Als ich gestern im Meer badete, kam mir der Gedanke, ob es eine gute Idee ist, den Bungalow zu wechseln. Sicher, die Aussicht, in der Hängematte zu liegen und nur durch einen Baum getrennt auf die Andamanische See zu blicken, ist äußerst reizvoll, mit anderen Worten: Davon habe ich mein ganzes Leben geträumt.

Auf der anderen Seite hatte mich mein Weg ohne Umschweife und sicher genau in meinen alten Bungalow geführt, auch von dort sehe ich das Meer, auch wenn der Blick nicht ganz so zauberhaft ist, die Rückseite eines Bungalows ist mit im Bild. Eine Stimme sprach zu mir, bleibe, es soll dein Platz sein, ich zweifelte. Gehorche ich meinen inneren Worten, auf die bislang so sehr Verlass waren oder meinem Wunsch, der vielleicht mehr will, als mir im Moment zu steht? Soll ich meine Hütte direkt am Meer erst noch finden?

So ich am nächsten Morgen erwache, ist der neue Bungalow bereits geräumt, ich gehe hin und sehe in mir kurz an. Es ist zu verlockend, ich ziehe um. Ganz wohl ist mir bei dem Gedanken nicht, ich bedanke mich bei meinem alten Zuhause, lege ein Tuch auf die jetzt neue Hängematte und bin auf den Preis gespannt, der zu bezahlen ist. Nicht der Preis für den Bungalow, der Preis dafür, dass ich nicht meiner inneren Stimme gehorche.

Noch gestern Abend dachte ich, dass es schön wäre, eine Kerze zu haben. Als ich den Bungalow beziehe, entdecke ich, dass ein Vormieter eine große gelbe Kerze hat stehen lassen, jetzt habe ich eine. Und wenn die Dinge genau so zu mir kommen, dann ist es gut. Ich trinke einen Tee und erledige sozusagen meine Büroarbeit, schreibe mit Blick aufs Meer, beantworte die ein oder andere Mail, und bequatsche via WhatsApp mit Pia die Zeit. Die App gefällt mir, so langsam begreife ich, wie sie funktioniert und das man damit ja auch ganz einfach Bilder verschicken kann. Das werde ich fürderhin verstärkt nutzen.

Die Zeit vergeht fliegend, große Pläne habe ich nicht. Baden und Rollerfahren, das sind schöne Aussichten. Mittlerweile kenne ich alle Leute hier. Im Folgenden werde ich aber alle Namen von Mitreisenden ändern, man trifft sich hier häufiger und ich möchte keine Spuren über die realen Personen hinterlassen, so dass sie identifizierbar sind.

Neben mir lebt derzeit Alfred, er ist sehr ruhig und verbringt die meiste Zeit auf seiner Veranda. Etwas über mir wohnt Claudia, sie hüpft von Spot zu Spot, kennt die Insel und hat so manch guten Tipp parat. Ole und Kate, die auch oben wohnen, werden heute abreisen, das dürfte es gewesen sein mit den Gästen in meiner Umgebung. Durchaus überschaubar. Dann arbeiten hier noch Lae, die von morgens bis abends beschäftigt ist, Cashewnüsse pulen, leer gewordene Bungalows ausräumen, bedienen und noch einiges mehr. Sie spricht weder englisch noch thai, kommt aus Myanmar und arbeitet die Saison über hier. Kin, so ich es richtig verstanden habe, gehört zur Familie, arbeitet nicht ganz so viel, ich würde beide unter Zwanzig schätzen, kann mich aber täuschen. Die größte Vorliebe ist das Handy. Von Al und Cha habe ich ja schon geschrieben, ihnen gehört das Gelände.

Die Kokosnuss meinem Coconut Shakes baue ich zum Kerzenständer um, dann geht es ins Meer. Die beginnende Ebbe zieht das Wasser aus der Bucht, ich schwimme, singe fröhlich alte Pogues-Songs vor mich hin und bin auf weiter Flur alleine, erkenne jetzt den südlichen Strand der Bucht, der belebter sein soll, dazu feinerer Sand. Vielleicht schaue ich ihn mir später einmal an. Die Sonne scheint, hinter dem Strand erwächst der Dschungel, das Wasser ist warm, es ist herrlich.

