Montag Morgen, Reeperbahn St. Pauli. Glasscherben, Hundescheiße, irgendwo riecht es nach Pisse. In den Spelunken sitzen Trinker, zig kleine leere bauchige Flaschen auf dem Tisch, die Herbstsonne leuchtet unwirklich auf den Mythos, der ungewaschen daher kommt wie der Einsame nach einer durchzechten Nacht.

Weiter unten an der Elbe die Landungsbrücken, die Barkassen und Ausflugsboote, mir fällt stets wenn ich hier bin, der Song von Kettcar ein: Aufstehen, atmen, anziehen und hingehen. Zurückkommen, essen und einsehen zum Schluss: dass man weiter machen muss. Landungsbrücken raus. Einen schlechter Döner später fahren wir heim, das also war Hamburg 2014.

Begonnen hatte alles mit einem Schock. Wir saßen beim Vietnamesen in Ottensen und ich checkte meine Mails, wie man so sagt. Und da mich auf diesem Wege auch jeder Blogkommentar erreicht, musste ich leider Kenntnis davon nehmen, dass nur wenige Tage nach dem Bericht über den Ausflug auf das Dach der Oberfinanzdirektion genau an dieser Stelle ein junger Mann tödlich verunglückt ist. Natürlich standen die folgenden Stunden unter dem Einfluss dieser Nachricht, dieses unfassbare Schicksal, der eventuelle Zusammenhang und das unbeantwortete: Warum?

Später an der Elbe, Wittenberger Strand, ein Containerschiff zieht vorbei, drückt Wellen an den nachtdunklen Strand, ein Bier in der Hand, man möchte Gedanken verjagen, die aber bleiben. Kinder spielen am Ufer.

Beim Niederschreiben eines Berichtes über eine Reise lässt man die vergangenen Tage Revue passieren, es dehnt die Zeit, die viel zu schnell vergeht. Man betrachtet die Bilder und erinnert sich. An Hasloh und die Freunde, bei denen wir untergebracht waren, wie so oft, wenn die Eintracht in Hamburg spielt. An den Weg zum Bauernhof, wo es frische Eier und Kartoffeln gibt, du wirfst den Betrag in eine Kasse und nimmst, was du brauchst und siehe, es funktioniert.

Der Abend im Stadtpark Hamburg, Barmbek. Eine Gruppe junger Lehrer steht um einen kleinen Grill, man könnte meinen, es seien Studenten, aus den Boxen erklingt: Ich war in der Schule und habe nichts gelernt. Dann lieber Kettcar. Später Billard im PG, permanent geöffnet. Abteilung Endstation Sehnsucht, der Billardtisch funktioniert mit einer 5 DM Münze, wer in den Laden rein möchte, muss klopfen. Conny macht auf: Ich lass doch nicht jeden rein, wir trinken Holsten.

In Altona gibt es einen Marktplatz, dort gibt es Käse und Wurst, Fisch und Gemüse, Schaschlik und Fritten. Wenige Schritte daneben vor der Moschee ist ein anderer Markt. Türkische Frauen mit Kopftuch stehen nebeneinander, verkaufen Süßigkeiten. An anderer Stelle stehen türkische Männer. Getrennt im Geschlecht, vereint im Glauben. Wer’s braucht.

Sonntag, die Eintracht spielt. Pia und ich rumpeln mit der S-Bahn von Hasloh nach Hamburg, es sind nur wenige Stationen. Da es noch recht früh ist, ist die Bahn nicht voll, die ersten HSVler sind aber schon auf dem Weg. In Eidelstedt steigen wir aus, marschieren durch ein Industriegebiet Richtung Stadion, vorbei an der einstigen Chemiefabrik Dr. Stoltzenberg, die heute einer Grünfläche gewichen ist. Ende der Siebziger wurde der Laden dicht gemacht, das Gebiet war großflächig verseucht, ein Kind starb beim Experimentieren mit Chemikalien, die dort gefunden wurden.

Wir sind mit die Ersten am Gästeeingang, warten auf unsere Fanbetreuung, welche für uns über das Hamburger Fanprojekt Arbeitskarten organisiert hat. Wir sind heute Gäste beim Volksparkett, dem Hamburger Pendant zur Waldtribüne. Und um dorthin zu gelangen, müssen wir den innen vom Rest des Stadions abgesperrten Gästeblock verlassen, das Volksparkett findet vor der Nordkurve im Umlauf statt. Wir vertreiben die Zeit in einem kleinen Park, ein Mann macht seelenruhig gymnastische Übungen, während hinter uns die Fans vorbei defilieren.

