Kicker Kämpfer Legenden – Juden im deutschen Fußball, so lautet der Titel einer Wanderausstellung, die gestern Abend im Museum der Frankfurter Eintracht eröffnet wurde. Seit 2006 ist die Ausstellung, erarbeitet vom Centrum Judaicum der Stiftung Neuen Synagoge Berlin unterwegs und hat nun auch Frankfurt erreicht.

Die Geschichte des deutschen Fußballs ist ohne Juden undenkbar. So gründete Walther Bensemann 1889 den ersten Süddeutschen Fußballverein, den International Football Club in Karlsruhe, nachdem er einen Fußball aus der Schweiz hat kommen lassen und schon nach wenigen Minuten beim Kick in der Schule ein Fenster zu Bruch ging. Zwei Jahre später hob er den Karlsruher FV aus der Taufe, der 1910 erstmals Deutscher Meister wurde. 1898 organisierte er, der nach seinen Schuljahren durch Deutschland zog, das erste inoffizielle Länderspiel Deutschlands gegen eine französische Auswahl; ein Jahr später war er maßgeblich an der Gründung der Frankfurter Kickers beteiligt, einem der beiden Vorgängervereine der Frankfurter Eintracht. Die Gründung des DFB wäre ohne Bensemann undenkbar und auch das Fußballmagazin der Kicker entstand unter seiner Regie. Den Spielbericht zum Meisterschaftsfinale zwischen der Eintracht und Bayern München 1932 beendete er mit der Ankündigung, dass er zum 1.Juli 1933 sein Amt als Chefredakteur aus gesundheitlichen Gründen niederlegen wird. Schon im März 1933 erschien seine letzte Glosse, wenige Tage später reiste der von den Nationalsozialisten unerwünschte Bensemann in die Schweiz aus. Am 9.April 1933 unterzeichneten mehrere Vereine in vorauseilendem Gehorsam eine Erklärung, in der sie versicherten, die Maßnahmen der Nazis, insbesondere die Entfernung der Juden aus dem Sportbetrieb, mitzutragen. Mitunterzeichner waren der Karlsruher FV und die Frankfurter Eintracht, die es ohne Bensemann in dieser Form nicht gegeben hätte. Im November 1934 verstarb Bensemann im Schweizer Exil und wurde zunächst aus den Annalen des Kicker getilgt.

Ein ergänzendes Augenmerk richtet die Ausstellung im Museum auf die Frankfurter Eintracht, die 1932 erstmals Süddeutscher Meister wurde (2:0 gegen Bayern München) und sechs Wochen später im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft erneut auf den FC Bayern München traf, dessen Präsident Kurt Landauer wie viele Anhänger und Mäzene der Eintracht gleichfalls Jude war.

Die Eintracht verlor das Finale mit 0:2, nicht zuletzt deshalb, weil Kellerhoff nicht dabei sein konnte. Dass es das Team überhaupt soweit geschafft hatte, war nicht zuletzt dem Engagement des jüdischen Bürgertums zu verdanken. Nicht nur dass Schatzmeister Hugo Reiss jüdischen Glaubens war, die Mannschaft selbst war zu großen Teilen angestellt bei der bekannten Schuhfabrik J.&C.A. Schneider, deren Leitung der jüdischen Gebrüder Adler und deren Cousin Walther Neumann oblag. Da die Kicker der Eintracht beim „Schlappeschneider“ schafften, etablierte sich im Volksmund schnell der Begriff der Schlappekicker. Dazu schreibt die FAZ: Der wohl bekannteste Riederwälder, der sein Geld bei Jcas verdiente, war Nationalspieler Rudolf „Rudi“ Gramlich. Es ist eine traurige Geschichte, dass der einstige Ledereinkäufer in der Nazi-Zeit in die Waffen-SS eintrat und mit Billigung des Gauleiters die Eintracht-Führung übernahm, während der Betrieb seines ehemaligen Arbeitgebers „arisiert“ wurde. 1938 mussten Walter Neumann und die Brüder Adler emigrieren. Auf Druck der Nazis unterzeichneten sie einen Verkaufsvertrag; vom Wert des Unternehmens blieb ihnen weniger als drei Prozent. Nach dem Krieg erhielten die Adlers die Firma zurück…“

Ganz nebenbei, Rudi Gramlich ist heute Ehrenpräsident der Frankfurter Eintracht.

