Bereits zum vierten Mal war Ansgar Brinkmann im Eintracht-Museum zu Gast. Erstmals 2008, gemeinsam mit Thomas Zampach, Alex Schur und Horst Ehrmantraut – da war er noch recht ruhig, der Ansgar. Beim zweiten Mal feierten wir „10 Jahre Übersteiger“ und zeigten das legendäre 5:1 gegen Kaiserslautern auf dem Videowürfel.

Dann 2012, Ansgar hatte gemeinsam mit Autor Bastian Henrichs ein Buch über sich veröffentlicht – es wurde ein heiterer Abend. Und nun? Nun schwätzten wir über Gott und die Fußballwelt und über Ansgars Leben – und es wurde ein weiterer hoch vergnüglicher Eintracht-Abend. Natürlich beleuchteten wir den sensationellen Wechsel Brinkmanns von der Ersatzbank der zweiten Mannschaft des BV Cloppenburg zur Eintracht, damals, als er eigentlich schon auf dem Weg zu Charly Körbels Zwickauern war. (Der Charly ist Eintrachtler, mit dem haben wir das geklärt). Als er nach der Vertragsunterzeichnung aus seinem Hotel im 18. Stock auf die Skyline guckte und seinen Freunden am Telefon sagte, dass er einen neuen Verein gefunden habe – angesichts der Skyline aber betonte, dies könne nicht Zwickau sein. Übrigens ist noch ungeklärt, wie Körbel einst auf Brinkmann aufmerksam wurde.

Die Zeit bei der Eintracht endete unfreiwillig, er wurde verkauft – und landete bei Tennis Borussia Berlin. Dank der Göttinger Gruppe stellten die Berliner unter anderem mit Copado und Ciric die bis dato teuerste Mannschaft der zweiten Liga, erst Hoffenheim nahm noch mehr Geld in die Hand. Trainer Winnie Schäfer erlebte nicht die beste Zeit seiner Karriere in Berlin, die Spieler tanzten ihm auf der Nase herum, manchmal sogar auf einem Piano – im Trainingslager von Bayern München beim Geburtstag von Salihovic Salihamidžić, dem Schwager Copados.

Brinkmann hatte sich, ganz Netzeresk einmal sogar selbst eingewechselt. Auf der Bank sitzend rief er dem Linienrichter zu: Auszubildender, wir wechseln. Trainer Schäfer ließ es geschehen. Sportlich gebracht hatte der Wechsel nichts – aber 10.000 Mark Einsatzprämie waren gesichert.

Die Karriere von Ansgar Brinkmann, das sind sportliche Höchstleistungen gepaart mit Lausbubengeschichten. Selbstbewusstsein ist mein Hobby, so das Credo des Straßenkickers, der 70 km vom Bremen entfernt aufgewachsen und in seiner Jugend des Öfteren ins Weserstadion gepilgert ist. Dort wurde er großer Fan von Rudi Völler. Mit zittrigen Händen hatte sich klein Ansgar seinerzeit ein Autogramm geholt, nicht ahnend, dass er einst selbst die Autogramme geben würde. Es wird kolportiert, dass selbst in Bielefeld die meisten Trikots mit dem Namen Brinkmann verkauft wurden – obgleich er nur zwei Jahre dort spielte.

Heute macht Ansgar in einer Agentur irgendwas mit Fußball, was genau konnte ich auch nach nachfragen nicht konkretisieren. Unabhängig davon tingelt er um die Fußballwelt, die WM in Brasilien steht vor der Haustür und gemeinsam mit den 11Freunden wird er von dort berichten, auch mit Mehmet Scholl zusammen. Mal ist er Sky-Experte, mal taucht er bei 1live auf und textet für die Kolumne Der weiße Brasilianer. Auch für die Traditionself der Deutschen Nationalmannschaft läuft er zuweilen auf – und das obwohl ich kein Länderspiel gemacht habe, erklärt er grinsend. Mit Christian Karembeu kickte er in Indien und sammelte Geld für die Kids, nebenbei bemerkt hatte ihn auch das Land beeindruckt, auch die Tatsache, dass klares Wasser nicht selbstverständlich ist – eine Erkenntnis, welche seine Sicht auf die Dinge veränderte. Ja, Mutter hatte doch manchmal recht.

