Nach dem 17. Spieltag der Saison 2010/11 lag Borussia Mönchengladbach mit 10 Punkten und einem Torverhältnis von 26:47 auf dem letzten Platz in der Fußballbundesliga; 16 Punkte hinter der Frankfurter Eintracht. Seither holte das Team von Lucien Favre in 34 Spielen 59 Punkte und erzielte dabei ein Torverhältnis von 47:29; ein Wert, der in den letzten beiden Jahren zu einem Uefa-Pokal-Platz gereicht hätte. Für Gladbach aber reichte es im Sommer 2011 immerhin zum Klassenerhalt, realisiert durch zwei Spiele in der Relegation gegen den VfL Bochum und dazu zu einem vierten Platz zum Jahreswechsel 2011/12, der zur Qualifikation zur Championsleague berechtigten würde, so er auch noch am 34 Spieltag Bestand haben sollte. Beste Aussichten also könnte man meinen.

Im Januar 2012 wurde der Wechsel des auffälligsten Spielers, Marco Reus, zu Borussia Dortmund publik; satte 17,5 Millionen Euro werden in die Kassen der Gladbacher gespült. Wenig später entschied sich Roman Neustädter seinen auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern und im Sommer zu Schalke 04 zu wechseln. Und Dante, seit Dezember 2008 in Gladbach unter Vertrag, wurde im Kicker mit den Worten zitiert „Mein Berater regelt, ob ich bleibe.“ Umgehend folgte ein Dementi auf RP-Online; der Weggang sei kein Thema – um am Ende hinzuzufügen: „Aber natürlich will ich irgendwann international spielen.“ „Egal mit wem.“

Ob Dante bleibt, steht in den Sternen. Für die Fans von Borussia Mönchengladbach aber steht fest, dass ein Team, dass es nach langen Jahren geschafft hat, endlich einmal wieder ober mitzuspielen zerfällt, noch ehe es zu einem internationalen Platz gereicht hat. Die Idee, über einen längeren Zeitraum eine Mannschaft zu formen, die erfolgreich spielt; eine Idee, die auch in der Idealvorstellung eines jedes Trainers existieren dürfte, scheint damit hinfällig zu sein, noch ehe die Reise begonnen hat. Mag sein, dass es für Gladbach in dieser Saison für einen Platz unter den ersten sechs reichen wird; spätestens ab der nächsten Saison wird sich das Gesicht der Truppe wandeln – und ein Neuaufbau steht an. Mag sein, dass die Millionen für Reus diesen etwas einfacher machen, Gewissheit zum sportlichen Erfolg aber, dem ursprünglichen Ziel eines jeden Vereins, ist nicht zwingend gegeben.

Auf Grund der Strukturen des modernen Fußballs scheint es unmöglich geworden, längerfristig zu denken und zu planen; etwas aufzubauen, um die sportliche Ernte einzufahren. Um im (vermeintlichen) Überlebenskampf mitzuhalten, scheint es unabdingbar, den wirtschaftlichen Erfolg über den sportlichen zu stellen; dies gilt gleichermaßen für Spieler und Vereine. Die Trainer haben wenig andere Wahl, als dies zu verwalten; sieht man einmal von Felix Magath ab. Notwendigerweise rufen sie binnen kurzem nach externen Verstärkungen, wohlwissend, dass rascher Misserfolg in der Regel mit dem Verlust des Arbeitsplatzes einhergeht. Erst wer auf Grund mangelnder finanzieller Mittel keine andere Wahl hat, setzt auf den Nachwuchs; ein Götze oder Reus, die sich von selbst aufdrängen, sind rar gesät. Es sind eher die Zufallskarrieren, die einen stutzig machen: Hätte es ein Timmy Chandler ohne die Verletzungssorgen des Clubs geschafft? Hätte es Marco Russ zu einer stattlichen Anzahl von Profispielen gebracht, ohne die Verletzungsproblematik der Eintracht anno 2006?

Für den Fan aber heißt dies, sich mit neuen Gesichter anzufreuden, noch ehe man sich an die alten gewöhnt hat – eine Bindung kann so nicht wirklich entstehen. Und so verliert der Fußball auf Dauer diejenigen, deren Leidenschaft die Vereine am Leben hält, vor allem wenn es nicht wie gewünscht läuft. Aus Fans werden Kunden – und Kunden weinen nicht; sie reklamieren. Und sie schaffen eines  in der Regel nicht: Eine Euphorie aus sich heraus – es sei denn, es handelt sich um Kunden von Apple.

Die Mannschaft muss in Vorleistung treten. Dazu aber reicht bei der Frankfurter Eintracht kein dritter Platz in der zweiten Liga – schon gar nicht nach den Wunden des letzten Halbjahres in der Bundesliga. Und die Fans? Die Älteren geben sich dem Verlust der Utopie zynisch hin, die Jüngeren sehen die Fußballwelt als großes Abenteuer, als Erlebniswelt des eigenen Erwachsenwerdens; eine wirkliche Gemeinschaft aber kommt nicht zustande – es sei denn für einen der seltenen großartigen Momente, als bspw. die Eintracht in der Saison 2009/10 ein 0:1 gegen die Bayern in den letzten Sekunden durch Tsoumou und Fenin noch drehen konnte. Die Frage ist nur, wieviele Enttäuschungen sind wir bereit hin zu nehmen, um diese Momente zu erleben. Im großen Geschäft, das sich Fußball nennt.