Neun Uhr in der Früh, Stefan wartet unten an der Allee auf mich, es ist fabelhaftes Herbstwetter, blauer Himmel, Sonnenschein und die Eintracht spielt am Tag der Deutschen Einheit in Ingolstadt. Eine Million Besucher werden am Wochenende in Frankfurt erwartet. Nichts wie weg.

Es ist erst das zweite Pflichtpiel unserer Eintracht in Ingolstadt, vor einigen Jahren trennten sich beide Clubs 1:1, Matmour erzielte damals in der Nachspielzeit den Ausgleich – ich war seinerzeit am Bornheimer Hang, Stadionsprecher bei unserer U23, die Nachricht des Ausgleichs schickte mir Pia via SMS. Anschließend stieg die Eintracht in Liga Eins auf, Ingolstadt folgte dieses Jahr. Auswärts hoch erfolgreich, hatten die „Schanzer“ bis dato kein Ligaspiel zu Hause gewonnen, noch nicht einmal ein Tor erzielt. Wir waren beunruhigt.

Ob des Feiertages waren kaum LKWs unterwegs, wir glitten flott auf der A3 voran, unterbrochen von kleinen Stockungen. Ab und zu dann die Wahnsinnigen, die in der Mitte Schleicher, der Motorradfahrer, der in aberwitziger Geschwindigkeit die Spuren wechselte wie ein Rennfahrer und natürlich Eintrachtfanbusse. Würzburg, Nürnberg, Abfahrt Ingolstadt. Landschaft in herbstgrün zog an uns vorbei, auf einem Parkplatz harrte ein tschechischer PKW ohne Nummernschilder seinem Ende entgegen.

Wir parkten vor den Toren der Altstadt und marschierten in die Fußgängerzone, beschaulich ging es zu, trotz geöffneter Geschäfte an einem Feiertag – und wir suchten eine einheimische Lokalität, die wir bald fanden. Nebenan das Café 59. Einige Eintrachtler hockten bei einem Bierchen draußen vorm Wirtshaus, darunter auch Werner, der wie so oft mit dem Fahrrad angereist war. Seit Mittwoch unterwegs, war er heute morgen angekommen – zurück wollte er mit den Sossenheimern, es wird sicher geklappt haben.

Neben uns saß ein älteres Paar aus München, die dem Oktoberfest entflohen waren, wir kamen ins Gespräch, während wir auf das Essen warteten, nett wars, obgleich sich Bestellung und Lieferung etwas hinzogen. Einer beschwerte sich nebenan lautstark, wir aber warteten brav auf Schweinsbraten oder Semmelknödel, naja, überragend war es nicht, aber nahrhaft. Immerhin lag noch eine ordentliche Strecke vor uns. Wir verließen zu Fuß die Altstadt, überquerten die Donau und wanderten an Grün vorbei Richtung Stadion, trafen den Eintrachtbus und ich schluckte. Ich glaube, wir haben stets verloren, so ich ihn vor dem Spiel gesehen habe – aber wer wird denn abergläubisch sein. Auf halber Strecke entdeckten wir eine Bushaltestelle sowie eine Tankstelle nebenan, ein Bierchen später rauschte der erste Bus an uns vorbei. Na toll. Immerhin hielt der zweite Bus etwas später, und darin einige Eintrachtfans, darunter auch die schreibende Zunft, Peppi Schmitt und Ronald Reng, dessen letztes Buch ich noch gar nicht habe wie mir einfiel. Wird Zeit.

Der Bus spuckte uns am Stadion aus, von der Haltestelle waren es nur ein paar Meter zum Gästeeingang, der Andrang war überschaubar, kein Wunder bei einem Fassungsvermögen von 15.000. Die Eintrachtbusse parkten einen Steinwurf vom Eingang entfernt, eine kleine Menschenmenge tummelte sich am Einlass. Wir stellten uns an. Und dann standen wir. Und standen. Und standen. Beamte des USKs, für den Krieg gerüstet, filmten und fotografierten uns unaufhörlich, ab und an flogen weiße Papierschnipsel in die Luft, die kleine Menge Eintrachtler blieb diszipliniert, obgleich in allen die Wut kochte, denn es ging nicht voran. Ein Spezialist von unserer Seite wollte mir das Fotografieren verbieten, eher unsanft, eher grob. Ich fotografiere ja immer, ständig und überall, und dass Polizei manchesmal böse wird, kenne ich. Dass ein Eintrachtler den Blockwart gibt, ist dann außerhalb der Kurve eher ungewöhnlich. Mit anderen Worten: Was bildet sich so ein /Schimpfwort nach Wahl bitte einsetzen/ ein? Weder hatte ich ihn im Bild, noch war meine Kamera auch nur im Ansatz auf ihn gerichtet, da hätte ich ja Verständnis für. Ich kochte. Wegen des Nichtvorankommens, wegen des Blockwartes, wegen des USKs.

