Ich gebe es zu, ich war nicht in Wolfsburg. Auswärts ist bei mir derzeit etwas die Luft raus. Über die Autobahn zu rumpeln, nach dem teuren Eintritt abgetastet zu werden, die ewig gleichen Rituale im Bundesligazirkus, brüllende Stadionsprecher, nervige Werbung, die Einlaufzeremonie, die Maskottchen. Und nach einer Niederlage zurück nach Frankfurt. Ich mag grad nicht mehr.

Da traf es sich gut, dass der geschätzte Ergänzungsspieler mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, zum Saisonauftakt in der neuen Alten Liebe in Sachsenhausen ein paar Worte zur Begegnung Wolfsburg gegen die Eintracht zu verlieren, zumal ich genau dies seit Jahren bei Heimspielen im Waldstadion auf der Waldtribüne mache: Babbeln zum Spiel. Gegen halb zwei rollerte ich also kurzbehost vom Nordend durch den Regen nach Sachsenhausen – ein ungewohntes Gefühl nach Wochen der Sonne. Rollern bei Regen – auch so ein Kapitel für sich, immerhin, ich kam zwar durchnässt aber sicher an.

Zwei Stunden vor Anpfiff war der Andrang überschaubar, dies sollte sich in den kommenden 120 Minuten massiv ändern. Auf den Tischen standen kleine Schildchen: Auch hier Sky-Euro. Dachte ich zunächst, dass hier demnächst auch die Europa-League, früher bekannt als Uefa-Cup, übertragen wird, so schlich sich bald der Gedanke ins Hirn, dass der Sky-Euro eine Abgabe an den Wirt ist, um Sky zu finanzieren. Also so eine Art Obulus, um in letzter Konsequenz Kevin de Bruyne zu fnanzieren. Oder Sebastian Jung, der noch nicht einmal auf der Wolfsburger Bank saß. Kurz und gut: Sky scheint für Kneipen mittlerweile derartig teuer, dass der Getränkeumsatz alleine sich kaum noch rechnet. Und natürlich finanziert Sky weder de Bruyne noch Jung. Dies macht seit 1952 VW. Also dem VfL Geld zukommen zu lassen.

Und damit sind wir schon bei einer meiner Lieblingskategorien: Unnützes Wissen. Wusstet ihr schon, dass der VfL Wolfsburg 1945 gegründet wurde, Mannschaft und Trainer sich aber schon ein Jahr später aus dem Staub machten und den 1. FC Wolfsburg gründeten? Oder dass der VfL Wolfsburg 1997 erstmals (und irgendwie leider auch letztmals) in die Bundesliga aufgestiegen ist? Seinerzeit bezwangen sie im direkten Duell um den Aufstieg Mainz 05 in einem dramatischen Spiel mit 5:4. Dies war an jenem Spieltag in Liga zwei allerdings nicht das torreichste Spiel. Der schon zuvor feststehende Zweitligameister Kaiserslautern siegte über den SV Meppen mit 7:6. Die Eintracht wurde damals in der ersten Zweitligasaison der Hessen Siebter. Trainer von Wolfsburg aber war beim Aufstieg … Willi Reimann.

Davon wird Neuzugang David Abraham wahrscheinlich wenig mitbekommen haben. Der Neu-Eintrachtler wurde aber immerhin Weltmeister. Natürlich mit der U20. 2005 war es gewesen, Messi ballerte Argentinien zum Titel, Abraham schaute zu. Bei jener WM waren sogar drei Eintrachtler für Deutschland dabei: Daniyel Cimen, Alexander Huber und Christopher Reinhard. Die Karriere der fünf genannten verlief allerdings hoch unterschiedlich. Und Abraham ist der erste Argentinier im Trikot von Eintracht Frankfurt. Messi hätten wir auch genommen – aber dafür reicht der Sky-Euro dann doch nicht.

Legendär das Spiel der Eintracht gegen den VfL dann am letzten Spieltag der Saison 2012/13. Ein Punktgewinn der SGE war gleichbedeutend mit dem Einzug in den Uefa-Cup – doch nach wenigen Minuten führte Wolfsburg mit 2:0. Jetzt kam alles darauf an, wie sich der direkte Konkurrent, der HSV, man glaubt es kaum, in Leverkusen schlug. Doch die Eintracht kam per Foulelfmeter zum Anschlusstreffer, Alex Meier, klar. Gefoult wurde Inui – und zwar vom Hasebe. Der trug damals grün. Als dann über den Videowürfel die Führung Leverkusens verkündet wurde, erschreckten sich Benaglio und Rodriguez dermaßen, dass der Ball zum Ausgleich für Frankfurt ins Tor kullerte. Das Stadion explodierte, die Eintracht spielte international.

Als der Ergänzungsspieler dann die Anwesenden aufforderte, ganz Stadionlike, die Nachnamen der Neuzugänge zu brüllen, gelang dies tadellos, sieht man einmal davon ab, dass der Name unseres Neu-U20-Weltmeisters Mijat Gacinovic noch nicht von allen verinnerlicht wurde. Er trägt die Nummer Elf, das ist einfacher zu merken.

Mit solchen Geschichten langweilte unterhielt ich die Gäste, bis der Anpfiff nah und näher rückte. Im Tor der Eintracht erstmals Hradecky, Neuzugang aus Bröndby, Abraham in der Innenverteidigung, Castaignos im Sturm, Reinartz auf der Sechs -wir kannten sie nun alle. Die Eintracht legte los wie die Feuerwehr, erzielte ein Abseitstor und guckte dann dumm aus der Wäsche, als der VfL zwei Mal zuckte und 2:0 führte. Man kennt das ja, das Blöd-aus-der-Wäsche-schauen. Zwar wuchtete Reinartz die Kugel zum 1:2 ins Netz, trotz aller Bemühungen aber blieb es bis zum Abpfiff dabei. De Bruyne machte nicht sein bestes Spiel, Jung sich Gedanken ob seiner Zukunft und die Eintracht wurde gemeinhin gelobt – stand aber wie so oft mit leeren Händen da.

Da hat auch ein Exponat nichts geholfen, welches ich extra aus dem Museum mitgebracht hatte. Ein Fanfreundschaftsschal: VfL und SGE. Den gibt es tatsächlich. Eigentlich eine putzige Geschichte, war doch die 55plus Truppe der Wolfsburger, eine nette Seniorenfangruppierung, einst zu Gast in Frankfurt und auf der Waldtribüne – und überreichte uns jenes Gastgeschenk, das wir elegant archivierten. Wir sind keine großen Freunde von Fanfreundschaften und mit Wolfsburg haben wir es nicht ganz so. Aber wir sind nette Gastgeber und graben die Geschenke von Zeit zu Zeit aus.

Auf dem Rückweg hätte mir ein Autofahrer dann fast den Roller von der Straße geschoben, aber dies ist dann eine andere Geschichte. Schön war es in der Alten Liebe, aber Momente nach Eintracht-Niederlagen sind einfach nur scheiße.

vfl_sge