Irgendwann hatte ich unbedarft zugesagt. Bus. Backstage. Auswärtsspiel. Stuttgart. Da ich nachts noch bis in die Puppen den Eintracht Museums Stand am Museumsuferfest in Schwung hielt, schlurfte ich müde aber guter Dinge die paar Meter zum Treffpunkt an der Allee, ein paar Schritte vom Backstage entfernt.

Der Bus war da, jede Menge bekannter Gesichter dazu, darunter die Hälfte der Venedig-Crew von neulich. Schöne Frauen, starke Männer, was soll da schief gehen? Holger schleppte sich auch in unsere Richtung, im Handtäschchen ein paar Liter Apfelwein, und schon rollten wir bei blendendem Wetter los. Der erste Bus mit Holzparkettboden – und das für eine Fahrt mit Eintrachtfans. Es ist ja immer schön, wenn dir vertraut wird. Im End sollten wir dieses Vertrauen gerechtfertigen, der Sachschaden hielt sich in Grenzen.

Die Sonne ballerte recht gnadenlos durch die Scheiben, langsam perlten die Tropfen übers Gesicht Richtung klebendes Hemd, David Bowie sang „Heroes“ und überall ploppten kleine Flens auf, zwei Eimer mit Frikadellen harrten der Dinge – für das sogenannte leibliche Wohl war gesorgt. Pia, die gleichfalls den Museumsstand am MUF schmiss, hatte sich allerdings entschieden, die Eintracht Eintracht sein zu lassen und plante einen Tag am Meer See. Angesichts des Schweißes meines Angesichts keine schlechte Wahl. Zunächst.

Erster Halt Lorsch, zweiter Halt Kraichgau. Vor uns das Stadion der TSG Hoffenheim, rund um uns jede Menge Frankfurter, schmutziges Lachen, und nach wenigen Kilometern ein weiterer Halt. Wir holten noch ein paar Jungs ab, die sich nach Spielende noch gen Osten aufmachen wollten und rollten durch Landschaft nach Stuttgart. Und da wir den üblichen Weg über Zuffenhausen und Zoo geradewegs ignorierten, sondern über Backnang einrollten, standen wir nicht im Stau. Das gabs noch nie. Ist ja auch mal schön.

Am Stadion wurde es ein wenig voller, als die Türen des Busses geöffnet wurden purzelten wir in die Sonne, marschierten schwatzend Richtung Gästeeingang und wurden recht freundlich eingelassen. Ich schwang mich nach oben in die letzte Reihe der Stehplätze, direkt hinter mir waren einige Plätze abgesperrt – von zwei Ordnern bewacht. Als es immer voller, und es eigentlich sinnig wurde, die Plätze frei zu geben, was macht der geneigte Ordner? Er gibt kurzerhand die Plätze frei, ohne Anweisung, ohne Befehl. Von da an lungerten einige freie Oberkörper hinter mir herum, die Stimmung pendelte zwischen freundlich und ausgelassen, friedlich wars auf jeden Fall – auch Dank Ordner Giovanni, der genau das richtige tat.

Dann der Versuch einer Schweigeminute für Herrn Mayer-Vorfelder, ging natürlich im Gästeblock völlig daneben, wenig überraschend. Fußball. Die Eintracht (ohne Abraham dafür wieder mit Chandler und Stendera) ließ sich früh den Schneid abkaufen, der VfB drückte und lag plötzlich mit 0:1 zurück. Niemand wusste weshalb und dennoch war der Jubel groß. Dann drückte wieder der VfB, ließ einige Großchancen liegen und kam dann doch zum Ausgleich. Dié spazierte durch unsere Abwehr wie ein warmes Messer durch Butter gleitet und die Hereingabe verwertete Didavi. Zwar kam prompt eine SMS, dass der Kollege im Abseits stand, ärgerlicher jedoch das Abwehrverhalten unserer Diva. Wenigstens wollten die Stuttgarter trotz Großchance kein Tor erzielten, dafür aber die Eintracht durch Castaignos; die SGE führte – niemand wusste weshalb. Besser als umgekehrt dachten viele und sangen munter die Halbzeit durch.

