Nun liegt es hinter uns, das erste ohne Not und Zugzwang auf einen Montagabend gelegte Bundesligaspiel – und es ist immer noch in aller Munde. Es war aber auch ein taktischer Geniezug seitens der DFL, just die Partie zwischen der Frankfurter Eintracht und Leipzig, dem Verein, der einen Fußballabend am Montag höchstselbst verkörpert, als erstes Spiel exklusiv auf einen Montag zu legen.

Und dieses Spiel wird aus zweierlei Gründen im Gedächtnis bleiben. Einerseits sorgte die Eintracht mit ihrem Auftritt auf dem Rasen dafür, nach überragender Leistung besiegte die Mannschaft mit dem wiedergenesenen David Abraham Leipzig hochverdient mit 2:1 und schob sich auf den dritten Tabellenplatz vor. Andererseits wirkten massive Proteste seitens der Eintrachtfans weit über Deutschland hinaus. Das Schlimmste an diesem Montag aber war, dass ich nicht dabei war. Krank hing ich im Bett und verpasste den kompletten Auftritt, den ich dank Henning aber zumindest auf Eurosport sehen konnte. Bis kurz vor Anpfiff überlegte ich noch, zu fahren – aber es ging einfach nicht.

Es war selbst vor dem TV ein denkwürdiger Abend, der trotz leichter Ausfälle auch recht sachlich kommentiert wurde, vielleicht die erste Überraschung des Abends. Feldreporter Christian Ortlepp wusste zwar nicht so ganz genau, worum es geht, im Studio aber wussten sie Bescheid und unterließen jegliche Skandalisierung in der Moderation. Und selbst das Sammersche Bonmot „der Fußball war vor den Fans da“ ist nicht von der Hand zu weisen, wobei der Montag ja auch schon vor dem Fußball da war.

Die gesamte Fanszene der Eintracht stand hinter den Protesten, die sich in massenhaften Bannern und verändertem Support (Trillerpfeifen vs Stille) artikulierten. Zudem wurde vor dem Spiel der Zugang zum Spielfeldrand geöffnet, um Banner zu platzieren und vor Beginn der zweiten Hälfte flogen etliche Tennisbälle in den Strafraum. Beide Aktionen verhinderten zwar einen pünktlichen Anpfiff, waren aber medientechnisch höchst wirksam. Und da klar war, dass die Eintracht mitspielte und einen großen Vertrauensvorschuss gab, blieb alles friedlich. Keine Böller, keine Fackeln, niemand rannte über den Platz und wie aus dem Nichts tauchten die Ghostbusters auf und bliesen die Bälle mit Laubbläsern vom Feld. Selbst der Leipziger Jammerlappen Spieler Islanker ist nicht erfroren, einer der ganz wenigen, die übrigens im Verhältnis zu den anderen 46.000 weder in überfüllten Bahnen anreisen, noch durch den kalten Winterwald laufen mussten, um Stunden vor Anpfiff der Kälte ausgesetzt zu sein. Aus den Boxen erklang: „I don’t like mondays“ von den Boomtown Rats. Eine schöne Idee, sieht man einmal davon ab, dass „I don’t like mondays“ die Antwort einer jungen Schülerin auf die Frage war, weshalb sie gerade ein Schulmassaker angerichtet habe – also nur vom Titel passt, aber nicht vom Inhalt. Dies nur am Rande.

Stichwort: Mannschaftliche Geschlossenheit. Sowohl die Jungs auf dem Rasen unter Niko Kovac als auch die Fanszene im Zusammenspiel mit den Verantwortlichen der Eintracht zeigen derzeit eine Perfomance, die in der Geschichte der SGE wohl einmalig ist – dazu kommt die gesellschaftspolitische Positionierung des Vereins. Es findet eine unfassbare Profilschärfung statt, die das Wesen der Eintracht auf den Punkt fokussiert. Einerseits die Akzeptanz der Tatsache, dass Auftritte im Konzert der Großen keine Selbstverständlichkeit sind, gleichwohl die Eintracht selbstbewusst dazu gehört. Dazu kommt, dass Fußball ein Spiel ist, der Ball ist nicht der Gegner, sondern dein Freund. Und sie spielen auch Fußball. Andererseits die Inszenierung und Zusammenführung einer Leidenschaft, die von den Rängen traditionell gelebt wird und derzeit vielleicht am leuchtendsten von Ante Rebic auf dem Platz verkörpert wird. Lange Jahre schien dies undenkbar, Teile der Fans zelebrierten ihr eigenes Ding, schossen über das Ziel hinaus und standen einer Vereinsführung gegenüber, die nicht wusste, wie sie damit umzugehen hat. Dies hat sich in den vergangenen Jahren in Frankfurt massiv geändert, auch und vor allem, weil einzelne Personen in Verantwortung dies so wollten.

Das ist vielleicht der entscheidende Punkt, die Erinnerung an die eigene Stärke und das eigene Potential; die Wendung in positive Energie ersetzte die Klage über mangelnde finanzielle Möglichkeiten; eine Struktur, die Vereine wie Mainz oder Freiburg seit Jahren mit anderen Inhalten vorgelebt hatten. Bitter ist dabei im Grunde nur, dass das eigentliche Ziel im deutschen Fußball der Meistertitel ist – und die Eintracht, die derzeit nach einer sensationellen Saison auf dem dritten Platz steht (eine Platzierung, die in der Endabrechnung der Bundesligageschichte nie übertroffen wurde) nach dem 23. Spieltag trotz aller Power 20 Punkte hinter Bayern München liegt. Das heißt, selbst bei maximaler Ausschöpfung des Potentials, scheint das Streben zum Olymp derzeit aussichtslos. Natürlich liegen wir uns in den Armen, sollte die Eintracht am Ende der Saison international spielen, keine Frage, es wäre ein riesiger Erfolg. Und Erfolg misst sich sicherlich nicht nur an Titeln – aber die Diskrepanz innerhalb der Liga ist und bleibt erschreckend.