Mit den Arbeitskarten im Gepäck durchbrechen wir später die Absperrung und marschieren an tausend Hamburgern vorbei zum Treffpunkt. Auf einer kleinen Bühne plaudern zwei Moderatoren, René und Anna, mit dem neuen Vorsitzenden des Supporters Club, die Fans des HSV sind ja arg gebeutelt, die Ausgliederung, katastrophale Spiele, wöchentlich neue Trainer, das zehrt am Gemüt. Dann sind wir dran, beantworten brav ein paar Fragen, tippen unentschieden und werden wohlwollend aber nicht gerade euphorisch verabschiedet. Uns folgen noch Fred Timm, der auf der Klampfe zwei Songs präsentiert, und das macht er gar nicht schlecht, Jürgen Ahlert, Teamleiter der U23 (ja, so etwas gibt es dort, jedoch gehört die U23 nicht zum Verein, sondern zur AG) und Julian Green, der heute nicht im Kader des HSV steht. War eine nette Abwechslung und schon sind wir auf dem Weg zum Oberrang, treffen dort unsere Freunde.

Während Lotto King Karl den Klassiker „Hamburg meine Perle“ auf dem Kran vor der Nordkurve zum Besten gibt, wird auf der Leinwand der Text eingeblendet. Kinners, geht ja gar nicht. Das folgende Spiel steht natürlich im Schatten des ersten Tores des HSV, der die ersten fünf Partien nicht getroffen hatte. Ich hatte ja befürchtet, dass Westermann nach 30 Sekunden das Ding macht, aber soweit kam es dann doch nicht. Not kickte gegen Elend, kaum hatte die Eintracht den Ball, war er auch schon wieder weg, so ging es hin und her und plötzlich führte die SGE durch ein Tor von Haris Seferovic. Unfassbar, das hätten der Truppe nur die wenigsten zugetraut. Mit diesem Einsnull ging es in die Pause. War dann doch ganz nett.

Obwohl, es kam, wie es kommen musste, der HSV drückte, wenn man das so nennen darf, und kaum hatte die Eintracht einmal nicht aufgepasst, war’s passiert. Hamburg hatte ein Tor geschossen, das erste seit Uwe Seeler anno damals und jetzt konnte man sie hören, die Anhänger des HSV. Sind vorher gar nicht aufgefallen. Und der Stadionsprecher wusste: Jetzt geht die Saison los.

Unser Support gestaltete sich schwierig, da der teure Mittelrang nahezu leer war. Unten die Stehplätze, dazwischen die Lücke und oben dann die Sitzenden, das ist beschissen zu koordinieren. Ich selbst befand mich anlässlich des Auftritts unserer Truppe in einer Art Wachkoma und starrte stier vor mich hin, unterbrochen nur durch wüste Beschimpfungen des Schiedsrichters, der dem Kollegen Cleber, der unseren Aigner trat, ruhig vom Platz hätte schicken können. Dann kam Piazon.

Und es kam die neunzigste Minute. Wir erwarteten einen Freistoß für die Eintracht 30 Meter vor dem Tor des HSV. Eine gute Chance dachten wir. Für den HSV. Freistoß in die Mauer, Konter, Gegentor und so.

Piazon steht bereit.

Läuft an.

Schießt.

Der Ball fliegt über die Mauer.

Irgendwohin.

Plopp.

Ins Tor.

?

Toooooooooooooooooooooooooooooooooooooooor.

So war’s gewesen, der Ball fluppte nach einer unfassbaren Flugkurve einfach so ins Netz. Das war jetzt ein bisschen doof für den HSV, wir aber konnten unser Glück gar nicht fassen, selten so gefreut nach einem derart beschissenem Spiel. Sagten alle. Zur Feier des Tages gab es an einer der Buden noch eine Bratwurst und ein Schöppchen. Anschließend rollten wir zum NDR, um der Sendung „Sportclub“ noch einen Besuch abzustatten. Nach längerer Warterei ging’s ins Studio, dort erfuhren wir, dass kein Fußballer zu Gast sein würde, sondern eine Radfahrerin, Trixie Worrack. Egal, solange nur oft genug der Freistoß gezeigt wird. Und wir hatten Glück. Von daher klatschten wir brav und grinsten breit in die Kamera.

Am nächsten Morgen war klar: Das war kein Traum. Tja, und dann liefen wir unten an der Elbe entlang, kauften nichts mit einem Totenkopf drauf und saßen wenig später im Dacia. Hamburg, Hannover, Kassel, Frankfurt meine Perle. Ich hörte aus irgendwelchen Gründen kaum noch was, von daher musste Pia fahren – und das tat sie souverän. Die neue Element of Crime, Lieblingsfarben und Tiere, schröppelte aus den Boxen und ich guckte aus dem Fenster. Landschaft.

Das Bild von uns ist vom Volksparkett geliehen. Danke.