Es gibt Vereine, die mag man nicht, weil sie Merkmale aufweisen, die sie im Kontext des Fußballs auf negative Weise herausheben. Den VfL Wolfsburg zum Beispiel, der sich um Einnahmen genau so wenig scheren muss, wie die TSG Hoffenheim. Die einen werden von VW gepimpt, die anderen von einem Unternehmer, geschenkt, die Geschichten sind bekannt.

Dann gibt es Mainz 05 und Kickers Offenbach – also die klassischen Lokalrivalen. Während der neutrale Beobachter völlig zurecht den Mainzern in den letzten Jahren eine blendende Arbeit unterstellt und anerkennend nickt, da sich der kleine Club ohne Fremdgeld in der Bundesliga etabliert hat, so denkt der Frankfurter an Thomas Tuchel, an den Stadionsprecher der 05er und an die Narrenkappe – und ist bedient. Ähnliches nur anders fällt einem bei den Kickers auf. Tradition, Emotion, Kampf und der Bieberer Berg als Festung, so wird der OFC trotz aller Skandale in Fußballkreisen wahrgenommen. Wir Frankfurter hören uns „Zyklon B für die SGE“ an – und sind bedient. Ein Sonderfall sind die Münchner Bayern. Generell findet Anerkennung, dass sie abgesehen vom Standortvorteil (Bau des Olympiastadions 1972) es geschafft haben, ohne Fremdgelder über eigenes wirtschaften, eben DIE Bayern zu werden. Auf der anderen Seite haben sie gerne mal Konkurrenten geschwächt, ohne die gekauften Spieler einzusetzen (del Haye) oder tief in die Psychokiste gegriffen, wie Uli Hoeness weiland bei Herrn Daum, ohne eigene Verfehlungen (wie Uli Hoeness weiland bei sich selbst) groß zu thematisieren. Deshalb gibt es zum FCB nur zwei Meinungen: Verehrung oder gnadenlose Ablehnung.

Und dann gibt es noch den VfB Stuttgart.

Der VfB wird außerhalb Stuttgarts in Deutschland ähnlich wie Reis wahrgenommen: Jeder kennt ihn, aber so gut wie niemand würde auf die Idee kommen, Reis einfach so zu essen. Wie schmeckt Reis? Ungefähr so, wie der VfB. Zu Schalke und Dortmund, zum HSV oder Bremen, zu Köln oder Kaiserslautern fällt einem sofort irgendeine emotionale Geschichte ein, zum VfB maximal Mayer-Vorfelder.

Im Grunde ist das Einzige, was der VfB in der Fußballgeschichte positiv geleistet hat, der Titel des Deutschen Meisters im Jahr 1950, als ihnen im Endspiel in Berlin seinerzeit gelungen war, Kickers Offenbach zu schlagen und damit verhinderten, dass der OFC feiert. Eigentlich eine schnöde Sebstverständlichkeit. Und wer weiß, wie es gegen Preußen Dellbrück ausgegangen wäre, hätten diese nicht im Halbfinale gegen die Kickers erst im Wiederholungsspiel den Kürzeren gezogen.

Drei Mal wurde der VfB Stuttgart in der Bundesliga-Historie Deutscher Meister, das ist unfassbar – und wie das geschehen konnte, weiß niemand so genau. Nicht ganz unbeteiligt daran ist die Frankfurter Eintracht. Überhaupt sind Spiele der Eintracht gegen den VfB vor allem in den letzten Jahren aber auch in der frühen Geschichte, von seltenen Ausnahmen abgesehen, ein einziges Drama. Großartig war natürlich der 4:3 Sieg im Jahr 1973, als die Eintracht binnen kurzem einen 0:3 Rückstand in einen Sieg ummünzen konnte. Aber schon im nächsten Heimspiel kassierte die Eintracht beim legendären 5:5 fünf Tore. Dr. Peter Kunter hatte nicht seinen besten Tag erwischt und die SGE gab beim Debut von Willi Neuberger einen 5:3 Vorsprung aus der Hand. Zum Dank besiegte die Eintracht in der Saison 83/84 am vorletzten Spieltag den HSV und schenkte dem VfB den Meistertitel, da Hamburg im letzten Spiel beim VfB mit 5 Toren gewinnen musste, um Meister zu werden. Die Hamburger siegten, ein 1:0 reichte nicht, die Stuttgarter wurden trotz Niederlage Deutscher Meister 1984. Es war das Jahr der Försterisierung des deutschen Fußballs, das Auftreten der Nationalmannschaft bei der folgenden EM sprach Bände. Immerhin schied der VfB gegen Sofia bereits in der ersten Runde des Europapokals sang- und klanglos aus.