Plötzlich realisiere ich, dass ich ganz schön weit hinaus geschwommen bin, die sanften Wellen ziehen entgegen meines Rückwegs. Ich beginne, zurück zu schwimmen und stelle fest, dass es merklich langsamer geht als auf dem Hinweg. Merklich langsamer, die Felsen, die man nur bei Ebbe sehen kann, kommen kaum näher; ich merke, das wird kein Paddeln, ich muss schwimmen. Und ich schwimme, Stoß um Stoß nähere mich äußerst langsam dem Strand. Aber ich nähere mich, das ist beruhigend. Bruststöße wechseln mit Kraulzügen ab, Meter um Meter schwimme ich voran, ich merke, dass es klappt, ohne an meine Grenzen gehen zu müssen, viel weiter draußen aber hätte ich sein dürfen. Ich erreiche die Felsen, ein paar Meter vor dem Strand, klettere hinauf. Ein Wellchen erwischt mit am Fuß, ich rutsche leicht ab, knicke aber nicht um. Dann schwimme ich die paar Meter zurück zum Beach. Als ich aus dem Wasser steige bemerke ich, dass ich blute. Die scharfkantigen Felsen haben ihre Spuren hinterlassen, ein 2,5 cm großer Schnitt auf der Fußoberfläche gibt Zeugnis davon, zu groß für ein Pflaster, zu klein wohl, um genäht werden zu müssen- aber ich werde Desinfektion und eine Binde brauchen, die ich nicht habe. Erst einmal bin ich froh, dass nicht mehr passiert ist, und humpel zu Al, die besorgt blickt und sofort Material holt. Claudia steht gerade in der Nähe und besorgt Betaisodonna, Al säubert die Wunde, Lae und Kin helfen, und im Nu bin ich aufs Beste versorgt. Ich schleiche zurück in meine Hängematte, erlege mir fürs erste Badeverbot auf, um meinen Fuß zu schützen und auch meine Rollertour wird gecancelt. Keinen Druck auf die Wunde denke ich, besser zwei Tage slow und schauen, was sich entwickelt, um den Rest der Zeit wieder fit zu werden. Das Betaisodonna kann ich für eins zwei Tage behalten, Al gibt mir etwas Verbandszeug zum Wechseln mit und ic kenne nun den Preis, den ich zu bezahlen habe: Wenn du schon in die erste Reihe willst, dann bleibe gefälligst auch dort. Und höre auf deine Innere Stimme. Aber ich hatte Glück, kein Bruch, kein Schnitt an der Unterseite und der Platz zum Erholen ist ein Traum.

Aus der kleinen Stereoanlage läuft leise die Oysterband: Clams harder than a mandoline, crazy hearted fools sing as one, we tear these old walls down, and we bring back, bring back the sun.

Etwas später beginntentscheidet sich die Sonne, unter zu gehen, ich blicke von meiner Hängematte auf die Wellen und setzte mich später auf einen der Holzstühle. Al hatte im Laufe des Mittages eine kleine Sperre aus Holz- und Bambusästen angebracht, um die aufgeschichteten Sandsäcke vor dem Betreten zu schützen. Das Sonnenfarbenspiel ist noch prächtiger als gestern, der orangene Sonnenball versinkt, die Zikaden keckern und drei kleine Hunde tollen wie jeden Abend um diese Zeit an den Wellen. Katja und Ole kommen dazu und wir sitzen, bis es dunkel ist und ein Nachstern leuchtet. Ich winke Pia.

Später sitzen wir beim Abendessen, Tom aus London kommt hinzu, wir futtern und schwatzen, bis es mir zuviel wird. Ich verabschiede mich, lege mich in die Hängematte und von irgendwoher riecht es nach Gras. Ab und an macht sich ein Gecko bemerkbar, ich nutze den noch vorhandenen Strom, versorge meine Wunde und ziehe zur Sicherheit noch eine Socke darüber. Sie sieht ganz gut aus, die Wunde und ich mache mir keine Sorgen, muss aber vorsichtig sein. A clowns heart and a mandoline …