Es gibt Tage, an denen hält sich die Lust, einen Bericht über eine Auswärtsfahrt zu verfassen in argen Grenzen. Und im Ernst, wer will schon genaueres über ein 1:3 der Eintracht in Paderborn wissen. Aber Fußball ist kein Ponyschlecken, da müssen wir jetzt gemeinsam durch.

Am Abend zuvor hätte mich ja beinahe ein Autofahrer an einer für mich grünen Ampel umgemäht. Wir liefen los, als der erste Wagen unseren Weg kreuzte, das war noch ungefährlich. Der zweite aber knallte gegen den Vorderreifen meines geschobenen Fahrrades – und machte sich flott vom Acker, ich noch hinterher aber natürlich chancenlos. Wie scheiße muss man sein, um nach so einer Situation einfach abzuhauen. Frage ich mal so, du Knallkopp mit dem Kennzeichen FB DN 105. Wenigstens ist außer einem mächtigen Schreck nichts passiert und lustig wurde es im Feinstaub dann auch noch, traf ich doch Leute, die ich seit nahezu Jahrzehnten nicht gesehen hatte. Waren spät zuhause, so gegen viertel nach Bier.

Sonntag Morgen. Matchday. Da Pia nicht so wirklich Lust auf Paderborn hatte, besorgte ich mir vor ein paar Wochen einen Platz im Bus des EFC Bockenheim, Johannes vom Frankfurter Niveau hatte einige Plätze gebucht, und ich war dabei. Und das Schönste: Es versprach ein Sonnenherbsttag zu werden. Da das Spiel erst um 17:30 angepfiffen wurde, ließ sich der Morgen gemütlich an, bis ich mich bei bestem Wetter auf mein Rad schwang und an der Oberfinanzdirektion vorbei kam. Ihr habt ja wahrscheinlich die tragische Geschichte vor ein paar Wochen mitbekommen; nun lagen Blumen, Grablichter und Texte vor dem Gebäude im Gras, in Erinnerung an den Mann, der an gleicher Stelle ums Leben gekommen ist und dessen Geschichte mit meiner verwoben ist, obgleich wir uns nie gesehen hatten. Traurig.

Ich rollte am Grüneburgpark vorbei Richtung Bockenheimer Warte, Erinnerungen packten mich, schließlich hatte ich als Kind in Bockenheim gewohnt, war hier in die Grundschule und zu den Pfadfindern gegangen und mit kurzen Hosen durch den Park getollt. Wahrscheinlich habe ich zur gleichen Zeit vor über 40 Jahren zuhause gesessen und Streichhölzer in gesammelte Kastanien gesteckt. Herbst 1972.

Ich verschloss mein Rad an einem Verkehrsschild, hoffte, dass wir uns am Abend wiedersehen und marschierte zum Bus. Dort war schon mächtiges Treiben, Johannes war da, Olli, Niko, Ariane, auch Thorsten und Jule oder Arno. Wir bildeten quasi die Seniorenabteilung, bei den Bockenheimern war die junge Generation am Start, die meisten von ihnen hatten bei Gründung des EFCs 1977 wahrscheinlich noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt. Nachwuchsprobleme hat dieser EFC nicht, was natürlich eine großartige Sache ist. Der Bus aber war Nichtraucher und hatte ein WC. Das es so etwas noch gibt.

Pünktlich setzten wir uns in Bewegung und rollten Richtung Paderborn, ich quatschte mit Johannes und Olli, dem Meister des Apfelweines, irgendwann ploppten die ersten grünen Fläschchen auf – noch waren wir guter Dinge. Während es um mich herum wisperte: „Wenn die Eintracht heute gewinnt, können wir Dritter werden“ checkten wir, wie es denn im ungünstigsten Falle aussehen könnte und siehe: Bei einer Niederlage mit zwei Toren Differenz hätte uns Paderborn überholt. Achter. Naja …

Wir stoppten ein paar Mal zwecks Raucherpause, ich quatschte mit Kroni, Marcel und Matze von Per Sempre, die gleichfalls bei Bühleck pausierten, später wehte der Wind ein Verkehrsschild auf Jules Nase und Niko überlegte kurz, ob wir bei Kassel einen Abstecher zu seiner Mutter machen sollten, verwarf diese Idee aber wieder. Kurz darauf sang Helene Fischer ein Lied, was mich auf die Idee brachte, Pia auf dem Laufenden zu halten, wir passierten zu meiner großen Freude die Abfahrt Beverungen – und schon rollten wir in Paderborn ein, ihr wisst ja wie das ist: Busparkplatz irgendwo vor einem Stadion irgendwo jwd, üblicher Kommentar: Unglaublich hässlich. Bis heute weiß wahrscheinlich niemand, wie das Stadion eigentlich heißt. Es waren schon eine ganze Menge Leute vor Ort, hier parkten die Geiselgangster, wobei mich Gabi daran erinnerte, dass ich in meinem „Scheißblog noch immer nicht ihre tolle Idee von Diamanten gepresst aus der Asche verstorbener SGE-Anhänger aufgegriffen hätte“ und überhaupt was mir einfiele mit einem fremden Bus mitzufahren. Schuldbewusst blickte ich zu Boden und reute vor mich hin. Mario von den Sossenheimern gratulierte mir nachträglich zum Geburtstag, den ich schon fast verdrängt hatte, während Nina von der FuFa alles im Griff hatte. ZoLo stand wie immer vor dem Gästeeingang und beobachtete die Szenerie. Familientreffen in Paderborn also.

