Der Morgen begann mit einer kleinen Enttäuschung. Bei unserem ersten Besuch im Enrico Hotel bestand das Frühstück aus Spiegeleiern, Speck und Bohnen, dazu Toast und Marmelade. Beim zweiten Besuch fiel der Speck weg und nun? Lumpiges Gebäck aus der Tüte. Also nichts wie raus … in den Regen, der aber im Laufe des Tages keine wesentliche Rolle spielen wird. Die zweite Enttäuschung war ich selbst, hatte ich doch meinen Akku für die Kamera in Frankfurt liegen lassen. Und da ich gestern zig Bilder vor allem von Streetart an der Brick Lane geschossen hatte, neigte sich der Akku dem Ende entgegen.

Wir treffen Andi und Arne, frühstücken in einem der unzähligen Cafés rund um den Bahnhof Victoria und machen uns dann auf Richtung Hyde Park, der nur ein paar Schritte entfernt liegt. Neben den Cafés entdecken wir gleichfalls unzählige Maklerbüros. Die Fotos der Objekte sprechen eine deutliche Sprache, wer hier wohnen will, zahlt minimum 900 Pfund Miete. In der Woche. Wir könnten uns aber auch ein Häuschen kaufen, vier Millionen könnten ein Schnäppchen sein. Rund um das Botschaftsviertel hinter dem Eaton Place wehen die Fahnen der Nationen, parken mächtige Autos. Heute wird ein großer Tag. Mittags spielt die Eintracht in Gladbach, abends Carter USM in Brixton.

Das Winterwonderland im Hyde Park lassen wir rechts liegen, der Einlass in den Park wird von Security organisiert, wir wandern am See entlang, dort wird es ruhiger, Tauben und Wasservögel. Weiter hinten zur Straße hin liegen die Old Football Pitches. Wenn wir wollten, könnten wir an einer am Wegesrand stehenden Dusche duschen, das Wasser läuft. Gel oder Shampoo sind natürlich verboten. Wie Radfahren und so manch anderes. Am Diana Memorial Fountain verlassen wir den Park und wandern an der Royal Albert Hall vorbei nach South Kensington. Hier lebt es sich vornehm, einzelne Straßenzüge sind für fremde Autos gesperrt, Frisbee spielende Freizeitler werden gerne mal von der Nachbarin fotografiert. Und auch hier dominieren die Maklerbüros, vieles steht zu horrenden Preisen zum Verkauf.

Unser eigentliches Ziel, das Stadion an der Stamford Bridge in Chelsea, werden wir nicht erreichen, die Zeit bis zum Anpfiff wird langsam knapp und so entscheiden wir uns am Earls Court für den Bus, der uns zum Sloane Square bringen soll. Und auf dem Weg fällt es uns siedend heiß ein: Zeitumstellung in England, die Eintracht spielt nicht um halb vier, sondern um halb drei. Also raus aus dem Bus und bei South Kensington rein in die Tube Richtung Vauxhall. Von dort ist es nicht mehr weit bis zum Zeitgeist, einem Pub, der Bier und Bratwurst verkauft und vor allem deutschen Fußball zeigt. Erstmals siegte hier vor unseren Augen die Eintracht gegen Aachen mit 4:3, ein Jahr später unterlag sie den Bayern mit 0:2. Und nun?

Kurz nach Anpfiff signalisieren die Ticker ein 0:0, als wir den Laden betreten läuft in einem Teil die Konferenz, im hinteren das Spiel Paderborn gegen Dortmund. Wir blickte auf die Konferenz. Gladbach – Frankfurt 1:0. Das gibt’s doch nicht, welch Beginn. Da viele Plätze belegt oder reserviert waren, ordern wir ein Bier und hocken uns in eine Ecke. Wir sehen war nichts bis wenig von dem Spiel, was aber nicht tragisch ist. Vor unseren Augen führt Dortmund in Paderborn. Halbzeit, Zeit für Burger.

