Was Auswärtsfahrten angeht, mache ich mir selten Gedanken – es sei denn, die Zuschauerkapazität ist arg begrenzt und ich will unbedingt hin. Dazu zählen vor allem Pokalspiele bei kleineren Gegnern oder Endspiele. Und natürlich Europacup. Aber irgendwas passiert ja immer und da Stefan noch eine Karte übrig hatte und Susi eh fuhr, stand ich urplötzlich an einem kalten Wintermorgen am Ostpark.

Pia hatte es vorgezogen, zumindest einmal die Woche einen gepflegten Ruhetag einzulegen – was ja auch nicht immer klappt – und so starteten wir wohlgemut zu dritt Richtung Augsburg. Schon als ich das Fanhäuschen des FSV fotografieren wollte, stellte ich fest, dass ich meine Speicherkarte zu Hause vergessen hatte, immerhin trug ich ja noch die Spielzeugkamera des Handys mit mir, von daher war zumindest für dokumentarische Bilder gesorgt. Im Gepäck hatte ich noch den Waldtribünenbembel, Gerhard, der in Augsburg regelmäßig das phantastische Projekt Augsburg Calling organisiert, hatte ihn nach seinem Auftritt im Hinspiel auf der Waldtribüne vergessen und ich trug die Hoffnung in mir, ihn irgendwo in Augsburg zu treffen.

Susi fährt ja schon lange zur Eintracht, auch zu Zeiten als die Anzahl der Auswärtsfahrer extrem überschaubar war, die der Frauen sowieso und mit Stefan haben wir in der Vergangenheit schon etliche Schlachten geschlagen – geballte Eintrachtpower also im BMW. Erstmals genoss ich auswärts den Luxus einer Sitzheizung, habe aber unseren Dacia, der mit vereisten Scheiben im Nordend stand, dennoch lieb. Musik spielte diesmal keine nennenswerte Rolle, dafür quatschten wir über Sizilien, Island, Kaiserslauten, Baku, Tel Aviv, Nikosia oder gebuchte Hotelzimmer in Berlin, die Eintracht bringt dich in die Welt. Natürlich wussten wir, dass die SGE bei einem Sieg auf Platz zwei springen kann und natürlich wussten wir, was das bedeutet, wenn wir wissen, dass … Aber: Wir haben keinen Druck.

Die Fahrt verlief zunächst gemächlich, doch mit den Kilometern nahm die Winterwelt zu, verschneite Rastplätze während der Raucherpause erzählten Wintergeschichten, die verschneite Fahrbahn jedoch verlangte unserer Fahrerin einiges ab, wir rollten mit 80 Sachen Richtung Rothenburg, entschieden uns jedoch dafür, den Schnee, wegzudenken. Hat hinter Heidenheim dann auch geklappt, urplötzlich waren die Straßen trocken – und Punkt 12 rollten wir in die Universitätsstadt Augsburg. Richtung Zentrum war die Strecke vernünftig beschildert und wir parkten am Rande der Innenstadt. Ein Anruf bei Gerhard brachte die Gewissheit, dass die Jungs und Mädels nur ein paar Gehminuten entfernt in einer Kneipe mit Eintrachtlern feierten und so packten wir uns und den Bembel und landeten in einer kleinen Pinte in der Schnarrenstraße. Natürlich kannte man das ein oder andere Gesicht und in der Tat möchte ich hier noch einmal auf das Projekt „Augsburg Calling“ hinweisen. Vor jedem Heimspiel des FCA gibt es nicht nur die Möglichkeit, am Abend zuvor mit Augsburgern zu feiern, sondern auch an themenspezifischen Stadtführungen teilzunehmen. Und am Spieltag selbst wird sich gemeinsam auf das Spiel eingestimmt. Dolle Sache. In den Farben getrennt …

Wir tranken ein Schöppchen, überreichten den Bembel und machten uns dann auf den Weg in ein Wirtshaus. Just zu diesem Zeitpunkt kamen auch die Zugfahrer an, auf den Straßen überall ein Hallo und Gudewie und alsbald saßen wir im Wirtshaus 1516 am Bahnhof, trafen auch dort auf Adler jeglicher Couleur. Sogar Matze und Nicoletta schneiten vorbei, wobei letztere gar nicht zum Spiel wollte, sondern in die Augsburger Puppenkiste. Nicht die schlechteste Entscheidung, wie sich später heraus stellen sollte. Mit Großmeister Uli marschierten wir anschließend zurück zum Auto. Wir hatten den Tipp erhalten, bei einem Baumarkt zu parken, um anschließend mit der Tram Richtung Stadion zu fahren. So könnten wir den Stau um das Spiel entgehen und zudem die Parkgebühr sparen. Das hat auch tadellos geklappt, wobei wir den Wagen ein paar Meter zuvor an der Fachoberschule parkten, genau dort in die kommende Bahn sprangen und so bis zur finalen Station rasselten. Mit vielen anderen wurden wir ausgespuckt und marschierten an wartenden PKWs vorbei Richtung Gästeeingang, bis jetzt hatte alles bestens geklappt, sogar der Einlass in die Arena war recht entspannt.

