Die Heimmannschaft tat sich schwer gegen die stabile Abwehr der Gäste – obgleich Angriff auf Angriff rollte. Mehr als ein Törchen aber sprang vor unseren Augen bei strahlendem Sonnenschein nicht heraus. Die zahlreichen Gästefans unterstützten ihr Team lautstark, das Team in rot setzte immer wieder gezielte Konter, während am Spielfeldrand ein Mädchen kurzerhand den Spielball konfiszierte, um selbst damit zu spielen. Es war was los, beim Spiel PSV Stuttgart gegen TB Untertürkeim, welches auf dem Sportplatz hinter der PSV Gaststätte mit 2:4 aus Sicht des Gastgebers endete. Bei Abpfiff aber, waren wir schon längst nebenan, im Neckarstadion.

Es war der Tag der Wahlen, seit Wochen schon verhindern großformatige Reklametafeln die Sicht auf den fließenden Verkehr, damit sollte es nun bald ein Ende haben, wir aber sind brav unserer Bürgerpflicht nachgegangen und haben unsere Kreuzchen gemacht, obwohl Wahlen natürlich nichts ändern, da sie sonst verboten wären. Sei’s drum, es war eine gute Gelegenheit, mal wieder in die Schule zu gehen – dort nämlich wurde gewählt. Fragen zur Wahl beschäftigten uns natürlich auch während des Tages: Schafft die SPD die 5% Hürde? Ist eine Außenministerin Wagenknecht unter Merkel vorstellbar? Wird die AfD für die Reichsmark plädieren? Wie wird Armin Veh drauf sein? In der Schule wurden in einer Vitrine übrigens Verpackungen ausgestellt. Reis.

Nach absolvierter Pflicht folgte die Kür und der rote Dacia rollte über die Miquelallee auf die Autobahn. Spaßvögel hatten die Augen der von den Plakaten blickenden Politiker so verklebt, dass sie schielten, die Sonne schien, Stuttgart wartete. Das Musikprogramm versprach: Keine Experimente. Für Frieden und Eintracht: Placebo, Gogol Bordello, Triggerfinger – Alternative Liste: Pia und Beve.

So rollten wir durch den zunächst leicht vernebelten Tag, am Viernheimer Dreieck überholte uns ein Wagen mit dem Kennzeichen SI-EG derweil wir ins Sinsheim ob eines Staus die Autobahn verließen und die Landstraße enterten. Dort erzählten an einem Parkplatz drei Kreuze die Geschichte eines fürchterlichen Unfalls, bei dem drei junge Männer ihr Leben ließen, wahrscheinlich eben noch gut drauf, das Leben vor sich, ein unachtsamer Moment, ein Baum. End of dreams.

Heilbronn ist ebenso zu vernachlässigen wie Ludwigsburg, sieht man einmal davon ab, dass der zunehmende Verkehr das nahende Stuttgart verkündete. Und natürlich: Stau, Baustellen – das ewige Drama einer Stadt, in der ich bis heute trotz mehrfachem Besuch und eines zweimonatigen Daueraufenthaltes vor einigen Jahren bis heute kaum einen Ort erinnere, an den ich jemanden frohen Herzens hinschicken würde.

Wir parkten am Feuersee nahe der Stadtmitte und marschieren in den lichten Tag. Am See selbst ließen Einheimische ferngesteuerte Schiffchen fahren, die Innenstadt lag dröge im Sonnenlicht und gegen die hiesige Fußgängerzone ist die Zeil ein Ort der Lebendigkeit. Kein Wunder, dass in einem Souvenirshop am Schlossplatz ein Kühlschrankmagnetset verkauft wurde, welches Magnete von Berlin, München, Frankfurt und dem Schwarzwald enthielt, jedoch nichts, was auf den Ort schließen ließ an dem es verkauft wurde. Wir trafen unterwegs auf Sabine, die mit ihrer Vespa gekommen war und nun die die Stadt durchstreifte und wanderten später an Stuttgart21 vorbei, das nächste Drama. Wahrscheinlich wird der Bau noch die nächsten Jahrzehnte für erhebliche Verwirrung im Ort sorgen und für die anfallenden Kosten hätte man jeden Schwaben auf Lebenszeit durchfüttern können. Sei’s drum.