Natürlich brachte Ansgar mit seinen Eskapaden die Verantwortlichen zur Weißglut, die Kameraden zum Grinsen und die Fans zum Jubeln. Geraucht habe ich nie erklärt er und getrunken nicht oft. Aber wenn, dann richtig. Mal stiefelte er über elf Taxis, in denen die Fahrer noch drin saßen (ach, es ist ja nur der Ansgar), mal wurde er mit Alkohol am Steuer erwischt. Während die Polizisten seinen Porsche Boxster umparkten, türmte er aus dem Polizeiwagen, versteckte sich auf einem Garagendach und wurde von Kumpel Thomas Möller im Kofferraum aus der Stadt geschafft. Er kam glimpflich davon, es passierte nichts. Die Polizisten aber, die Ansgar entkommen ließen, waren die gelackmeierten: Polizei wollte Porsche fahren, so der Titel einer großen Boulevard-Zeitung. Die Tage danach wurde Brinkmann mehrfach kontrolliert, selbst als er sich einen Ford Ka besorgte und den Porsche stehen ließ. Beim nächsten Spiel skandierten die Fans: Wir. Wollen. Porsche fahr’n.

Großartig auch sein Wechsel nach Bielefeld, damals verantwortlich für Arminia: Heribert Bruchhagen, der Ansgar unter einer Autobahnbrücke mit den Worten Wir wollen hier etwas Großes aufbauen verpflichtete. Nur wenig später gab Bruchhagen seinen Wechsel zur DFL bekannt.

Ansgar spielte für Geld, aber Geld war nicht alles. Auch nicht in Mainz, als er nach zwei guten Jahren zu guten Bedingungen weiter verpflichtet wurde. Doch noch bevor die Saison los ging marschierte er in die Vorstandsitzung, T-Shirt, Jeans, Stirnband, und erklärte den Herren Heidel und Co, dass seine Mission hier beendet sei. Und er hielt Wort. Beim Trainingsauftakt weilte er in London. Bei Bon Jovi. Oder war es Bruce Springsteen?

Münster, Osnabrück, Gütersloh – dort wurde Brinkmann heimisch, spielte mehrfach für die Clubs, die sich untereinander spinnefeind sind. Und kann sich überall blicken lassen. Authentisch – eines seiner Lieblingsworte. Womöglich sehen wir ihn irgendwann sogar einmal in einem Münsteraner Tatort – in der Rolle als: Ansgar.

Und da kommen wir zu Jule, Diplomatentochter. natürlich rücken einstige Fußballer nicht alle Geschichten raus, aber der Beginn mit Jule ist verheißungsvoll. Jule muss sich abmelden, wenn sie unterwegs ist. hat sie aber nicht. So stehen Ansgar und Jule auf einer Frankfurter Brücke, als die Polizei sie anhält. Jule wurde gesucht. Wochen später kommt Ansgar nach einem Ligaspiel beim HSV nach Hause. Ist müde. Der TV läuft. Das Licht ist an. Jule ist da. Eingebrochen. Mensch, wenn sie einen Schlüssel hätte haben wollen, hätte sie doch nur was sagen müssen. Jule ist eine von den Frauen, die bei Erscheinen alles verstummen lassen. Dies hindert sie nicht daran, zu erklären, dass Stimmen im Kopf ihr gesagt hätten, bei Ansgar vorbei zu schneien. Ansgars Reaktion? Einbruch? Stimmen im Kopf? Sie muss vor mir einschlafen.

Weitere Geschichten mit Jule warten auf uns, nächstes Mal. Auch die mit dem blauen Mercedes, den sich Ansgar holen wollte. Im Autohaus trat er erst einmal gegen den Wagen, hinterließ eine Beule. Der Verkäufer wollte die Polizei rufen, Ansgar aber kaufte den Benz, später rollten sie vergnügt über die Maisfelder. Wahrscheinlich mit Bon Jovi im Autoradio. Oder Springsteen. Wie Brinkmann noch heute nachts aufsteht und sich in den Wagen setzt, durch die Gegend fährt. Big City Lights? Cruising? Abenteuersuche? Nein, ich muss das machen, es ist ein Zwang sagt er.

Die Besucher im Museum lagen entweder lachend auf dem Boden oder aber hörten gebannt zu. Und mit was? Mit Recht – würde Ansgar sagen.