Feierabend. Endlich Feierabend. Bin ich glücklich? Nein. Erleichtert. Grenzenlos erleichtert. Auch wenn ich immer an den Klassenerhalt der Eintracht geglaubt und stets behauptet habe, die Saison geht bis zum 34.Spieltag, bis zum Schlusspfiff. Okay, es waren dann doch 36 Spieltage. Feierabend.

Und diesmal hatte ich mich rechtzeitig um Karten gekümmert, schade nur, dass Pia nicht mitkommt. Aber mit dem geschätzten Kid aus der Klappergass und B., dessen Namen ich aus schulrelevanten Gründen nicht nennen möchte, sind wir eine gute Truppe, die sich an einem verregneten Montag Mittag in Richtung Nürnberg aufmacht. Mission Klassenerhalt im Volvo – Sicher ist sicher. Aus den Lautsprechern purzelt zunächst ein Song, den ich erst kurz zuvor als Vorlage für einen der nettesten Fansongs der Eintracht ausgemacht habe.

Eintracht Frankfurt, du bist mein Leben

Du machst  mich glücklich, wenn du gewinnst

und geht das Spiel auch mal verloren

Wir werden immer weiter zu dir steh’n

Ab dann lief Bowie – bis Nürnberg, nur Bowie. Heroes, Sound and Vision, Absolute Beginners, Port of Amsterdam, Sorrow. Bowie geht immer. Let’s dance? Where are we now? Würzburg. Lieber Gott, lass uns bitte nicht im nächsten Jahr hier aufschlagen.

Ab Bayern waren Baustellen und Parkplätze mit Polizeiautos versehen, möge kein Frankfurter glauben, er käme unbeobachtet davon. Uns war’s egal, wild is the wind.

Knapp drei Stunden hatten wir gebraucht, unaufgeregt die Fahrt, durcheinander der Geist. Auch jetzt, es ist alles zu viel, die deprimierenden Spiele, Hoffenheim, Leverkusen, die Dramen gegen Mainz, Wagners verschossener Elfmeter in Darmstadt inclusive Stadtverbot, Dortmund und die verfluchte 88. Minute in Bremen. Dann der Schock über die Krankheit des Marco Russ, dessen Eigentor. Der Durchhaltewillen auf der einen Seite, die Ungewissheit. Eine zweite Liga mit Bochum, Bielefeld, Lautern und dem KSC. Mit St Pauli, Union, Braunschweig, Düsseldorf. Hannover. Und dem VfB. Über dessen Abstieg ich mich keine Sekunde gefreut habe. Da wir ebenfalls noch absteigen konnten. Das sieht jetzt ein bisschen anders aus. Wir parkten hinter den Bahnhof.

Hinter der Stadtmauer, im Handwerkerhof sind die ersten drei im Weckla fällig. Während Bremen am vergangenen Wochenende noch in grün-weiß getaucht war, fällt in Nürnberg wenig fußballrelevantes ins Auge, die Innenstadt mit den üblichen Geschäften, Nordsee, Kaufhof und einem Geschäft für Damenbekleidung in Übergrößen. Am Hauptmarkt steht eine Leinwand für das abendliche Public Viewing, der Platz, umrandet von Streetfood-Trucks, die wie Pilze aus dem Boden schießen, ist nahezu leer, an der Frauenkirche flattert eine Fahne des Club, dessen Trainer Weiler und Torhüter Schäfer sich nach dem Hinspiel eher despektierlich über Russ‘ Krankheit geäußert haben. Wir wandern an der Pegnitz entlang, am Henkerhaus vorbei über hölzerne Brücken und nehmen ein Bier im Kloster, ein freundlicher Ort, das Huppi zu 2,80.

Und plötzlich drückt die Zeit, wobei man dachte, man hätte noch genug davon – das ist wie im Leben. Am Bahnhof nehmen wir die S-Bahn, die quasi auf uns gewartet hat und rumpeln ohne Halt zum Frankenstadion. Die Bahn spuckt uns aus, um uns die Nürnberger, das Reichparteitagsgelände, nebenan ragen die Flutlichtmasten des Stadions in die Dunkelheit, während wir unbehelligt von allem zum Gästeeingang marschieren. Nach kurzem Gedränge sind wir drin, zweifache Kontrolle, dann sind wir richtig drin. Kid und B. wandern in Block 25c, ich darf nicht rein, muss rüber zu 25a. Ein übereifriger Ordner marschiert mir hinterher. Oben im Block sehe ich Ariane und Nico, schusch und Miri, eine gute Gesellschaft. Unten macht sich die Eintracht warm. Alle tragen ein Trikot mit der Nummer vier. Alles für Marco.

