Maccabi Tel Aviv vs Eintracht Frankfurt

Und schon hatte ich meine letzte Nacht im Overstay hinter mir. Da mein Flieger in nicht mal 24 Stunden Richtung Heimat ging, checkte ich aus. Ich konnte mir heute noch einmal ein Fahrrad leihen und auch mein Gepäck bis Spielende im Hostel lassen. So ging ich noch einmal auf die Dachterrasse, rauchte und blickte auf die Flutlichtmasten, die heute Abend hell erleuchtet das hoffentliche Europa-League Spektakel bescheinen werden.

Doch zuvor lag noch ein ganzer Tag in Tel Aviv vor mir, ein Tag, an dem auch die meisten andern Eintrachtfans eintreffen sollten. Die Bembelbar hatte dann doch einen neuen Platz zum Feiern gefunden, nach dem Spiel sollte es an die Blue Bird Beach Bar gehen, der Apfelwein aber ist wohl am Zoll hängen geblieben, trotz aller Versuche, ihn von dort loszueisen.

Ich radelte meinen altbekannten Weg nach Old-Jaffa, trank einen Kaffee inklusive Schokocroissant und fuhr weiter ans Meer. Lag im Wasser, guckte auf die Skyline und hatte meine Tasche im Auge, immerhin befand sich dort mein Reisepass, mein Ticket für das Spiel und mein Geld. Das Wasser war warm, der Himmel bewölkt, doch ich trocknete schnell. Ich las, Philip Roth, Demütigung, hatte mir Flo neulich zum Geburtstag geschenkt, die Zeit rannte. Nach ein paar Stunden fuhr ich weiter, hinter der Strandpromenade liegt der Markt von Tel Aviv. Ich schloss mein Rad an, traf Thor und Fedor, wie nunmehr an allen Ecken und Enden Eintrachtler zu erkennen waren. Schlenderte durch die Marktgasse, Orangen türmten sich neben Granatäpfeln, Oliven neben Zigaretten, hier brieten Fallafelbällchen, dort Kebabs. Es gab Shirts und Schuhe, Pia hätte ihren wohlfeilen Spaß gehabt. Ich aß eine Fallafel, der Verkäufer rief unermüdlich den Preis in den Tag, sheva, seven, und füllte Brottasche um Brottasche mit den Kicherbsenbällchen. Weiter hinten liegt die Fußgängerzone, Graffitis zieren die Häuserwände, in den Cafés saßen die Menschen, aßen, tranken, bald wurde es drei Uhr und ich holte mein Fahrrad und machte mich auf den Weg zu Mikes Place, dem Treffpunkt, der nur wenige Hundert Meter entfernt liegt.

Die Straße und die Promenade war voll, es wimmelte schwarz-rot-weiß. Hier traf ich Karsten und Nicole, dort gaben Benny und Basti Jan von Eintracht.TV ein Interview. Ich befestigte mein Rad an einer Kette an und wurde freundlich darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um ein Bestandteil der amerikanischen Botschaft handelte, keine gute Idee also. Lieder schallten aus der Wirtschaft, Gläser gehoben. Hier war Jörg, da war ja auch Matze. Und Thomas und wie sie alle heißen; die, die nun mit der Eintracht in Tel Aviv gelandet sind. Ich traf Suse, Arne und Muelli, mit denen ich in wenigen Stunden im Taxi zum Flughafen sitzen werde. An den Tisch setzte sich sogar Peter Feldmann, seines Zeichens Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt. Ein anderer Peter wurde gefeiert, der Peter Fischer. Peter gibt ein aus. Er ließ sich grinsend und mit Sonnenhut auf dem Kopf fotografieren. Dann erscholl: Europa-Cup in diesem Jahr. Ich blickte aufs Meer. Zum ersten Mal hörte ich das Lied tatsächlich in Europa, ein paar tausend Kilometer von der Heimat entfernt. Gänsehaut, ein Tränchen machte sich bemerkbar. Uli und Frank waren da, Sebastian auch und da kam Gerre anmarschiert, während sich die Sonne anschickte zu versinken. Ich lief an den Strand, fotografierte das wunderbare Bild und nutzte die Gelegenheit, mich noch einmal an den Strand zu legen, ein paar Hundert Meter abseits. Dort war es leise. Das Meer rauschte.

Da ich den gemeinsamen Weg zum Stadion nicht mitlaufen konnte, weil ich noch mein Rad abgeben musste, blieb ich liegen. Menschen schlenderten an mir vorbei, Kinder badeten im Wasser, derweil die Sonne endgültig versank. Als eine junge Frau mit einigen Hunden im Schlepptau anrückte, diese rund um mein Badetuch sprangen und einer sich anschickte, an den Strand zu kacken, schien meine Zeit an diesem Platz abgelaufen. Ich radelte ein letztes Mal zurück zum Hostel, tauschte meine Flip Flops gegen Turnschuhe, verstaute meinen Beutel im Rucksack und brach mit zwei Bier in den Taschen meiner kurzen Hose auf zum Stadion. Jetzt leuchtete das Flutlicht zum Spiel, gelb-blaue Trikots der Maccabifans glänzten im Licht, ich bog um die Ecke zum Gästeeingang und da waren sie schon alle, die Fans der Frankfurter Eintracht. Polizei hingegen war keine in Sicht. Gegenüber des Eingangs hatte eine Wirtschaft die Pforten geöffnet, verkaufte Bier, mit Alkohol, sogar in Flaschen. Ich quatschte mit Buffo, überall ein großes Hallo und Gude wie. Jeder hatte eine Geschichte zu erzählen, die einen waren schon am Toten Meer, andere kamen erst heute an. Sie kamen über Kiew und Istanbul, Barcelona und Basel, über Larnaca und Warschau und alle hatten nur ein einziges Ziel: Eintracht Frankfurt international. Hier entdeckte ich Dino, da Martin, dann hockte ich vor der Kneipe und quatschte mit Red Zone – und alles unbehelligt von den Vertretern des Gesetzes.

