Zum dritten Mal bot das Eintracht Museum eine Führung außer Haus an – und zum dritten Mal stand das ganze unter einem bescheidenen Stern. War es beim ersten Spaziergang über den Frankfurter Hauptfriedhof im November 2010 noch bitterkalt, so marschierten wir im Mai 2o11 bei bestem Wetter über den Südfriedhof – einen Tag nach dem vierten Abstieg aus der Bundesliga; die Eintracht hatte nach dem 1:3 in Dortmund auch die letzte Chance verspielt. Und heute lag zwar das 3:0 über Dynamo Dresden hinter uns, was den Regen aber nicht daran hinderte, die zwanzigköpfige Gruppe durchweg zu begleiten.

Unter Führung von Museumsleiter Matthias Thoma, unterstützt von Hans Kasprzyk, führte uns der Weg zum Opernplatz. Dort, wo jahrelang das Café Mövenpick in einem Nachkriegsbau seinen Platz hatte und heute ein modernes Restaurant residiert, befand sich in den Zwanziger und zu Beginn der Dreißiger Jahre das Café Hanselmann; Treffpunkt der Eintrachtler und deren Freunde. Regelmäßige Annoncen in den Vereinsnachrichten zeugten von der Verbundenheit der Inhaber Friedrich und „Mietze“ Hanselmann mit der Frankfurter Eintracht. Die Spieler aber hatten dort auch ein schönes Leben, meist mussten sie keinen Pfennig bezahlen.

Das exklusive Café war zudem Ausgangspunkt so mancher Auswärtsfahrt. Als die Eintracht 1932 das Endspiel zur Deutschen Meisterschaft erreichte, startete von hier ein Konvoi mit 102 PKWs voll mit Eintrachtlern, um die Mannschaft um Trainer Paul Osswald in Nürnberg gegen den FC Bayern zu unterstützen. Bekanntlich hat es am End nicht ganz gereicht, die Eintracht unterlag vor 60.000 Zuschauern mit 0:2. Wenig später fiel das Café Hanselmann der Wirtschaftskrise zum Opfer und musste seine Pforten schließen. Friederich Hanselmann  konnte den Verlust seines Cafés nicht überwinden und beging im Frühling 1933 im Main Selbstmord.

Die nächste Station war die Taubenstraße 25. Dort, wo heute ein Parkhaus der Automassen harrt, betrieb Hans Moeser-Goehring nach Kriegsende in seinem Privathaus quasi die erste Geschäftsstelle der Frankfurter Eintracht, deren Heimat am Riederwald im Oktober 1943 den Bomben zum Opfer gefallen war. Heute erinnert nichts mehr daran, wie die Eintrachtler dort ihre Karten für ein Fußballspiel gekauft  oder sich als Mitglied bei der Eintracht angemeldet haben – einzig die Erinnerung daran bleibt bestehen, so sie denn weiter getragen wird.

Wenige Schritte davon entfernt beherbergt ein 1908 erbautes Gebäude derzeit das Kino Metropolis. Älteren Frankfurtern ist das Haus als Volksbildungsheim bekannt, Veranstaltungsort für Konzerte und Theateraufführungen – das über die Grenzen hinaus bekannte TAT hatte hier bis in die Neunziger Jahre seine Heimat. Als in den Achtziger Jahren die Fanszene lautstark ein Haus für uns forderte fand hier eine große Versammlung der Fans statt, an deren Anschluss die Band Wombatz spielte. Darüber gibt es sogar einen Film, der am 20.03 in der Raumstation Rödelheim im Rahmen der von den Droogs organisierten Veranstaltungsreihe Cine Rebelde gezeigt wird.

Im Oeder Weg selbst befindet sich noch heute die Heimat der Turner von Eintracht Frankfurt. Einst in einem prachtvollem Bau zu Hause, standen die Turner wie so viele nach dem Krieg vor Ruinen. Der Neubau gelang nicht zuletzt deshalb, da eines der ersten Nachkriegsprojekte der Wiederaufbau der Paulskirche war. Über Materialspenden sollte dieser in den kargen Jahren nach 1945 bis 1948 realisiert werden, da in jenem Jahr der 100ste Jahrestag der ersten Nationalversammlung anstand. Oberbürgermeister Walter Kolb zeigte ein Herz für die Turner und riet ihnen, sich in Nacht- und Nebelaktionen Material von der Baustelle zu besorgen – und so kam es dann auch. Und so kann man sagen, dass der Neubau durchaus in ganz enger Verbindung zur Wiege der deutschen Demokratie steht.