Was bleibt? Zum Einen die Gewissheit, dass der Protest gegen Montagsspiele ein symbolischer ist. Natürlich ist für den arbeitenden Menschen ein Spiel am Montagabend nur schwer zu realisieren, dies betrifft aber auch die englischen Wochen am Dienstag oder Mittwoch, die seit Jahren akzeptiert sind – und dennoch zahlreiche Anhänger anziehen. Denn in der Tat, fünf Spiele an einem Montag in einer Saison, die – wenn sie clever gelegt sind – auch in der Nähe stattfinden können (Schalke, Dortmund, Gladbach, Leverkusen, Köln) sind machbar, ohne, dass die Welt untergeht. Ein Drama ist ein Spiel am Montag sicherlich nicht – aber wir kennen ja unsere Pappenheimer, was eben noch die Ausnahme ist, wird ausgeweitet und gedehnt und erwächst zu neuem Alltag, der weiter gedehnt wird. Und die Proteste rühren nicht an der vermeintlichen Notwendigkeit, montags zu arbeiten. Sie rühren nicht an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die eine Arbeitswoche oft ohne zählbaren Lohn akzeptieren, die trotz Arbeit keine Wohnung bezahlbar machen. Aber dies wäre auch nicht die Aufgabe von Fußballfans. Es wäre vielleicht die Aufgabe einer SPD, die Älteren werden sie noch kennen. Der Protest richtet sich völlig zu Recht in erster Linie an die völlige Unterordnung der Liga an verwertbare Interessen. Und er greift markante Punkte an, er bleibt nicht im Allgemeinen verhaftet.

Fußball heißt nicht, alleine und abgehetzt nach der Arbeit zum Stadion zu rennen, um nach Abpfiff müde nach Hause zu fahren, um am nächsten Morgen sofort wieder zur Arbeit zu gehen. Fußball heißt Wochenende, Entspannung, das Spiel zelebrieren, gemeinsam zu feiern, Leute zu treffen und im Zweifel am nächsten Sonntag morgen mit einem dicken Kopf aufzuwachen, vielleicht mit den Kids zum örtlichen Verein zu gehen. Den Kopf frei zu bekommen, von der Last des Alltags, von den Problemen – und der eigenen Welt eine andere Geschwindigkeit zu geben. Ein Urlaub vom Alltag, der oft genug unverdaulich ist. Fußball in der ersten Liga, das heißt Samstag um halb vier.

Ein Argument für die Montagsspiele sind Ruhephasen nach internationalen Einsätzen – und in der Tat, gerade kleinere Vereine, die eher überraschend international spielen, tun sich in der Liga schwer. Sie können sich nicht die Kader leisten, die auf hohem Niveau mehrere Wettbewerbe durchstehen können. Aber die Crux liegt ja genau in einer völlig aufgeblähten Champions-League, mit  Gruppenphasen, in denen selbst die Verlierer weiter in der Euroleague spielen, eine völlig aufgeblähte Geldmaschine, nahezu ein Perpetuum mobile, welches seit Jahren die gleichen Vereine in die Lage versetzt, nahezu jeden Spieler zu kaufen – um stets auf’s neue die lokalen Wettbewerbe zu dominieren. Und genau diese Vereine werden durch einen zusätzlichen freien Tag belohnt, obgleich die Belohnung ja schon in der massiven Geldausschüttung liegt. Eine Championsleague, in der selbst Ligavierte teilnehmen. Eine massive Reduzierung dieses Wettbewerbs, an dem nur die Champions teilnehmen, Hin- und Rückspiel solange, bis zwei Clubs übrig bleiben, würde die Belastung deutlich reduzieren. Das gleiche für die Euroleague und dazu einen Wettbewerb für die Pokalsieger unter nämlichem Modus – und schon wäre alles entzerrter und jede Diskussion über Montagsspiele wäre hinfällig.

Es scheint in der Tat derzeit nur möglich, seitens der aktiven Fans ein Stachel im Fleisch der Verbände aber auch Vereine zu sein, Auswüchse zu skandalisieren, auch wenn diese Auswüchse nicht der Skandal selbst sind. Der Skandal ist der Alltag, die Akzeptanz von RB Leipzig, die WM in Katar, das Nichtstattfinden von Homosexualität. Interessant dabei ist, dass sich gesellschaftlicher Protest derzeit fast nur beim Fußball adäquat artikuliert, während die Bedingungen unter denen wir sonst leben, in den letzten Jahren von Gruppierungen massiv angegangen werden, deren Hang zu Rassismus, Nationalismus, Antiintellektualität und mentaler Schlichtheit gepaart mit Gewalt gegen Schwächere mehr als augenscheinlich ist. Der Fußball und insbesondere die Eintracht stellt auch insofern ein Gegenmodell dar, welches sich nicht vom reaktionären Weltbild der Gekränkten leiten lässt, sich diesem gar entgegen stellt und dennoch in großen Teilen der Öffentlichkeit, auch der medialen honoriert wird. Insofern war der Montag in Frankfurt ein großes Statement für alle, denen die Bedingungen nicht egal sind. Aber das Spiel ist noch lange nicht zu Ende.