Es muss so um Weihnachten 1979 gewesen sein, ich fuhr von Offenbach nach Hause, war wie so oft im Govi oder Music Arts gewesen. Platten gucken. Platten kaufen. Manchmal fuhr ich mit dem Bus, oft sind wir getrampt, das gesparte Geld wurde in die nächste Platte gesteckt.

Platten waren alles, aber sie waren teuer. Irgendwoher hatte ich Geld, vielleicht einen Vorschuss auf das Weihnachtsgeld, auf dass unter dem Christbaum auch brauchbare Sachen liegen. Ich trug eine Plastiktüte bei mir, gleich drei neue Platten steckten darin, über 50 DM waren über den Verkaufstresen gewandert. Und welch brisante Mischung fand sich in meiner Einkaufstüte: Barclay James Harvest Eyes of the universe, Alice Cooper From the inside und Motörhead Bomber. Alle drei habe ich heute noch.

Barclay James Harvest mochte kaum jemand um mich herum, es war die Zeit als aus den Lautsprechern der Krach purzelte, alter Krach wie Black Sabbath oder neuer Krach wie AC/DC. Jeder, wirklich jeder liebte die ellenlange Liveplatte If you want blood … you’ve got it. Mit Barclay James Harvest konntest du nur bei Mädchen punkten, die gerne Tee tranken und über das Leben als solches redeten. Dabei blieb es dann auch – es war keine leichte Zeit. Sie heulten sich bei dir aus und zogen dann mit anderen weiter. Und du hast die Eiterpickel ausgedrückt und dabei den Spiegel verschmiert.

Ich war schon immer wahllos, was meine Musik angeht. Wenn mich irgendetwas ansprach, hörte ich es, da war kein Stil, kein Zusammenhang, außer mir selbst. Dabei ist es bis heute geblieben. Punk, Hillbilly, Trance, Indie, Metal, Pop, Rock, Ska, Schlager, Ambient – kunterbunt ist meine mittlerweile digitale Sammlung. Bob Wayne neben Anna Depenbusch? Kein Problem. Ramones neben Pink Floyd? Springsteen neben Cure? Linton Kwesi Johnson neben Renate Kern? Astral Projektion neben Lagwagon? Goethes Erben neben den Straßenjungs? Schubert neben Sweet? Cock Sparrer neben Adamo? Geht alles.

Ich habe noch nie begriffen, wie die Leute immer das richtige hören, nie das uncoole, das angreifbare. Nur Metal, nur Punk, nur Soul, Rockabilly. Straight. Stil. Fassade. Ich taumelte zwischen den Welten – und gehörte nirgendwo richtig dazu. Wer zugibt, dass ihm Barclay James Harvest gefällt, gehört nirgndwo richtig dazu und wer bei Barclay James Harvest Hörern dann Saxon auspackt, hat irgendwie auch verschissen. Und wir hörten Saxon. Und Judas Priest. Und Thin Lizzy. Aerosmith, UFO, Rainbow, Van Halen, Iron Maiden, Vardis, Angel Witch, Tygers of Pan Tang. Als Bon Scott starb, waren wir regelrecht geschockt. Die krassesten aber waren Motörhead. Yeah, yeah, yeah, yeah Motörhead. Damals, 1981 in Offenbach. Die Lichtanlage dem Bomber nachempfunden, die Musik zu laut. Und wir hatten immer nach Konzerten ein Piepen in den Ohren, hockten morgens stocktaub und todmüde in der Schule und spielten nachmittags die Stücke der jeweiligen Konzerte nach. Nach Motörhead hatten wir kein Piepen in den Ohren. Wir hatten winzige Ohren im Piepen. Overkill. Lief auf Schulfesten Sultans of swing, tanzten alle, lief Ace of Spades, tanzten wir. Was man halt so tanzen nennt, wenn pubertierende Schüler auf dem Boden liegend Luftgitarre spielen.

