Schon in aller Frühe waren wir wieder auf den Beinen, frühstückten in der Confeitaria dos Clérigos und wanderten zum Bahnhof Sao Bento, um von dort den Bus Richtung Atlantik zu nehmen.

Der Tag begann regnerisch, der 500er Bus brachte uns mit beschlagenen Scheiben zum Praia de Matosinhos, einem Strand Portos an der Atlantikküste. Während in der Stadt stündlich mehr Frankfurter landeten, blieb man hier unter sich. Eine kleine Gruppe um Gisela und Ellen begleitete uns, fuhr aber noch ein Stückchen weiter. Wir blickten auf den Atlantik und entdeckten das Denkmal der verzweifelten Fischerfrauen, welches  am Strand an die große Seetragödie von 1947 erinnerte, als 152 Fischer und Seeleute ihr Leben im Atlantik lassen mussten und zig Witwen und Weisen hinterließen. Vier Trawler versanken in den 10 Meter hohen Wellen, nur sechs Seeleute kamen mit dem Leben davon, damals am 2. Dezember 1947.

Grau der Himmel, nass der Tag. Wir wanderten an den Fischhallen vorbei in die wenig belebte Innenstadt des Stadtteils. Beinahe hätte ich mir eine Cataplana gekauft, jenen kupfernen Topf, der jedoch nur auf offener Flamme funktioniert. Die moderne Variante ist nicht kupfern und bei weitem nicht so schön, also ließ ich es bleiben. Aber Zeit für ein zweites Frühstück hatten wir allemal, Zeit für Galao, Lanches mista und ein Puddingtörtchen dazu. Draußen wars nun ungemütlich, drinnen lebte das portugiesische Leben. Auf dem Weg zurück zum Bus trafen wir einen älteren Portugiesen, der besser deutsch sprach, als die meisten Frankfurter und da es aus Eimern kübelte, stellten wir uns unter und plauderten über Gott und die Welt und darüber, dass die Eintracht doch bitteschön den FC Porto besiegen sollte – wir versprachen, unser Bestes zu geben.

Wir wanderten dann noch eine Zeitlang am Atlantik entlang, nahmen anschließend den Bus zurück in die Stadt und rollten am Douro entlang zum hiesigen Portweinmuseum, wo wir uns über die Geschichte des Portweins schlau machen konnten. Ein Film zeigte die Entstehung eines typischen Bootes, welches einst die Fässer vom Tal des Douro in die Keller brachte. Heute scheinen die Boote eine Touristenattraktion, der frische, noch unbehandelte Wein kommt nun mit LKWs in die Stadt.

Als wir auf die Straße traten, hatte sich das Wetter gebessert, wir erkannten in einiger Entfernung Busse und Menschenmengen und Polizei dazu und wunderten uns, wer dies sein könne. Als Stephan und später Jörg uns begegneten erfuhren wir, dass die Tagesflieger aus Frankfurt gelandet waren und die Eintrachtler mit Bussen an den Fluss gekarrt wurden, von dort aus sollten sie gemeinsam laufen. Keine drei Schritte später hockte Gerre gutgelaunt bei einem Schoppen in der Sonne.

Später rief es von einem Balkon „Beve, Pia“. Wir guckten nach oben, wo Holger fröhlich winkte. Oberhalb des Torre dos Clérigos aßen wir zu Mittag, Carrapau für den Herrn, Francesinha für die Dame, unterwegs trafen wir Gabi, deren Begleitung munter an Doppelhaltern schraubte – unaufhaltsam näherte sich das Spiel, der Auftritt der Eintracht im Estadio do Dragao. Für uns aber stand zuvor noch der Besuch bei Taylor’s auf dem Programm und so nahmen wir die Straßenbahn und sausten über die Brücke nach Vila Nova de Gaia, um nach wenigen Minuten das Anwesen des Portweinherstellers zu erreichen. Gegenüber, am Mannschaftshotel, wartete ein Bus auf das Team Eintracht Frankfurt, während wir den mondänen Vorraum betraten. Für fünf Euro buchten wir eine Führung, drei Gläslein Portwein inklusive und tranken das erste davon auf der Terrasse, unten sangen die Eintrachtfans ihre Lieder.

Gegen 16 Uhr versammelte sich ein kleines Grüppchen und wurde von einer jungen Portugiesin in die heiligen Hallen geführt – und dort wurden wir auf englisch in das Wesens des Portweins unterrichtet. Wir erfuhren, dass es drei Sorten gibt, den weißen, den Ruby und den Tawny wobei letztere aus den gleichen Trauben bestehen und sich ob der Lagerung in unterschiedliche Sorten entwickeln. Während der Ruby, der rote also, in großen 20.000 Liter Fässern reift, lagert der Tawny in kleineren Eichenfässern, hat mehr Kontakt zum Holz und erhält dadurch seine bräunliche Farbe. Die Fässer übrigens werden von den Rotweinherstellern gebraucht gekauft und landen anschließend bei den Whiskeydestillerien.

