Stand schon die Waldtribüne vor dem Spiel gegen Wolfsburg im Zeichen des Erinnerungstages anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 71 Jahren, so beteiligte sich das Eintracht Frankfurt Museum auch an der Präsentation des Filmes „Liga Terezin“ in der Jüdischen Gemeinde.

Auf der Waldtribüne stellte Peter Dippold sein Buch „Lindenstraße“ vor. Hierbei geht es mitnichten um die langjährige Fernsehserie, sondern um eine Straße in Frankfurt/M. Genauer gesagt, war die Lindenstraße lange Jahre der Wohnort von Paul Wegener, einem Jungen, der in der Weimarer Republik aufwuchs. Paul Wegener ist die fiktive Hauptfigur des Romans „Lindenstraße“, angelehnt an den letzten bekannten jüdische Fußballer in Reihen von Eintracht Frankfurt während der NS-Diktatur, Julius, genannt Jule, Lehmann, dessen Spur sich Ende der dreißiger Jahre verliert und der allen Anzeichen nach von den Nazis in Polen ermordet wurde.

Paul träumt davon, bei der Eintracht zu spielen, eine Begegnung mit dem damaligen realen Eintrachtspieler Walter Dietrich bringt ihm diesen Traum näher. Gemeinsam mit seinem besten Kumpel Gerd kommen sie am Riederwald unter und durchleben die Jugendjahre – bis Paul nach der Machtübernahme der Nazis als letzter Jude die Eintracht verlassen muss – wobei Paul noch nicht einmal Jude ist; sein Vater aber war es, bis dieser zur Hochzeit zum katholischen Glauben konvertierte.

Paul verlässt nicht nur die Eintracht, er verlässt auch Deutschland – bis er schließlich im Ghetto Theresienstadt landet – und dort erneut Fußball spielt. Nunmehr geht es nicht nur um Punkte, es geht um ein Leben, um viele Leben. Denn wer Theresienstadt überlebte und verlassen konnte, gelangte nicht in die Freiheit, es war eine Reise in den sicheren Tod in die Vernichtungslager.

Umso erstaunlicher ist es, dass Fußball im Lager eine Rolle spielte, es gab sogar eine eigene Liga, die Liga Terezin – und es gibt Filmaufnahmen davon. Die Nazis wollten die Inszenierung des Fußballs zu Propagandazwecken nutzen, ebenso wie Aufnahmen von kulturellen Ereignissen wie Konzerten dazu dienen sollten, einen vermeintlich normalen Alltag vorzugauklen. Einen normalen Alltag jedoch gab es ebensowenig wie eine öffentliche Aufführung des Filmes, der 1944 unter der erzwungenen Regie von Kurt Gerron produziert wurde. Gerron, jüdischer Häftling, überlebte die Produktion wie auch die allermeisten Protagonisten nur um wenige Wochen, er wurde in Auschwitz ermordet.

Seit Kriegsende gelten die meisten Szenen des Filmes als verschollen. Der Israeli Oded Breda erkannte Jahrzehnte später auf einem Foto seinen Onkel Pavel fußballspielend in Theresienstadt – und begab sich auf Recherchereise. Odeds Vater Moshe, der Bruder Pavels, konnte 1939 nach Palästina fliehen – schwieg aber all die Jahre über die bedrückenden Erinnerungen. Odeds Spurensuche mündete in dem Film Liga Terezin, den er gemeinsam mit den Filmemachern Mike Schwartz und Avi Kanner realisierte. In diesem Film sehen wir nicht nur Originalaufnahmen aus dem Lager, Bilder von vermeintlich unbeschwerten Fußballern im Kampf um Tore vor tausenden Zuschauern im Kasernenhof, wir sehen Konzertaufnahmen und wir sehen einen vermeintlichen allzunormalen Alltag, eine Inszenierung der Harmlosigkeit inmitten des Grauens. Von über 140.000 Menschen, die in Theresienstadt inhaftiert waren überlebten nur knapp 17.000 Menschen den Krieg. Im Lager selbst starben über 33.000.

Zwischen die Originalaufnahmen montierten die Filmemacher Interviews mit Zeitzeugen wie Peter Erben – den letzten lebenden Fußballer von einst. Wir sehen Bilder von Oded Breda im Kasernenhof, der mit den Worten „Das ist für dich“ einsam einen Ball für seinen Onkel in die Luft schießt, der mit schwerem Hall zu Boden fällt.

Es fällt schwer, alles in angemessene Worte zu packen, auch die antisemitischen Tiraden während eines Fußballspiels der heutigen Zeit, die auch gezeigt werden. Die Vorstellung, dass jüdische Häftlinge gezwungen wurden, an einem Film mitzuwirken, der zynisch einen grauenhaften Alltag verklärt, wobei gleichzeitig das reale Fußballspiel für die Inhaftierten einen Moment des Menschseins bedeutete. Das Wissen, dass fast alle Protagonisten, auch die Kinder kurz darauf ermordet wurden.

Vielleicht ist es das beste, sich selbst auf die Spurensuche zu begeben. Morgen, am ersten Februar, setze ich mich in mein Auto und fahre nach Theresienstadt. Ich nehme meine Kamera mit, ich nehme mich mit. Zwei Tage später fahre ich nach Polen, nach Auschwitz. Wer weiß schon, wie ich zurück komme. Ob ich fotografiere. Ob ich schreibe. Und wie ich eine Gegenwart sehe, in der die Art und Weise der öffentlichen Debatte über Flüchtlinge schon lange auf eine Vergangenheit verweist, in der die Entmenschlichung eines jeweils anderen zur größten Katastrophe der Menschheit geführt hat.