Manchmal sind es nur kleine Fehlentscheidungen, die zum Zeitpunkt der Entscheidung als solche nicht ersichtlich sind, die unvermittelt in eine Situation führen, die der Dramatiker zu einer Katastrophe ausmalt – und die in Wirklichkeit dann in surrealen Momenten enden, in Albträumchen aus denen es zunächst kein Entrinnen gibt. Neulich war so ein Tag.

Es begann damit, dass ich kurz zuvor in der Stadt einen Hinweis gelesen habe, dass die Alte Brücke in Frankfurt gesperrt ist. Stunden später wollte ich vom Nordend ins Stadion, das Wetter war so lala. So stand ich vor der Wahl, welches Fahrzeug zu nehmen sei, Fahrrad, Roller oder Auto. Da ich erst in der Dunkelheit wieder den Rückweg nehmen wollte und die Regenwahrscheinlichkeit recht hoch war, entschied ich mich für das Auto, um nicht später in der dunklen Nässe durch die Stadt zu eiern. Um halb vier drehte ich den Zündschlüssel um, wenn es gut geht, brauche ich zwanzig Minuten, im schlechteren Falle 35 – so dachte ich.

Raus aus dem Nordend, gewendet an der Allee, durch die Günthersburg, Baumweg, Merianstraße, Friedberger, Konsti. Alte Brücke. Oh, da war was – acht Minuten war ich zu diesem Zeitpunkt unterwegs, die Wagen stauten sich links Richtung Ostend, ich bog rechts ab, am Mainkai entlang. Es brauchte ein Weilchen, die Ampel am Eisernen Steg zu passieren. Nun stand ich vor der Wahl, entweder hinter dem Theaterplatz eine kleine Schleife zu fahren, um über die Untermainbrücke Richtung Sachsenhausen zu rollen. Da dort aber mächtig was los war, entschied ich mich, den Weg über die Mainluststraße auf die Gutleutstraße zu nehmen. Einkalkulierend den Brückentag hieße das vielleicht 10 Minuten warten, bis ich an deren Ende Richtung Uniklinik, sprich Stadion komme. So der Plan.

Schon an der Wende auf die Gutleutstraße ging gar nichts, die Ampel sprang von rot auf grün, von grün auf rot und alle paar Minuten schaffte es ein Fahrzeug auf die Gutleut. Noch hatte ich die ganze Strecke bis unten vor mir. Die Gutleutstraße hat an der breitesten Stelle vier Fahrspuren, die vor dem Bahnhof die Möglichkeit bieten, entweder links, rechts oder geradeaus zu fahren. Die vor mir liegende Strecke beträgt genau einen Kilometer. Von links und rechts kommen dazu noch einige Straßen dazu. Kurz vor vier sagte ich Bescheid, dass ich später komme. Um halb fünf funkte ich durch, dass nichts absehbar ist. Ich stand 20 Meter von der Stelle entfernt, von der ich eben angerufen hatte. Von nun an ging nahezu nichts mehr. Ab und an versuchte jemand die Spur zu wechseln, Autos schoben sich Zentimeter für Zentimeter aus den Seitenstraßen auf die Hauptstraße und immer, wenn jemand hineinfuhr, war der Rest blockiert, was aber völlig egal war, da eh nichts ging. Immer wenn jemand nach rechts die Gutleutstraße verlies, wurden die entstehenden Lücken blitzschnell genutzt. Mittlerweile fotografierten Passanten die Verkehrslage.

Im Grunde verlief das Geschehen recht zivil, zwar war jedem klar, dass jeder einzelne Zentimeter von äußerster Bedeutung war, aber bis auf den Moment als sich ein Taxifahrer und ein Zivilist anbrüllten gab es kaum größere Zwischenfälle. Jeder hasste zwar denjenigen der ein paar Zentimeter gutgemacht hatte, aber die Einsicht, dass es im Grund keine andere Wahl gab, schien durchaus vorhanden. Anderthalb Stunden nach Beginn meiner Reise, hatte ich es bis zur Mitte der Straße geschafft. Hinweise zur Ursache waren bislang nicht ersichtlich, abgesehen davon, dass der örtliche Verkehrsfunk dazu riet, den Baseler Platz (auf den ich ja zurollte oder besser stand) auf Grund von mehreren Baustellen weiträumig zu umfahren sei. Gut zu wissen.

