Es gibt Tage, vor allem im Sommer, da ist im Eintracht Museum nichts los. Und es gibt Tage, da jagt ein Highlight das Nächste. So war es diese Woche.

Dienstag und Mittwoch zeigten wir mit der Aufführung Jörg Berger – Meine zwei Halbzeiten erstmals ein Theaterstück im Museum. Stefan Kleinert, Schauspieler aus Berlin, hatte sich der Thematik angenommen, aus Bergers Buch eine Bühnenfassung erarbeitet und die Rolle von Jörg Berger gleich selbst übernommen – und obgleich wir im Museum keine perfekte Theaterausstattung bieten können, hat die Inszenierung großartig funktioniert. Die Kulisse des Museums passte natürlich hervorragend zum Thema, immerhin spielte die Eintracht im Leben Jörg Bergers eine große Rolle. Am Mittwoch war sogar dessen Sohn Ron höchstselbst vor Ort.

Das Stück endete wie es begann: Mit der Diagnose: Krebs. 75 Minuten lang reisten die Zuschauer durch das Leben Jörg Bergers, flüchteten mit ihm über Sobotica und Belgrad nach Deutschland, nachdem Berger in der Deutschen Botschaft ein Ticket in Belgrad nebst falschen Pass erhalten hatte und mit dem Zug ausreiste, wobei er von einem Grenzer zwar erkannt wurde, dieser ihm jedoch mit einem Lachen viel Glück in der BRD wünschte.

Zurück ließ er seinen Sohn Ron, der ihn erst Jahre später wiedersehen sollte, in Prag, noch vor dem Fall der Mauer. Für Ron jedoch glich die Begegnung eher dem Gewinn, drei Tage mit einem Bundesligatrainer in Prag verbringen zu dürfen und weniger dem Wiedersehen mit dem Vater. Jörg Berger hospitierte zu Beginn seiner Zeit in West-Deutschland bei der Frankfurter Eintracht, kam zunächst bei Norbert Nachtweih unter, lernte Parkhäuser und Politessen kennen und entwickelte sich zu einem erfolgreichen Bundesligatrainer. Unvergessen das 5:1 der Eintracht gegen den 1. FC Kaiserslautern, 20 Jahre nach seiner Flucht.

In Bursaspor wurde er mit einer Waffe auf dem Tisch entlassen und in Aachen erfuhr er erstmals von seiner Erkrankung. Krebs. Der Glaube an die Heilung erhielt wenige Jahre später einen herben Dämpfer, als sich in seinem Körper der Krebs erneut ausbreitete – und letztlich obsiegte. Als Stefan Kleinert in der Rolle des Jörg Berger am Ende des Stückes die Perücke vom Kopf nahm und mit kahlem Kopf ins Publikum schaute, wusste ein jeder ob der letzten veröffentlichen Fotos Bergers, kahl nach der Chemo und von der Krankheit gezeichnet. Ein für alle bewegender Moment.

Einen Tag später kam zunächst Alex Meier ins Museum, um eine eigens gestaltete Vitrine für dessen Torjägerkanone einzuweihen, sogar Heribert Bruchhagen schneite vorbei und bewunderte die interaktive Vitrine, die sogar sprechen kann.

Später am Abend wurde es dann wieder ernster. Mit Norbert Nachtweih und Stadionsprecher André Rothe begrüßten wir zwei Gäste, die wie Jörg Berger aus der DDR geflohen sind, bzw dieses versuchten.

Während Nachtweih gemeinsam mit Jürgen Pahl bei einem Spiel der U21 Nationalmannschaft der DDR in Bursa/Türkei eher spontan den Entschluss fasste, einen neuen Anlauf im Westen zu versuchen – und dieses mit erstaunlicher Leichtigkeit gelang, so entwickelte sich das Unternehmen „Flucht“ für André Rothe als ein hochkompliziertes und langwieriges Unterfangen.

