Kühl wars als ich am Morgen des 5. Januars Richtung U-Bahnstation Bornheim Mitte marschierte. Über meiner Schulter baumelte ein alter grüner Rucksack, gefüllt mit ein paar Habseligkeiten, die man für ein paar Tage in einem fremden Land braucht. Um 6:20 sollte er gehen, der Flieger nach Lissabon – und ich war gut in der Zeit. Noch in der S-Bahn traf ich Andy, wir waren die letzten der zehn Mitreisenden, die pünktlich um 5:00 am Frankfurter Flughafen eingetrudelt waren. Es war die Crew, die Monat für Monat die Fanzeitung Fan geht vor für die Fans der Eintracht produziert und sich nun auf eine fünftägige Winterreise nach Portugal aufmachte. Erster Halt: Lissabon.

Der portugiesische Ligaspielplan sah vor, dass Sporting am Samstag gegen den FC Porto antreten würde, während Benfica Tags drauf bei Uniao Leiria zu spielen hatte; genug Zeit also, um durchs Land zu treiben und sich vom blauen Himmel bescheinen zu lassen. Wir fuhren mit der berühmten Linie 28 durch Lissabon, tranken Galao und aßen dazu Pasteis de Belem und spazierten später an der Fernando Pessoa Statue vorbei, dessen Buch der Unruhe die Zähigkeit des freudlosen Daseins reflektiert; Raucher, Trinker, der Pessoa war, blieb er sein Leben lang in der literarischen Welt nahezu unbekannt, arbeitete unauffällig darbend als Handelskorrespondent, um 47-jährig ruhmlos zu sterben. Heute ist er einer der Nationaldichter Portugals, da kann er sich nun aber auch nichts mehr von kaufen.

Abends ging’s zum Essen nach Bairro Alto, so eine Art erhöhtes Alt-Sachsenhausen; manchmal leuchten Graffitis an den Wänden abgeschabter Häuser, zwischen Fadolokalen und modernen Bars locken dich Animateure in die Restaurants und verscheuchen somit die Winterkunden. Zwischen 1980 und heute ist die Einwohnerzahl Lissabons um 300.000 geschrumpft.

Der nächste Tag brachte uns in den Nordosten des Landes, vorbei an Oliven-, Orangen- und Zitronenbäumchen; über Tomar gings nach Monsanto zum Sonnenuntergang in den Steinen und weiter nach Covilha, der Silberbarsch für sechs Euro fünfzig, der hervorragende Landwein für 2,50 die Flasche, branco oder tinto, wie beliebt.

Über den Serra de Estrela, dessen Skilifte derzeit mangels Schnee still stehen, rollten wir dann weiter durchs sonnige Land, stärkten uns bei Tosta Mista und Cerveja um des nachmittags in Porto einzurollen, wo der Douro in den Atlantik fließt und gegenüber in Vila Nova de Gaia der Portwein in den Kellern von Calem, Kopke oder Noval reift. Die teuerste Flasche, die ich in einem der vielen kleinen Läden entdecken konnte, kostete 1300 Euro. Wir begnügten uns in der Dunkelheit in der kleinen Taverne von Manel mit einem Ruby von Burmester, wobei der Quinta de Noval als Digestif nach den Sardinen durchaus runder schmeckte. Alles eine Frage des Preises. Von  Porto aus gesehen ist das Ufer von Vila Nova de Gaia mit den Tavernen und der Leuchtreklame der großen Portweinkellereien ein reizender Anblick, zumal sich über der Brücke Dom Luis I ein hübsch beleuchtetes Gebäude befindet. Vielleicht wisst ihr ja, was es ist.

Porto ist die heimliche Hauptstadt Portugals, fliesenverkleidete Kirchen, Kathedralen und enge Gassen prägen das Stadtbild ebenso wie die unzähligen Bars und Restaurants. Wäsche flattert aus dem Fenster, Graffitis verzieren die Wände und neben der Ponte-Dom-Luís-I ist das vielleicht auffälligste Gebäude der Torre dos Clérigos; wer die 225 Stufen nach oben marschiert erhält als Lohn einen prächtigen Rundumblick bis hin zum Atlantik. Zwischendurch ein paar Rissois de Camarao, ansonsten steht Fisch auf der Speisekarte und Francesinha, das Nationalgericht Portos; Toast, Schinken, gegrilltes Rindfleisch, mit Käse überzogen und in einer Biersauce serviert sollte man es probiert haben, um zu wissen, wie sich Porto anschmeckt.

Auf dem überdachten Markt warteten noch lebende  Hühner, Enten und Kanninchen auf neue Besitzer, während Octopusse und Sardinen ihr Leben ausgehaucht hatten und noch am Abend auf die Grills der Restaurants wanderten. Nicht jeder kann sich alles leisten; selbsternannte Parkplatzwächter weisen die Autofahrer in freie Parkplätze ein und fordern zu Recht eine Münze, und Raucher werden gerne mal um eine Zigarette angeschnorrt, der Portwein für n Tausender geht an andere.