Aigner und Meier sitzen zu Beginn auf der Bank. Beim Einlaufen präsentieren die Nürnberger eine Choreo in der Nordkurve, Let’s rock, während der Gästeblock in Bengalos und Rauch aufgeht, wir haben alle Ruß in den Haaren, im Gesicht. Der Stadionsprecher weist auf die Unsportlichkeit solch Verhaltens hin, auf unsere Gefahrenlage. Im Laufe des Spiels sollte es im Nürnberger Block quasi durchgehend brennen. Der Stadionsprecher sagt nichts. Wer genau ist da jetzt unsportlich?

Es folgt ein Spiel auf ein Tor, auf das der Nürnberger. Die Eintracht, ganz in weiß, macht Druck, macht das Spiel, zeigt, dass sie einen Treffer erzielen will, alleine im Strafraum fällt ihr zuwenig ein. Es schickt sich an, das wir das Spiel der SGE in Bremen noch einmal erleben, nur mit verteilten Rollen. Die Kurve singt, leider nicht obiges Lied. Irgendwann werden wir Deutscher Meister sein oder drei Punkte aus der Gästekurve holen. Ich habe da so meine Zweifel. Ich will einfach nur ein Tor. In ganz wenigen Momenten auch kein Gegentor, doch diese Gefahr ist überschaubar. Irgendwann muss doch so ein verdammtes Ding in den Kasten gehen. Da ist Stendera schon draußen. Nacht acht Minuten. Drei Minuten später kommt Fabian.

Hradecky. Hasebe. Irgendwas. Gefühlte Stunden sehe ich unsere Nummer zwanzig in der zweiten Hälfte beim Spielaufbau und den Ball dann verflattern. Freistöße in den Oberrang, der sich zuweilen gefährlich nach unten neigt. Die Kurve supportet, ich stehe da und gucke auf die Uhr. Nach knapp einer Stunde kommt Alex Meier – ein Funkel Hoffnung, Ben-Hatira macht Platz für ihn. Die Angriffe rollen an wie die schwere See, die Abschlüsse aber versanden wie die Wellen an einem windstillem Tag am Mittelmeer.

Und dann ist es Gacinovic, dessen Treffer uns schon im Hinspiel den Glauben gelassen hat und der von Veh als zu leicht befunden hinten angestellt wurde, und er ist am Strafraum, setzt sich durch, passt, ein Gewimmel, ein Ball, ein Tor. Der Block fällt sich in die Arme. Ich denke: Jetzt bloß irgendwie über die Zeit bringen. Jubel ist später. Und dann fängt das Gewürge an. Der Club erinnert sich, dass es auf dem Spielfeld zwei Tore gibt, die Eintracht erfindet die Zeit und so schleppen sich 24 anstrengende Minuten über die Runden. Durch die Laufbahn getrennt, sieht ja jeder Ball, der Richtung Eckfahne fliegt aus, wie ein Lattenknaller. Und dann ist es endlich vorbei. Eine quälend  lange intensive Saison ist vorbei. Felsbrocken purzeln zu Boden, die Kurve tobt. „Marco Russ Rufe“ schallen durchs Stadion, während Schwarzhelme vor der Kurve aufziehen. Ich verweile noch ein wenig und während die Eintrachtler Niko Kovac feiern, der bereits jetzt in den wenigen Wochen, die er seit März in Frankfurt ist, Geschichte geschrieben hat, marschiere ich nach unten. Und jetzt erfahren wir auch, dass Seferovic den Treffer erzielt hat. Da hat er dann doch noch etwas gut gemacht, wurde ja auch Zeit.

Überall nur glückliche Gesichter. Ich bin nicht wirklich „glücklich“. Nicht in diesem Sinne euphorisiert, wie damals beim 2:2 durch das Eigentor von Rodriguez, welches uns den Europacup-Einzug gesichert hat. Ich fühle mich eher wie damals beim Film, als du das Set bis zu einem bestimmten Termin fertig gebaut haben musst. Und dann kommen Änderungen, bereits Fertiges muss umgeworfen werden, noch eine Nachtschicht nach der Tagschicht. Und noch eine. Und dann nur noch Nachtschichten. Und als schon das Lichtteam anrückt, ist die letzte Schraube drin. Im letzten denkbaren Moment. Überdreht. Müde. Feierabend. Endlich schlafen. Dabei haben wir nur unsere Arbeit gemacht, hätten wir sie besser strukturiert, wären wir schon seit Tagen im Urlaub.

