Wir landeten am Sonntag wenige Stunden vor dem Spiel gegen Bremen mit einiger Verspätung aus Lissabon kommend in Frankfurt. Da Pias Koffer zunächst verschwunden war, zog sich der Aufenthalt am Flughafen in die Länge – als er schließlich doch auftauchte, der Koffer, drängte die Zeit und ein Taxi brachte uns ins Stadion. Es folgte ein lumpiges 0:0 gegen Werder Bremen. Die Woche zuvor aber war alles andere als lumpig – und davon will ich euch nun erzählen.

Sonntag, 16. Februar 2014

Die erste Aufregung gab es schon in der Straßenbahn Richtung Konstablerwache, ein Autofahrer hatte nicht aufgepasst und beinahe einen aussteigenden Fahrgast umgesemmelt – da alles glimpflich abging, rumpelten wir weiter und sausten anschließend zum Flughafen und von dort ging es wenig später hoch in die Luft Richtung Lissabon. Unser Plan sah zwei Nächte in der Hauptstadt vor, anschließend drei in Porto, der Rest würde sich geben – und so kam es dann auch, soviel sei vorweggenommen.

In Lissabon angekommen, baumelte ein überlebensgroßer Fernando Pessoa von der Decke, gleich darauf erklärte uns eine freundliche Einheimische das Ticketing an der U-Bahn, die wir dann lässig wie Eingeborene enterten und mit einmaligem Umsteigen erreichten wir den Praça Marquês de Pombal, in dessen Nähe unser Hostel lag. Frisch wars an diesem Sonntagabend im Februar, nach dem Einchecken marschierten wir Richtung Tejo, nahmen unterwegs ein Begrüßungsbierchen, lehnten dankend Kokainangebote ab und blickten nur wenig später in der Dunkelheit auf die Brücke des 25. April, eine kleinere Ausgabe der Golden Gate Bridge, an deren gegenüberliegenden Seite der überdimensionale Jesus Christus thronte. Am Ufer des Flusses angelten Einheimische, andere suchten mit Taschenlampen auf dem Kopf nach Kleingetier. Ob der rechtschaffenen Müdigkeit marschieren wir durch die nahezu ausgestorbene Fußgängerzone um über einen Anstieg im Bairro Alto und zurück das Refuge Hostel zu erreichen und legten uns im trotz Radiator recht kalten Zimmer zur Nacht.

Montag, 17. Februar

Der Tag versprach Regen. Aber besser Regen in Lissabon als in Frankfurt. So frühstückten wir im Hostel mit Blick über die Dächer Lissabons und machten uns auf in die Stadt. Wie lässt sich Lissabon besser entdecken, als durch eine Fahrt mit der pittoresken Straßenbahn Linie 28 E. Also lösten wir am Bahnhof Martim Moniz ein 24-Stunden-Ticket und warteten auf das gelbe Bähnchen, dass wenig später auch anrumpelte, jedoch an uns vorbei fuhr, allem Anschein nach ob eines Defektes. Die nächste aber nahm uns auf und schon zöckelten wir mit Bing Bing und Gerassel durch die schmalen Gassen. Mal wurde ein haltendes Auto weggebimmelt, mal schrappten wir fast, aber nur fast an eine Hauswand. Wer einsteigen wollte, hob an den Haltestellen die Hand, derweil sich manch Fußgänger eng an die Wand drückte, um nicht unfreiwillig mitgenommen zu werden. Ab und an klemmte sich ein Jugendlicher von außen an die Bahn und fuhr kostenlos mit.

