Es gibt Tage im Leben, da schwurbelt dein Gehirn in rasantem Tempo, so rasant, dass man mit dem Denken kaum noch hinterher kommt. Hier ein Input, dort eine Erinnerung und obgleich eine Ahnung vorhanden ist, so stellt man fest: Das passt doch alles eigentlich gar nicht zusammen. Oder doch?

Greifen wir doch mal mitten hinein, in das Geschwurbel und lassen uns überraschen, was am Ende dabei herauskommt, beginnen wollen wir aber mit Jan Fleischhauer, eine Art gewiefterer Lothar Matthäus der bekennenden Rechten. Das ist der Mann, der 2009 urplötzlich  aus dem Hintergrund, quasi aus dem Nichts in der öffentlichen Medienlandschaft erschienen ist und seit 2010 einen festen Platz in den Kolumnen auf Spiegel-Online hat. Die Seinige trägt den Titel: Der schwarze Kanal, eine dezente Anlehnung an Karl-Eduard von Schnitzlers (Sudel-Ede) epochaler Ostzonen-Sendung Der schwarze Kanal, in welcher dieser beständig die notwendig dem Kapitalismus innewohnenden destruktiven Erscheinungsformen geiselte. Die Antwort des Westens seinerzeit hieß Gerhard Löwenthal, dessen Sendung ZDF-Magazin wiederum das politische Gebaren der DDR desavouierte. Propaganda also hüben wie drüben. Mit dem Fall der Mauer hatten sich beide Sendungen erledigt, alte Aufzeichnungen wurden fortan unter der Rubrik „Satire“ abgelegt.

Jan Fleischhauer, im Folgenden ob der Kürze und der selbst gewählten Affinität kurz Sudel-Jan genannt, erblickte das Licht der Medienöffentlichkeit durch die Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel „Unter Linken: Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“. Dazu erschien passend ein Film, worin Sudel-Jan ganz investigativ im Stile Michael Moores versucht, (wobei die Nennung des Namens Moore im Zusammenhang mit Sudel-Jan blasphemisch wirkt) linken Wirrsinn zu entlarven. Selbstverständlich wurde dieser Film vom politically incorrecten Blog (auf dessen Verlinkung ich hier gerne verzichte) als Filmtipp geadelt. Inkognito besuchte Sudel-Jan Veranstaltungen (vermeintlich) linker Gruppierungen und provozierte durch entsprechende Fragen phasenweise verwirrende bis dämliche Antworten, die er dokumentierte und im Film verwertete. Während sich Moore seinerzeit im Rahmen des Massakers an der Columbine Highschool in Littleton an die Waffenlobby heranwagte und deren Widersprüche entlarvte, so gab sich Sudel-Jan mit skurrilen Weltbildern der Grünen Jugend oder versprengten Kreuzberger Radikalen zufrieden, die einem CDUler mit Wasser bewarfen und anschließend zur Polizei geflüchtet sind. Im Klartext: Während Moore die politisch-gesellschaftliche Relevanz der Waffenproduzenten und -lobby aufzeigte und diese mitverantwortlich für das Massaker machte, arbeitete sich Sudel-Jan an seinen sozialdemokratischen Eltern ab, die ihm im Sinne der antiimperalistischen Erziehung Errungenschaften aus Amerika verweigerten und führte zu diesem Zweck Jugendliche vor, deren Vater er hätte sein können – altersbedingt. Eine großartige Leistung, die an Oliver Kahn erinnert, der sogar in einem Elfmeterschießen für einen guten Zweck alle auf ihn geschossenen Elfmeter parierte, wobei jeder Treffer Geld eingespielt hätte. Seither trifft man Sudel-Jan auch gerne in Talkshows, in denen sich er sich als starker Meinungsträger in gewohnt blasierter Haltung und kaum zu unterdrückender gefühlten eitler Überlegenheit zu Themen äußert, die irgendwas mit Sarrazin zu tun haben.

