Unterwegs sein. Solange es irgendwie geht, unterwegs sein. Der Kopf ist immer unterwegs. Wenn der Körper mit unterwegs ist, denken die Gedanken anders. Inspiriert vom Anderen, vom Neuen. Synapsenverknüpfung mit Winterlicht – Irgendwo in Deutschland. Dazu Musik. Natürlich Musik.

Vor ein paar Wochen haben wir The Beauty of Gemina im Frankfurter Nachtleben gesehen, Vorband waren seinerzeit Saigon Blue Rain, eine französische Pop-Wave-Band, die mir bis dato völlig unbekannt war, aber ein hoch atmosphärisches Konzert in die Nacht gezaubert hatte. The Beauty of Gemina kommen aus der Schweiz, Sänger und Mastermind Michael Sele aus Liechtenstein, die Musik ist eine Melange aus Rock, Dark Wave, Gothic, zuweilen balladesk, die Themen aber meist die klassischen der Schwarzen Szene: Einsamkeit und Verwirrung in vielen Facetten. Dabei kommen sie weniger pathetisch daher, zudem gar humorvoll, kurz: The Beauty of Gemina ist eine Band, die vor allem über ihre Musik überzeugt und dies auch auf der Bühne.

So bot es sich an, an einem sonnigen Tag im Dezember Richtung Mannheim zu fahren, wo die Band des Abends in der Alten Seilerei auftreten sollte und wenn wir schon unterwegs sind, fahren wir gleich weiter nach Heidelberg. Heidelberg ist schön, ein blauer Winterhimmel am Neckar, in der Höhe thront das Schloss, in den Niederungen tummeln sich die Enten am Ufer. Ein klarer Tag, über uns wachsen die Villen am Philosophenweg Richtung Heiligenberg – in Heidelberg fühlt das romantisch schlagende Herz stets einen jauchzenden Hupfer, klingt doch Hölderlin und Eichendorff stets mit. Waldeinsamkeit droben am Berg, Sehnsucht und leise Melancholie.

Spätestens an der Alten Brücke ist’s damit vorbei, Heerscharen von Wirs strömen über die Brücke, prosaische Welt voller Selfiesticks, schnöde Welt, da weiß man, was man hat. Im Schild des Minerva Denkmals am nördlichen Ende weint eine tragische Figur, die Zunge hängt heraus, wer auch immer dies ist.

Auf dem Weihnachtsmarkt herrscht dichtes Gedränge, Glühweingeruch, tunesische Töpferwaren. Ich mag ja Weihnachtsmärkte. Ich hasse Weihnachtsmärkte. Manchmal umweht sie ein Hauch von vergangener Winterwelt, ein Figürchen öffnet eine Tür zu einer längst vergessenen Zeit, ein Geruch gemahnt an die Kindheit, Schlittenschnee und kalte Ohren. Manchmal sehe ich jedoch nur dämlich blinkende Zipfelmützen und rieche gepanschten Fusel zu ambitionierten Preisen, nach dessen Genuss jeder Rotz bereitwillig gekauft wird, selige Verblödung. Die Fußgängerzone ist noch voller, die Läden haben sich darauf eingestellt, die Parfümerie verkauft Süßgebäck aus Rothenburg, Japaner kaufen Cerankochfelder. Jesus betrachtet das Treiben von oben und baut sich einen Joint, verwandelt Kräuter in Rauch und hat sich das Vertreiben der Händler aus den Tempeln doch anders vorgestellt. Hier gibt es weder Heilige noch Huren, zumindest augenscheinlich, profaner Mammon allenthalben, der Schuss Romantik sells. Out.

Auf dem Weg nach Mannheim versinkt die Sonne, Rauchschwaden riesiger Kamine wabern im Abendorange, Industrieromantik wie nicht gemalt. Wir haben Zeit, erhaschen einen Parkplatz und wandern durch die Innenstadt, ein Autofahrer nimmt Kurs auf einen die Straße überquerenden Fußgänger, gibt Gas, geht in die Eisen und hupt. Besinnlicher Advent. Die Waren auf dem Mannheimer Weihnachtsmarkt am Wasserturm unterscheiden sich nur marginal von denen des Heidelbergers. Wir schieben uns durch die Menge, schielen auf die Auslagen, Lammfellsitzkissen, Nagelscheren, bunte Lampen – doch wir können der Versuchung des Spontankaufs widerstehen. Statt dessen besorgen wir uns in einem großen Elektrokaufhaus eine DVD. Das Schweigen der Lämmer. Im Film gibt es eine Szene, in der sich Buffalo Bill zu dem Song Goodbye Horses von Q Lazzarus bewegt. Saigon Blue Rain haben das Stück gecovert und in Frankfurt gespielt. Alles hängt mit allem zusammen.

