You told me tales of love and glory
Same old sad songs, same old story
The sirens sing no lullaby
And no-one knows but Lorelei. (The Pogues)

Während die Eintracht die Saisoneröffnung ursprünglich für das Wochende des Valencia-Spiels plante, orderten wir uns Tickets für das Rock la Roca Festival auf der Loreley am 28.07.2012. Prompt wurde die Saisoneröffnung verschoben und somit mussten wir uns entscheiden: Eintracht oder Musik. Da die Tickets schon im Regal lagen, entschieden wir uns für die Musik. Immerhin bildeten mit And also the trees und New Model Army zwei meiner absoluten Lieblingsbands (darf man das heute noch sagen) das Line Up, zu dem sich mit Phillip Boa und Gogol Bordello zwei weitere gern gehörte Acts gesellten. Komplettiert wurde das ganze durch Turbonegro und Triggerfinger. Letztere kannte ich gar nicht und war gespannt. Hochwertiger Indie-Rock also auf der Loreley.

So schnurrte der Golf über die A66, die Sommerglut der letzten Tage hatte sich zurückgezogen, aus dem Radio schepperte die neue Gaslight Anthem bis wir auf der B42 am Rhein entlang tuckerten. Burgen, Weinhänge, Samstagseinkäufler, Ausflügler. Ein Sommertag in den großen Ferien kommt bisweilen unaufgeregt daher. In Rüdesheim trafen sich die Junggesellenabschiede zum Souvenirkauf und -verkauf, rechter Hand ragten die Felsen empor, bald signalisierte ein Deutschlandfähnchen die weltberühmte Loreley. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten textete einst der nicht minder bekannte Heinrich Heine, Ein Stufenweg führte hoch hinauf, derweil in naher Ferne das Örtchen St. Goarshausen auf einen Besuch unsererseits wartete. Es regnete nun.

Wir parkten den Golf unter den Felsen und marschierten die paar Meter zum Ort. Zwischen Felswand und Häusern rauschte die Eisenbahn, davor zog sich die B42 und ein paar Schritte daneben mäanderte der Rhein und neben den Ausflugsdampfern schoben sich die Containerschiffe durch die Fluten. Wir inspizierten die Lage und wunderten uns über die wenigen Menschen, die an einem Festivaltag unterwegs waren. Selbst als wir zum Golf zurück wanderten, parkten nun weniger Autos dort als zuvor. Also stellten wir die Kiste auf einen regulären Parkplatz am Rhein, spazierten zur Loreley-Statue auf der Hafenmole und nahmen alsbald beherzt die Stufen zum Felsen. Schon von unten konnten wir das Einstimmen der Anlage vernehmen und es kostete schon eine rechte Anstrengung, sich Stück für Stück den Felsen hinauf zu arbeiten.

Am Festivalgelände angekommen erspähten wir nur wenige Menschen. Noch waren die Tore nicht offen und so nutzten wir die Gelegenheit zu einer Rast auf den Rheinterassen mit wunderbarem Ausblick auf die Felsen und den Rhein. Über uns lag der Backstagebereich und sowohl Simon Huw Jones als auch Justin Sullivan nutzen die Gelegnheit vor dem Auftritt, sich diesem Ausblick hinzugeben.

Selbst mit Öffnung der Tore hielt sich der Besucherandrang in Grenzen. Als And also the trees das Festival wenige Minuten nach 15 Uhr eröffneten verloren sich nur wenige Zuschauer auf dem steil ansteigenden Gelände – und sie verpassten bei bestem Wetter einen jener wunderbaren Auftritte der Band, die seit dreißig Jahren existiert und dennoch als Opener fungieren muss. Als Triggerfinger sich zum Soundcheck auf die Bühne begaben, kam der Regen. Es schüttete wie aus Eimern, einige wenige hielten sich mit großen Planen oder Capes bedeckt stehend auf den Sitzplätzen, viele aber suchten Schutz unter den Bierbuden oder den Merchandiseständen. Laut waren sie, Triggerfinger, brachialer Rock dreier cooler Jungs, die gar nicht mehr so jung sind und mit einer mächtigen Bühnenpräsenz daher kamen. Der Regen prasselte hernieder, während Sänger und Gitarrist Ruben Block rockte wie nichts Gutes. Erst gegen Ende ließ der Regen nach, das finale Lied aber war eine eher liebliche Coverversion eines Pophits – und I follow Rivers führte Triggerfinger in Deutschland immerhin auf Platz 12 der Single-Charts.

Anschließend hatten Turbonegro ihren Auftritt; eine norwegische Band mit häufigem Mitgliederwechsel, Punkhardrock, lustigen Hüten und einer großen Fanbasis, die allesamt Jeansjacken mit dem Aufdruck Turbojugend trugen und großen Spaß hatten. Manch einer trug ein keckes Matrosenhütchen wie der Bassist der Band Happy Tom. Während die Sonne die nächste Schlacht mit dem Regen für sich entscheiden konnte, rockten Turbonegro quicklebendig die  Loreley.

Wir wanderten von Platz zu Platz, blickten von der Festivallouge ins Rheintal und sahen, wie sich das Festivalgelände nur mühsam füllte. Einige junge Leute ließen es sich gut gehen, barfuß und mit freiem Oberkörper wurde Schoppen um Schöppchen getankt, während nun Philipp Boa an der Reihe war. Teils großartige Musik, teils seltamer Geselle – und so schien es auch heute. Mit dabei die famose Pia Lund, deren Gesang vor allem bei And then she kissed her alles überstrahlte.

Die nächste Band waren Gogol Bordello, Gypsie-Punk oder wie immer man die Musik nennen möchte. Sänger und Gitarrist Eugene Hütz tobte wie ein Irrwisch auf der Bühne herum, von der Geige bis zum MC sprühte die Band vor Spielfreude und brachte das Publikum zum Tanzen, neben den Trees für mich sicherlich das bisherige Highlight des vergehenden Tages, auch wenn zwischenzeitlich der Regen zurück kam und ein Wind dazu.

Headliner waren New Model Army, eine der wenigen Bands, die in den letzten Jahren konsequent ihren Stil gleichzeitg beibehalten und doch weiter entwickelt haben, ohne sich selbst zu persiflieren oder unglaubwürdig zu werden. Justin Sullivan eröffnete gemeinsam mit dem Violisten von Gogol Bordello den Gig mit „Vagabonds“ und in den nächsten 70 Minuten schraubte sich die Band hypnotisch in die Gehirnwindungen der Festivalbesucher. Lichterblitze zuckten, Here comes the war, Purity, 51 State – ein grandioser Auftritt einer grandiosen Band.

Pia und ich wanderten vor dem letzten Lied nach oben, betrachteten das Geschehen von einem erhabenen Standpunkt und verabschiedeten uns dann vom Gelände, derweil die Zugabe in den letzten Zügen lag. Mit der Musik von New Model Army kraxelten wir die Lorelei hinab. Dunkel wars geworden und mit einem Taschenlämpchen leuchteten wir uns den Weg, der steil und teils rutschig war. Am Rhein parkte noch unser Golf, der auch sofort ansprang und alsbald rollten wir am mächtigen Fluß entlang Richtung Heimat. Ob die Saisoneröffnung wohl ins Wasser gefallen war?

Wie auch immer, für uns war es ein großartiger Ausflug, Valleys of green and grey sozusagen. Und damit verabschiede ich mich für ein paar Tage, um unterwegs zu sein. Vielleicht sehen wir uns ja irgendwo. So zum Beispiel am 7.August in Köln. Dort treten nämlich die Pogues auf. Das wird was …