Selten in meinem Leben ist Zeit sinnloser vergangen. Eine kleine Aufregung gab es noch, als ein parkender Wagen startete und durch alle Autos hinweg geradeaus wollte, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, aber die Umstehenden rangierten ein wenig hin, ein wenig her und er hatte es irgendwann wohl geschafft. Ich setzte mir kleinere Ziele. Die nächste Pfütze zu erreichen, die nächste Ampel, deren Farbenspiel niemand mehr interessierte, eine weitere Kreuzung. Meist stand ich und der Motor war aus.

Nach zweieinhalb Stunden war die Fahrbahnverengung ersichtlich. Peu a peu schoben sich vier Fahrspuren auf drei, auf zwei, auf eine – an deren Ende es nur die Wahl gab, rechts abzubiegen. Und das war gar nicht so einfach, da die Straßenbahn nicht fuhr und etliche Ersatzbusse unterwegs waren, die natürlich wie alle anderen Fahrzeuge die Kreuzung blockierten. Im Klartext: Vier Fahrspuren verengten sich auf eine und von der ging es so gut wie nicht weiter. Freitag Nachmittag im Berufsverkehr. Auf den drei verbliebenen Fahrspuren lagen Steine, die von einem Schaufelbagger seelenruhig auf LKWs verladen wurden. Das einfädeln auf die nächste Spur aber klappte tadellos, so es etwas zum Einfädeln gab. Manchmal hupte es, es war einer derer, der die nächste Stufe der Erleuchtung noch nicht geschafft hatten. Der Rest gab sich stoisch seinem Schicksal hin und nicht wenige dürften zumindest zeitweise dem Buddhismus sehr nahe gestanden haben.

Nach einer weiteren halben Stunde hatte ich es geschafft, ich war auf der zweiten Spur, vor mit jeweils ein Fahrzeug, einmal noch die Spur wechseln, dann rechts rum und dann auf zu neuen Ufern. Zwar in die falsche Richtung, aber auf solche Petitessen kam es nun auch nicht mehr an. Und dann kam er.

Der Honk. Der Horst. Der, der irgendwo immer da ist. Der, der durchdreht. Ein kleinerer Mann mit schlecht sitzendem Anzug und Alex Meier Frisur, vielleicht Mitte dreißig. Er tanzte auf der Straße herum, fuchtelte mit den Armen und brüllte: „Fahr vor. Fahr weiter vor.“ Da sein Anzug von jenem eigentümlichen grün geprägt war, wie es vor gar nicht allzulange polizeiliche Mode war, durchzuckte mich der Gedanke, es mit einem cholerischen Polizisten zu tun zu haben, aber es fehlte die Mütze, zudem war es ja gar keine Uniform am Leib des Brüllenden. Er brüllte weiter und lief auf mich zu. Ich hatte das Fenster unten und telefonierte, das ging ja, da ich erstens stand und zweitens der Motor aus war. Er brüllte mir durch die Seitenscheibe zu, was ich mit einem saloppen „Verpiss dich, ich telefoniere“ beantwortete. „Fahr vor, fahr vor, ich dreh hier noch durch“ schrie es mit hochrotem Kopf durch das geöffnete Fenster. „Halt die Fresse oder ich steig aus“ sagte ich so sachlich wie möglich. Und leise. Sehr leise. „Steig aus, steig aus…“ brüllte er nun mit dem Kopf in der Nähe meines Lenkrades. Ich dachte an Buddha, an die Belanglosigkeit irdischen Daseins und da ging es plötzlich ein paar Meter voran, ich wechselte die Spur, verschwand aus seiner nächsten Nähe, während er den nächsten am Wickel hatte. „Fahr vor, fahr vor … Steig aus, steig aus …“ hörte ich leiser werdend und sah ihn auf der Straße rumhampeln.

Während ich nun Richtung Bahnhof rollte, fiel es mir plötzlich wieder ein. Der Typ hat doch vorhin noch zu Fuß eine Ampel überquert. Wie er jetzt an die Kreuzung kam, erschloss sich mir nicht. Aber eines war klar: Der Typ hatte gar kein Auto, war zu Fuß unterwegs. Eine halbe Stunde später war ich am Stadion. Es regnete.