Freiburg. Das heißt ja bei uns immer: Verlängertes Wochenende bei Freunden in Emmendingen mit Fußballausflug an die Dreisam, die Stammleser wissen Bescheid. Im August bei Sonnenschein ist das natürlich immer eine feine Sache. Und so rollten wir wieder einmal los. Die Pia, der Dacia und ich.

Wobei diesmal die Post für eine dezente Unsicherheit gesorgt hatte, Mittwochs lagen nämlich die georderten Tickets immer noch bei einem Verteiler irgendwo in Deutschland, doch die Eintracht reagierte prompt und unkompliziert und sicherte uns zu, zwei Karten am Gästekassenhäuschen für uns vor Ort zu hinterlegen. Mit dieser Gewissheit tuckerten wir Freitags auf den Highway. Musikalisch unterstützten uns diesmal: Cult with no name, sowie eine schmissige Zusammenstellung von im weitesten Sinne ukrainischer Tanzmusik.

Noch vor Baden Baden verließen wir die Autobahn, und zogen auf den Landstraßen unsere Bahnen Richtung Schwarzwaldhochstraße, die 75 PS ächzten sich den Berg hoch, Motorradfahrer sausten an uns vorbei, es war ein Wunder, dass die Radler hinter uns blieben – doch wir hatten Zeit. Derzeit sind ja die Mercedes SLK Baujahr Ende der 90er günstig zu haben, aber wer wird schon einen geräumigen Lastesel, der seit Jahren treuen Dienst abliefert, gegen einen schmissigen Sportwagen eintauschen, der flott ist, Spaß macht und zudem offen fahren kann? Ich. Aber im nächsten Leben. Im diesigen wollen noch Paletten in den Garten gefahren werden – und da ist der SLK leicht unpraktisch. Ich denke da noch einmal darüber nach, so ein Spaß ist ja auch eine finanzielle Frage. Wenn ihr uns also mit Geld bewerfen wollt: Traut euch.

Auf der Höhe dann der Blick in die Täler, später schwere mit Baumstämmen beladene LKWs. Holz geht hier immer. Während Metzger und Gaststätten mehr geschlossen als offen sind, so ist die Holzverarbeitung in jeglicher Form allem Anschein nach krisensicher. Wir schlängelten uns über die Dörfer, kurz hinter Waldkirch öffneten sich dann sämtliche Himmelsschleusen, es goss aus Kübeln, die Scheibenwischer kamen kaum nach, so dass wir eine kleine Pause einlegten. Denkbar unpraktisch jetzt: Ein Mercedes SLK Cabrio. Himmlische Hinweise? Drei Kilometer weiter: Alles trocken. Launische Kapriolen von Mutter Natur. Aber wir hatten es geschafft, wir waren Freitags Abends in Emmendingen.

Der folgende Tag erwies sich als ein sonniger und so nutzten wir die Zeit und wanderten durchs Simonswälder Tal, vorbei an Mühlen und Geschichten von vergangenen Tagen, als die Müller während der Nazizeit das Mühlrad mit Holz verschalten, auf dass nicht auffiel, wieviel sie mahlten – offiziell war nur eine bestimmte Menge erlaubt, die natürlich hinten und vorne nicht reichte. Das habt ihr natürlich nicht gewusst. Ein weiteres Highlight war die zweite Halbzeit beim Spiel Simonswald II gegen Freiamt II. Hinter dem Sportplatz ragten die Fichten des Schwarzwaldes in die Höhe und die Blauen schossen ein Tor. Da die Tornetze in rot-weiß gehalten waren und das andere Team in rot spielte, gingen wir von einem Treffer der Gäste aus, die sich aber schnurstracks beeilten, den Ball zum Anstoß zu bringen. Minuten später das gleiche Spiel. Die Blauen schossen ein weiteres Tor, rannten aber wie von der Tarantel gestochen zum Anstoßpunkt, um den Ball dem Gegner zurecht zu legen. Wir drehten eine Runde und als wir zurück kamen, erzielten die Blauen ein weiteres Tor. Da die Zeit ein wenig drängte, brachen wir auf – waren aber natürlich brennend am Spielausgang interessiert. Einen Tag später leistete das Internet gute Dienste, der Endstand zwischen Simonswald II und Freiamt II lautete 3:3. Die Gäste hatten ein 0:3 egalisisert und wir waren live dabei. Freiamt II, dankt uns nicht.