B. kommt, ist überglücklich, alles miterlebt zu haben, später der grinsende Kid. Abgekämpft. Zufrieden. Wir entscheiden uns, die S-Bahn zu nehmen, der wartende Zug ist proppenvoll, der nächste in 15 Minuten angekündigt. Um uns herum Nürnberger, die gar nicht so unglücklich wirken. Wir aber dürfen mit nichts heraus platzen. Gucken auf unsere Telefone – eine surreale Situation, die noch dadurch gesteigert wird, dass ca 10 Minuten Verspätung angekündigt werden. Schweigen, Starren, innerlich platzen. Als dann der Zug kommt, sind die Waggons nicht beleuchtet, die Masse stürmt hinein, setzt sich in die Dunkelheit. Und dann stehen wir. Und schweigen weiterhin.

Irgendwann flackert die Beleuchtung an, irgendwann setzt sich die Bahn in Bewegung, landen wir am Bahnhof. Die Meute strömt Richtung Altstadt, wir aber wandern hinter den Bahnhof, eine letzte Anspannung fällt ab. Wir quatschen und lachen und erreichen den Wagen. Kid hat noch eine Flasche Schampus im Kofferraum, der Korken knallt und fliegt in hohem Boden durch die Luft, hinter den Vorhängen lugen Gesichter in die Nacht. Dann ist an der Zeit, zu fahren – und vor dem Einsteigen schallt es in die menschenstille Nürnberger Nacht: Sekt für die Nutten, Champagner für uns – Wir sind alle Frankfurter Jungs. Tür zu. Abgang.

Autobahn, Bowie. Wir ziehen flott an den LKWs vorbei, jetzt ist es gut, einen schnellen Wagen zu haben, Kid fährt sicher durch die Nacht. Hinter Marktheidenfeld zieht sich eine Baustelle, der kicker zitiert Heribert Bruchhagen „Es wäre der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, um abzusteigen.“ Ich schmunzle und denke: Heri, wir müssen reden. Bei Seligenstadt überholen wir den Eintrachtbus und beschließen, trotz aller Müdigkeit, noch einen nächtlichen Abstecher ins Museum zu machen.

Dort geht es hoch her, die Eintrachtmitarbeiter sind bereits eingetroffen, Kästen werden gewuchtet, High Five, Umarmung. Die Erleichterung ist allen ins Gesicht geschrieben. Am Tresen steht Heribert Bruchhagen nach seinem letzten Spiel in Verantwortung für die Eintracht. Wir umarmen uns. Ich erzähle ihm, wie er zitiert wurde. Und ergänze: „Nächstes Jahr wäre auch ein denkbarer ungünstiger Zeitpunkt, um abzusteigen“. Er lacht. Aber der Klassenerhalt sei ihm gegönnt, wie er uns allen gegönnt ist. Natürlich.

Eine Cola später sind wir auf dem Nachhauseweg, Nachts gegen halb fünf. B. lacht, es war ein großer Tag für ihn – und er sagt einen Satz, der so dann auch noch nie gefallen ist: „Ich freue mich morgen auf die Schule.“ Na klar. Dieser Tag wird ein Leben lang im Gedächtnis bleiben. So wie 1984. Oder 1989. Und dieser Tag muss natürlich den zuhause gebliebenen erzählt werden.

Bei Kid steigen wir um, ihn erwartet ein überglückliches und müdes Kid Groupie, die am Fernseher mitgefiebert hat. Wir bedanken und verabschieden uns und rollen gemächlich nach Frankfurt. Von B. ist es nicht weit bis zu mir. Und auf den letzten Metern fällt es mir wieder ein. Ich brauche jetzt ein neues Trikot. Mit Zelic hinten drauf. Denn wisst ihr noch, wie Ned und ich die Weichen zum Klassenerhalt gestellt haben? Es ist dann doch wahr geworden. Es hat halt nur etwas länger gedauert. Als ich heimkomme schläft Pia zwar, wird aber wach so ich die Tür aufschließe. Hier bin ich wieder. Als Erstligist. Feierabend. Und Ende.

Fast. Nach dem Aufwachen lese ich, dass Stefan Krieger mit dem heutigen Tag seine Mitarbeit am Blog-G einstellen wird. Zehn Jahre lang hat er rund um die Eintracht gebloggt. Nicht immer nach meinem Geschmack, aber stets unbestechlich und klar. Manchmal haben wir etwas zusammen gemacht, wie damals das Projekt 18×18 mit Marcel Titsch-Rivero, manchmal oder meistens machte jeder sein eigenes Ding. Unabhängig. Er bei der FR, ich alleine. Jetzt ist für ihn damit Schluss. Alles Gute für dich auch weiterhin. Abstieg ist Arsch.