Weiter hinten, am Le Meridien parkte der Mannschaftsbus des VfB, wir betrauerten die nicht mitgebrachten Europapokal-Aufkleber, und schlenderten Richtung Stadion. Da es aber nichts, wirklich nichts, Sehenswertes gab, stoppten wir kurzerhand eine U-Bahn und rollten vorbei an Mineralbädern und den schon aufgebauten Buden der Wasen, Blaulicht allenthalben, und landeten im besagten Biergarten des PSV, dort wo Untertürkeim den Gastgeber im End besiegen konnte. Über einen kleinen Umweg erreichten wir den Gästeeingang, den Gästeblock.

Die Sonne gleißte ins Stadion, der Stadionsprecher brüllte, dass uns Hören und Sehen verging, während die Stuttgarter Kurve anlässlich des 120-jährigen Bestehens des Vereins für Bewegungsspiele eine muntere Choreo präsentierte. Eine ganze Weile starrten wir auf die 189, bis nach einiger Zeit auch die 3 das Licht der Stadionwelt erblickte. Wir verstanden: 1893 – das Jahr der Gründung, damals, als der Bahnhof erstmals geplant wurde.

Die Eintracht mit Flum anstellle von Inui begann druckvoll, die Gästekurve, ordentlich gefüllt, explodierte nach 14 Minuten, Russ hatte die SGE aus dem Gewühl in Führung gebracht. Und während wir noch überlegten, ob es heute tatsächlich einmal anders laufen würde, stand es bereits 1:1. Fortan entwickelte sich ein munteres Spiel, derweil gegen Ende der ersten Halbzeit die ersten Wahlhochrechnungen eintrudelten, Flo saß zuhause vor dem TV und versorgte uns mit Zwischenständen und es schien, als müsse die FDP absteigen derweil es die Sozialdemokraten wieder in den Bundestag geschafft haben. In der Halbzeitpause wurden die vorläufigen Ergebnisse über die Anzeigentafel verkündet, was insgesamt eher beiläufig wahrgenommen wurde. Dann kam die Lindenstraße und wir hörten von Flo erstmal nichts.

Die zweite Halbzeit brachte einige dolle Chancen der Eintracht, die allesamt versemmelt wurden (Kadlec, Aigner, Djakpa), ein seltsames Etwas hinter dem Tor von Sven Ulreich und dann den Führungstreffer des VfB. Ich schloss die Augen, in mir rann Quecksilber, wütendzornigfrustriert ich war – und als ich die Augen öffnete, spielte die Eintracht schon wieder nach vorne, der Treffer hatte nicht gezählt, was die Anzeigentafel geflissentlich ignorierte, die weiterhin TOR verkündete. Je länger das Spiel dauerte, desto klarer spielte sich vor meinem geistigen Auge der Siegtreffer des VfB in der 90sten Minute durch Ibisevic ab. Uns was kam? In der Nachspielzeit? Elfmeter für Stuttgart. Und wer läuft an? Ibisevic. Und dann spielte die Geschichte verrückt, den Stuttgarts Nummer neun schoss über das Tor. Und was ich nie für möglich gehalten hätte, trat ein: Der Elfmeter wurde nicht wiederholt, das 1:1 blieb bestehen – der Punkt war gerettet. Auf dem Platz kam es zu Tumültchen, wir aber verließen den Block, schwatzten den Polizisten eine Abkürzung ab und stopften uns wenig später in die U-Bahn, umzingelt von Stuttgartern, die man unschwer an der Sprache erkennt. Schaffschaubeimdaimler?

wtf

Am Rotebühl-Platz stiegen wir aus, kehrten beim Asiaten ein, aßen Reis! und wanderten zurück zum Dacia. Kurze Zeit später rollten wir zurück auf die Autobahn, im Radio wurden die Wahlen analysiert, bis uns gegen 23:00 Frankfurt wieder hatte. Am Endergebnis aus Stuttgart hatte sich aber während der Fahrt nichts geändert. Bleibt nur die Frage, wer in Stuttgart mit einem Pelz auf dem Kopf das Spiel hinter dem Tor verfolgt hatte.