Über 1992 brauchen wir nicht zu reden. Da sich vor allem die Eintracht aber auch der BVB mit Händen und Füßen dagegen wehrte, Deutscher Meister zu werden, musste ein anderer den Part übernehmen. Und wenn es jemanden braucht, um dankend Geschenke anzunehmen, drängelt sich der VfB natürlich vor. Ob alles mit rechten Dingen zuging, ist bis heute nicht geklärt: Befindet sich die Meisterschale am finalen Spieltag stets an dem Ort, an dem das Team spielt, welches aus eigener Kraft Meister werden konnte, so war dies wundersamer Weise 1992 anders. In Rostock wartete nur eine Kopie auf die Eintracht, in Leverkusen aber, wo der zweitplatzierte VfB antrat, lag das Original. Welch Wunder dann, dass die Stuttgarter einen Elfmeter geschenkt bekamen, während der Eintracht einer der klarsten Elfer der Bundesligageschichte verwehrt blieb und diese in Rostock nichts reißen konnte. Gerhard Mayer-Vorfelder bekleidete seinerseits einen Posten im Ligaausschuss. Und selbst, wenn es schief läuft, wird der VfB beschenkt. Als Teilnehmer der Championsleague wechselte Trainer Christoph Daum im Erstrundenspiel gegen West Ham Leeds einen damals nicht erlaubten vierten Ausländer ein. Statt der sofortigen Disqualifikation durften die Stuttgarter sogar noch einmal ran, in Barcelona im Entscheidungsspiel. Was in jeder anderen Stadt Deutschlands eine Euphorie auslösen würde, englischer Gegner in Barcelona, war für den Stuttgarter eine Randnotitz: 15.000 Zuschauer, die meisten wahrscheinlich Schulkinder aus Spanien, verloren sich im Camp Nou. Und jetzt, wo der VfB in der erstmals ausgetragenen Championsleague wenigstens Boden für Deutschland  hätte gut machen konnten, da verloren sie.

Und 2007 dominierte Schalke die Liga, hatte am 20. Spieltag sieben Punkte Vorsprung vor dem VfB und am 30. immer noch deren vier. Und wer stand am Ende oben? Nicht, dass in Frankfurt Jubel ausbrechen würde, wenn Schalke Meister wird, immerhin warten die Königsblauen sogar noch ein Jahr länger auf den Titel als die Eintracht. Aber ausgerechnet Stuttgart?

Eine der deprimierensten Niederlagen der Eintracht? 1:6 im DFB-Pokal gegen … die Amateure des VfB Stuttgart. Beispiel für skurrile Schiedsrichterentscheidungen? Bitte: Der VfB Stuttgart erzielt 2008 nach einem Foul von Gomez ein Tor, welches Schiri Rafati völlig zu Recht nicht anerkennt. Nach minutenlangen hin und her plötzlich: Anstoß. Der VfB hatte sich ein Tor in der 88. Minute herbei protestiert, aus einem 2:0 der Eintracht wurde letztlich ein skandalöses 2:2.

Der letzte Heimsieg über Stuttgart liegt nunmehr über 10 Jahre zurück, am 19.05.2001 gab es ein 2:1, die Eintracht stieg dennoch ab – die Stuttgarter aber schafften unter Trainer Magath den Klassenerhalt. Jener Magath, der zuvor mit der Eintracht ein desaströses Halbjahr hingelegt hatte. Anschließend gab es im heimischen Stadion folgende Ergebnisse: 0:2, 1:1, 0:4, 1:4, 2:2, 0:3, 0:2, 1:2 – ein Kabinett des Grauens. In der Abstiegssaison 2010/11 spielte die Eintracht die Schwaben an die Wand – und wer abolvierte das Spiel seines Lebens? Natürlich nicht Stürmer Gekas, der im Trikot der Eintracht spielte, sondern der Stuttgarter Torhüter Sven Ullreich, während sein Frankfurter Pendant Ralf Fährmann mit der Note 5,0 bewertet wurde. Hätte die Eintracht das Spiel gewonnen, sie wäre nicht abgestiegen.

Im Ernst, wo sonst in Deutschland gibt es eine Mannschaft, die während einer ganzen Saison (außer gegen die Eintracht) ein einziges brauchbares Spiel abliefert – und dennoch im Europapokal landet? Ihr ahnt es. Während in der vergangenen Runde die Eintracht so ziemlich jeden begeistert hat, sich phasenweise in einen Rausch spielte – dennoch gleich zwei Mal gegen Stuttgart verlor – und völlig verdient aus eigener Kraft den Einzug in die Europa-League geschafft hatte, so dümpelte der VfB wie so oft vor sich hin, schaffte es aber die tapferen Freiburger im Pokal-Halbfinale zu besiegen, ins Pokalendspiel einzuziehen – und schon vor Anpfiff das internationale Ticket in der Tasche zu haben, da die Bayern unangefochten Meister wurden. Natürlich verlor der VfB das Finale.

Und dann? Gewannen sie gegen Plovdiv in zwei Spielen überhaupt nicht – und standen dennoch in der nächsten Runde, da ein lumpiges Auswärtstor die Sache entschied. Und wer jetzt glaubt, ganz Stuttgart hätte seinen Teil dazu beigetragen, dem sei gesagt, dass der VfB sein Heimspiel in Großaspach ausgetragen hatte. Vor 10.000 Zuschauern. Im Europapokal. Reis. Und als Dank? Während die Frankfurter quasi nach Asien (Baku) reisen mussten, durfte der VfB Urlaub im Süden machen, traf auf Rijeka und verabschiedete sich natürlich aus dem Wettbewerb just dann, als die Ergebnisse auch für andere Vereine Deutschlands im internationalen Ranking interessant wurden.

Es ist also ein einziges Elend. Am Sonntag trifft die Eintracht erneut auf den VfB, in Stuttgart. Und sollte sie tatsächlich was reißen, dann werden die Fans der SGE mit Sicherheit nach Spielende im Autostau verhungern. Aus reiner Bösartigkeit. Denn, wen verwundert es: Stuttgart ist für Autofahrer die Stadt mit den meisten Staus, nicht umsonst titelte die Hamburger Morgenpost vor ein paar Tagen: Nur in Stuttgart ist es noch schlimmer. Und dies gilt irgendwie für Alles.