79, 80, 81 – das waren meine Jahre des Heavy Metal. Bon Scott war gestorben, AC/DC trumpften mit Back in black noch einmal auf, Judas Priest hatten ihren nie mehr erreichten Höhepunkt mit British Steel, Saxon hatte mit der Wheels of steel, der Strong arm of the law und der Denim & Leather ihr Lebenswerk geschaffen, Iron Maiden wurde mit Bruce Dickinson auch nicht mehr besser als es die ersten beiden Scheiben versprachen, obgleich sie bis heute ihr Level hielten, vielleicht wurde ich auch einfach zu alt, um mich ungefragt und hemmungslos dem Metal hinzugeben. Klar, bis heute versteckt sich stets irgendwo ein Stück von Thin Lizzy und Let there be Rock geht auch immer. Nur wenige Bands der frühen Tage waren überhaupt immer dabei. Die Ramones zum Beispiel. Oder Clash. Led Zeppelin. Und Motörhead. Aber die Ramones starben weg, Joe Strummer ebenfalls. Übrig blieben Motörhead. Bis heute. Du kannst jede x-beliebige Platte von Morörhead nehmen, auflegen und weißt: Das ist Motörhead. Und es ist gut. Andere kamen dazu, Springsteen, die Pogues, And also the Trees, Placebo, Cure, New Model Army, Joy Division – aber sie kamen später – und sie stehen für etwas anderes.

Irgendwann wunderte ich mich, wie es kam, dass sowohl die Ramones aber auch Joy Divison und Motörhead auf einmal die T-Shirts derjenigen zierten, die damals abwertend den Kopf geschüttelt haben. Ramones? Immer das gleiche. Joy Divison? Macht mich depressiv. Motörhead? Krach. Und der Gesang erst. Damals war die Musik ein Statement. Gegen euch, die sich immer verpisst haben, wenn es ernst wurde. Die weder mit hemmungslosem Draufgehen wie mit hemmungsloser Traurigkeit etwas anfangen wollten. Die erst aus der Deckung kamen, wenn alles vorbei war.

Als ich mitten im Leben war, hatte ich irgendwo eine Ausfahrt verpasst. Ich meine, mit Motörhead, Renate Kern und den Pogues im Kopf verpasst man immer eine Ausfahrt. Weil man den Kram ernst genommen hat, weil es etwas mit deinem Leben zu tun hat, mit diesem großen Unsinn, mit dem du dich rumschlagen musst und der dennoch nie unter einen Hut gepasst hat. Was ist schief gelaufen, wenn du mit 50 in einem roten Dacia durch die Stadt fährst und unablässig Overkill brüllst. Ist da überhaupt was schief gelaufen? Ich dreh mich um und seh nur Ruinen. Vielleicht liegt es daran, dass mir irgend etwas fehlt. Immer eine Spur zu traurig. Eine Spur zu wütend. Eine Spur zu zornig. Ein Bier zuviel.

Und dennoch immer irgendwie noch die Kurve gekriegt. Weil Leute um mich herum sind und waren, die Klartext gesprochen haben. Klartext gefühlt haben. Weil irgendetwas in mir drin ist, das nicht kleinzukriegen ist, mein kleiner Geist, der mich leitet. Oft in die Irre. Und mich dann angrinst: Läuft doch, oder? Pia kennt das.

Lemmy war für mich nie ein Vorbild. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt ein Vorbild habe. Ich weiß nur, dass mich die Musik von Motörhead in bestimmten Momenten so gekickt hat, dass es mein Lebensgefühl auf den Punkt getroffen hat. Über Jahrzehnte hinweg. Immer wieder. Das letzte Mal habe ich sie vor ein paar Jahren in Wiesbaden gesehen, Kid war dabei. Es war in Ordnung. Routinierter Rock N Roll. Ganz okay, doch doch. Neulich lief eine Aufzeichnung eines Konzertes im Fernsehen. Livekonzerte im TV sind ja meist extrem langweilig. Und da ballert im Stroboskoplicht Overkill. Alle Regler auf rechts. Licht aus. Bambamabam.

Weihnachten schenkte mir Pia ein Ticket für das Motörhead/Saxon/Girlschool Konzert in Offenbach. Ich hatte vor, die alten Jungs anzurufen, fragen, ob sie mitkommen – so wie früher. Biertrinken, Lieder brüllen, sich angucken bei den ersten Tönen eines Songs: Hey geil, das ist Dead man tell no tales und so was sagen. Geht jetzt nicht mehr. Lemmy ist tot. Der Morgen findet nicht mehr statt. Ein trauriger Tag war das gestern mit vielen Erinnerungen. Wenn man mich heute fragt, was ich im Leben noch so vorhabe, dann würde ich sagen: Ich muss dringend mal Shane McGowan anrufen, mich mit ihm treffen und trinken, was die Zeit hergibt. Und mein Geist hockt da irgendwo rum, grinst mich an und flüstert leise: And don’t forget the joker.

Geht klar.