Samstag, 12. August 2017, der rote Dacia rollt erst zur Tankstelle und dann weiter auf die A661. Eigentlich hätte ich ja auch mit einem Trecker durch die Gegend fahren und Fußball Fußball sein lassen können – aber es hat sich anders ergeben. Und so fliegen wir über den Highway, die Pia, der Beve und der rote Dacia. Musik ist immer noch wichtig – und so begleiten uns u. a. Kettcar, Flogging Molly, Maximo Park, Revolte Tanzbein oder The Jesus & Mary Chain Richtung Siegen. Erste Runde DFB-Pokal, Gegner der Eintracht TuS Erndtebrück, Regionalligist.

Die Wettervorhersage kündete von einem regnerischen Tag und sie sollte wenige Kilometer hinter Frankfurt Recht behalten, stoisch schwappen die Scheibenwischer über die Windschutzscheibe, genau so, wie der ein oder andere stoisch die mittlere Spur belegt. Rechts fahren vereinzelte LKWs und Hartz4ler, die, die zwar noch auf die Autobahn dürfen, aber nur mehr oder weniger geduldet werden. Randexistenzen. Siegen liegt knapp 130 Kilometer von Frankfurt entfernt, wenige Meter zuvor endet die hessische Landesgrenze. Da das heimische Stadion in Erndtebrück zu klein ist, muss der Club für das Spiel des Jahres ins 30 Kilometer entfernte Siegen ausweichen. Immer noch besser, als es Kickers Würzburg getroffen hat, diese müssen wegen Anwohnerbeschwerden ihr Pokalspiel gegen Werder Bremen in Offenbach austragen. Schuldlos daran ausnahmsweise: Der DFB.

Kurz vor Siegen verlassen wir die A45 und rollen über die Bundesstraße 54 durch regensommergrüne Landstraßen an schieferverhangenen Häusern vorbei Richtung Siegen, eiern durch die hügelige Oberstadt und finden kurz dahinter einen hochlegalen Parkplatz, unterwegs winken uns schon die ersten Eintrachtler auf dem Weg zum Schloss.

Durch leichten Nieselregen wandern wir durch die City, die ersten Marktbeschicker packen gegen Eins ihre Siebensachen zusammen, der Siegener als solcher scheint diesen Tag achselzuckend zur Kenntnis zu nehmen. Das war vor 11 Jahren anders, damals spielten die heimischen Sportfreunde mit Marcel Heller gegen die Eintracht. Mit einem 2:0 Auswärtssieg könnten wir heuer auch leben.

Da zwischen Parkplatz und Stadion knapp eine Stunde Fußmarsch liegt und es regnet, werfen wir in der unteren Altstadt noch einen Blick auf die Haltestelle der Shuttlebusse, eine mögliche Alternative. Kurz hinter der Sieg am Café Extrablatt treffen sich jede Menge Eintrachtler, wir aber wandern zurück in die Oberstadt, vorbei am dicken Turm und ordern in einem Hipsterfrittenladen Currywurst mit Pommes, die sogar brauchbar daherkommen. Ab und an wandern ein paar Frankfurter vorbei, manchmal singen sie auch davon, von Frankfurt und Europa, was die Einheimischen natürlich brennend interessiert. Immerhin schlendern Miri und schusch vorbei, leisten uns Gesellschaft und nehmen uns wenig später sogar mit dem PKW, der im Parkhaus Karstadt wartet, mit Richtung Stadion. Je näher wir kommen, desto mehr Fahrzeuge und Fußwanderer. Wir dürfen zwar nicht auf dem Gästeparkplatz parken, ein freundlicher Ordner lässt uns allerdings direkt am Stadion vorbeifahren und so schleichen wir durch die umliegenden Straßen, um alsbald auch tatsächlich einen genehmen Platz für den Wagen zu finden. Mit einem Schöppchen in der Hand geht’s hinunter zum Gästeeingang.

Über knirschendes Glas hinweg entern wir den Eingang und die Stehplätze des Stadions, dessen einziges Dach die Haupttribünenbesucher vor dem Unbill des Wetters schützt. Die Flutlichtmasten glänzen in den Nieselregen. Vor einiger Zeit stand in der FAZ eine Abhandlung über ein Gedicht, das nur aus zwei Worten bestand; zwei Worte allerdings, welche stärkere Assoziatiosketten und Emotionen auslösen als so mach mehrtausendseitiges religiöses Werk.

