… schallte es durchs weite Rund. Nicht nur, dass über 46.000 Zuschauer die Partie zwischen der Eintracht und Erzgebirge Aue sehen wollten, sie erlebten auch ein Fußballspektakel, das wohl keiner der Anwesenden so schnell vergessen dürfte – selbst die Fans aus Aue, obgleich sie jedoch ein 0:4 verkraften mussten.

Der Tag begann wie so oft in dieser Saison mit der Waldtribüne; eine Errungenschaft, die sich mittlerweile auf dem Stadiongelände etabliert hat. Gemeinsam initiiert vom Eintracht-Museum und dem Frankfurter Fanprojekt präsentieren wir seit dem dritten Heimspiel der laufenden Saison Gäste, die uns jede Menge Geschichten rund um das bevorstehende Spiel erzählen. Feste Programmpunkte bilden die Rückblicke auf die Historie der jeweiligen Begegnung, die niemand besser erläutern könnte, als der König der Eintracht-Sammler: Doc Othmar Hermann, und die Verkündung der aktuellen Eintracht-Aufstellung durch Kurt E. Schmidt.

Und wenn ein Spiel wie das der Eintracht gegen Aue erst zum vierten Mal stattfindet und es folglich nicht allzu viele Anekdoten zu schildern gibt, so fällt dem Doc dennoch immer wieder etwas ein. Tief muss er dazu manchmal in seinen Schätzen graben, bis ihm etwas in die Hände fällt und dann zaubert er ein Programmheft hervor oder einen Zeitungsartikel, die etwas besonderes erzählen. So spielte der FC Erzgebirge Aue, der zu DDR-Zeiten Wismut Aue hieß 1956  im Leipziger Zentralstadion vor über 120.000 Zuschauern freundschaftlich gegen den 1.FC Kaiserslautern – und unterlag gegen die Fritz-Walter-Elf mit 5:3; legendär wurde dabei das Flughackentor des Kapitäns der Nationalmannschaft. Gegründet wurde der Verein aus Sachsen 1949 – damals unter dem Namen BSG Pneumatik Aue, der jetzige Name FC Erzgebirge Aue existiert seit 1993.

Als nächstes stellten sich die Mädchen vom außerschulischen Fußballprojekt aus dem Frankfurter Gallus vor, regelmäßig trainieren die Mädchen sogar unter Anleitung einer Spielerin von Eintracht Frankfurt – und träumen natürlich davon, selbst eines Tages das Trikot der Eintracht zu tragen.

Anschließend repräsentierten Dominik und Ralph den Nordwestkurvenrat. Beide sind Sprecher dieser relativ neuen Institution, die gruppenübergreifend die Interessen von Eintrachtfans nach außen hin vertreten will, nachdem es unter anderem vor allem gegen Ende der letzten Saison eine desaströse Berichterstattung seitens diverser Medien über die Eintrachtfans gegeben hat und sich seitens der Fans kaum Widerspruch geregt hatte. Aktuell setzten sie sich mit dem Eintrachtspiel bei Union Berlin auseinander, bei dem ja die Eintrachtler offiziell nicht anwesend sein durften und veröffentlichten eine Stellungnahme, die es sogar ins Stadionmagazin der Unioner schaffte. Für das Spiel beim KSC am letzten Spieltag versucht der NWK-Rat gemeinsam mit den Fanclubs, den Ultras und der Abteilung zu erreichen, dass diejenigen, die das Spiel in Karlsruhe sehen möchten noch einen zusätzlichen Bereich im Wildpark bekommen, um nicht verstreut zwischen den Anhänger des KSC stehen zu müssen – wo Ärger ob der unterschiedlichen Ausgangslagen vorprogrammiert ist.