Auch der wohlhabende Schatzmeister Hugo Reiss musste zunächst die Eintracht, später dann auch Deutschland verlassen. Lebte er zuerst noch in Italien, so emigrierte Reiss zwei Jahre später mittellos nach Chile und suchte händeringend eine Anstellung. Der Eintracht aber blieb er zeitlebens verbunden. Seine Eltern Max und Jette blieben in der Heimat. Die beiden werden am 19. Oktober 1941 bei der ersten großen Deportation aus Frankfurt nach Lodz verschleppt. Jette Reiss verstirbt am 5. Juli 1942 im Ghetto Lodz, Max Reiss gilt seit der Deportation als verschollen. Zum Gedenken an beide verlegte das Eintracht Frankfurt Museum im Juni 2011 Stolpersteine, es waren nicht die ersten; bereits 2008 wurde an den jüdischen Turner Emil Stelzer und Gattin Elsa erinnert, 2010 an den Fußballer Hans Rosenbaum und dessen Eltern.

Der letzte dokumentierte Jude bei der Eintracht während der NS-Zeit aber war Jule Lehmann, der ab 1929 bei der Eintracht spielte. 1937 wurde er vom Verein ausgeschlossen und aller Wahrscheinlichkeit in den Vierziger Jahren in einem Konzentrationslager ermordet. Die Mutter verstarb auf dem Weg ins KZ.

Die Ausstellung Kicker Kämpfer Legenden – Juden im deutschen Fußball beschäftigt sich auch exemplarisch mit den jüdischen Nationalspielern Julius Hirsch und Gottfried Fuchs, die beide für den Karlsruher FV auf Torejagd gingen. Besondere Popularität erspielte sich Fuchs bei den Olympischen Spielen 1912, als es ihm gelang, beim 16:0 gegen Russland in einem einzigen Spiel 10 Treffer zu erzielen, ein Rekord für die Ewigkeit. Fuchs und Hirsch wurden beide 1910 mit dem Karlsruher FV Deutscher Meister.

Einem Vereinsausschluss kommt Hirsch 1933 zuvor, indem er aus seinem geliebten Karlsruher FV selbst austritt. Dem schrittweisen wirtschaftlichen Abstieg, dem Verlust seiner Anstellungen folgt ein Suizidversuch sowie die freiwillige Trennung von Frau und Kind, um diese vor dem Naziterror zu schützen. Im März 1943 wurde Julius Hirsch nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Gottfried Fuchs gelang es, nach Kanada zu emigrieren und dort unter dem Namen Godfrey Fochs langsam Fuß zu fassen. Nach Deutschland kehrte er nur aus beruflichen Gründen zurück, Ehrungen seines Vereins, dem Karlsruher FV lehnte er ab: Weil sie den Julius Hirsch ermordet haben. 1972 starb Fuchs in Montreal.

Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit Kurt Landauer, dem langjährigen Bayernpräsidenten, dessen Schicksal zunächst von der Ultra-Gruppierung Schickeria beleuchtet wurde, ehe der Verein agierte; sie erinnert an Eugene Jenö Konrad, den Trainer des ruhmreichen Clubs oder an Richard Little Dombi, der Bayern München 1932 zum ersten Titel trainierte. Sie thematisiert den jüdischen Fußball der traurigen Zeit nach 1933 ebenso wie in den Nachkriegsjahren und reflektiert die Gegenwart, in der es z.Bsp. immer wieder zu den gruseligen Fangesängen der U-Bahn nach Ausschwitz kommt.

Zur Ausstellungseröffnung im Museum erschienen nicht nur hochrangige jüdische Funktionäre (Harry Schnabel – Jüdische Gemeinde, Mayer Schankower – Verwalter jüdische Friedhöfe, Simone Hoffmann – Loge B`nai Brit, Robert Faktor & Alon Meyer – Makkabbi Frankfurt, Herr Liepach, Herr Backhaus – Jüdisches Museum), sondern auch viele Eintrachtfans, Vertreter des Fanprojekts und der Anne Frank-Schule und sogar die ehemaligen Spieler Grabowski, Lindner, Reichel und Solz, die es sich nicht nehmen ließen, die Eintracht würdig zu vertreten.

Die Sonderausstellung Kicker Kämpfer Legenden – Juden im deutschen Fußball ist im Eintracht Frankfurt Museum zu den üblichen Öffnungszeiten Di-So 10-18:00 Uhr zu besuchen, der Eintritt zum Museum beträgt 5,- ermäßigt 3,50 Euro. Besonders empfehlenswert ist das Begleitheft, so ihr denn noch eins ergattern könnt.

Zur Aufarbeitung der NS-Zeit gab es im Rahmen des Eintracht-Museums schon mehrere Veranstaltungen; hier dazu ein paar Links aus der alten Welt von Beve:

Ihr Eintrachtler, lasst euch nicht zerbrechen – Teil 1

Ihr Eintrachtler, lasst euch nicht zerbrechen – Teil 2

Ihr Eintrachtler, lasst euch nicht zerbrechen – Teil 3

Fotos:

Beve

Steffen Ewald