Nach dem Seitenwechsel blieben Chandler und Russ in der Kabine, Abraham kam für die Innenverteidigung, Ignjovski übernahm Hasebes Part, der die Umschulung als rechter Verteidiger fortsetzte. Fortan stand die Abwehr sicherer, das Spiel aber pendelte auf Messers Schneide – und da wir ja in Stuttgart waren, wussten wir, dass alles erdenklich Schlechte im Bereich des möglichen lag. Netterweise traf dies dann den VfB. Torwart Tyton holte erst Castaignos von den Beinen und sich dann die rote Karte ab. Elfer für die Eintracht, Tor für die Eintracht, Seferovic hatte humorlos verwandelt. In diesem Falle war es rein eigennützig gesehen praktisch für die SGE, dass die Schwaben nun mit zehn Mann agieren mussten, aber ich halte solche rote Karten schlicht für ungerecht. Dennoch war ich noch nicht vom Auswärtssieg überzeugt, zuviele Dramen hatten sich schon gegen den VfB entwickelt, doch alles wurde gut: Castaignos erhöhte auf 4:1, der Deckel war auf dem Topf, die Laune entsprechend prächtig, Eintracht Frankfurt wird siegen, Scheiß VfB sang die Kurve und mit was? Mit Recht. Anschließend versuchte ich, das Ergebnis fotografisch festzuhalten, die Anzeigetafel aber verweigerte konsequent den Spielstand und ballerte während der letzten fünf Minuten inkl. Nachspielzeit Werbung um Werbung ins Bild. Naja, wie es stand wussten ja alle. Hab ich eigentlich schon gesagt, dass ich mich gerade zu einem Fan von Lukas Hradecky entwickele? Nein? Doch.

Abgang und glückliche Gesichter allenthalben. Ich gabelte noch zwei Jungs auf, mir gutbekannt, die sich morgens zum ersten Male alleine auf den Weg ins Auswärtsland gemacht hatten – und dies trotz Verzögerung ihrer morgendlichen Abfahrt um zwei Stunden und Neuorganisation  prima meisterten und nun mit uns sicher Richtung Frankfurt fahren sollten. Überall gute Bekannte, grinsende Gesichter, high five, Auswärtssieg.

Staulos zurück über Backnang, Abschied von der Reisegruppe Ost und dann unerwarteter Weise Zuwachs. Drei Jungs aus einem anderen Bus waren mit nackten Oberkörper in eine Burgerbraterei spaziert – und von ihrem Bus schlicht vergessen worden. Vier gewonnene Shirts fuhren nun herrenlos Richtung Heimat, die Jungs aber fanden bei uns Asyl, wir sind da im Gegensatz zu anderen Teilen der dunklen Republik ganz locker.

Wenigstens wurde die Musik jetzt schlechter, gnadenlos übersteuert dröhnte gefühlte 19 Mal Barbie Girl aus den Boxen, wir machten aus der Not eine Tugend, sangen lauthals mit und hofften, dass optionale Videos niemals das Licht der Welt erblicken werden. Pfungstadt, Darmstadt, Langen, Messe – letzter Halt: Backstage. Wir applaudiertem unserem Busfahrer, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ, obgleich er sich um die Unversehrtheit des Parkettbodens aber auch der Bordtoilette sorgte, schleppten Kisten in den Keller und schon fiel ein bunter Haufen ins Backstage ein und goss sich noch einen hinter die Binde. Pia schneite vorbei, die Jungs hatten sich derweil schon auf den Heimweg gemacht und haben sicher viel zu erzählen. Von nackten Oberkörpern, wild tätowierten Gesellen und seltsamen Verhaltenweisen erwachsener Menschen mit lustigen Fischerhüten auf den Köpfen. Und natürlich von einem fantastischem Auswärtssieg an ein einem tollen Spätsommertag. Eintracht Frankfurt wird siegen …