Heute morgen ist Alfred abgereist, er hat mir zum Abschied ein Geschenk gemacht, dem ich eine schöne Idee widmen möchte, da ich beschlossen habe, es, wenn die Zeit gekommen ist, ebenfalls weiter zu geben. Es ist eine kleine Dose, deren Bestimmung es sein soll, weiter gegeben zu werden. Ihr Besitz ist ein Übergang, sie gehört auf die Reise und soll von Reisenden zu Reisenden weiter gegeben werden. Sie kann überall mit hingenommen werden, nur nicht nach Hause.

Wenn euch also eines Tages eine kleine hölzerne Dose mit leichtem silbrigen Beschlag begegnet, dann denkt an mich und gebt sie weiter. Beim Frühstück, Tee und frische Cashewnüsse, kommt ein Tukan angeflattert und setzt sich auf einen Cashewnussbaum. Auch hier nicht alltäglich, die Arbeit wird unterbrochen, der Gelbschnabel fotografiert. Etwas später hat sich ein kleiner Gecko auf meiner Veranda niedergelassen und spitzt keck in die Gegend.

Mein Fuss hat sich gut entwickelt, die Wunde scheint zu verheilen, aber es ist wohl besser, sie vor Sand und Dreck zu schützen, auch heute lege ich mir ein Badeverbot auf. Das ist zwar ein bisschen schade, zumal an weitere fußläufige Strecken auch nicht wirklich zu denken ist, aber ich habe ja meine Hängematte und meinen Roller. Und in der Hängematte zu liegen, leise ein bisschen die Oysterband zu hören, aufs Meer und die wenige Bootchen zu schauen, die hier vor Anker liegen, ist zum Weinen schön. Pia sitzt in Gedanken neben mir.

Und es macht eine große Freude, mit Standgas durch die Gegend zu schnurren und zu gucken, was es alles gibt. Heute fahre ich Richtung Long beach, vorbei an kleinen Bars und Restaurants, die auf Kundschaft warten, meist vergeblich um diese Zeit, die überschaubare Anzahl der Traveller und Reisenden verteilt sich wohl eher ans Meer. Das Fahren geht leicht von der Hand, wenn mir jemand entgegen kommt, halte ich an, ansonsten muss man nur aufpassen, vor lauter Schauen nicht vom Weg ab zukommen oder unbedacht über ein Schlagloch zu rasseln. Manchmal sehe ich Rollerfahrer die barfuß rollern, ich sehe Erfahrungen, die sie machen werden. Welche Erfahrungen ich machen werde, sehe ich nicht.

Auf dem Weg zum Strand liegt ein kleines Dorf, wen man es so nennen mag, hier geht es etwas gemütlicher zu als am Pier, wo jeden Tag die Neuankömmlinge ausgespuckt werden, so wie ich neulich ausgespuckt wurde. Ich kehre um, auf halber Strecke entdecke ich eine kleine Bar, daneben ein ebenso kleiner Markt. Dort gibt es Souvenirs aber auch nützliche Dinge wie Schnur oder Kerzen. Ich werfe einen Blick hinein und kaufe die ersten Postkarten. Die Inhaberinnen sind freundlich entspannt, hier werde ich sicher noch einmal vorbei schneien, es ist ein guter Ort. Das ist auch eine Kunst, jene guten Orte zu finden, wo ein besonderer Geist zuhause ist und jener Geist sich auch im Sortiment und Arrangement niederschlägt. Was machst du, wurde ich gefragt. Ich sammle Orte habe ich geantwortet. In Gedanken.

Nebenan trinke ich einen Tee, hier werden auch Yoga-Kurse angeboten. Das ist zwar nett, aber nichts für mich. Zumindest derzeit. Auf dem Rückweg schneie ich noch kurz bei meinem Bungalow vorbei und trinke einen Schluck Wasser. Al und Cha machen sich gleich auf den Weg nach Ranong und kommen erst morgen wieder, die Küche bleibt heute kalt. Verhungern werde ich auf der Insel sicher nicht, aber das Essen hier ist kaum zu überbieten. Hier in little paradise.

Schon bin ich wieder auf der Straße und roller Richtung Norden. Kurz überlege ich, meinen Roller vor dem Weg in den Affendschungel stehen zu lassen, möchte heute aber noch nicht laufen, so fahre ich den sandigen Weg hoch und erreiche die Hütten im Wald. Dort parke ich und laufe nach unten, hole mir eine kleine Flasche Wasser und setze mich auf eine hölzerne Plattform. Über mir Kokospalmen, vor mir die Bucht, die Sonne schickt sich an, ihr Tagwerk zu beenden und Kinder spielen am Wasser. Einen Blick auf den Sonnenball werde ich von hier nicht haben, aber ich kann sehen, wie sich das Licht auf die Bucht auswirkt, vor mir steht ein Baum am Wasser. Und ich entdecke meine Hängematte auf der anderen Seite der Bucht. Kaum jemand kommt vorbei, bis auf eine kleine Familie mit Kind, die am Ufer den Einbruch der Dunkelheit erwarten, das Kleinkind planscht am Ufer. Ein Tukan lässt sich raschelnd über mir in der Kokospalme nieder, hoffentlich hat er keine Magenprobleme, eine Krähe pickt am Strand nach Nahrung und flattert davon. Als es fast dunkel ist, marschiere ich die paar Meter ins Restaurant, einige kleine Tische stehen auf den Planken, Matten liegen davor mit den markanten dreieckigen Kopfstützen. Die Köchin, wohl die Inhaberin spricht kaum englisch, aber zwei Frauen, die hier wohl schon länger zuhause sind, helfen mir. Ich fülle meine Wasserflasche nach, bestelle etwas zu essen und bin vorsichtig: Nicht scharf. Und mein Reis war in der Tat nicht scharf, das nächste Mal wird es spicy. Aber es ist lecker, ich sitze im Schneidersitz am Tisch, esse, rauche und bezahle. Hier werde ich auch wieder vorbei kommen. Mittlerweile ist es dunkel geworden, der halbe Mond wirft ein bescheidenes Licht, aber es ist ratsam, stets eine Taschenlampe bei sich zu haben, um auf den Wegen nicht zu stolpern oder sich gar zu verirren. Auch die Lampe meines Rollers leuchtet und ich tucker vorsichtig den sandigen Weg hinab. Man könnte schneller fahren, doch wozu?

Auf dem Rückweg verpasse ich die Abfahrt zur Hippie Bar, wo ich eigentlich noch eine Dose Chang trinken wollte, Das ist nicht weiter tragisch. Ich komme an der Jungle Bar vorbei, bunte Lichter leuchten zu Musik in die Nacht, doch ich fahre heim. Dort ist alles recht dunkel, das Restaurant ist geschlossen. Lae und Kin sind nicht zu sehen, so lege ich mich ohne Bierchen in die Hängematte, lausche den Wellen und sehe die bunten Lichtlein der Bars am Strand. Es sind wenige, die nach und nach verlöschen, die Lichter des Ortes, an dem ich eben noch gesessen habe, sind die schwächsten. Nach und nach verlöschen sie, bis nur noch wenige Lämpchen leuchten. Plötzlich leuchtet eine Taschenlampe ins Dunkel, das ist eigentlich seltsam. Claudia dürfte unterwegs sein und außer den beiden Mädchen und mir ist niemand hier. Ich verharre in meiner Matte, lausche in die Nacht, der Gecko ruft und da es bald ruhiger wird, schlafe ich ein. Durch mein offenes Fenster sehe ich die See.Und den Mond.