Kaum hatte ich die schmale Einlassöffnung erreicht, schob ich mich einen halben Meter nach innen. Ihr müsst wissen, dass die Leute quasi einzeln eingelassen wurden. Erst nach vollständiger Untersuchung durfte der nächste rein. Ein Ordner blaffte mich in räudigem Ton feindselig an, dass ich einen Schritt weiter hinten zu warten hätte. Ein zweiter unterstützte ihn, in die Augen blickend, wie ein Boxer seinen Gegner fixiert. Ich schwieg, derweil es in mir explodierte. „Schon oft haben Kleine im Amt ihr schäbiges Mütchen gekühlt“ schrieb Ernst Bloch einst und nie war es wahrer als in diesem Moment. Ich kam an die Reihe, ein weiterer Ordner wies mich an, meine Taschen zu leeren, dann tastete er mich ab. War halbwegs ok. Während fast alle anderen ihre Schuhe ausziehen mussten, schlängelte ich mich an Ordnern und Polizei vorbei. Noch knappe 10 Minuten bis zum Anpfiff und eigentlich war klar, dass mein erstes Spiel in Ingolstadt auch mein letztes sein würde. Ich habe keinen Bock mehr auf all die Honks, auf die beschissene Willkommenkultur auf die würdelose Behandlung des Ohnmächtigen, auf Arschlöcher im Amt oder im Trikot oder Hoodie. Auf all die Fressen, die sich aufblasen, wichtig nehmen, unfreundlich sind und aus ihrem Hang zur Gewalt keinen Hehl machen.

Wenige Schritte hinter dem Einlass ging’s in den Block. Dieser war voll, und du musst dich von unten nach oben schlängeln, war aber kein Problem, wir stellten uns ganz nach oben, hatten eine gute Sicht, die Mannschaften liefen ein und Anpfiff. Das Stadion wirkt schlicht aber funktional, Auf dem Dach glänzten breite Flutlichtreihen in den sonnigen Tag, die Eintracht in schwarzweiß, Ingolstadt in schwarz-rot. Einige Fahnen wedelten vor uns, die Wedelei aber hielt sich dankenswerter Weise in Grenzen, will sagen, wir hatten das Elend gut im Blick. Und in der Tat kickten da unten Not gegen Elend, es war offensichtlich, weshalb Ingolstadt hier noch keinen Treffer erzielt hatte und ebenso offensichtlich bahnte es sich an, dass wenn einer gewillt war, daran etwas zu ändern, dies nur die Eintracht sein konnte. Neben individuellen Fehlern, einfache Ballverluste, Stockfehlern, war augenscheinlich, dass es in der Anlage keine Idee gab, wie die SGE hier gewillt war, Tore zu erzielen. In der Mitte stapelten sich Hasebe, Reinartz, Stendera, Meier, und Castaignos, auf links war Inui in Spanien und so verann die Zeit bis zur Pause. Hasebe war ein Schatten seiner selbst und dennoch durfte er in Halbzeit zwei weiter ran. Sprach der Mainzer Trainer gestern noch von einem Matchplan, von einer Idee, wie Darmstadt zu knacken sei, so offenbarte sich hier in Hälfte zwei ein taktischer Offenbarungseid. Ingolstadt wurde eingeladen zu spielen, dies taten sie wenig berauschend aber druckvoller als die Gäste – und das will etwas heißen.

Durch die Hereinnahme von Flum für Hasebe gewann die Eintracht etwas an Frische, so für zehn Minuten, es folgte zwischen der 60sten und 70sten Minute die vornehm gesagt beste Phase der SGE, in der immerhin zwei Chancen heraus sprangen, die nicht genutzt werden konnten, Meier und Aigner, der wenigstens ab und an etwas versuchte, blieben glücklos. Ein Ballon schwebte leise in der Ferne. Dann traf der Gastgeber ins Netz, erstmals in der Bundesliga im eigenen Stadion überhaupt, man hätte wetten können. Die Frankfurter wussten ab dann überhaupt nicht mehr, was sie taten und prompt folgte das 2:0. Abpfiff, Ende, aus. Eine der historisch deprimierentsten Niederlagen schrieb sich mit Ansage in die Geschichstbücher ein. Zu blöde, dass mein Neffe und meine Nichte erstmals bei einem Auswärtsspiel vor Ort waren. War sicher ein Erlebnis, Leiden über 90 Minuten quasi intravenös zu erfahren.

Wir nahmen den Bus in die Stadt, der Fahrer schien ein wenig quengelig, quälten uns Schritt für schritt voran, überquerten erneut die Donau und wanderten anschließend zurück zum Parkplatz. Schnell waren wir auf der Autobahn, ließen Ingolstadt hinter uns und rauschten in die Dunkelheit. Als wir noch einen Burger zu uns nehmen wollten, schloss nach zehn Minuten Warterei unsere Kasse, an der bislang noch nichts passiert war, eine weitere halbe Stunde später nagten wir am Bulettenbrötchen und alsbald passierten wir Würzburg, Aschaffenburg und rollten in Frankfurt ein. Oben am Park verabschiedete ich mich von Stefan, der uns souverän durch den Abend gefahren hatte, lief durch Park und Dunkelheit Richtung Heimat. Pia winkte schon am Fenster, wir brachen gleich auf Richtung Feinstaub, die Musik war klasse, ein dunkles Bier schmeckte, Mitternacht. Der Tag war kein Schlechter. Ohne Fußball sogar noch besser. Was ne Scheiße.