Aus Aue kamen Klaus und Steffi, beide engagiert im Fanclub Aue-Mitte 82. Klaus gehörte 1982 zu den Gründungsmitgliedern, reiste schon zu DDR-Zeiten mit seinem Verein durch die Lande und zelebrierte ein Fandasein, welches sich von den Ritualen des Westens kaum unterschied; wohl war das Unterwegssein in der DDR weit subversiver, die Reisenden standen unter Beobachtung der Stasi – aber man hat sie im End gewähren lassen. Interessant ist, dass der bekannte Schlachtruf Wir kommen aus der Tiefe, wir kommen aus dem Schacht keine Erfindung der Vorwendezeit ist, sondern tatsächlich aus den Jahren nach der Wende stammt.

Egon Loy, Meistertorhüter von 1959 und Europapokalfinalist 1960 stellte sich anschließend den Fragen von Frauke König und mir. Bis heute ist er der Eintracht treu verbunden und sieht sich die Spiele – so es die Zeit zulässt – im Stadion an. Gegen Aue hat er selbst nie gespielt, es waren andere Zeiten und ein andere Welt. Eine klare Meinung aber hat er zu Oka Nikolov, seinen Nachnachfolger im Tor der Eintracht. Nikolov sei ein Guter, allein er müsse den Spielaufbau schneller gestalten- aber Oka sei ja noch jung und entwicklungsfähig.

Als Kurt Schmidt die Aufstellung verkündete überraschte er uns mit der Tatsache, dass weder Köhler noch Hoffer in der Startformation stehen würden, statt dessen sollten Kittel und Matmour von Beginn an auflaufen – und so war es dann auch und als die Mannschaften einliefen präsentierten die Fans eine von der UF97 organisierten Choreo über die gesamte Nordwestkurve und die Eintracht zeigte sich von Beginn an hellwach.

Aue hatte wenig entgegen zu setzen und als Schildenfeld einen langen Ball nach vorne spielte, nahm ihn Alex Meier im Lauf an und hämmerte ihn zur verdienten Führung ins Netz. Kurz vor der Pause dann ein Zuckerpass von Meier in den Lauf von Sonny Kittel, der ihn volley zum 2:0 für die Eintracht verwandelte.

Selbst nach dem Wechsel und der beruhigenden Führung spielte die Eintracht wie entfesselt und wurde von über 40.000 durchdrehenden Fans angetrieben; selbst die Haupttribüne, selbst die Ostkurve sang und hüpfte, wie es die Arena nur ganz selten, wenn überhaupt schon einmal erlebt hatte. Jung wollte, Jung konnte – und es stand 3:0 für die Eintracht. Nie mehr zweite Liga tobte das Stadion, nicht ahnend, dass ein weiterer Höhepunkt noch bevorstand. Martin und Dino stimmten unten Im Herzen von Europa an, jeder, der nur halbwegs textsicher war sang mit und während des zigtausendfachen Chors gab es einen Freistoß an der Kante zum Sechzehner. Wir sangen, der eingewechselte Benni Köhler lief an und zirkelte die Kugel inmitten des Gesangs zum 4:0 ins Netz – ein umjubelter Höhepunkt des grandiosen Nachmittags, der die Eintracht dem erhofften Aufstieg ein gutes Stück näher brachte.

Am End feierten die Eintrachtler ihre Mannschaft, die Spieler hüpften auf dem Platz wie zwölfjährige umher und selbst der gesperrte Djakpa wurde von seinen Kollegen über den Platz geschleift – im Anzug. Kaum jemand wollte sich vom Ort des Geschehens losreisen – wir hatten einen denkwürdigen Nachmittag erlebt und die gesamte Eintracht ist wieder ein Stückchen näher zusammen gerückt.

Später ging’s in die Bembelbar nach Sachsenhausen, Charly, Holger, Presi und Tom brachten mit ihrer Musik das Remember zum Kochen; überall hockten glückliche Eintrachtfans und sangen und tanzten und babbelten bis tief in die Nacht, die kein Ende finden wollte – und wie singen die Toten Hosen so schön: Das hier ist ewig. Ewig für heute – und so war es dann auch, bis irgendwann die Sonne aufging und ein müder aber glücklicher Beve sich auf sein Rad schwang und nach Hause radelte. An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit. Genau.