Da wartet man ein ganzes Jahr lang auf ein Konzert, wacht morgens auf und stellt fest: Es ist vorbei. Passend dazu regnet es, von daher lassen wir den angedachten Spaziergang nach Richmond sausen, gönnen uns einen Tee in einem Café mit Blick auf die Buckingham Palace Road und wandern mit neu erworbenen Regenschirmen, davon einer mit Union Jack, in Richtung Tate Gallery.

London ist zwar wirklich außergewöhnlich teuer – aber eben nicht alles. Vor allem die großen, staatlichen Museen sind kostenlos. Andi und Arne geben ihre Taschen an der Garderobe ab, da sie im Hotel bereits ausgecheckt haben und dann verteilen wir uns auf die Räume. Noch hängt der gestrige Tag in den Knochen. Ich betrachte Millais‘ Ophelia. Vor 20 Jahren zierte dieses Motiv ein Tape von mir, Geschichte. Wie auch die Eindrücke vom Liverpool Quai von Atkinson Grimshaw.

Später fahren wir über Pimlico rüber zu Aldgate East, um die Ecke zur Brick Lane. Bangladesh erwartet uns mit einem weiteren Curry. Neben uns am Tisch ein munteres Grüppchen mittelalterlicher Briten, die bei Bonnie Tyler und Co aus dem Radio recht sentimental werden und im Restaurant tanzen. Draußen beginnt es zu dunkeln, drinnen auch. Ein Stromausfall legt den Laden lahm, ob es an der Musik lag, ist schwer zu sagen, immerhin, wir hatten bereits gegessen. So also zahlten wir, verabschiedeten uns von unseren Begleitern, deren Flieger in Kürze gen Heimat segeln sollten und machten uns auf Richtung Piccadilly, nachdem wir zuvor im Sunday up Market die fantastischen Imbisse bestaunt haben. In unzähligen Pfannen brutzelt es, während ein paar Schritte dahinter Poster von Banksys Arbeiten verkauft werden.

Am Picadilly Circus selbst gibt es ein famoses Sportgeschäft mit in der Tat großer Auswahl und günstigen Preisen. Sogar Eintracht Trikots Home und Away könnten wir erstehen. Während Pia stöbert, gehe ich raus und betrachte die gigantische Reklametafel, den brausenden Verkehr. Ein roter Bus folgt dem nächsten, mit Reklame beklebte Taxen sausen durch die Dunkelheit, während sich durch die Beleuchtung der Straße Weihnachten ankündigt. Natürlich zucken Handyblitze, Selfies noch und nöcher werden produziert. Wir laufen runter zum Trafalgar Square, weiter hinten lugt die Spitze des Big Ben in die Nacht. Jetzt macht es sich bemerkbar, dass ich nur noch mit dem Handy fotografieren kann, der Akku der anderen Kamera liegt in den letzten Zügen. Dunkelheit, Lichter. Wir drehen eine große Runde zum Glockenturm, schlendern an der Westminster Abbey vorbei, werfen einen Blick auf den Buckingham Palast und fallen wenig später todmüde ins Bett.

Schon beginnt der letzte Tag, früh sind wir auf den Beinen. Blau der Himmel. Eine Reise, ohne den Versuch zu unternehmen zu shoppen, geht gar nicht wenn du mit deinem Mädchen unterwegs bist und so laufen wir hoch Richtung Covent Garden. Stoisch warten die Wächter am Buckingham Palace auf ihre Wachablösung, im angrenzenden St James’s Park tummeln sich Wasservögel, Pelikane und vor allem Eichhörnchen, die keinerlei Scheu kennen. Als wir stehen bleiben, um uns unserer Route zu vergewissern, verwechselt einer der Racker den Stadtplan mit Nahrung und springt an mir nach oben. So weit geht die Nächstenliebe aber dann doch nicht. Schwarze Schwäne tummeln sich im See, weiter hinten steht das London Eye erstaunlich still. Am Rande des Parks findet sich im Grün das Duck Island Cottage, welches früher den Birdkeeper beherbergte. Später wurden hier ganz prosaisch konfiszierte Fahrräder gelagert, heutzutage Gartengerät.

In Covent Garden durchstreifen wir die Neil Streat, schauen uns in einem Doc Martens Laden um und auch bei GAP vorbei, aber so recht springt nichts ins Auge. Auch der Mythos von Soho oder Chinatown kann nicht mit der Gegenwart mithalten, Carnaby Street ebensowenig. In der Markthalle werden antiquarische Kleinteile angeboten, wir entscheiden uns aber für Fish & Chips, während auf dem großen Platz ein Straßenkünstler die Menge in seinen Bann zieht. Wir ziehen zum Abschluss unserer Reise noch Richtung National Gallery, um der großen Kunst noch einen Besuch abzustatten, erstehen unterwegs noch zwei kleine Fotografien von Banksy  und stehen dann staunend vor dem Gemälde Die Hinrichtung der Lady Jane Grey. Gemalt von dem Franzosen Delaroche.

Noch einmal durchstreifen wir den dunkelnden St James’s Park, werden von den Eichhörnchen in Ruhe gelassen, winken der Queen zu und verabschieden uns endgültig vom Hotel Enrico, in dessen Zimmer Nummer 213 wir gut untergebracht waren. Nur am Frühstück muss gearbeitet werden.

In der Victoria Station quetschen wir uns in die Tube, steigen noch einmal in South Kensington um und stellen fest, dass wir zwar die richtige Linie erwischt haben, aber die falsche Strecke, so gehts am Earls Court noch einmal raus. Die Bahnen kommen schnell, sind aber gnadenlos überfüllt. Feierabend in London. Wer in der City arbeitet, muss noch lange nicht hier leben, alle Nationalitäten sind unterwegs, stehen dicht an dicht, lesen den Evening Standard und es scheint, als stiegen immer nur Menschen dazu und niemand mehr aus. 14 Stationen sind es insgesamt von Victoria bis Heathrow, den wir über Hammersmith und Acton Town und Boston Manor nach einer knappen Stunde erreichen. Eine letzte Cigarette vor dem Check In, der flott vonstatten geht, ein letztes Warten auf den Heimflug. Ein Geschäftsmann telefoniert, als sei er alleine vor Ort. Wenig später starten wir, sehen trotz Fensterplatz nichts mehr von London und landen vor der Zeit in Frankfurt. Da auch unser Gepäck mitgekommen ist, läuft alles glatt. Die S-Bahn kommt pünktlich wie die Maurer und als wir so durch Frankfurt schweben, entdecken wir an einer Haltestelle Holger, der uns fröhlich zuwinkt. Wir winken zurück und sind definitiv wieder zuhause. Dies zeigt sich auch daran, dass die beiden gekauften Banksy Fotos in englischen Maßen gedruckt sind und hier in keinen Rahmen passen.