Ja, es war tatsächlich wahr, das gestrige Unentschieden, der unfassbare Support und das kollektive Durchdrehen. Wochenlang hatten wir davon geträumt – jetzt war beinahe alles schon vergangene Vergangenheit. Beinahe: Heute stand erst einmal ein Umzug auf dem Programm.

Da wir sehr kurzfristig gefragt hatten, ob wir noch eine Nacht länger als gebucht im Hotel bleiben können, mussten wir damit leben, dass für unsere letzte Nacht im Oporto House kein Zimmer mehr frei war – doch Abhilfe wurde schnell geschaffen, in einem angeschlossenen Haus weiter oben in der Stadt. Bei einem Kaffee nahmen wir Abschied vom Oporto House, das uns so freundlich aufgenommen hatte und schon klackerten wir durch die Gassen, bis es uns zu viel wurde und ein Taxi den Rest der Strecke übernahm. Im Oporto Cosy angekommen schallte es schon über die Straße: „Beve“. Es war Frank, der mit seinen Kumpels schon einige Zeit hier verbracht hatte.

Nach einem kurzen Plausch checkten wir ein, konnten jedoch das Zimmer noch nicht beziehen und so machten wir uns wieder auf die Socken. Zunächst statteten wir unserem Fiat einen kurzen Besuch ab. Zwar wurde direkt vor ihm Schutt auf einen LKW geladen, aber alles schien noch recht in Ordnung zu sein und somit zogen wir beruhigt weiter und landeten an der Markthalle. Obst, Gemüse, eingepferchte Hühner und Souvenirs warteten auf Käufer und auf den Regen, der nun kam. Wir verzogen uns in ein Café gegenüber, um nur wenige Meter davon entfernt sogleich ein weiteres aufzusuchen. Dann führte uns unser Weg an der alten Stadtmauer vorbei in Richtung Landesinnere bis hin zur alten Eisenbahnbrücke Maria Pia. Ich kaufte mir eine Sportzeitung, das Titelbild zeigte einen fassungslosen Spieler des FC Porto und verschwommen dahinter einen weniger fassungslosen Marco Russ. Wir wichen den Kothaufen auf den Trottoirs aus, wunderten uns über die zerfallenen Häuser direkt am Ufer des Douros und blickten von einer anderen Position auf die Stadt, die wir ins Herz geschlossen hatten.

Auf dem Fluss schipperten die Ausflugsbootchen in die nunmehr glitzernde Sonne, ab und an trafen wir auf ausflügernde Frankfurter, die die Stadt auf ihre Weise erkundeten und entdeckten auf einem Schornstein einen festgebundenen Hahn, natürlich keinen Lebenden, sondern den überall präsenten Galo de Barcelos, dessen Geschichte zur nationalen Folklore gehört. Zurück in der Stadt wanderten wir über die Ponte Dom Luis I gemächlich auf die gegenüberliegende Seite, entdeckten ein riesiges SGE-Graffiti dort, wo am Tag zuvor noch keines war, begegneten Susi, die gestern trotz großer Erfahrung am Eingang fast zerquetscht worden wäre, begegneten René, der genau so eifrig fotografierte wie wir und stiegen hinab an den Douro. Hier, direkt am Ufer war niemand unterwegs, vor Orangenbäumen wartete eine kleine Kirche auf ihren Zerfall, zum Teil hatte die Natur die Steine für sich gewonnen, während ich in einer steinernen Nische plötzlich auf Spielsachen stieß, es hatte den Anschein, als handele es sich um einen Altar, vielleicht als Erinnerung an ein Kind, welches hier ertrunken ist.

Oben auf der Brücke gab es dann alle naslang ein großes Hallo, hier waren Birgit und Joachim, dort Stefan und Sabrina und natürlich begegneten wir Matze und Nicoletta – die das erste Mal auf großer Fußballreise war. Matze hatte natürlich jede Menge Zeitungen vom Spiel in der Tasche – die wahrscheinlich demnächst in einer Vitrine im Museum liegen werden.

Wir wanderten hoch zur Einkaufsstraße Santa Catarina, der Dampf von gerösteten Maronen hing in der Luft, die Frau mit zugenähten Augen musizierte genau wie der blinde Akkordeonspieler, von einem CD-Laden drang leiser Fado an mein Ohr – und nachdem ich mit Ana Moura, Mariza und Cristina Branco angereist war erwarb ich mit Carminhos Album Alma ein weiteres Stück Portugal – und freute mich darauf, am morgigen Tag die Musik im Auto zu hören.

Wir erwarben Souvenirs, schrieben ein paar Postkarten in einer Pastelaria und schoben uns langsam den Berg hinauf, um im Hotel endgültig einzuchecken. Das Zimmer war gemütlich, mit stuckverzierter Decke und einem Balkon mit Blick auf Gärten und die Dächer Portos. Bald darauf saßen wir ein letztes Mal in der altbekannten Churrasqueira, wurden wie alte Bekannte begrüßt und futterten gebratene Dorade bei einem Rotwein. Ein letztes Mal wurde die Tischdecke worauf unser Konsum notiert war abgerissen, wir zahlten und verabschiedeten uns zur Nacht. Noch einmal wollte ich einen wehmütigen Blick auf den nächtlichen Douro werfen, doch da wir Stefan und Sabrina trafen, kehrten wir kurzerhand in einem Café nah des Coliseus ein und beschwatzen bei Port und Bier die letzten Tage. Ein gutgelaunter Holger blickte mit Yves kurz ins Lokal, wir saßen kurz draußen, um ein Kippchen zu rauchen und trennten uns von Stefan und Sabrina, um doch noch einen letzten Blick auf den Douro zu werfen, um Abschied zu nehmen von dem Fluss, der die letzten Tage so allgegenwärtig war. Ein Taxi brachte uns sicher nach Hause und nur wenig später lagen wir im Traum.