Der Abend brachte dann ein Weinfest in Emmendingen mit sich, welches seinem Namen alle Ehre machte, bis in die Puppen festivitierten die fein heraus geputzten Emmendinger sowie zwei Frankfurter, der wilde Rest traf sich nächtens noch in der Bierbörse und drehte fröhlich durch. Da schlummerten wir schon, nur auf den Fichten gegenüber machten in luftiger Höhe einige Fischreiher ordentlich Rabatz.

Dies erfuhren wir am Spieltag in aller Frühe. Okay, so früh war es gar nicht, aber unser Plan sah vor, den Zug nach Freiburg zu nehmen, um dann traditionell an der Dreisam entlang zum Stadion zu marschieren. Doch die Bahn machte uns einen Strich durch die Rechnung. Wir zogen zunächst unsere Fahrkarten bis Bahnhof FR, um dann festzustellen, dass der Zug exakt sechs Minuten früher als digital ausgewiesen den kleinen Bahnhof verließ. Natürlich ohne uns – und ohne ca. zehn Emmendinger, die gleichfalls auf dem falschen Fuß erwischt wurden. Die nächste Bahn sollte erst in einer Stunde folgen. Da wir ja noch unsere Karten abholen mussten und es in Freiburg zudem ratsam ist, früh im Stehplatzbereich zu sein, war guter Rat teuer. Wir überlegten kurz, mit dem Auto zu fahren, um dann weiter zu laufen – dies hätte jedoch bedeutet, die Zugtickets verfallen zu lassen. Bahnfahrt und Fußweg waren aber nun nicht mehr drin. Zudem war unsere Karte ja nur bis zum Bahnhof gültig, die Weiterfahrt hätte ein weiteres Ticket bedeutet. Noch ärgerlicher war die Sache für die Emmendinger, die ihre Fußballkarten schon hatten. Diese waren drei Stunden vor Spielbeginn auch für die Bahnfahrt gültig. Da die ausgefallene Bahn aber vier Stunden vor Anpfiff genommen werden sollte, waren ihre gekauften Zugtickets nun hinfällig, die nächste Bahn lag ja bereits im Zeitkorridor – Das ist aber auch alles nicht einfach.

Wir nahmen kurzerhand die nächste Bahn, erklärten unsere Fahrkarten auch bis zum Stadion für gültig und trafen im Zug einen alten Bekannten. Mit ihm stiegen wir in Freiburg um Richtung Littenweiler, derweil sich kurz vor dem Ziel wider erwarten Sicherheitspersonal den Weg durch die Abteile bahnte – aber wir schafften noch rechtzeitig den Absprung und wanderten zum Stadion.

Dort versuchten wir, unsere Tickets zu erhaschen. Aber die Gästekasse hatte geschlossen und die Heimkasse keine Karten. Hilfreich ist in solchen Fällen immer die Fanbetreuung, die von unerer Transaktion schon wusste und kaum näherten wir uns der Gästekasse, öffneten sich die Fenster wie durch Zauberhand – und unsere Tickets fielen uns in die Arme. So befanden wir uns kurz nach zwei auf den Stehrängen – und waren keineswegs die Ersten. Aber wir fanden ein für brauchbar gehaltenes Plätzchen, blickten über die Heimtribüne auf den Schwarzwald, während ein Reklamezeppelinchen über das kleine Spielfeld kreiste. Das Flutlicht glänzte in die Sonne, die Jugend versuchte, Zaunfahnen mit Gaffa zu befestigen, später liefen die Mannschaften sich warm – und bei der Eintracht stand Kevin Prince Boateng tatsächlich im Kader. Das ist ja so eine Sache. Erst heißt es: Ein Hoch auf die Jugend, ein Hoch auf die den eigenen Nachwuchs und wenn dann die Queen bzw. in unserem Falle der Prince kommt, sind dann doch alle aus dem Häuschen. Ewige Diva halt.

