In der Regel braucht es ja nicht viel, um glücklich zu sein – besagt eine alte Weisheit. Ein Freund meinte neulich: „Du brauchst eigentlich nur 100 Dinge“. Da ist bei näherer Betrachtung viel dran, Nummer Eins wäre in der hiesigen Zivilisation wohl eine niemals versiegende Kreditkarte. Nummer zwei ein Feuerzeug und Nummer drei das praktische Handbuch für Jungen von Donald Duck aus den frühen Siebzigern.

Während Pia mit dem gesamten Nachwuchs in Richtung Limburg unterwegs ist und die Eintracht in Mönchengladbach spielt, haben Chris und ich schon vor Längerem entschieden, uns auf gemächlichen Pfaden Richtung Taunus und Lahn aufzumachen. Unser Gefährt ist Rudi, ein über 40 Jahre alter Case International 433 Traktor, satte 34 PS, Höchstgeschwindigkeit knapp über 20 km/h, auf dem Buckel kaum 3000 Arbeitsstunden, Farbe: Rot.

Schon der Start der Tour ist bemerkenswert, ich kenne in Hofheim ja nicht wirklich viele Leute, aber das nahezu alle zufällig bei uns vorbei marschieren, ist erstaunlich. Während Matze und Nicoletta uns bei ihrem Wochenendeinkauf entdecken, fällt Anke aus der Tür um die Ecke. Ein großes Hallo – und schon tuckern wir über die Hauptstraße, Chris, der Trecker, ein kleiner Anhänger und ich. Die ersten Kinder winken uns fröhlich zu.

Im Gepäck haben wir die wasserdicht verpackten Utensilien für eine Übernachtung, Zelt, Schlafsäcke, Grill, Donalds praktisches Handbuch, Handy und ein paar Werkzeuge. Beim Bauern Ströll vom Lindenhof in Hofheim gibt es dann den Rest, Hausmacher Wurst, Äbbelwoi und ein kleines Schwätzchen mit dem Bauern, der uns höchstpersönlich verabschiedet. Immer wieder parkt derweil ein SUV vor dem Laden, so geht Bio heute.

Dann schiebt sich der Trecker über die Straße, der Anhänger hoppelt bei jedem Schlagloch ein bisschen in die Höhe, das gleiche gilt  für den Beifahrer, der sich oben auf dem Sitz über dem Hinterrad einklemmt und ungefedert an die Decke hüpft. 20 km/h können ganz schön schnell sein, wenn du über Unebenheiten bretterst. 20 Kilometer sind aber auch ganz schön langsam, wenn du hinter ihnen her zöckelst, Die Überholmanöver der PKWs hinter uns sind teilweise arg waghalsig, als ob aus einer Kurve noch nie ein Motorrad aus entgegen gesetzter Richtung kam. Uns kümmert es wenig, über Kelkheim und Fischbach rollen wir am Zauberberg in Ruppertshain vorbei Richtung Schloßborn und Glashütten. Je kleiner die Straßen, umso besser. Der Motor tackert in schöner Konzertlautstärke, wir ziehen uns Ohrenschützer, die den Lärm etwas dämpfen, über die Lauscher, alte Ohren wollen geschont werden.

Der Trecker hatte vor Jahren ein Verdeck spendiert bekommen, seinerzeit eine kostspielige, aber nützliche Ergänzung. Du hast bei Regen ein Dach über den Kopf und eine große Fensterfront, die im Zweifel Nässe und Wind abhält, der Scheibenwischer ist allerdings eher einem Goggo entnommen, aber wir werden ihn nicht brauchen. Vor uns entfalten sich die Hügel und Täler des Taunus in sattem Spätsommergrün, nach jeder Biegung ein neues Panorama. Fahren wir auf der Landstraße durch Wälder riecht es nach Feuchtigkeit und Wald, nur wenn das Verdeck geschlossen ist, mengt sich der Diesel mit der Natur. Bremsen kannst du mit dem Trecker kaum und wenn, dann über das mächtige Getriebe, die Gänge aber wollen beherrscht werden; wenn du nach unten rollst und bei hoher Drehzahl runterschalten willst – vergiss es. Zweieinhalb Tonnen schieben mächtig – und so ist die Beherrschung des Gefährts selbst bei 20 Kilometern die Stunde stets eine kleine Aufgabe, vor allem wenn du einen PKW gewohnt bist. Wir fahren abwechselnd, Chris beherrscht das Gefährt recht gut, immerhin gehört er ihm, und auch ich fahre nicht das erste Mal solch einen Kameraden. Zuletzt bin ich vor ein paar Jahren mit Arndts Ferguson rund um die Kapersburg geknattert. Die Gedanken schweifen ab, ich denke an die Kindheit, als in dem Ort, in dem meine Mutter groß geworden ist, Mömlingen, unser Nachbar einen knallroten Güldner besaß, in dem wir oft auf die Felder gefahren sind, im Hänger Weizen oder Äpfel, die zum Keltern gebracht wurden. Der Nachbar lebt schon lange nicht mehr und wer weiß, ob der alte Güldner noch irgendwo steht.