Jetzt ist es unbestritten, dass innerhalb der Linken – oder denen, die Sudel-Jan dafür hält – widersprüchliche oder gar saublöde Erscheinungsweisen an den Tag treten, die man völlig zu Recht kritisieren kann; auch muss man nicht zwingend über die Motivation des Kritikers Bescheid wissen. Und natürlich kann Spiegel-Online nach Belieben Kolumnen betreiben, auch wenn diese von Erkenntnisgewinnen so weit entfernt sind, wie die Eintracht von der nächsten Meisterschaft – obgleich sich Sudel-Jan mittlerweile zum Sprachrohr notorischer Linkenhasser hervor gearbeitet hat, denen es völlig wurscht ist, was ihnen vorgesetzt wird, solange es nur Argumente gegen den vermeintlichen Feind liefert.

Interessant wird es erst, wenn urplötzlich etwas ganz anderes zum Vorschein tritt. So geschehen letzten Montag, als sich Sudel-Jan den schwerreichen Kapitalismuskritiker George Soros vornahm. Dass Sudel-Jan dabei gänzlich übersieht, dass ausgesprochene Wahrheiten sich herzlich wenig darum kümmern, wer sie jetzt gerade formuliert, ist das eine. Das andere ist ein Satz für die Ewigkeit: Auch bei uns gibt es ja den Vertreter dieser Spezies des Linksmillionärs, dessen Namen man unter jeder Unterschriftenliste findet, wenn es um die gute Sache geht. Schade, dass niemand ernst macht und diesen Leuten wirklich die Hälfte ihres Vermögens abnimmt. Abgesehen davon, dass es hier und überall von Linksmillionären nur so wimmelt, so darf die Frage gestellt sein, weshalb das naheliegendste eben nicht Eingang in Sudel-Jans Ausführungen gefunden hat, nämlich die These: Schade, dass niemand ernst macht und allen Überreichen die Hälfte des Vermögens abnimmt. Dass Sudel-Jan sich vor solch einer These drückt, wie der Teufel vor’m Weihwasser, liegt auf der Hand: Hier geht es nicht mehr um das Abarbeiten an einer verkorksten Erziehung oder gar Erkenntnisinteresse, hier geht es um kaum zu verhehlende Lobbyarbeit für handfeste Interessen, wie ein Beitrag des Magazins Monitor vom August 2011 beweist – und der den Zusammenhang weitaus größerer Lobbyarbeit aufzeigt, nämlich die massive Einflussnahme von Finanzinstituten auf die Ausrichtung deutscher und europäischer Politik. Im Text zum Beitrag lesen wir auf der Homepage der Sendung Monitor: Das jährliche Treffen des International Institute of Finance. Das IIF ist die Lobbyvereinigung der mächtigsten Banken weltweit. Vorn dabei ihr Vorsitzender Josef Ackermann. Wer sich fragt, warum bei all den Finanzkrisen die Banken nicht mehr zur Kasse gebeten werden, warum sie nicht mehr reguliert werden, der muss diese Leute fragen. Banker in Feierlaune. Diese Herrschaften sind gut vernetzt, die Organisation hier hat ein Lobby-System entwickelt, das sich kaum noch perfektionieren lässt.

Wen verwundert es, dass auf diesem Treffen bei Minute 1:26 und 1:31 Sudel-Jan zu erkennen ist. Wie hieß es doch so schön? Diese Herrschaften sind gut vernetzt, die Organisation hier hat ein Lobby-System entwickelt, das sich kaum noch perfektionieren lässt.

Ein Schelm, der dabei an Sudel-Jan denken lässt, der wöchentlich in einem der renommiertesten Online-Magazine die Scheinargumente gegen die liefert, die ansatzweise diesem Lobbyismus entgegen treten (in der Regel Linke) oder die am massivsten unter dessen Auswirkungen zu leiden haben: Die Habenichtse.