Die Geschichte der Turner ist übrigens in wechselhafter Beziehung mit der Eintracht verwoben. 1861 gegründet, fusionierte die Turngemeinde mit den Fußballern des FFV im Jahr 1920 zur Turn- und Sportgemeinde Eintracht Frankfurt. Als die Turner 1927 aus politischen Gründen den Hauptverein verließen, blieb neben der Turngemeinde die Sportgemeinde Eintracht Frankfurt übrig. Erst 1968 kehrten die Turner zum Hauptverein zurück, der Name Sportgemeinde aber blieb auf der Strecke; seit damals trägt der Verein den schlichten Namen Eintracht Frankfurt e.V.

Wer den Oeder Weg dann Richtung Norden entlang spaziert und in die Finkenhofstraße einbiegt, der entdeckt vor der Hausnummer 23 in den Boden eingelassene Stolpersteine in Gedenken an die Eintrachtler Emil und Else Stelzer, die von den Nazis deportiert und ermordet wurden. Schräg gegenüber wohnte lange Jahre der jetzige Eintracht-Präsident Peter Fischer – anfangs für schlappe 120 DM Miete.

Parallel zur Finkenhofstraße verläuft die Fichardstraße. Dort befand sich in Haus Nummer 55 eine weitere Nachkriegsgeschäftsstelle. Legendär wurde der Klapptresen, hinter dem Hans Moeser-Göhring wie schon in der Taubenstraße Eintrittskarten und Mitgliedschaften an den Mann resp. die Frau brachte. Das Haus ist eines der wenigen Gebäude, welches keinem Neubau weichen mussten und noch heute – natürlich renoviert – so aussieht wie damals – als die Eintracht in der Oberliga Süd kickte. Erst mit dem Neubau des Riederwalds zog die Geschäftstelle in den Fünfziger Jahren zurück an die neue alte Heimat.

An der Ecke zur Fichardstraße befindet sich im Oeder Weg 71 das Fischhaus Ohrmann. Das charakteristische Gebäude mit der großen Fensterfront und den schwarzen Kacheln beherbergte lange Jahre die Drogerie von Richard und Inge Kress. Richard Kress, Deutscher Meister 1959, Europapokalfinalist 1960 stand höchstselbst im Laden und die Frankfurter Schulbuben nutzten natürlich die Gelegenheit, um sich bei dem bekannten Eintrachtler mit Autogrammen einzudecken.

Die Ursprünge des Frankfurter Fußballs entwickelten sich in den Neunziger Jahren des vorvergangenen Jahrunderts in der Adlerflychtstraße in der damaligen Adlerflychtschule, an deren Stelle heute die Berta Jourdan Schule steht. Fußballpionier Walther Bensemann begeisterte hier die Jugendlichen für das neue Spiel und gründete bald darauf einen der Vorläufervereine der Eintracht, die Frankfurter Kickers, die – wie die Victoria – auf der Hundswiese kickten.

Über die Adlerflychtstraße gelangt man in die Eckenheimer Landstraße. Dort lebte und arbeitete der Mann, der heute als Gründer der Eintracht gefeiert wird, obgleich es den Namen „Eintracht“ noch gar nicht gab. Der Uhrmachermeister Albert Pohlenk hatte im Haus Nummer 57 seine Werkstatt und war schon im ältesten Frankfurter Fußballverein, der Germania 94 aktiv. Aus diesem Verein heraus gründete er mit Gleichgesinnten am 8.März 1899 den Frankfurter Fußballclub Victoria – neben den Kickers und dem Frankfurter Fußball-Club 1899 der Vorgängerverein unserer Eintracht.

Auf der Wiese am Scheffeleck, dort, wo die Eckenheimer ihren Anfang nimmt, spielten die Schulbuben schon in den Vorkriegsjahren Fußball und Karl Kraus, genannt Micky sprach einst davon, dass derjenige, der hier zu überzeugen wusste später dann zur Eintracht ging. Die Eltern von Karl Kraus hatten in der Schäfergasse ein Hut- und Mützengeschäft – nur ein paar Schritte von der Fleischerei Fleischer entfernt. Und dort lebte eine junge Frau, die für die Frankfurter Eintracht Geschichte schreiben sollte: Tilly Fleischer.

