Da Pia am Sonntag einen Ausflug geplant hatte, stellte sich mir die Frage: Was tun? Nachdem  schon der Samstag morgen mit strahlender Sonne lockte und der neue Trainer Christoph Daum mit seinem Co Roland Koch in den letzten Wochen der Eintracht womöglich neues Leben eingehaucht hatte, verfiel ich auf die Idee, vielleicht doch an den Ort des Geschehens zu fahren. Also schickte ich Gabi noch am Samstag eine SMS mit der Frage, ob im Bus der Geiselgangster noch ein Platz ins schöne Wolfsburg frei wäre. Da ich während des restlichen Samstages nichts von ihr hörte, sah ich mich schon in einer überfüllten Wirtschaft hocken und bangen Blickes auf eine Leinwand starren, vielleicht mit vorangehender sonnig-chilliger Fahrradtour an der Nidda.

Sonntag morgen; 8:30. Nachdem ich noch in der Nacht zuvor auf Knien über den Friedberger Platz gerobbt bin, um kleine gemalte Stadtgeister zu fotografieren, war ich zur frühen Stunde noch recht unbeholfen auf den Beinen. Mechanisch griff ich nach meinem Mobiltelefon. Sie haben eine neue Mitteilung blinkte mir entgegen. Beve alter Erfolgsfan las ich dort, komm vorbei, ein Platz wird sich finden. Nix wars mit Fahrradtour, wilde Gesellen, toller Fußball und eine der schönsten Städte Deutschlands warteten auf mich – das ist doch was. Und so blieb auch der silberne Golf zu Hause und ich radelte nur wenig später durch das erwachende Frankfurt. Kleine Menschenschlangen bildeten sich an verschiedenen Bäckereien, lila Geister hüpften mir im Anlagenring in den Weg und riefen mir zu: Hey, wir sind das Abstiegsgespenst und grüßen ganz freundlich, die Alte Oper schlummerte neben den Hochhäusern und es lag noch eine rechte Ruhe in den Straßen.

In der Münchner Straße konnte ich mein Rad im Hof des Arbeitgebers von Pia abstellen, das sollte sich vor allem für den Rückweg als praktisch erweisen. Jetzt marschierte ich Richtung Südseite, begegnete noch zwei an Häuserwände geklebten Smilies und wertete dies als gutes Omen.

Nur wenige Minuten nach meinem Eintreffen kam auch schon der Bus angerollt; traditionell ohne Toilette dafür aber mit der Option zum Rauchen. Und da fiel es mir wieder ein: Mir steht meine erste Auswärtsbusfahrt als Nichtraucher bevor, vorbei die sorglose schöne Jugendzeit, die bis letzten Spätherbst anhielt.

Ich begrüßte viele alte Bekannte, Charly war dabei, Holger, Ruth und Siggi, André und Sandy, Buffo und Gerre, Gabi und Ina und wie immer auch der ein oder andere Ersttäter. Ich setzte mich ganz nach vorne neben Ralf, der sich wie meist für die Getränke verantwortlich zeigte. Die Uhr schlug halb elf als sich der Tross in Bewegung setzte.

Die Sonne lachte uns an, wir rollten durch das Frühlingsdeutschland, die Stimmung im Bus war ähnlich beschaulich, wie der Blick aus dem Fenster ins sonntägliche Hessen, eher ruhig als überborden und es dauerte erstaunlicher Weise eine ganze Weile, bis wir den ersten Stopp einlegten. Von nun an hangelten wir uns durch den beginnenden Regen über Kassel nach Niedersachsen; aus den Lautsprechern pluggerte leise Musik, AC-DC, Mike Krüger, Billy Idol, Black Eyes Peas oder die Frau Rauscher aus der Klappergass. Irgendwann wunderte ich mich, dass bei den Einkaufsmärkten kaum was los war und als ich mich noch wunderte, meinte Ralf, dass er sich gewundert habe, dass die Läden kaum besucht waren, – bis es ihm gedämmert war, dass heute ja Sonntag ist und nicht Samstags 15:30. Stimmt. Sonntag.

Ein Motorradfahrer überholte waghalsig einen PKW links auf der linken Spur, Windräder drehten sich auf den Feldern und mir fiel auf, dass jene Windräder ein sichtbares Zeichen dafür sind, dass wir uns nicht mehr in Hessen befinden. Der Hesse hat es wohl gegen den Trend nicht so mit erneuerbaren Energien. Wir waren ja schon immer ein trotziges Völkchen mit schönen und klugen Männern an der Spitze unseres Landes. Hinter Kassel kam der Regen.