Wüstems, Reichenbach, Riedelbach heißen die nächsten Orte, auf den Hügeln drehen sich mächtige Windräder. Von Riedelbach aus geht es in den Wald, neben einem alten Sportplatz inmitten von Bäumen befindet sich ein kleiner Segelflugplatz, wir rasten erstmals. Bauernbrot, Presskopp, Leberwurst und Äbbelwoi. Zwei Menschen kommen vorbei und entschuldigen sich, dass sie auf unserem Segelflugplatz Drachen haben steigen lassen. Wir nicken wohlwollend und kauen weiter. Dann geht es durchs Grün am Eichelbacher Hof vorbei Richtung Hasselbach, weiter nach Haintchen und Münster. Die Eintracht führt derweil in Gladbach mit 1:0.

In den Ortschaften hängen fein säuberlich Wahlplakate für die kommende Bundestagswahl, eines der AfD sogar in greifbarer Höhe. Kurz und knackig werden von den üblichen Verdächtigen Slogans publiziert, die in drei Wochen niemanden mehr interessieren. „Digital first, Bedenken second“ ist in greifbarem Deutsch zu lesen. Oder: „Schulranzen verändern die Welt, nicht Aktentaschen.“ Ich habe es meinem alten Ranzen gesagt, doch dieser hat mich nur schweigend angeschaut, ich meinte, eine leichte Traurigkeit in seinem Blick wahrzunehmen. Auch Windräder sind hier nicht gerne gesehen, davon künden große Banner in diversen Schaufenstern. „Für die Natur, gegen Windräder“ schreiben sie. Man könnte jetzt auch die Straßen begrünen, aber davon wollen sie natürlich nichts wissen. Vor den Plakaten parken Autos. Und wenn dereinst statt Benziner Elektroautos dort parken, dann kommt der Strom immer noch aus der Steckdose.

Hinter Münster geht es nach Aumenau und auf den frühen Abend zu, die Eintracht steckt in der Nachspielzeit und führt immer noch 1:0, wir tuckern Richtung Elkerhausen, verfranzen uns kurz auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit, was aber den 34 PS und dem zweiten Gang nur ein Grinsen wert ist und fräsen uns einen Feldweg auf der anderen Seite nach oben. Hinter uns der Wald, vor uns eine abgemähte nach unten fallende Wiese und dazu einen Blick über das Lahntal Richtung Limburg. Hier bleiben wir. Kahle Flächen am Wiesenrand zeugen von suhlenden Wildschweinen, im feuchten Gras tanzen die Nacktschnecken Polka. Ein kleiner Regenschauer wäscht für uns noch einmal alles sauber, dann bauen wir an einer der wenigen geraden Flächen unser Zelt auf, sammeln ein paar Hände voll lange getrocknetes Astholz, packen ein paar Steine auf die Wiese, legen die Grillschale oben auf und blicken rauchend auf Schemeln sitzend ins Tal. Die ersten Lichter gehen drunten an, die Dämmerung legt sich über uns, hinter dem Wald beginnt der Mond zu leuchten und leiser Nebel steigt von der Lahn auf. Kaum sind die Bratwürste durchgegrillt, erwischt uns ein nächster Schauer. Wir harren der Dinge im geschützten Traktor. Nach wenigen Minuten ist zwar alles nass, jedoch nicht die wichtigen Dinge und so feuern wir mit dem Sammelholz in der Grillschale ein Nachtfeuer an. Mit einem Glas Äbbelwoi in der einen, einer Cigarette in der anderen Hand blicken wir Richtung Westen und trocknen die Schuhe am Feuerchen. Unsere Musik ist das Rauschen der Wipfel und der Ruf der Waldvögel. Nebenan wacht treu Rudi, der Trecker, wie ein alter Schäferhund über uns. Die Eintracht aber hat tatsächlich in Gladbach gewonnen.