Das Spiel selbst sah zu Beginn seiten der Fans eine herzliche Begrüßung des Deutschen Fußball-Bundes e.V., dann eine gefällige Eintracht, technisch versiert, unglücklich im Abschluss und wir sahen die Führung der Freiburger. Die Heimkurve war aus dem Häuschen, wir starrten traditionsgemäß bedröppelt ins Nichts und kaum hatten wir die Situation verabeitet, drehte sich die Stimmung. Jetzt waren wir aus dem Häuschen und der Heimkurve wurde die Schwarzwaldmilch sauer: Auf der Anzeigetafel leuchtete das schöne Wort „Videobeweis“ und dies hieß: Der Treffer zählte nicht. Heiliges Abseits.

Auch in Halbzeit zwei entwickelte sich ein munteres und diesmal wirklich torloses Spielchen. Auf Freiburger Seite wurde Petersen eingewechselt, der uns bei seinem ersten Einsatz für den SC einst munter abgeschossen hatte, diesmal allerdings torlos blieb, während es bei uns hieß: De Prince kütt. Da jubelten unsere, derweil die Freiburger pfiffen, was jedoch nichts am Spielstand änderte. Unsere Kurve sang sich derweil munter durch das Spiel. Am Ende führten wir zwar das Eckenverhältnis an, sahen eine stabile, aber ausbaufähige Eintracht, die mit sechs Neuzugängen in der Startelf begonnen und sich den ersten Punkt geholt hatte. Jo, können alle mit leben. Zumal auf dem Rückweg durchsickerte, dass unsere nächste Pokalreise nach Schweinfurt führen wird. Das ist zwar nicht Heidenheim aber dennoch prima.

Die Straßenbahn brachte uns dann ans Schwabentor, von dort aus besuchten wir das Münster und nahmen die Bahn zurück nach Emmendingen. Jetzt forderten Wanderung und Weinfest ihren Tribut, der Sonntagabend war ein Sonntagabend.

Der nächste Morgen brachte erst einen blutigen Kopfstoß gegen den tiefhängenden Rolladen zum Balkon, dann einen gemächlichen Ausflug nach Triberg mit einer kleinen Wanderung zu den höchsten Wasserfällen Deutschlands. Wir kämpften uns an Selfiesticks vorbei, das Wasser fiel wie versprochen, Eichhörnchen und Eichelhäher jagten nach Ernüssen, die vor Ort waidmännisch erworben werden konnten, derweil im Ort Kuckucksuhren jeglicher Art und Größe verkauft wurden. Auch hier hatten die örtlichen Metzgereien geschlossen – und zwar für immer. In einer Seitenstraße hatte zwar noch ein kleiner Fleischerladen geöffnet, doch hier war der Leberkäsweck schon Mittags um 12 aus. Man kann nicht alles haben, so ist’s des Lebens Brauch – und wir rollten über Wolfach, (ohne Metzger, der letzte machte gerade Urlaub und wir mussten Eis essen) die Schwarzwaldhochstraße und Baden Baden wieder gemächlich auf die Autobahn Richtung Frankfurt.

Schön war’s gewesen – und vielleicht verbringen wir ja unsere letzten Jahre einst im Simonswälder Tal, fahren mit einem roten SLK zum Sportplatz und machen einen kleinen Laden auf, in dem es abgedrehte Kuckucksuhren ebenso zu kaufen gibt, wie Herzwichtel und die besten Leberkäsbrötchen der ganzen Gegend. Und abends gehts mit dem Prince zum Weinfest nach Emmendigen.