Nach der Aufarbeitung der Historie anlässlich des Pokalfinales vor zehn Jahren, stand ein Fußballwochenende an, das es in sich hatte. Sowohl für den FSV als auch für die U19 der Eintracht und natürlich für die Eintracht selbst standen wegweisende Spiele an. Leider hieß es ja für die Partie der Eintracht in Darmstadt: Wir müssen leider draußen bleiben – und so hatten wir uns auch nicht darum gekümmert, ein Ticket zu organisieren. Das war dann in Bornheim und am Riederwald schon anders.

Am Freitag kickte der FSV gegen Kaiserslautern, wir trafen uns bei Freunden im Garten. Von dort aus siehst du die Flutlichtmasten des Bornheimer Hangs einen Steinwurf entfernt. Mit dem Roller tuckerte ich durch den Gästemob, parkte am Kassenhäuschen, kam sofort an die Reihe und tuckerte mit Stehplatzticket und dem Gästemob wieder zurück – eine Sache von zehn Minuten. Mach das mal im Wald, draußen bei der Eintracht. Später ließ ich den Roller stehen, wir zogen mit einem Bierchen in der Hand zum Hang. Ein großes Thema war natürlich das Innenstadtverbot für Eintrachtfans in Darmstadt, welches nicht haltbar war – und dank der Initiative des Fanclubverbandes dann auch gekippt wurde. Ein Narrenspiel, zu dem ja alles schon gesagt wurde. Für mich war klar, dass es gilt, das Verbot zu kippen, um dann brav in Frankfurt zu bleiben. So kam es ja dann auch.

Als wir den Bornheimer Hang enterten, schoss der FSV das 1:0, ein schöner Empfang, die Abendsonne beleuchtete den Nussberg, auf dem ich schon als Knabe tollte, das Flutlicht beschien den Rasen. Die Hütte war ziemlich voll, was vor allem daran lag, dass der sportlich im Niemandsland rangierende FCK Tausende Anhänger auf die Beine gebracht hatte. Die hatten später auch allen Grund zum Jubeln, Kaiserslautern kickte den FSV an den Rande des Abgrundes, 1:4 hieß es am Ende, das Flutlicht leuchtete auch nach Abpfiff stoisch in die Nacht. Wir kippten uns noch einen Schoppen hinter die Binde und bereiteten uns mental auf den nächsten Tag vor.

An jenem lieferte zunächst die U19 der SGE Grund zur Freude; jene U19, die ja gleichfalls vom Abstieg bedroht war – und gegen den Nachwuchs der Bayern antrat, der jedoch in dieser Saison auch keine Bäume ausgerissen hatte. Bei herrlichem Frühlingswetter dominierten die Adler und besiegten die kleinen Bayern mit 2:0 – trotz Enrico Caruso in deren Tor. Auffälligster Spieler bei uns: Nelson Mandela. Da die Konkurrenten um den Klassenerhalt Federn ließen, geht die Eintracht mit drei Punkten Vorsprung und der um 12 Toren besseren Differenz gegenüber Saarbrücken in den letzten Spieltag – das sollte eigentlich reichen. Durchatmen.

Jetzt also Bundesliga. Die Eintracht bei den Lilien. Ich war ja schon nach Sandro Wagners Äußerungen über die Entlohnung der Fußballer überzeugt, dass sich dies rächen wird. Wer den Schnabel weit aufreißt, muss aufpassen, dass kein Dreck hinein fliegt. Schade jedoch, dass keine Eintrachtfans im Stadion zugelassen waren – darin waren sich alle einig. Einige wenige hatten sich Karten besorgt, andere besuchten Darmstadt aus reiner Freude an Städtetouren – den ganzen Schlamassel aber hätte man sich sparen können, wenn der DFB statt Kollektivstrafen auszusprechen die jeweiligen Übeltäter bestraft bzw die Bestrafung dem Gang der Justiz überlässt und Verantwortliche bei Stadt und Polizei mal bei denjenigen nachfragen würden, die sich Woche für Woche mit dem Thema Fußball, Fans und Organisation beschäftigen. Machen sie nicht, also lebt mit eurer Realität, die ihr euch selbst einbrockt.

Mir war das alles zu stressig, und so hockten wir mit Freunden in unserer Wohnzimmer Sky Lounge und erwarteten einen Sieg der Eintracht, die auch ordentlich begann – und zunehmend den Faden verlor. Und prompt fiel das 1:0 für die Lilien, Heller hatte sich gegen Oczipka durchgesetzt und vom Schienbein von Vrancic prallte die Kugel ins Netz. Vier Eintrachtler im Strafraum guckten blöd aus der Wäsche, ich hab ihn nicht, nimm du ihn nicht.

Wir brüllten den Fernseher an, beleidigten Lilien, Fans wie Spieler aufs Unflätigste und motivierten die Eintracht dermaßen, dass es Elfmeter für Darmstadt gab. Da ich diesen im Tippspiel zwar einen Gegentreffer zugestanden habe, jedoch keine zwei, war klar, dass der Elfer, den man nicht pfeifen muss, nicht rein geht. Sandro Wagner schnappte sich den Ball – und ich war dann doch nervös. Herr Wagner lief an, Herr Ben-Hatira zeigte in eine Ecke, Herr Hradecky flog – und fischte die halbherzig getretene Kugel aus dem Eck. Alter Finne, die Eintracht blieb im Spiel – auch weil ein weiterer Strafstoß nicht gepfiffen wurde, der eher gegeben hätte werden können als der erste. Seis drum, zur Halbzeit hätten die Lilien höher führen müssen, taten sie aber nicht und so nahm der Auswärtssieg seinen Lauf, zumal Aigner für den schwachen Gacinovic ins Spiel kam. Man hätte auch den Kommentator auswechseln müssen, dessen Lobhudeleien auf Darmstadt unsere Stimmung zusätzlich anheizte.

Und plötzlich kippte das Spiel, die Eintracht bekam Oberwasser, auch weil Darmstadt nach vorne nichts mehr zu Stande brachte oder bringen wollte. Da war von der Dynamik und dem Willen, der uns im Hinspiel noch in die Verzweiflung trieb nichts mehr zu spüren. Huszti ballerte aus ordentlicher Entfernung zwar noch am Kasten vorbei, Hasebe aber machte es besser und wuppte das Ding zum Ausgleich ins Netz, abgefälscht zwar, aber drin. Hasebe. Erinnert ihr euch? Der einstige rechte Verteidiger? Aber wir wollen nicht nachtreten, wir brauchen ja noch ein Tor. Und dann sah das Ganze irgendwie so aus, als ob die Eintracht bis Feierabend konzentriert ihre Arbeit erledigt, während die Darmstädter den Hammer gegen ein Schöppchen getauscht hätten. Wie, wir brauchen noch ein Tor? Okay, dann machen wir noch eins. Aigner rauscht in die Flanke, batsch 2:1. Da ist er, der Treffer. 84. Minute. Ich brüllte Abpfiff, doch Herr Gräfe, seines Zeichens Schiedsrichter hatte kein Einsehen und ließ weiter spielen. Frechheit. Jetzt stellten die Darmstädter ihr Schöppchen wieder beiseite und suchten den Hammer, den sie aber nicht mehr wirklich fanden. Wir nagten an den Fingernägeln, lutschten an den Knochen. Abpfiff. Ein paar Darmstädter kloppten auf eine Handvoll Eintrachtler ein, die Mannschaft applaudierte der nicht vorhandenen Gästekurve, weiter geht’s, Focus auf den BVB, keine Pause, kein Durchatmen. Weiter machen. Auf jetzt!