Rothe, der in der Armee diente und unter Bewachung die Mauer streichen musste, fasste den Entschluss zur Flucht keineswegs spontan. Erlebnisse und Erfahrungen ließen in ihm über Jahre die Erkenntnis reifen, dass es besser sei, das Land zu verlassen. Der finale Aspekt findet sich letztlich in der Tatsache, dass ihm eine akademische Ausbildung nach vorlauten und unbedachten Äußerungen verwehrt werden sollte; man bezeichnete das universitäre Gebilde nicht ungestraft als korrupter Haufen. Aber auch die Erkenntnis, dass der scheinbare Feind der DDR nicht außerhalb sondern innerhalb des Staatsgebildes gesehen wurde, gab ihm zu denken. Bespitzelung, Überwachung und Bestrafung der eigenen Leute lag an der Tagesordnung.

Da Rothe an der Mauer Dienst geschoben hatte, wusste er ob der Unmöglichkeit, diesen Weg zu wählen und entschied sich mit Freunden den Weg über Ungarn nach Österreich zu nehmen. Letztlich wagten sie den letzten Schritt zu zweit, überquerten den Grenzzaun, lösten Alarm aus und flogen über einen hohen Stacheldrahtzaun in die vermeintliche Freiheit. Nicht gewusst hatten sie, dass an jener Stelle die wirkliche Grenze erst ein paar Schritte weiter hinten verläuft. Ungarische Grenzer, denen sie in die Arme liefen, nahmen sie zwar freundlich auf, wünschten ihnen für das nächste Mal viel Glück, schoben sie aber ab in die DDR. Tragikomisch die Geschichte, dass Rothes Freund während des Fluchtversuchs seine Brille verlor und diese tatsächlich in Österreich lag.

20 Monate Knast dann die Quittung, zuletzt im Mörderknast in Brandenburg. André Rothes Großmutter, Rentnerin, durfte in den Westen reisen und ließ es sich nicht nehmen, bei Franz Josef Strauß vorzusprechen. Nach zehn Monaten Knast wurde er nach Karl-Marx-Stadt verlegt. Im dortigen Knast sickerte durch, dass derjenige, der links liegt, ausreisen darf, derjenige aber, der rechts liegt, zurück geschickt wird. Und zurückschicken hätte für ihn dramatische Folgen gehabt, da er sich in Brandenburg mit einem Mörder angelegt hatte und dieser nur darauf wartete, sich zu rächen. Bis dato wurde Rothe durch einen Freund geschützt, der ein Meister in asiatischen Kampfsportarten war. Einige Tage verweilte er in Karl-Marx-Stadt, mal lag er links, mal lag er rechts, Psychoterror vom feinsten, bis er in einen Bus verfrachtet wurde und über Herleshausen ausreisen durfte – als einer von 5000 Häftlingen, die im Austausch mit dem Kanzleramtsspion Günther Guillaume, der Willy Brandt zu Fall gebracht hatte, in den Westen durften.

Als ein Bus die Reise in den Westen fortsetzte, lief Boney Ms Hooray, hooray, it’s a holi… holiday. Dazu gab es Bier und Marlboro. Nahezu surreal die ersten Kilometer in der BRD.

Die Zeit raste an diesem Abend im Museum, ehe wir uns versahen waren wir schon über der Zeit, so dass wir auf die Entwicklungen im Westen kaum eingehen konnte. Dass Norbert Nachtweih 16 Monate gesperrt wurde, zunächst im Hotel Klein in Enkheim mit Gyula Lorant und Stepi wohnte, um anschließend mit der Eintracht den DFB-Pokal und den Uefa-Cup gewinnen sollte konnten wir aber noch in Erfahrung bringen, auch dass ihm die Eingewöhnung im Westen relativ leicht fiel. Alles weitere dann demnächst im Museum der Frankfurter Eintracht.

Fotos 1-8: Beve, Foto 9: Sabine Klug