Beim Frühstück am nächsten Morgen, bei Orangensaft, Bolo de Arroz und Galao versuchten wir online einzuchecken. Erstmals landete eine mobile Bordkarte auf unseren Handys – bei Pia auch kein Problem, nur mein eigentlich brauchbares Nokia zickte, da für mein System die Lufthansa-App nicht vorgesehen war. Also zog ich das ganze auf mein Tablet und versicherte mich zehnmal, dass ich beim Aufruf des QR-Codes nicht online sein musste – es funktionierte.

Wenig später rollten wir Richtung Autobahn, Richtung Lissabon. Geplant war noch ein Abstecher an das Cabo da Roca, den südwestlichsten Punkt Festlandeuropas. Kilometer um Kilometer wurde abgespult, vorbei an Coimbra, vorbei an Óbidos – bis wir hinter Torres Vedras den Highway Richtung Mafra verließen. Nun wurde es holprig, wahrscheinlich hatten wir nicht den allerelegantesten Weg gewählt, die restlichen Kilometer zogen sich gewaltig. Aber als wir schon kurz ans Aufgeben dachten, erwuchsen Hinweisschilder wie aus dem Nichts und nun war Land in Sicht mit Blick auf den Atlantik. Cabo da Roca.

Wir parkten den Fiat und schlenderten an die Küste. Natürlich waren wir nicht alleine, aber der Andrang hielt sich in Grenzen. In der Tiefe klatschten die Wellen an die Felsen, irgendwo da unten trieb ein Fischerboot während uns der Wind um die Nase wehte – die Fahrt hatte sich doch gelohnt. Und tatsächlich entdeckte ich noch Reste eines Eintracht Aufklebers, den ich zwei Jahre zuvor an einer Tafel angebracht hatte. Immerhin prangte nun ein neuer hier. Ein letzter Blick aufs Meer und schon sausten wir nach Lissabon, verfransten uns im Straßengewirr am Flughafen und landeten doch wohlbehalten beim Autoverleiher, der uns per Shuttlebus auch zum Airport brachte. Von dort hatte die Reise begonnen – jetzt aber fuhren wir ein weiteres Mal mit der Metro in die Stadt, nachdem wir zuvor Neuankömmlingen das Ticketing erklärten, so wie wir es vor einer Woche erklärt bekamen.

Unser Hotel lag direkt am Rossio und diente unseren Ansprüchen vollkommen, es gab sogar einen Aufzug. Nun war in der Fußgängerzone jede Menge los, na klar, es war ja auch Samstag. Studenten ließen sich am Praça do Comércio fotografieren, wir aber liefen Richtung Alfama, um uns in einer kleinen Pizzeria, die uns schon in Frankfurt empfohlen wurde, zu stärken. Ein letzter Rundgang hoch zur Kathedrale, deren Kuppel schlohweiß in die Nacht leuchtete, ein letzter Anstieg. Eine winzig kleine Weinbar lockte uns mit Vinho Verde, aus einem wurden drei, getrunken aus kleinen tönernen Töpfen, die wir dankenswerter Weise auch käuflich erwerben konnten. Ein letzter Weg an den Tejo, die Lichter der Stadt und fern der große Cristo Rei, nebenan wie schon am ersten Abend die Angler, die Sucher mit Lampen auf dem Kopf, das alltägliche Leben Lissabons.

Nach wenigen Metern waren wir im Hotel, nach wenigen Minuten im Schlaf und nach wenigen Stunden wieder wach. In aller Herrgottsfrühe brachte uns ein Taxi schnurstracks zum Flughafen, der mobile Check in funktionierte tadellos. Natürlich trafen wir auch andere Eintrachtler, auch Moritz war dabei, der genau wie wir nur wenig später im Stadion gegen Bremen vor Ort sein würde. Mit einiger Verspätung landeten wir in Frankfurt und mit Entsetzten stellte ich fest, das ich eine kleine Tüte mit einem Bild und Büchlein im Flieger hatte liegen lassen. Ach wie schade. Da meine Tasche eher kam als Pias Koffer, machte ich mich auf den Weg zum Fundbüro, gab mein Gesuch auf als mich ein Anruf erreichte. Pias Koffer ist nicht aufgetaucht – wie etliche andere auch. Also schlich ich mich zurück zur Gepäckausgabe wo kurz Hoffnung aufkeimte – jedoch genau so schnell wieder versank.

Nunmehr drängte die Zeit, immerhin wartete die Waldtribüne auf uns. Also schlugen wir uns mit der zickigen Angestellten der Lufthansa herum, die uns partout das Gefühl vermittelte, als seien wir am Verlust schuld. Immerhin, bevor die Situation zu eskalieren drohte, kam Pias Koffer doch noch angerollt, wir schmissen uns in ein Taxi und klackerten gerade noch pünktlich um halb zwei ins Museum.

Das war sie also, die große Reise mit der Eintracht nach Portugal und jetzt kennt auch Pia Lissabon und Porto. Wir werden wieder kommen, soviel steht fest, ob mit Fußball, ob ohne.. Achja, der Mannschaftsflieger beim Hinflug hieß tatsächlich: Offenbach. Wer sich das wohl ausgedacht hat? Aber es ist ja noch einmal gut gegangen. Alles eigentlich. Obrigado Portugal. Até breve.

Die ersten Einträge über die Reise findet ihr hier und hier.