Die Dunkelheit legte sich über das Tal, leise mäanderte der Fluß an der alten Mühle vorbei, die Felsen in der Höhe aber wachten ebenso wie der steinerne Turm über die Menschenseelen, die in den Häusern schliefen und träumten und nicht genau wussten, ob sie an die Gerechtigkeit Gottes glauben sollten, denn zuviel Leid hatte er über sie gebracht in all der Zeit, die vergangen scheint. Obgleich sie Beten und Arbeiten auf ihre Fahnen geschrieben hatten, so waren ihre Gebete folgenlos geblieben und die Arbeit hatte sie zermürbt, zumindest diejenigen, die in diesem Leben niemals Herr sein werden, das Knechtsein aber dennoch satt hatten und keinen Ausweg mehr fanden aus einer Welt, in welche sie sich vom Schicksal geworfen glaubten, das sie Gott nanten.

Von Süden her hatten sich zwei Wanderer dem Dorf genähert und fast alles hatten sie gesehen. Sie hatten am Fluss gesessen, vom Turm her das Dorf in der Nacht beobachtet und droben auf den Felsen auf dem gegenüberliegenden Berg in der alten Holzhütte den Blick über die Dächer des Ortes und den Verlauf des Flusses schweifen lassen. Sorglos waren die Tage hätte man meinen können, wenn allein auch nur die Kinder sorglos zu nennen sind, denn sie haben noch kein Wort dafür und doch eine Ahnung dessen was dunkel kommen wird, die Angst vor der Nacht und der Wunsch nach einem Etwas, das nicht existiert.

Die Wanderer aber hatten mit den Augen einen in die Felsen geschlagenen und mit Holz verbauten Ausguck entdeckt, doch so sehr sie auch suchten, so fanden sie keinen Weg, der dort hinaufführte. Seit sie den Fluss überquert hatten, begleitete sie eine Katze, die sich von Zeit zu Zeit ins Gebüsch schlug und doch stets den Weg zurück zu den beiden freundlichen Gesellen fand. In sicherer Entfernung zottelte sie hintendrein und es schien, als hätte ein sanftmütiges Wort den Ausschlag gegeben. „Komm Katze, wenn du schon umherschleichst, so zeige uns wenigstens den Weg zum Ausguck“, meinte einer der beiden im Scherz, denn sie hatten die Hoffnung nicht aufgegeben, obgleich bei allem Suchen sich kein Weg offenbarte.

Plötzlich hallten Schläge durch die Nacht; im Nachbardorf ging die Kirchweih zu End und aus diesem Anlass zündeten die Einheimischen ein Feuerwerk, auf dass die bösen Geister vertrieben und im nächsten Dorf ihr Unwesen treiben mögen. Just als die Wanderer auf der Straße unter dem Ausguck standen, trat – angelockt von den donnernden Schlägen – ein Mann auf den Vorbau am Haus und blickte hinüber zum ungewohnten Lärm. Einer der beiden Wanderer, es war die Frau, die so freundlich zur Katze gesprochen hatte, fasst sich ein Herz und befragte den Mann, ob es einen öffentlichen Weg hinauf zum Ausguck geben würde, was dieser verneinte. Doch ein guter Geist wohnte in ihm und so sprach er, ob die Wanderer dennoch einen Blick hinein werfen mögen, was diese freundlich bejahten. „So steigt die Stufen hinauf“, meinte er und verwies auf eine hölzerne Treppe, die schnurstracks zum hinteren Bereich des Hauses führte, ein Hinweis, dem die beiden gerne nachkamen. Kaum standen sie hinter dem Haus, entdeckten sie in den Fels geschlagene Stufen und schon war der Mann zur Stelle und trug in der Hand eine kleine Laterne, mit der er nun den Weg die Steinstufen hinauf wies. Die Katze schlich still hintendrein.

Nach wenigen Metern erreichten sie den in den Fels geschlagenen Ausguck, der einem hölzernen Pavillon glich. Schwer hing er über dem Hang, gestützt durch einen massiven Balken und kaum hatte der Mann die Türe geöffnet, so bot sich ein atemberaubender Ausblick über das Dorf. Es war der Vater des Mannes, der das Werk einst vollbracht hatte und dessen Vater wiederum hatte das Haus gebaut, dessen Grundlagen wiederum vom Vater des Vaters des Vaters gelegt wurden. So schilderte der Mann seinen Gästen freundlichen Wortes die Geschichte und die Vorgeschichte, die geprägt war von schwerer Arbeit. Jede Ebene wurde dem Fels mit bloßen Händen abgerungen, die Katze aber schlich in den Pavillon und wurde mit einem harschen Wort verjagt. „Gehört die zu euch?“, fragte der Mann und die Wanderer antworteten wahrheitsgetreu, dass der leise Gesell ihnen vom Fluss her gefolgt und zuvor nicht bekannt gewesen sei. „Die habe ich hier noch nie gesehen“, wunderte sich der Mann und erzählte, wie er nun selbst den Pavillon erneuern würde und dies nach seinem Tagwerk, so dass es keinen freien Moment gäbe, nicht am Sonn- und nicht am Feiertag. Nur wenn die Nacht hereinbricht, so verschlägt es ihn von Zeit zu Zeit in die Brauerei am Ort auf einen Krug Bier, vielleicht auch zwei, keinesfalls mehr, denn bei Sonnenaufgang sei die Nacht zu Ende und es käme ein neuer arbeitsreicher Tag, wie ihn schon der Vater und der Großvater und auch dessen Vater gelebt hätten.

Als die Zeit gekommen war, verabschiedeten sich die Wanderer und bedankten sich für das außergewöhnliche Erlebnis und den Nachtblick über das Dorf, derweil der Mann den Pavillon verschloss und mit der Laterne den Weg die Stufen hinab zum Haus beleuchtete. So ging ein jeder seines Wegs, der eine zur Ruhe in die Nacht und die Wanderer auf einen Krug Bier in die Wirtschaft am Fluss, die zu später Stunde noch geöffnet hatte. Und kaum hatten sie ein dunkles Bier bestellt, huschte die Katze wieder herbei, sprang auf das Geländer und warf den Wanderern einen letzten Blick zu, als wollte sie sagen: „Mein Werk ist getan, ihr seid freundlich zu mir gewesen und also zeigte ich euch den Weg hinauf zum Ausguck, jetzt aber gehts hinaus in die Welt.“ Die Wanderer sahen sich an und sie wussten, was zu tun war. Sie bedankten sich bei der Katze und hoben den Krug auf sie, auf den Mann und auf den Glauben an ein Schicksal, dessen Herr wir niemals sein werden. Spät in der Dunkelheit führte ihr Schritt sie weiter auf die Wege, die sie gehen werden. Die Katze aber wurde im Dorf nie mehr gesehen.