Ich pappe einen Eintracht-Aufkleber an die Toilette, hier sieht man einen Köln-Schal, dort sitzen wohl Bayern, hier brandet Mainzer Jubel auf. Ich stehe immer mal wieder auf und blicke auf die Konferenz, um mich wieder hinzusetzen. Und dann: Toooooooor in Mönchengladbach. Oweh. Von wegen, 1:1 stehts, Stendera war’s gewesen. Hey, high five und kaum haben wir uns hingesetzt: Tooooooor in Gladbach. Oweh. Von wegen. Alex Meier Fußballgott, 2:1 für die Eintracht, ich haue im Jubel fast einen älteren Londoner um: „He kocked me out, he knocked me out.“ Sorry, sorry.“

Jetzt hält uns nichts mehr was auf unseren Sitzen. Wir ordern neues Bier, quetschen uns vor den Fernseher und dann Toooooooooor in Mönchengladbach. Oweh. Aber nein, jubelnde Eintrachtler, Inui hat aus der Ferne getroffen. Wahnsinn. Die letzten Minuten drängen wir nach vorne, auch der Schreck über ein vorzeitig gemeldetes Tor der Gladbacher löste sich und dann Abpfiff. Auswärtssieg. In Mönchengladbach. Kurz darauf marschierten vier fröhliche Frankfurter mit einer Dose Bier in der Hand Richtung Brixton. Drüben in Westminster mit hohen Strafen geahndet, dürfen wir dies hier in Lambeth.

Der Süden Londons kommt weit weniger schick daher als der Norden, als sei die Themse eine Grenze. Je näher wir Brixton kommen, desto karibischer wird es. Träger von Carter USM Shirts eilen uns schon entgegen, und als wir vor der Brixton Academy um die Ecke biegen, sehen wir den Eingang und in großen Buchstaben leuchtet: 1987 – 2014 Carter USM sold out. Das ist für uns weniger schlimm, wir haben ja Karten. Pia und ich besorgen uns noch Shirts, zusammen trinken wir noch ein Bierchen, sind aufgeregt und stammeln immer wieder: Auswärtssieg. Am Einlass gibt es zwei Reihen, eine für O2 Kunden, eine für den Rest. Während Pia und Arne sich anstellen, holen Andi und ich Getränke. kaum kommen wir wieder, sind die beiden schon drin. Wir rauchen noch eine Kippe und entern dann den Laden. Der Einlass ist ausgesucht freundlich, niemand kontrolliert, ob wir tatsächlich O2-Kunden sind: Der Ordner sagt; „I wanna give a good search“. Na, das beruhigt. Weiter oben die nächste Kontrolle zum Oberrang, ein weiterer Ordner: No standing in the first four rows. Ich denke: Mir doch egal und sage: „Ich bin eh zu alt zum Stehen.“ Oben treffen wir Pia und Arne, zweite Reihe. Hm? Abgesehen davon, dass ich im Blickfeld eine Stange habe, die vor einem Balkonsturz schützen soll, gibt mir das: No standing zu denken. Wenn die Briten was können, dann kontrollieren. Ich gehe nach oben, während die erste Vorband beginnt: The Frank and Walters. Sie sind gut, vor allem die Version des Models von Kraftwerk überzeugt.

Mittlerweile haben wir uns alle nach oben gesetzt, unten spielen die Sultans of Ping und als diese fertig sind, gehen Andi und ich raus, um zu rauchen, vorher war dies nicht erlaubt. Natürlich verpassen wir den Anfang von Carter, was hoch bedauerlich ist – aber es wird eine DVD von diesem Abend geben und es geistern auch schon etliche Videos durchs Netz. Was dann kommt könnte man rauschhaft nennen, Jim Bob und Fruitbat brettern Song um Song, die Lichter zucken, die Leute drehen komplett durch und glaubt mir, es war nicht die Jugend, die hier am Start ist. Alles steht – bis auf die ersten vier Reihen. Will doch jemand Anstalten machen aufzustehen, vor allem gegen Ende des Konzertes, kommen Stewards, leuchten den armen Kerl an und zwingen ihn zum Sitzen. Man steht dabei dicht an der Kippe zum Rausfliegen.

Wie immer, wenn es schön ist, rast die Zeit; eben saßen wir noch im Flugzeug, jetzt ist das Konzert zu Ende, vielleicht wirklich der letzte Auftritt der Band. Geputscht vom Konzert, vom Auswärtssieg der Eintracht, laufen wir die Brixton Road runter, kommen am Jamm vorbei. Dort findet die Aftershow Party statt, wir haben es verpasst Tickets zu ordern. Andi ist überzeugt, uns in den Laden zu bringen, verhandelt an der Eingangstür. Wir gehen ein paar Meter weiter, fragen nach, zahlen immerhin 15 Pfund Eintritt und sind drin. Bier, Gesprächsfetzen, Musik, Gras weht durch die Luft, die Zeit verfliegt im Kreis und bunt. Nachts sitzen wir im Taxi, rollen über die Themse. Was für ein Tag. Danke an die Eintracht, an Carter, an Pia, Arne und Andi – Fucking Great!