Höhepunkt der letzten einhundert Kilometer war sicherlich die Tombola, die von Gerre ebenso charmant wie euphorisch moderiert wurde; ein Mitfahrer des EFC Bornheim Mitte räumte die drei Hauptgewinne ab und ließ eine Runde springen. Dass es noch besser kommen sollte, ahnte bis dahin noch niemand.

Hannover, Braunschweig, Wolfsburg. Wir erreichten die Stadt des zweitüberflüssigsten Bundesligisten ohne Zwischenfälle gegen 15:30 und rollten zunächst am alten Stadion vorbei, erblickten dann das neue und landeten auf Anhieb auf dem Busparkplatz zwischen dem Gästeeingang und dem träge dahin fließenden Kanal.

Der erste Weg führte mich zum Burgerstand, für drei Euro kann man da nicht meckern – und dies dürfte  auch schon mit das Beste in Wolfsburg sein. Anschließend marschierte ich ein paar Meter am Wasser entlang, dann am Stadion, traf auf ein paar Ordner, die Hunde an der Leine  hielten, ab und an sah man auch ein paar Polizisten sowie ein VW Zeichen und ein grünes W, und als der Regen heftiger wurde, wanderte ich zurück zum Einlass. Dort traf ich Dominik, der nach schönen Wochen im asiatischen  nichtjapanischen Ausland wieder in Deutschland weilte und darüber gar nicht so beglückt war; wer steht schon gerne in Wolfsburg im Regen. Alsbald stand ich vor einem Ordner, der mich beflissen und kräftig untersuchte und – als ich nicht gleich auf seinen Befehlston reagierte  – anblickte, als wollte er mich töten. Aber da unterschieden sich unsere Blicke in nichts.

Es war früh, das Stadion war noch recht leer und ich suchte mir einen Platz in der letzten Reihe des Unterrangs. Die Stehplätze sind hier durchgehend mit arretierten Klappsitzen bestückt, mit der Zeit wurde es voll und damit auch eng im Block. Ca. 30 Sekunden  lang wurde von der Stadionregie Im Herzen von Europa angespielt, die Wolfsburger pfiffen, der Eintracht-Block sang etwas anderes und so taumelte die Zeit ins Land. Der Reklame-Zeppelin drehte seine Runden, irgend jemand sagte irgendwas ins Mikrofon bis Wolfsburgs Torhüter Benaglio den Rasen betrat und vom Stadionsprecher in ohrenbetäubender Lautstärke begrüßt wurde. Etwas später kam auch Ralf Fährmann mit Andi Menger  und machte sich warm. Noch später erschienen die Teams, Co-Trainer Koch winkte demonstrativ den Fans zu und startete anschließend seine Gymnastik- und Aufwärmübungen mit der Mannschaft. Über die Lautsprecher dröhnte nun das Lied der Niedersachsen, gesungen von Heino – Heil Herzog Widukinds Stamm. Später wedelten Wolfsburger Fans oder Angestellte auf dem Rasen mit großen Schwenkfahnen während der Stadionsprecher die Lautstärke der Anlage ausnutzend die Wölfikurve sowie nacheinander auch jede andere begrüßte.  Diese wedelten mit kollektiv ausgeteilten Fähnchen zurück. Dann ging’s los. Die Eintracht begann wenig überraschend mit der Aufstellung Fährmann – Jung Russ Franz Tzavellas – Rode Clark – Ochs Meier Altintop – Gekas und stand von Beginn an mit dem Rücken zur Wand. Wolfsburg spielte, Wolfsburg drückte und Wolfsburg vergab Chance um Chance. Die Eintracht konnte von Glück reden, dass Wolfsburg den Kasten nicht traf. Grafite und Helmes klebte das Schusspech an den Stiefeln; die Frankfurter warfen sich zwar mutig dazwischen, konnte spielerisch aber nicht entgegenhalten. Im Grunde war es nur eine Frage der Zeit, bis Wolfsburg in Führung gehen würde. Eintracht-Torhüter Fährmann mit Licht und Schatten, aber zur Halbzeit stand die Null. Gott seis gedankt. Allzuviel gesehen hatte ich jedoch nicht, weil ein paar Reihen unter mir nahezu durchgehend zum Gesang der Kurve ein Fähnchen gewedelt wurde.