Anschließend fallen beide Handys aus, und damit das Navi zur Konzerthalle – doch wir sind pfiffig und folgen einer Ahnung bis nach Neckarau. Dort fragen wir einen jungen Mann und siehe da, zwei Mal links, einmal rechts – und wir sind da, allerdings viel zu früh. Immerhin können wir direkt vor der Alten Seilerei parken, ein paar Schwarzgewandtete sind schon vor Ort, nach wenigen Minuten beginnt der Einlass, stolze 35 Euro sind pro Person fällig – immerhin 10 Kröten mehr als in Frankfurt. Dafür tritt aber auch Saigon Blue Rain nicht auf und in der Halle ist es arschkalt, Elektrogothic wabert durch die Boxen. Außer uns sind vielleicht noch zehn Gäste anwesend, die anderen Zwanzig arbeiten hier. Es ist öde, zu warten, wir rauchen eine Zigarette im Außenbereich, der im Sommer sicherlich angenehm, jetzt aber nur kalt ist. Warten ist immer doof. Außer aufs Christkind. In Frankfurt könnte man jetzt gepflegt vorglühen, da aber noch eine Autofahrt wartet, ist Bier keine gute Idee. Immerhin tröpfeln noch ein paar Menschen ein, die meisten in Schwarz, schwere Schuhe an den Füßen. Wir könnten in unserem Outfit auch zum Fußball gehen, oder ins Kino. Oder zum Weihnachtsmarkt.

Immerhin gehen irgendwann die Lichter aus und die erste Vorband beginnt. 80er Elektroklang mit dunkler Stimme, so präsentieren sich Life on demand, immerhin passiert etwas. Der Sänger hat eben noch draußen neben uns gestanden, jetzt hat er seinen großen Auftritt, das Ganze ist gar nicht mal schlecht, auch wenn deutlich wird, dass die Band noch keine große Bühnenerfahrung hat. Stimmlich fällt seine Kollegin etwas ab, kurzweilig aber vergeht die Zeit, das ist doch schon mal prima.

Kurz darauf beginnt die zweite Vorband, The Unkown aus Saarbrücken, die vor kurzem ihren Auftritt hier bei einem Contest des „Super Schwarzen Mannheims“ gewonnen haben. Die Band legt großen Wert auf optische Präsentation, Tänzerinnen im Tim Burton Optik umgarnen die Band, die eine Art Industrial Gothic präsentiert. Das Ganze ist zumindest optisch ein Hingucker, ich versuche, zu fotografieren, umschwärmt von Fotografen mit vernünftigen Objektiven. Ich beneide sie.

Dann: The Beauty of Gemina, die Halle ist auch jetzt noch alles andere als voll – aber die Anwesenden freuen sich, TBoG ist eine Band, die zwar nicht viele Leute zieht, wer sie aber mag, der weiß, weshalb und kommt wieder. Und so folgen anderthalb Stunden Musik, dazu kurze Zugaben, Sele ist ein charismatischer Frontmann mit lustiger Frisur, der nicht allzuviel erzählt, dafür aber Gitarre spielt und mit tiefer Stimme singt. Mit ihm steht ein weiterer Gitarrist auf der Bühne, der sich ebenso wie sein Kollege am Bass unaufgeregt um sein Instrument kümmert. Im Dunkel, wie so oft hämmert der Schlagzeuger, derweil ab und an elektronische Klänge vom Band kommen. Jo, die Band kann dich in den Bann ziehen, die Leute wippen, tanzen, singen mit – genau wie wir. Höhepunkte für mich sind Crossroads, Dark Rain und Rumours, aber die anderen Songs fallen kein Stück ab. Als das Konzert zu Ende ist, beginnt ein Tanzabend der Reihe „Super Schwarzes Mannheim“, lustig gekleidete Menschen entern die Halle, schwarzer Lippenstift, schwarze Fingernägel, die Damen, die Herren gemahnen an Oswald Henke von Goethes Erben, schwarze Mäntel allenthalben. Ein schwarzes Panopikum oder: Weihnachtsmarkt, nur anders.

Der Parkplatz ist jetzt rappelvoll, die Scheibe vereist, der Dacia rauscht durch die schwarze Nacht. Tim Burton Filme – genau das richtige für Weihnachten.