An der Endstation Prazeres angekommen marschierten wir Richtung Tejo, entdeckten eine Haltestelle der Straßenbahn Richtung Belem und nahmen während des Wartens einen ersten Galao zu uns, ein erstes Pasteis und eine Krabbentasche. Mit der Bahn ging es dann nach Belem, wir hielten nah der weltbekannten Bäckerei der Pasteis de Belem, wo wir uns natürlich mit Proviant versorgten, um beschwingt zum Denkmal der Seefahrer zu schlendern. Ein ordentlicher Wind blies uns um die Nase, als wir den Torre de Belem erreichten, ein Wind, der bald in einen Regen überging. Touristen fuhren mit einem Schiffbus über einen Steg in den Tejo, Möwen flatterten umher, Fitnessgeräte warteten am Ufer auf Sporttreibende, unser Sport aber hieß: Laufen. Obwohl, in die Innenstadt fuhren wir mit der Bahn, schlenderten über den großen Platz durch die Fußgängerzone, lehnten Angebote zur Einkehr dankend ab. Was wird hier erst im Sommer los sein?

Vor den Häusern flatterte Wäsche zum Trocknen, gegen den aufkommenden Regen durch Plastikfolie geschützt, wir schützten uns, indem wir einkehrten, das Tagesmenue für sechs Euro, um trockenen Fußes durch die Alfama zu schlendern, bergauf, bergab, runter zum Museu do Fado, welches montags geschlossen war, hin zum kleinen Laden, der Fisch in Konserven wie Kunstwerke verkauft – und einpackt.

Graffiti an den Häuserwänden, prachtvolle Schönheit neben abgeschabten Häusern, Fado als Touristenattraktion – und für Pia ein paar neue Schuhe. Lissabon-Schuhe. Kurz zurück ins Hotel und zum Abendessen Richtung Bairro Alto, ein hochgelegenes Viertel, dass wir dank Tageskarte mit der Aufzugbahn erreichten. Oben aber sprach uns nichts wirklich an, so dass wir mit der Linie 28E in die Alfama zöckelten. Dort gab es dann Cataplana, für Pia mit Gemüse, für mich mit Fisch, zubereitet in einem alten kupfernen Topf, dampfend und reichlich.

Dienstag, 18. Februar

Wir erreichten den Flughafen schneller als erwartet, nachdem wir im Hostel noch eine letzte Nacht von Samstag auf Sonntag klargemacht hatten. Am Airport sahen wir uns nach einem Schalter um, da wir einen Mietwagen in Empfang nehmen wollten. Freundliche Helfer klingelten einen Shuttlebus herbei, der uns zum Autoverleiher brachte und wenig später saßen wir in einem silbernen Fiat Punto, Kennzeichen 59 NT 79. ein passendes Kennzeichen will ich meinen, 59 war die Eintracht Deutscher Meister, NT heißt natürlich Nach Turin und der Uefa-Cup-Sieg der Eintracht begann mit den ersten Spielen 79. 1979.

Wir verließen Lissabon und rollten über Ericeira an den Atlantik, machten am Strand von Peniche eine kurze Pause und zöckelten über die Landstraße bis wir Nazaré erreichten. Dort bestaunten wir die mächtigen Meereswellen derweil ein orangenes Fußballtor am Strand der Leere standhielt, in der Tat war wenig los, ganz anders dann im Sommer, wenn hier das Urlaubsleben über den Ort schwappt wie eine Atlantikwelle. Ein älterer Mann hockte auf den Steinen der Ufermauer und bastelte kleine Fischernetze zum Verkauf als Souvenir gedacht. Und genau dort trafen wir auch den ersten Frankfurter, der schon einige Tage unterwegs war.

Nach gebratenen Sardinen und einem Bicá mit Blick aufs Meer gings zurück zum Fiat, hinauf auf die Autobahn Richtung Porto, mautpflichtig aber flotter als die knorzigen Landstraßen. Wir hatten ein elektronisches Mautlesegerät an Bord, da nicht an jeder Station mit Bargeld oder Karte bezahlt werden kann, für Reisende mit eigenem Wagen außerhalb Portugals angemeldet eine echte Herausforderung.