Nach zwei weiteren Gläsern deckten wir uns mit zwei Flaschen für die Heimat ein, packten noch zwei Gläser dazu und nahmen dann wieder die Bahn Richtung Sao Bento, um uns für das Spiel vorzubereiten. Keine zehn Minuten später waren wir wieder auf der Straße, wie so viele. Den großen Treffpunkt aber mieden wir, ich wollte mir noch im Fanshop einen Schal kaufen, der hier jedoch ausverkauft war und so landeten wir mit einem Superbock in der Hand in der Metro Richtung Stadion. Und wir waren natürlich nicht die einzigen Frankfurter, hier standen Armin, Holger, Claudia und Sammat, den ich peinlicher Weise mit Franco begrüßte und natürlich ganz viele andere und ehe wir uns versahen, landeten wir direkt am Stadion. Glücklicherweise hatten wir Tagestickets und konnten die Kontrolle locker passieren, wer versucht hatte, ohne Fahrschein zu fahren, guckte spätestens jetzt bedröppelt – am Ausgang standen Kontrolleure mit mobilen Lesegeräten und machten ein mords Geschäft.

Das Estadio do Dragao schwang sich unmittelbar am Metroausgang in die Höhe, wenige Schritte entfernt entdeckten wir einen Fanshop, der noch Spieltagsschals im Angebot hatte, direkt nebenan lag das Vereinsmuseum, welches aber leider geschlossen hatte. Natürlich war überall ein großes Hallo während sich in der Ferne die von der Stadt gemeinsam marschierenden ankündigten. Den ganzen Tag schon wurde Porto von einem großem Hubschrauber überflogen, unbeobachtet blieben wir nicht. Pia wurde mulmig zumute, nicht ohne Grund, wie wir später erfuhren. Zunächst passierten wir vor dem großen Ansturm die erste Einlasskontrolle, um auf den Treppen weiter oben warten zu müssen. Die Situation hier war entspannt, es gab genug Platz – unten aber drängten nun die Eintrachtler an den nunmehr geschlossenen Eingang, und es wurden immer mehr. Wir hatten Glück, konnten nach einiger Zeit des Ausharrens weiter marschieren, und unsere Plätze einnehmen, die anderen aber, die unten warten mussten, quetschten sich zusammen, da natürlich immer mehr Eintrachtler Einlass begehrten, der ihnen zunächst verwehrt blieb. Später war klar, dass viele von uns erst weit nach Beginn ins Stadion konnten, von Panikattacken und Platzangst wurde berichtet.

Hier war Stefan, dort Tom, der es endlich auch einmal zu einem Europapokalspiel in der Ferne geschafft hatte, als Lehrer ist dies ja nicht ganz so einfach. Ruth war hier, der Ascheberger Bub und überhaupt Gude hier und Gude da. Der Marsch muss übrigens ganz witzig gewesen sein, schon im Stadion wurden wir mit Videos konfrontiert, die zeigten, wie die Autobahn für die Frankfurter dicht gemacht wurde. Langsam füllte sich unser Block – nur von Portuensern war kaum was zu sehen – und so sollte es auch bleiben: Insgesamt nur 25.000 Zuschauer wollten den Auftritt sehen, darunter rund 7.000 Frankfurter – und die hatten das Stadion bald in der Hand.

Was nun folgte, wird für alle Anwesenden unvergesslich bleiben, wir steigerten uns in einen Supportrausch und wurden minütlich lauter. Es begann mit einer kleinen Choreo und fand seinen Höhepunkt im minutenlangem Wechselgesang, ein jedes Mal lauter, enthusiastischer, euphorischer, derweil sich die Eintracht gegen spielstärkere Portugiesen abrackerte und doch kurz vor Halbzeit durch einen Kunstschuss Quaresmas das 0:1 kassierte. Die Pausenmusik war erstklassig, der Auftritt der Adler aller Ehren wert. Nach einigen guten Chancen der Eintracht traf Porto zum 2:0 ins Frankfurter Herz, wir begannen zu beten, das wenigstens noch der Anschlusstreffer fällt – und der Fußballgott hatte ein Einsehen, Joselu hämmerte das Ding in die Maschen und als wäre dies nicht genug, hampelte nur wenig später Alex Santo auf Drängen von Marco Russ die Kugel zum Ausgleich ins Netz, wir waren kurz vorm Durchdrehen, während die zwischenzeitlich übermütigen Anhänger des FC Porto nun kleinlaut einen Treffer herbeisehnten, der jedoch nicht mehr fiel – Endstand also 2:2, eine kaum mehr erhoffte Ausgangsposition für unsere Eintracht für das Rückspiel.

Da wir noch im Block warten mussten bis auch der letzte Portugiese das Stadion verlassen hatte, nutzen wir die Zeit, gemeinsam „Im Herzen von Europa“ zu singen und unseren Helden beim Auslaufen zuzujubeln, selten blieb man so entspannt länger im Block, auskostend den magischen Abend bis zum letzten Moment.

Zurück in die Stadt ging es wieder mit der Metro, erneut erwiesen sich die Tagestickets als Joker, da sich an den Fahrscheinautomaten endlose Schlangen bildeten. Überall in der Bahn dann überglückliche Gesichter, jeder hatte seine Geschichte zu erzählen und dies wurde natürlich auch eifrig getan. Später gab es noch einen Snack und ein großes Bier an den Kneipen hinter dem Kirchturm, Thomas hielt sich am Superbock fest, Holger am Wodka-Lemon und inmitten hunderter Studenten klang der Abend fröhlich aus. Was für ein Fußballfest – auch wenn manch einer noch kurz vor dem Einlass bitter geflucht hatte.

Die nächsten Tage sollten gemächlicher zugehen, davon erzählt jedoch die nächste Geschichte. Hier, in Beves Welt.