Nun trennten sich die Wege, während sich Susi zu den Sitzplätzen aufmachte, enterten Stefan und ich den Stehplatzbereich, der zunächst recht voll erschien, aber nach den ersten Metern vor allem weiter oben noch reichlich Platz bot. Auf dem Spielfeld wanderte eine Gruppe Kids vorbei, Augsburger und Frankfurter gemeinsam wedelten mit Fähnchen, reckten Schals in die Höhe und winkten in die Kurve. Wir winkten brav zurück. Drüben hing ein Banner, welches aufzeigte, dass auch die Augsburger keine Fans der kommenden Montagsspiele sind. Derweil schickte Pia die Nachricht, dass der so lange verletzte Fabian wieder im Kader war. Da der Augsburger Goalgetter Finnbogasson wegen Verletzung ausfiel und wir bei einem Sieg auf Platz zwei springen konnten, ahnten wir was nun kommen sollte…

Und so kam es auch. Die Augsburger überwanden die Eintracht spielerisch mit langen Bällen, tauchten vogelfrei ein ums andere Mal vor Hradecky auf – während die Eintracht nicht ins Spiel fand. Sie spielten sich zwar Knoten in die Beine, aber allen war klar, dass bei nämlichem Fortgang es nur eine Frage der Zeit ist, bis der FCA … batsch Einsnull. Koo wars gewesen, und bei allem was man über Schiedsrichter Osmers sagen kann, so trug einzig und alleine unsere Eintracht die Schuld. Boateng, Chandler, Haller, Fallette – alle weit unter Normalform, kaum ein Pass kam an, während der FCA mit Caiuby sämtliche Kopfaballduelle im Mittelfeld gewann und mit einfachen Bällen die Abwehr der unsrigen aushebelte. Wir konnten von Glück reden, dass es nur 1:0 stand.

In Halbzeit zwei hielten sich die Augsburger zurück, die Eintracht durfte sich zwar (auswärts ungewohnt) mehr Ballbesitz rühmen, aber es gelang nahezu wenig bis nichts. Allen war klar, wenn hier nicht ein Wunder geschieht, wird das Ding gnadenlos verloren. Kurz trug das Wunder den Namen Marco Fabian, kurz blitzte dessen Spielfreude auf, aber Nennenswertes kam auch jetzt nicht zustande. Außer dem 2:0 für Augsburg, dem kurz vor Abpfiff noch das 3:0 folgte. Die Eintrachtfans sangen munter auch nach dem Schlusspfiff und hatten ihre Eintracht dennoch lieb, mir aber verhageln Niederlagen die Stimmung, zumindest für den Moment. Wieder nichts mit einem Auswärtssieg in Augsburg, wieder einmal hat die Eintracht eine große Chance nicht genutzt. Augsburg ging als klarer, völlig verdienter Sieger vom Platz – da kann es keine zwei Meinungen geben. Wenigstens nehmen sie jetzt den kommenden Gegner im Pokalspiel gegen Mainz nicht auf die leichte Schulter, manchmal kann ja so eine Erdung ganz nützlich sein – und: Egal wen du fragst: Ein Sieg im Pokalviertelfinale ist allemal wichtiger als ein Sieg gegen Augsburg. Kein Sieg in beiden Spielen wäre allerdings doof.

Draußen trafen wir noch Maj und zusammen dackelten wir etwas bedröppelt zur Haltestelle, drückten uns in eine der zahlreichen Bahnen, saßen 40 Minuten nach Spielende im Wagen und rollten alsbald in die Dunkelheit. Trotz einiger Schneeflöckchen verging die Zeit wie im Flug, wir quatschten uns durch die Fahrt und landeten viertel nach neun an der Eissporthalle. Susi ist souverän gefahren, vielen Dank, es war eine herrlich entspannte Auswärtsfahrt – nur unsere Eintracht spielte mal wieder nicht mit. Aber man kann nicht alles haben. Während Stefans Scheibenwischer den Schnee von seinem Wagen wegwischten und er langsam davon rollte, zündete ich mir eine Zigarette an und marschierte Richtung Heimat. Pia fragte mich via SMS, ob ich eine Pizza möchte. Auja.