Es abendete als wir Porto erreichten, diese verfallende Schöne, majestätischer Ruin. Man möchte Hand anlegen, um den Zerfall der prächtigen Häuser zu retten, man atmet Dunkelheit. Sternen beschienene Dunkelheit. Pia navigierte mich via Handy souverän durchs Stadtgewimmel, vor lauter Aufpassen kam man gar nicht zum gucken. Doch erreichten wir unsere Straße nah des Torre dos Clérigos, allein an Anhalten war nicht zu denken, kein Platz und drängelnde Wagen. Nach wenigen Metern entdeckten wir ein Parkhaus mit gepfefferten Preisen, doch zum Ausladen und Einchecken perfekt gelegen. Keine zwei Minuten später klackerten wir über die Straße und schon trafen wir Uli und Frank, gutgelaunt in der Stadt unterwegs, die Helden der Eintracht-Erinnerung.

Oporto House, so hieß unsere Adresse für die nächsten Tage – und das war auch gut so, die Räume waren freundlich, die Leute desgleichen und wir erfuhren, dass sie schon damit beschäftigt waren, für Eintrachtler ohne Tickets diese zu besorgen. Wir bezogen unser Dachzimmer, die Klimaanlage bollerte und schon waren wir wieder auf der Straße, um den Fiat sicher zu parken. Wir rollten aus dem Zentrum hinaus, fanden einen Parkplatz auf der Rua de Bomjardim vor der Hausnummer 1019, vergewisserten uns, dass alles sicher ist und wanderten zurück in die Stadt. Unterwegs entdeckten wir zwei Hähnchenbratereien, das Geflügel rotierte über einem Holzkohlegrill und rief uns zu: Kommt rein. Später, jetzt wollten wir an den Fluss hinunter, an den Douro, der wenige Kilometer hinter der Stadt in den Atlantik mündet. Früher wurde der Wein mit großen Holzbooten aus den Tälern nach Vilo Nova de Gaia gebracht, um dort in den Kellern zu einem Portwein zu reifen, Ruby oder Tawny, wie beliebt. Unterwegs trafen wir auf Andy und Dirk samt Begleitung. Mit Dirk und Andy war ich vor zwei Jahren schon einmal hier gewesen, damals kickten wir in der zweiten Liga und wären ausgelacht worden, hätten wir seinerzeit verlautbart, wir würden uns hier im Rahmen eines Europapokalspiel wieder treffen.

Unten am Fluss warteten die Restaurants auf Kundschaft, hoch oben eiserte die Ponte Dom Luis I über den Douro, während sich nach oben hin die Häuser in die Stadt stapelten. Gegenüber leuchtete die Reklame der Portweinhersteller. Calem, Noval, Sandemann und viele weitere lockten die Besucher auf die andere Seite des Flusses.

Wir aber wanderten zurück in die Churrasqueira, durchquerten dabei den mächtigen Tunnel, der vom Ufer in die Stadt führt, schlichen an dunklen teils gefließten Häusern vorbei, an Graffitis und menschenleeren Straßen. Oben angekommen trafen wir auf ein neues Andy und Dirk, die begeistert vor ihrem Brathahn saßen und Wein tranken. Am Tresen, dort wo das Essen günstiger ist als an den Tischen, hockten etliche Männer und wenige Frauen und verzehrten das Tagesgericht zu 3 Euro 50. Die Tische waren mit Papierservietten belegt, die Bestellung wurde dort notiert und am Ende wurde der Teil einfach abgerissen und die zu bezahlende Summe zusammen gerechnet. Wir waren glücklich, futterten Frango, den Brathahn, tranken den Hauswein zu drei Euro und beendeten das Mahl mit einem Portwein, um anschließend gemeinsam über den Douro in eine Kneipe zu wandern, um dort unsere Portweinkenntnisse zu vertiefen. Der geplante Abschlussschoppen im Irish Pub fiel flach, da der Laden bereits geschlossen hatte, die anderen machten sich auf die Suche nach einem neuen Ort, Pia und ich aber waren müde und stolperten heim zur Nacht.

