheiten, Mangelernährung und Wassermangel waren nebst Entkräftung durch Zwangsarbeit ständiger Begleiter. Zu essen gab es, wenn überhaupt, eine Art Kartoffelsuppe. Ausschließlich. Immer zu dünn. Immer zu wenig. Von Zeit zu Zeit wurde die Kleidung desinfiziert, nicht aber die Menschen. Eisige Kälte, drückende Hitze und kaum Waschgelegenheiten dezimierten die Belegschaft. Wenn es ausnahmsweise warmes Wasser gab, dann für die Frauen. Wenn es kaltes Wasser gab, dann für die Männer. Wenn es kein Wasser gab, dann für die Juden. Die medizinische Versorgung war keine Rede wert. Zwar gab es einen Krankenraum mit einigen Betten, von Heilung aber war nie die Rede.

Und dies waren noch, so zynisch es klingt, die komfortabelsten Quartiere. Schlimmer ging es immer. Denn selbst im Gefängnis gab es noch weitere Zellen, noch weitere Orte der psychischen und physischen Vernichtung. Zellen ohne Betten, blanker Beton. Und wo ein Mann schon kein Raum hätte, mussten hier zehn vegetieren. Oder zwanzig. Und dann gab es noch die Dunkelzellen. Eine kleine Lichtklappe konnte von Außen verschlossen werden. Auch dieses war keine Erfindung der Nazis. Die prominentesten Gefangenen hier waren diejenigen, die 1914 das Attentat auf den Österreichisch-Ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo verübt hatten, darunter Gavrilo Princip, der als Hauptattentäter galt. Seine Strafe bestand in angeketteter Dunkelhaft bis zum Tod. Drei Jahre vegetierte er ab seinem zwanzigsten Lebensjahr in der Dunkelzelle, drei Jahre verfaulte er – und selbst ein folgender Krankenhausaufenthalt sollte ihn nicht heilen, sondern ihn nur so weit herstellen, auf dass sein Leiden weiter anhält. Ein weiteres halbes Jahr blieb er am Leben, dann hatte die gequälte Seele endlich Ruhe. Seine Kameraden hielten insgesamt nur ein halbes Jahr die Haft durch.

Auf unserem Rundgang konnte ich diesen Raum betreten, die Fensterklappe war von außen verschlossen. Mit meinem Einverständnis schloss mein Guide die Zellentür, es war nun finsterste Nacht. Es war schwarzes Schweigen. Und es ist ein grausamer Gedanke, die Vorstellung, so ist nun der Rest deines Lebens. Und ich war nicht angkettet.

Der kurze Moment ist der Dunkelzelle war sicherlich eine der eindringlichsten Erfahrungen, wie überhaupt der Versuch des Begreifens über die Sinnlichkeit funktioniert. Der Verstand, der mit Informationen, mit Zahlen und Fakten gefüttert wird, der versteht Zahlen und Fakten, die letztlich abstrakt bleiben. Ein Moment aber in der Dunkelzelle, das Betrachten einer Kinderzeichnung, das Ansehen heimlich gefertigter Schachfiguren lässt einen Moment für die Ewigkeit gefrieren. Der Galgen in einer Ecke. Die Hinrichtungswand.