Tilly war die erste Eintrachtlerin, die bei Olympischen Spielen eine Goldmedaille erringen konnte – damals in Berlin 1936 schleuderte sie den Speer so weit wie keine andere. Doch Tilly Fleischer war ein Multitalent, 1943 wurde sie mit den Handballdamen Deutscher Meister. Noch heute erinnert im Waldstadion eine Eiche an die begabte Sportlerin – den ersten Setzling erhielt sie im Anschluss an den Olympiasieg. Leider musste dieser als ausgewachsener Baum gefällt werden, der zweite Setzling wollte nicht so recht – aber der dritte wächst und gedeiht wieder in Erinnerung an Tilly Fleischer am Haupteingang der Arena.

Weitere Geschäfte in der Innenstadt erinnern an die Historie der Frankfurter Eintracht; so bspw. Betten-Zellekens in der Sandgasse 6. Heute unter neuer Leitung wurde das Geschäft lange Jahre von Albert Zellekens geführt, der es von seinem Vater übernommen hatte. Zellekens stand lange der Turnabteilung vor und war maßgeblich an der Fusion mit der Sportgemeinde 1968 beteiligt. Und auch das Bienenkorbhaus an der Konstablerwache birgt eine Menge Eintracht-Geschichte. Der stellvertretende Vorsitzende Erich Gabler, der zuvor die Rugby-Abteilung leitete, führte im Erdgeschoss ein stadtbekanntes Koffer- und Lederwarengeschäft, den Leder-Gabler.

Unweit der Hauptwache findet sich eine weitere Spur geselligen Frankfurter Lebens. Unter dem Parkhaus Hauptwache, in etwa dort, wo schon länger das Helium residiert, betrieb Meisterkapitän Alfred Pfaff eine ganze Zeitlang eine Gaststätte, in der es mitunter hoch her ging. Andere folgten – und bis heute besitzt die Familie Pfaff im Odenwald eine Wirtschaft, in der Alfred bis zu seinem Tod im Dezember 2008 Geschichten aus der alten Zeit erzählte.

Und natürlich beherbergen auch die historischen Orte der Paulskirche und des Römerbergs den Geist der Eintracht. So wurde zum 100sten Geburtstag der Nationalversammlung an der Paulskirche ein Staffellauf ausgetragen, an dem der Eintrachtler Heinz Ulzheimer teilnahm. Später gewann Ulzheimer die ersten Nachkriegsmedaillen bei Olympischen Spielen für sich – und die Eintracht, 1952 in Helsinki war es gewesen. Und wer 1992 nicht an die Ostsee fuhr, der konnte am Paulsplatz beim ersten Public Viewing erleben, wie die Eintracht Deutscher Meister wurde. Zumindest beinahe.

Am Römerberg wohnte nicht nur Nationalspieler Hans Stubb, der von seinem Fenster aus die großen Versammlungen anschauen konnte, hier trafen sich Hunderttausende zur Feier des Meistertitels 1959 und jeder Pokalgewinn oder Aufstieg wurde hier von den Eintrachtlern zelebriert. Seit den Achtziger Jahren passen jedoch nicht mehr ganz so viele Menschen auf den Platz, die Nachbauten der im Krieg zerstörten Häuser der Ostzeile, die heute so gerne fotografiert werden, engen den Römerberg merklich ein. Dennoch trafen sich im Juni 2009 einige Unentwegte, um das 50jährige Jubiläum der Meisterschaft zu feiern, während die Mannschaft im Römer empfangen wurde und anschließend unter großem Applaus den Fans die Schale zeigte.

Zwei Stunden marschierten wir tapfer durch den Regen und hörten Geschichten aus Zeiten, in denen die Eintrachtler immer wieder Grund zu feiern hatten, aber auch aus Trümmern und Leid ein neues Leben aufbauen mussten. Und auch heute noch ist die Eintracht in der Stadt präsent; ein Geschäft verkaufte einen Eintracht-Kopierer, ein anders warb mit dem Adler für Tattoos und Piercings und unzählige Tags der UF 97 zeigen deutlich, wer hier in Frankfurt zu Hause ist: Die Frankfurter Eintracht.