Schneeflocke.

Zunge.

Ich habe lange überlegt, welche andere Kombination ein Ähnliches auslöst. Und im Siegener Leimbachstadion war ein weiteres zweiwortiges Poem in den Nachmittag gemeiselt:

Flutlichtmast.

Regen.

Pia und ich wandern an den äußersten Rand der Stehränge und stellen uns ganz nach unten an den ersten Wellenbrecher, nah genug am Spielfeld und hoch genug, um barrierefrei über den kleinen Zaun zu schauen. Weiter oben winkt schusch, derweil aus den kleinen Boxen Songs wie „More than a feeling“ von Boston oder „Whiskey in the Jar“ von Thin Lizzy in angenehmer Lautstärke die Wartezeit verkürzen. Rund um das Stadion erhebt sich grün das Siegener Land. Nennt man das so? Aber genau dieses Umfeld, der Blick, die Stehplätze, der Regen, das Flutlicht, die fehlende Überdachung ist genau das, was für mich Fußball ausmacht. Genau darin liegt der Reiz der Erstrundenpokalspiele, Unaufgeregtheit, Fußball pur, kein Firlefanz und hochgezüchtetes Eventagentur inszeniertes Classico-Gehabe. Neymar ist weit.

Da der Gastgeber dankenswerter Weise auch darauf verzichtet, den großen Tag entsprechend zu inszenieren, der Stadionsprecher ein glückliches Händchen in Musikauswahl und zurückhaltender Kommunikation besitzt, und auch Helene Fischer nicht vor Ort musiziert, können wir durchaus von einem tollen Fußballerlebnis berichten, welches die Eintracht am Ende recht humorlos als Sieger erlebt, wobei nicht zuletzt der Platzverweis von Abraham die Sache nicht leichter machte. Erndtebrück wehrte sich tapfer, kam sogar zu einigen guten Szenen und Chancen – doch letztlich setzte sich die körperliche und fußballerische Klasse des ganz in weiß agierenden Bundesligisten durch. 0:3 hieß es am Ende durch Tore von Chandler, Gacinovic und Haller, der endlich zu seinem ersten Treffer kam, weitere Details des sportlichen Verlaufs entnehmen Sie bitte der örtlichen Presse. Ich versuchte mehrfach die kleine Anzeigentafel mit dem in roten Leuchtbuchstaben ausgestrahlten Ergebnis zu fotografieren, ein unmögliches Unterfangen, während der aktive Teil unserer Kurve den DFB durch Folklore heftig unter Druck setzte, was die Anhänger von Erndtebrück nur mäßig interessierte. Dafür lief in der Halbzeit „Supergirl“ von Reamon, was mich nostalgisch werden ließ, da ich den Song früher doch recht häufig gehört hatte.

Nach Ende des unterhaltsamen Aufenthaltes im Stadion versuchen wir, einen Platz in den ersten Shuttlebussen zu erhaschen, dies gelingt allerdings eher nicht – und so entscheiden wir, per Pedes Richtung Auto zu wandern, was uns in Hörweite folgenden bezaubernden Dialogs bringt:

„International können sie so aber nicht mithalten.“

„Wir spielen doch gar nicht in Europa, du Pfeife.“

Wo er Recht hat, hat er Recht. Nach knapp einer Stunde  und einem Joghourette/Straciatella Eis erreichen wir den Dacia, der brav auf uns gewartet hat und rollen auf verschlungenen Pfaden zurück zur Autobahn. Es nieselt immer noch – für die Jahreszeit zu kühl. Musikalisch geht es mit Pantha du Prince nun ruhiger zu. Über Twitter erfahren wir, dass die Nazis in Charlottesville den Breiten machen, widerliches Pack. Alsbald taucht die Skyline am dunstigen Horizont auf, deutliches Zeichen, dass wir uns der Heimat nähern. Die Eintracht hat die zweite Pokalrunde erreicht, ein schönes nächstes Ziel wäre Heidenheim, da war ich noch nicht – im Gegensatz zu München, wo ich auch nicht mehr hin möchte. Musikalisch war der Tag genau so wie atmosphärisch ein Schöner, so kann es weitergehen. Aber der Herbst dreht sich so sicher wie ein weiterer Winter ins Land. Die Alten gehen und die Jungen kommen, bis sie irgendwann auch gehen, so ist der Zeiten Lauf.