Unser letzter gemeinsamer Weg führt uns durch einen unterirdischen Gang in einem Labyrinth, welches als Versteck und zur Verteidigung der Festung angelegt war. Durch einen Schacht landen wir nach etlichen Windungen wieder im Freien nahe bei den Wohnungen der SS-Offiziere, in deren unmittelbaren Nähe ein Schwimmbad angelegt war. Dort ist die geführte Tour zu Ende. Ich erhalte noch viele nützlichen Tipps, auch für das Ghetto und merke, wie mir jetzt, wo ich noch so viele Anhaltspunkte habe, die Zeit verrinnt. Zum Einen haben wir hier nur einen Teil des Geländes gesehen, wobei sich die anderen Blöcke ähneln, zum Anderen gibt es hier noch ein kleines Kino sowie ein weiteres Museum und zum Nächsten habe ich jetzt auch etliche Anhaltspunkte für Wege im Ghetto. Außerdem habe ich mir auf der Tour das Fotografieren verkniffen, einige Orte möchte ich deshalb noch einmal aufsuchen – und so verabschiede ich mich mit einem kleinen Trinkgeld von meinem Guide und bin wieder mir selbst überlassen. Langsam verdichten sich die Dinge für mich, beginne ich die Orte zu verstehen. Und während ich eben noch mit Zeit auf der Suche nach Orientierung war, so verspüre ich nun einen Anflug des „Sichbeeilenmüssens“. Ich versuche, mir selbst zu widerstehen, mache langsam – obgleich es in mir drängelt.

Zwar läuft im Kino kein Film, jedoch aber auf einem kleinen Plasmafernseher, es ist der Propagandafilm, der unter dem verharmlosenden Titel: Der Führer schenkt den Juden eine Stadt bekannt geworden ist. Diesmal ist der Film mit einer Stimme unterlegt, die zu den trügerischen Bildern die Tage der Abfahrt der Deportationszüge benennt, dazu die Anzahl derjenigen, die deportiert wurden und die verschwindend geringe Anzahl derer, die überlebten. Und es scheint mir zwingend nötig, die Filmbilder in einen Kontrast zu stellen, denn ob du willst oder nicht: Sie brennen sich dir als vermeintlichen Alltag ins Gehirn ein – und da es keine Aufnahmen vom realen Leben im Ghetto gibt, neigt der Mensch dazu, mit diesen Bildern als Wirklichkeit zu arbeiten. Und selbst wenn du weißt, dass diese Bilder lügen, wenn du weißt, dass die Menschen und Macher ermordet wurden, so wirken die Bilder nach und legen ein falsches Zeugnis ab, welches haftet.

Ich verlasse das Kino, in dem neben mir nur eine einzige Frau die Bilder gesehen hat und wandere alleine durch die menschenleere Festung, fotografiere, entdecke neue Wege und besuche das Museum, welches die Geschichte mit Exponaten und Bildern sowie Texten aufarbeitet – und merke, wie sich mein Kopf wehrt, Informationen aufzunehmen. Ich wünschte, ich könnte alles behalten, um den Opfern zumindest ein bisschen gerecht zu werden – aber ich bin überfordert. Vielleicht erinnern mich meine Fotos an das, was ich vergessen habe, deshalb fotografiere ich auch – für die Nachbearbeitung dieser, meiner Gegenwart. Dennoch drehe ich noch eine weitere Runde, wer weiß schon, ob und wann ich jemals noch einmal die Gelegenheit habe, wiederzukommen. Ich weiß nicht, ob meine Vorgehensweise gut oder schlecht oder angemessen ist, ich weiß nur, dass ich nicht anders kann.

Als ich die Kleine Festung verlasse, parken noch weniger Fahrzeuge auf dem Parkplatz, den ich hinter mir lasse. So ich die Eger überquere, überlege ich, ob ich noch die Gedenkstelle aufsuche, an der die Nazis beim Verlassen von Terezin ihre Spuren vernichten wollten; dort wo sie die in papiernen Urnen aufbewahrte Asche von Tausenden von Opfern in die Eger geschüttet hatten. Einerseits würde mir ein kurzer Spaziergang am Fluss gut tun, andererseits wird es in absehbarer Zeit dunkel – und ich habe noch einiges vor. Ich verzichte auf den Uferweg und marschiere durch einen Torbogen zurück ins Ghetto. Innen angekommen wird mir klar, dass es in der Tat nicht einfach ist, diesen Weg hinaus zu erkennen, es weist schlicht nichts darauf hin, ein gerümpeliger eher unwirtlicher Platz, der einfach da ist.

Teil I

Teil III