Als zu Beginn des Jahres bekannt wurde, dass Carter USM in diesem Herbst die letzten Konzerte ever geben würden, hieß es schnell handeln. Tickets bestellen, Flug und Hotel buchen und sich auf London freuen. Zum dritten Mal innerhalb der letzten vier Jahre und nun also möglicherweise der finale Auftritt der Band, deren letzte Platte Ende der Neunziger erschienen ist.

Pia und ich nutzten die Gelegenheit und verließen am Freitag Morgen Frankfurt, in der Gewissheit, zwar das Gladbachspiel der Eintracht zu verpassen – dafür aber auf unseren Spuren der Vergangenheit wandeln zu können und Neues zu entdecken. Andi und Arne sollten am Abend nachkommen.

Mit einiger Verspätung landen wir in Heathrow und rauschen mit der Tube durch den Londoner Morgen. Umsteigen in South Kensington, aussteigen in der Victoria Station, Gewusel, Baustellen, Regen. Look Right! Der erste Weg führt zum Hotel Enrico im Warwick Way, die altbekannte Stimme an der Rezeption, kurzes Hallo und dann raus auf die Straße. London heißt für uns: Laufen und Tube. Wir marschieren zum kleinen Markt in einer Querstraße, dann weiter runter an die Themse, weichen stürmenden Joggern aus und statten dem Big Ben einen Besuch ab. Engländer sind hart im Nehmen, viele tragen T-Shirts und auch Socken sind bei herbstlichen Temperaturen nicht zwingend notwendig. Über Fleet Street und St. Pauls wandern wir zum Tower und wundern uns über all die Baustellen auf dem Weg. Selbst das Monument wird eingebaut. man könnte meinen, dass jedes freie Fleckchen bebaut wird. Bald wird es schwer fallen, zwischen modernen Glaskästen alte Gebäude zu entdecken. Dazwischen hasten die Londoner zu Imbissketten, zu Japanern oder zum Pret a Manger, stehen Schlange. Es pulsiert – aber es riecht wenig nach wirklichem Leben, nach Individualität. Doch, hier: Ein Schuhgeschäft, very British, der Verkäufer geht voller Würde seinem Geschäft nach, die Preise dürften jedoch unser Budget übersteigen. Überall lauern Verbotsschilder. Nicht trinken (Anti social street drinking), nicht rauchen, nicht klettern. Die alten Cabs vom Typ FX4 sind völlig aus dem Straßenbild verschwunden und durch die TX Reihe ersetzt; auch die Doppeldeckerbusse sind hochmodern. Der alte Routemaster hat schon lange ausgedient, doch seit zwei Jahren sind dessen optischen Nachfolger auf der Straße. Alle naslang kreischt eine Polizeisirene, schießen Autos mit Blaulicht um die Ecke.

Wir aber marschierten bis hin zur Brick Lane, Vintage Läden, Bangladesh und Graffitis prägen das Bild der alten Straße östlich der City. Geführte Gruppen betrachten unter wortreichen Erklärungen die Straßenkunst, der Geruch der Curries zieht durch die Straße, die sich bunt erleuchtet für den Abend präpariert. Später schlendern Touristen durch die Straßen, werden von Bangladeshis oder Indern angesprochen, die Restaurants zu besuchen, derweil sich Menschentrauben vor den im Lonely Planet angesagten Lokalitäten die Füße platt treten. Hier war Banksy tätig, hier lebte auch Charlie Burns, dessen übergoßes Konterfei in einer Seitenstraße an eine Wand gesprüht ist. Charlie lebte hier und war wohl der älteste Mann in der Gegend, als er 2012 mit weit über Neunzig starb. „Seven days a week, Charlie, who is ninety-four years old, sits in the passenger seat of a car in Bacon St for half of each day, watching people come and go in Brick Lane“  schrieb der „gentle author“ zwei Jahre vor Charlies Tod. Wir fotografieren, staunen und entdecken in einer Grabbelkiste eines Vintage Stores Schals von Reutlingen oder dem SV Hofheim.

Auf den Straßen ist die Hölle los, egal ob an der Liverpo0l Street oder bei uns im Viertel, Autos stehen dicht an dicht, Blaulicht. Zurück im Hotel treffen wir Arne, gönnen uns ein dunkles Bier im Constitution um die Ecke, fahren erneut in die Brick Lane, natürlich essen wir ein Curry, laufen weiter zur Liverpool Street, um Andi abzuholen. Junggesellenabschiede, von Shoreditch kommend, fallen übereinander, vor der Station wird der Evening Standard verteilt. Wir verzichten auf einen bunten Abend in Shoreditch, nehmen noch ein Abschlussbier im Marquis, Sperrstunde. Feierabend.