Wir aber brachen nach einem Morgen in Porto auf, um über einen Meeresausflug nach Figueira da Foz und sehnsüchtigen Blicken auf den Atlantik zurück nach Lissabon zu fahren. Punkt 20:15 sollte es losgehen; Sporting vs FC Porto im zur EM 2004 erbauten Stadion Estádio José Alvalade – der Erste gegen den Dritten der portugiesischen Liga. Spitzenspiel, dumm nur, dass wir noch keine Karten hatten. Im Radio wechselte sich Offspring mit Pulp ab, derweil hie und da ein portugiesischer Rocksong durchschlüpfte; wir im Raucherauto waren guter Dinge. Wir überholten die Portobusse, die gleichfalls guter Dinge waren, zumindest solange, bis sie vor den Toren Lissabons von der Polizei angehalten wurden, die auch hier keinen Spaß versteht.

Vor dem Stadion mit den gelben Bögen ging’s geradeweg in ein Parkhaus; 4 Euro der Spaß, hier ist die große Welt zuhause. Noch lagen über zwei Stunden bis zum Anpfiff und es gab tatsächlich noch Karten am Eingang – für 47 Euro das Stück. Ich schluckte während die anderen den Beutel zückten, und entschied, mir kein Ticket zu kaufen. Eine andere Möglichkeit wird sich finden lassen und wenn nicht, dann geht’s auf eine Cerveja in eine Bar.

Zunächst aber stärkten wir uns mit Bifanas mit Piri-Piri und stürzten uns dann ins Getümmel. Währende der Rest sich im Fanshop umsah, trieb ich mich am Ticketverkauf rum und siehe da, für 30 Euro konnte ich bei einem Schwarzhändler ein Ticket ergattern, ein Gefühl wie beim Dopekauf früher an der Konsti. 30 Euro sind zwar immer noch teuer genug aber ich hatte so noch Geld für sieben Flaschen Landwein in Covilha übrig. Oder so. Jetzt musste ich nur noch ins Stadion kommen. Von wegen elektronischer Lesbarkeit und so. Aber ich nehm’s vorweg, es hat alles geklappt.

Mein Platz war ein paar Schritte neben einem Zaun der aber nicht allzu groß störte, die Sitze bunt wie das Leben in London und das Stadion ganz in Grün und Gelb gehalten. Auf jedem Sitz hing ein Plastikbogen für eine Choreo während der Stadionsprecher die Zuschauer mit Spooooorting zum Wechselgesang animierte. Cheerleader hüpften auf dem Platz herum, Fahnenschwenker betraten das Spielfeld und ein neben mir stehender Ordner tippte mir nach Beginn auf die Schulter: Hinsetzen. Auch bei Sporting heißt es: Willkommen im modernen Fußball. Ich war für Porto.

Vor dem Spiel wurde dann die Stadionchoreo präsentiert, rundum leuchtete alles in grün und weiß nebst Banner, die ich nicht übersetzen konnte, nur gegenüber im Eckchen schrieen sich die Auswärtsfans des FC Porto heißer und schwenkten ihre Fahnen. Pünktlich zum Spielbeginn strömte grün-weißer Rauch aus Düsen, die vor den Kurven installiert waren und hüllte das ganze Stadion ganz offiziell in dichten Nebel, der noch beim Anpfiff über dem Rasen lag. Sporting wie Celtic grün-weiß, Porto in blau-weiß und es ging gleich zur Sache, nach einer Minute gab’s die erste gelbe Karte. Das Spiel wog munter hin und her, bloß Tore wollten keine fallen obgleich der Support ganz ordentlich war. Das Ganze erinnerte an ein lebhaftes Bundesligaspiel mit engagierten Fans, manch weiblicher Fan trug einen rosa Schal um den Hals, alkoholfreies Bier stand nicht auf der Speisekarte, aber immerhin durfte man bar bezahlen. Nach 90 Minuten ist es dann beim 0:0 geblieben – ein Törchen hätte ich schon gerne gesehen, alleine, um zu schauen, wie die Ränge reagieren, aber man kann nicht alles haben und so verließen wir Lissabon ein zweites Mal und landeten in unseren gebuchten Appartements außerhalb der Stadt nah am Wasser. Bei einem Schoppen sahen wir noch im TV, wie Real Madrid den FC Grenada mit 5:1 demontierte. Morgen sollte es dann nach Leiria weitergehen – doch I know not what tomorrow will bring …. Wie es Fernando Pessoa in seinen finalen Worten einst nieder schrieb.