Der frühe Morgen bringt uns einen Darjeeling Tee, eine Spaziergängerin mit Hund und Handy und später den örtlichen Jäger im VW Passat, der uns zunächst belehrt, dass wir hier gar unerlaubt seien, anschließend aber über Trecker und die Natur fachsimpelt. Sogar die drängendsten Fragen werden geklärt: Weshalb ist oben am Waldrand an einigen Stellen ein Netz gespannt? Um die Anpflanzung von Topinambur zu schützen. Weshalb ist die Wiese in den ersten Metern vom Wald an nicht gemäht? Weil sie zu feucht war und zudem mit Disteln versetzt ist. Und wir wissen jetzt, dass wir punktgenau auf der Grenze zwischen Aumenau und Elkerhausen genächtigt hatten. Der Jäger verabschiedet sich winkend, über uns steht ein Wildvogel flatternd in der Luft, der sich wenig später auf eine Maus im Feld stürzt.

Wir packen gemächlich zusammen und tuckern langsam wieder Richtung ländliche Zivilisation. Die Klamotten riechen nach Wald und Rauch. In Villmar holen wir uns ein erstes kleines Frühstück an einer Tankstelle. Andere sitzen in der Tanke beim Frühschoppen, Münzen wandern in die Geldautomaten, hoffend auf ein kleines Glück. Später rollen wir über eine Brücke aus echtem Marmor Richtung Runkel. Motorradfahrer sind unterwegs, Wandersleut, die über die zweitälteste Lahnbrücke spazieren ebenso. Am Denkmal für König Conrad gibt es ein zweites, handfesteres, Frühstück mit Blick über die Lahn. Radler sind unterwegs, es verspricht ein schöner, sonniger und trockener Früherbsttag zu werden.

Weiter geht es über Brechen, Erbach und Bad Camberg Richtung Würges. Die örtlichen Autohändler präsentieren immer wieder Oldtimer, wer einen B-Kadett oder A-Rekord sucht, könnte hier fündig werden. Wieder hat es manch Autofahrer hinter uns recht eilig, wir aber halten die Spur und tuckern über Heftrich und Ehlhalten über die Dörfer. Fast an jedem Ortseingang künden Schilder von einer kommenden oder zurück liegenden Kerb, wir könnten Gladiolen oder Sonnenblumen schneiden oder uns mit Kürbissen versorgen. Das machen wir aber nicht, wir rollen stattdessen nach Eppstein und von dort hoch zum Kaisertempel mit fantastischem Blick über Eppstein und die umliegenden Hügel, die Sonne glänzt, die Solarzellen auf den Dächern spiegeln die Strahlen glänzend zurück.

Die nächsten Kilometer werden die letzten sein, langsam macht sich auch das Gerüttel und Geschüttel des Treckers bemerkbar, leichte Dröhnung im Schädel begleitet uns auf den letzten Metern durchs Lorsbacher Tal Richtung Hofheim. Und kaum sind wir in Hofheim eingerollt, schreiben Matze und Nicoletta, dass sie uns soeben vom Wald aus gesehen hätten – auch so hat sich ein kleiner Kreis geschlossen. Als wir am Hoftor ankommen, blicken Kinder uns und vor allem den Trecker freundlich an. Die begleitenden Erwachsenen haben auch eine Geschichte zu erzählen, so ein Traktor weckt Erinnerungen und wird fast immer willkommen geheißen. Wer Traktor fährt, kann kein böser Mensch sein, so scheint es; der Trecker erinnert, vor allem wenn er älter ist, an eine untergegangene Welt, in der Vater, Onkel, Großvater selbst noch selbstverständlich über die Felder pflügten, das Heu staubte und die Äpfel noch auf den Bäumen hingen und nicht in Plastik verpackt im Supermarkt. Eine untergegangene Welt, die wir alle lieben, da wir sie als natürlicher empfinden und an deren Abschaffung doch alle mitarbeiten. „Digital first, Bedenken second.“

Wir parken Hänger und Rudi, dann schnappe ich meine wasserdichte Tasche, verabschiede mich von Chris mit Dank und marschiere zum Hofheimer Bahnhof. Nach wenigen Minuten kommt die Bahn, die Türen öffnen sich und verschlingen mich, die Zivilisation hat mich wieder. An der Konstablerwache bepöbelt eine Frau alles und jeden, die Füße des Mannes vor mir stecken nicht in Wander- sondern in Zehenfußschuhen und eine Figur, die sonst silbern bemalt im historischen Kostüm still als Fotomotiv vor dem Römer verharrt, tippt sitzend an der Straßenbahnhaltestelle in ein Handy. Oh schnöde Welt, du hast mich wieder. Zuhause wartet Pia auf mich. Das ist gut.