Es war einer dieser Tage, an denen dir dein Leben so abgeschabt vorkommt wie ein 68er Admiral ohne Lenkrad und Räder, der seit Marys Tod vor über dreißig Jahren in der Garage neben Bills Casino am Stadtrand verwitterte. Ich saß am Schreibtisch und rauchte …

… während es draußen Bindfäden regnet und der hochbunte Wagenzug des Christopher Street Days durch Frankfurt zieht. Wir nutzen die Gelegenheit, dem Frankfurter Deutschen Filmmuseum einen Besuch abzustatten. Tom hatte mich neulich darauf aufmerksam gemacht, dass neben der Dauerausstellung derzeit eine Sonderausstellung zum Thema/Genre Film noir zu sehen sei – und da mich dieses ungemein interessiert und wir zudem das Filmmuseum nach dem Umbau noch nicht begutachtet haben, ist doch ein regnerischer Samstagnachmittag der perfekte Zeitpunkt eben jenes zu tun.

Wir sind keineswegs alleine – aber überlaufen scheint mir das Museum nicht. Im großzügigen Foyer sind erste Exponate zu bestaunen (Bambi), Eintrittskarten nebst Bücher zu erwerben und es gibt die Möglichkeit, sich mit Speis und Trank zu stärken. Während im Untergeschoss das Kommunale Kino seine Heimat gefunden hat, ist in den Etagen eins und zwei die Dauerausstellung beheimatet, derweil in Etage drei die Sonderausstellung zu sehen ist. Samstags um 15:00 wird eine öffentliche Führung angeboten, die kostenlos ist, wobei der Obulus für den Eintritt zu beiden Ausstellungen 10 Euro beträgt. Film noir also.

Die Bar (im Vorraum der Ausstellung), die Straße, das Büro und der Wohnraum – innerhalb dieser gestalteten Räume wird die Ausstellung inszeniert; jene Räume, die thematisch angelehnt sind an die geläufigsten Sets des Film noir. In der durch Schwarzlicht ausgeleuchteten Nachtszenerie erfahren wir über auf Monitoren gezeigten Filmausschnitte wegweisender Filme die Vorgeschichte und die Auswirkungen des Genres, welches von profunden Kennern zwischen 1941 und 1958 verortet wird. Unverkennbar die Einflüsse der deutschen Expressionisten, untrennbar verbunden mit dem zweiten Weltkrieg zeigt sich die filmische Welt düster, die Protagonisten gebrochen und die Welt alles andere als klar. Der Einfluss des Film noir auf aktuellere Filme wird bebildert durch Filmausschnitte der 60er (Point Blank), 70er (Chinatown), 80er (Blade Runner), 90er (Matrix) oder des neuen Jahrtausends (Mulholland Drive).

In den anderen Räumen sehen wir auf (zum Teil hängenden) Leinwänden unzählige Filmausschnitte aus Genreklassikern thematisch geordnet. Kameraführung (schräg), Erzähltechniken (Rückblende), Protagonisten (Femme Fatale, abgebrühte Kerle – Rita Hayworth, Humphrey Bogart), Licht und Schatten (düster) werden durch Filme wie Sunset Boulevard, die Lady von Shanghai oder Double Indemnity belegt.

Ich weiß nicht, ob ich es übersehen habe, aber ich vermisste eine Liste der Filme, aus denen die Ausschnitte entnommen wurden. Ansonsten ist die Ausstellung hochinspirierend. Wer sich alle bewegten Bilder anschauen möchte und zudem die Texte liest, sollte ca 120 Minuten Zeit mitbringen und am besten noch die samstägliche Führung mitnehmen. Dann plötzlich fällt im Vorraum ein Mann drei Stockwerke hinab in die Tiefe. Es scheint sich niemand wirklich darum zu kümmern. Und plötzlich fällt er auch wieder nach oben. Das macht er den ganzen Tag – denn er ist nur eine Projektion.

Wer noch mehr Zeit hat, lässt sich durch die Dauerausstellung treiben. In der ersten Etage befinden wir uns in der Entwicklungsgeschichte des Films. Zeichnungen, Illusionen, Anamorphosen, Camera Obscura oder Laterna Magica – die Vorläufer des Filmes werden uns anhand unzähliger Exponate, welche zum Teil sogar bespielbar sind, näher gebracht. Und mit einem Mal fühlen wir uns in eine Zeit versetzt, in der das Staunen noch eine Heimat hatte. Ein Kinosäälchen zeigt uns die verschiedensten bewegten Bilder bevor wir in die zweite Etage wandern – und uns damit der Gegenwart nähern.

Ein Alienkostüm aus dem Hause Giger empfängt uns ebenso wie ein Kostüm, welches Romy Schneider im Visconti-Film Ludwig II getragen hat. Wir sehen eine Animationsfigur von Tim Burton, die Blechtrommel, Autogrammkarten einstiger und jetziger Stars, Informationen zu Montage, Continuity und Setdesign, erfahren, was es mit Matte Painting auf sich hat und können uns am Ende auf vier großen Leinwänden Ausschnitte aus unzähligen Filmen anschauen, die thematisch geordnet unsere Sinne fordern und verwirren.

Unten kaufe ich mir noch ein Reclam-Büchlein über den Film noir, das Thema hat mich gepackt und kaum sind wir draußen, scheint die Sonne. Ein Wind weht. Pia sitzt neben mir und ich frage mich, in welchem Film ich sie gerade gesehen habe.

Leider war es in der Sonderausstellung nicht wirklich erlaubt, zu fotografieren. Einmal habe ich es dennoch getan, man möge es mir verzeihen – meine Gegenleistung besteht in der eben gelesenen kostenlosen Reklame, die ich gerne mache, da ich Konzept und Ausstellung als sehr gelungen und unterhaltsam erachte.

Deutsches Filmmuseum
Schaumainkai 41
60596 Frankfurt am Main

Öffnungszeiten:

Mo geschlossen
Di 10 – 18 Uhr
Mi 10 – 20 Uhr
Do – So 10 – 18 Uhr