Der Empfang war freundlich, ein Ordner fragte mich, ob ich ein Zigarettenpäckchen dabei habe, was ich verneinte, da ich ja stets Tabak rauche. Da er nicht nach Schnorrer aussah, wunderte mich die Frage, zumal ich nicht durchsucht wurde, worüber ich mich jedoch keinesfalls beschwerte. Dann der beschwerliche Weg nach oben. In Paderborn ist es nämlich so, dass man von unten in den Block kommt und sich dann durch die versammelte Menschenmasse einen Weg nach oben bahnen muss – aber die Eintrachtler waren gut aufgelegt und ich schlängelte mich nach oben. Brüllend laute Musik gellte durch die Blechschüssel, Adi rockte zu Highway to hell, der Abendhimmel zeigte sich in prächtigen Farben und dann ging es los.

Bei der Eintracht stand Piazon in der Anfangsformation, aufregendes passierte jedoch nicht auf dem Platz, so dass die Kurve sich zwischen der 18. und 28. Spielminute einen munteren Wechselgesang mit den Sitzenden, die standen, lieferte. Fußballtechnisch mal wieder Not gegen Elend, bis zum Halbzeitpfiff zog sich das ganze ein wenig in die Länge. Dann lief das schlechteste Lied aller Zeiten, das ich je in einem Stadion gehört habe, also machte ich mich auf den Weg nach unten, Guude hier, guude da. Wenigstens war die Currywurst akzeptabel, 3 Euro bar – das gibt es auch nicht überall. Anschließend wieder der Weg durch die Masse, aber auch hier gutes Gelingen: Danke an euch, das macht es dann doch erträglich. Oben angekommen traf ich auf Suse, Arne und Muelli, die wie so oft ganz oben stehen und als Dank schoss Meier das 1:0. High Five. Machen wir es doch wie in Hamburg, den Gegner in den Schlaf spielen und überraschend gewinnen. Batsch, Ausgleich. Machen wir es kurz und schmerzlos, Paderborn erzielte noch zwei weiter Tore, die Eintracht keines und mir war klar: Die Tormusik in Paderborn möchte ich in diesem Leben nicht mehr hören. Zweimal hier gekickt, 2:4, 1:3 und ich wünschte mir, ich könnte beamen: Heim, Schokolade, Tee, Bett, Tatort. Sattdessen wummerte mir Paderborner Kackmusik um die Ohren, weil der Abgang natürlich ewig gedauert hat. Nach Niederlagen bin ich unpässlich, nach Niederlagen in Paderborn nahezu grantig.

Uhrzeit: 19:47 Der Bus setzte sich in Bewegung – nachdem der Fahrer zuvor einen Alkoholtest absolvieren musste – sonst springt das Ding nicht an. Ich hatte noch nicht einmal Lust auf ein Bier, hockte missmutig auf meinem Sitz, guckte wahlweise auf mein Handy oder nach draußen. Im Geiselgangsterbus drehte sich eine Discokugel, die reflektierten Lichter tanzten wie bunte Engel im Bus, bei uns pluggerte Musik in erträglicher Lautstärke aus den Boxen und wir spulten Kilometer um Kilometer ab. Bei einer Raucherpause meinte Niko: Milky Way und ich dachte, prima, was zu futtern. Er aber meinte, dass wir einen fabelhaften Blick auf die Milchstraße hätten, was auch stimmte. Hell glimmten die Sternlein über uns. Ich hatte Hunger.

Gegen halb zwölf rollten wir dann in Frankfurt ein, erste Station HBF-Südseite, dann Bockenheim. Mein Fahrrad stand noch an Ort und Stelle und so schwang ich mich auf meinen Drahtesel und sauste am Park vorbei auf den Alleenring weiter ins Nordend. Home sweet home, Pia war noch wach und ich guckte noch den Polizeiruf, den ich aber nicht wirklich verstand. Und die Eintracht war Achter. Naja …