Der beste Frankfurter Auftritt folgte in der Halbzeitpause: Völlig überraschend tauchte unser Mitfahrer André auf dem Rasen auf, ausgewählt für das Halbzeitspiel, in dem es galt, im Duell mit einem Wolfsburger einen Ball auf das mit einer Zielscheibe versehene Tor zu schießen. Wessen Ball näher am Mittelpunkt haften bleibt, der gewinnt 1000 Euro. Leichte Irritation zeigte sich bei den Wolfsburger Organisatoren als André über Mikro erklärte, dass er mit den Geiselgängstern unterwegs war, was ihn jedoch nicht davon abhielt, nach zwei verunglückten Versuchen mit dem dritten unter großem Jubel fast die Mitte zu treffen. Da der Wolfsburger Schütze im Anschluss völlig versagte, blieben die 1000 Euro in Frankfurter Händen. Wie mir später zugeraunt wurde, sollen die Bälle der Wolfsburger um besser zu haften mit weitaus mehr Klett versehen gewesen sein, als die Bälle der Frankfurter. Ein Club, wie geschaffen für den Spieler Diego.

Die Eintracht begann die zweite Hälfte unverändert, bei Wolfsburg blieb Grafite in der Kabine. Und wie zuvor berannte der VfL das Tor von Ralf Fährmann, der nun noch mehr in den Blickpunkt rückte. Planvolle Entlastungsangriffe der Eintracht blieben Mangelware, bis sich Altintop in der 59. Minute durchsetzte und Benaglio zu einer unkontrollierten Abwehr zwang, die Meier völlig überraschend zur Frankfurter Führung verwerten konnte. Die Kurve tobte, dann sang sie wieder, die Fahne aus Halbzeit eins war wieder da und Wolfsburg rollte wütend aufs Frankfurter Tor zu. Friedrich sah ob eines taktischen Fouls im Mittelfeld Gelb, folgenschwer, wie sich wenige Minuten später herausstellen sollte; nach einem Gezacker am Eintrachtstrafraum gab es die zweite Gelbe und damit Duschbefehl. Wer gedacht hatte, die Eintracht würde nun gegen zehn Wolfsburger das Heft in die Hand nehmen, sah sich getäuscht. Fährmann flog quer durch den Strafraum, die Defensive kickte die Bälle wie eine Flipperkugel zu den anstürmenden Einheimischen und man hätte meinen können, die Eintracht hätte einen Mann weniger auf dem Feld. In der 80. Minuten hatte Ochs seinen bemerkenswertesten Auftritt; er lag am Boden und hielt sich die Hacken. Wolfsburgs sympathischer Brasilianer Diego hatte ihm ohne dass der Ball in der Nähe war und ohne dass es der Schiri bemerkt hätte in die selbigen getreten, wie mir Pia via SMS  bestätigte. Es war die x-te nicht geahndete Tätlichkeit der Nummer 28 in dieser Saison, was die Eintrachtkurve offensichtlich nicht weiter störte, denn anstatt ihn für den Rest des Spiels auszupfeifen wurde gesungen. Und dann kam das unvermeidliche: Einen von Diego lang geschlagenen Ball köpfte Mandzukic im Duell gegen den halb so großen Jung über Fährmann hinweg zum Ausgleich ins Netz. Und während 11 Frankfurter gegen 10 Wolfsburger sich über die letzten 10 Minuten zitterten, hielten wir auf den Rängen die Luft an; niemand glaubte hier an ein Tor der zahlenmäßig überlegenen Eintracht und als Schiedsrichter Kinhöfer abpfiff überwog die Erleichterung, bei einem direkten Konkurrenten eher unverdient gepunktet zu haben.

Es regnete, als ich das Stadion verließ und es regnete als wir losfuhren. Nach kurzem Stopp and Go rollten wir zurück auf die Autobahn und fuhren durch die regendunkle Nacht. Die Scheibenwischer schlappten über die angelaufenen Scheiben, im Hintergrund liefen Adam and the Ants oder Depeche Mode, derweil André einen Teil seines Gewinns für die Busbesatzung spendierte.  Später wurde eine CD von Helge Schneider aufgelegt, es war der Moment, in dem ich meinen MP3 Player einschaltete und die Dropkick Murphys sich anschickten, mein Hirn zu durchpusten.

Später versuchte sich ein Mitfahrer am Mikro, dessen Nähe zum Lautsprecher jedoch für eine Feedbackorgie sorgte, so dass Buffo meinte: Selbst das Mikro pfeift dich aus. Da erzählte mir Reinald Grebe schon von Doreen aus Mecklenburg. Es war halbzwei, als wir in Frankfurt einrollten. Ich verabschiedete mich flugs, holte mein Fahrrad und radelte durch die Nacht. 1:1 in Wolfsburg. Na gut. In der Anlage begegnete ich erneut den kleinen Geistern. Dem Abstiegsgespenst. Mir war, als könnte ich sein Lachen hören.