Mittwoch, 19. Februar

Der erste Weg führte uns in eine Pastaleria am Torre dos Clérigos, himmlische süße Stückchen und Galao stärkten uns für den Tag und den Anstieg auf den höchsten Kirchturms Portugals. Zwei Euro und 225 Stufen später blickten wir schnaufend über die Stadt. Der Douro lag im Wolkennebel, schemenhaft erkannten wir Vila Nova de Gaia hinter den roten Dächern Portos, der schwarze Romantiker in mir frohlockte, der Fotograf hatte zu tun. Unten angekommen trafen wir auf einen gutgelaunten Isaradler, um nach einem kurzen Schwatz die berühmte Buchhandlung Lello e Irmao aufzusuchen, deren geschwungene Holztreppe uns Staunen machte.

Zu Fuß ging’s dann bei strahlendem Sonnenschein weiter Richtung Chrystal Palace Garden, einem Park mit freilaufenden Pfauen und fantastischen Ausblicken. Einst stand hier sogar ein kristallener Palast, der nun einer großen Pavillonhalle gewichen ist. Wasser plätscherte in die Brunnen, nahezu mediativ, wir setzten uns auf ein Bänkchen in die Sonne und blickten aufs Tal hinab. Und dann klingelte mein Telefon, José aus Lissabon war dran und erklärte, dass unsere geplante Übernachtung in der Hauptstadt am letzten Abend gecancelt ist. Schade, denn nun mussten wir uns statt uns treiben zu lassen mit einer neuerlichen Buchung auseinander setzen. Aber wir blieben gelassen, futterten an einem kleinen Platz nah des Douros Tosta Mista, um über die Uferpromenade, die nun schon gut mit Frankfurtern gefüllt war, den Aufzug in den oberen Teil der Stadt zu nehmen. Prachtvoll dann der Platz der Libertade an der Avenida dos Aliados. Dort hockten Neeko und Ariane müde bei einem Bierchen, natürlich wurden erste Erfahrungen ausgetauscht, bis wir zurück ins Hotel wanderten und uns eine neue Unterkunft in Lissabon suchten – und natürlich auch fanden.

Zurück auf der Straße trafen wir Stefan, und da er vergeblich auf einen Bekannten gewartet hatte, wanderten wir zu dritt zur Ponte Dom Luis I, die wir hoch oben zu Fuß überquerten. Von Zeit zu Zeit klingelte sich die moderne Straßenbahn den Weg frei, wir staunten über die Ausblicke, fotografierten wie die Weltmeister und erreichten nach einiger Zeit Vila Nova de Gaia und so machten wir uns auf die Suche nach einem Portweinkeller. Nach einiger Sucherei landeten wir bei Taylors, gegenüber lag das Mannschaftshotel der Eintracht, von den Zimmern aus bot sich gewiss ein fantastischer Blick auf Porto, mögen die Jungs dies genossen haben.

Da wir recht spät dran waren, war für den heutigen Tag keine Führung durch die Keller mehr angesetzt, aber einen Portwein gab es im freien Verkauf allemal. Wir entschieden uns für zwei, einen Chip Dry (einen trockenen weißen) und einen zwanzig Jahre alten Tawny und oh Freunde, die caramellene Farbe des Ports verbunden mit dem Geschmack der Trauben und des Eichenfasses verlangte eindeutig nach mehr. Sensationell dann der Blick von der hauseigenen Terrasse über die Stadt, auf den Dächern die Möwen, auf dem Boden der Pfau und in der Hand den Portwein. Vom Fluss aber drangen die Gesänge der Eintrachtfans an unsere Ohren.

Der Abend endete in der nun schon wohlbekannten Churrasqueira bei Francesinha und Rotwein und einem abschließenden Bicá der im Norden nur Café genannt wird – und schon lagen wir müde in den Betten und träumten vom morgigen Spiel.

Und dieser Tag ist natürlich einen eigenen Eintrag wert, der demnächst hier erscheint: http://www.beveswelt.de/?p=6735