Dann gings los, wir hatten schon bald acht und so stellten wir uns brav an, rückten Schritt um Schritt vor. Vor mir schob sich Öri vorwärts und lachte, daneben Steff und Matze und nach einer kurzen Untersuchung waren wir drin. Matze freute sich über einen Verkaufsstand im Stadion, nach einer weiteren Untersuchung erklommen wir ein paar Stufen und erblickten den leuchtenden Rasen, ein erhabenes Gefühl. Die langgezogene aber flache Kurve war komplett in unserer Hand, Hunderte rote Fähnchen wurden geschwenkt, derweil das Stadion ausverkauft schien und zu dreiviertel gelb-blau leuchtete. Ich lehnte an einem Geländer, blickte nach oben, winkte hierhin und dorthin und wollte mir einen Platz suchen, als ich gewahrte, dass ich direkt in der ersten Reihe nahe der Eckfahne stand. Drei Meter vom Spielfeld entfernt. Unter mir saß Clemens im Rolli, HD im roten Fotografenleibchen lichtete sowohl Kurve als auch Spielfeld ab und dazu die Eintracht – mit einer veränderten Mannschaft.

Djakpa spielte, der erblondete Schröck, dazu standen Inui und Lakic in der Anfangsformation. Die Israelis entrollten ein großes Banner, überhaupt waren sie schon jetzt sehr laut, während bei uns keine Eintrachtfahne flatterte und auch kein Megaphon zugegen war. Obgleich das Stadion nur 14.000 Zuschauer fasste, war es schon ganz schön laut. Wir waren bester Dinge.

Was sich dann während der folgenden 30 Minuten abspielte, ließ uns mit offenen Mündern zurück, an die 2000 Frankfurter konnten nicht fassen, was sich dort vor ihren Augen offenbart hatte. Mit 3:0 führte Maccabi völlig verdient, die Eintracht hatte kein Bein auf die Erde bekommen, es war eine fußballerische Katastrophe, die in dieser Art von niemandem erwartet wurde; die ersten überlegten zu gehen. Da war sie hin, die schöne Stimmung. Was war da los, fragten wir uns, das kann doch nicht sein. Doch konnte es. 3:0 – so auch der Halbzeitstand.

Missmutig beobachteten wir die zweite Halbzeit, die Eintracht zeigte sich leicht verbessert und erzielte nach einer Stunde den Anschlusstreffer. Und als wenige Sekunden später der Schiedsrichter auf den Elfmeterpunkt zeigte, war die Hoffnung zurück. Nach einigem hin und her machte Meier einen Schritt – und traf zum 2:3 aus unserer Sicht. Da geht noch was. Immerhin war nun die Laune zurück, die Lebensgeister wieder gekehrt. Doch alle Anstrengung sollte nichts nutzen, im Gegenteil: In den letzten Minuten bestimmte Tel Aviv das Geschehen und ein finaler Elfmeterpfiff für Maccabi sollte die Niederlage einleiten, die Verwandlung des Elfmeters diese besiegeln. 2:4. Abpfiff. Verloren.

Enttäuscht genossen oder erlitten wir die letzten Minuten im Stadion. Die Eintracht schlich in die Kabinen, Maccabi ließ sich feiern, auch von uns kam verdienter Beifall, welches die Fans von Maccabi wiederum veranlasste, uns zu applaudieren – letztlich ein versöhnlicher Abschluss, eines vor allem in der ersten Hälfte deprimierenden Spiels.

Das Stadion leerte sich nun, ich wanderte durch die hupenden Massen ein letztes Mal zum Hostel, um meinen Rucksack zu holen, traf auf den ein oder anderen Maccabäer, der ein freundliches Daumenhoch zeigte, schnappte mein Gepäck, verabschiedete mich vom Overstay und latschte zurück durch die Jerusalem Road Richtung Strand. Unterwegs traf ich Benny mit Maik, der umgeknickt war und seinen Schmerz mit Wodka betäubte. Die letzten Meter nahmen wir ein Taxi und Maik, der der Gesundheit zuliebe besser das Bein hochgelegt hätte, marschierte frohgemut zum Feiern. Wollen wir hoffen, dass er gut heim gekommen ist.

In der Blue Bird Beach Bar ging es dann hoch her, sogar unser Reiseführer Yalon vom Ausflug nach Jerusalem schaute vorbei. Da ich noch ein Fähnchen vom Spiel in der Hand hielt, dies aber nicht mitschleppen wollte, steckte ich es in die Erde, in der Hoffnung, es bei Aufbruch noch vorzufinden. Natürlich habe ich es dann später vergessen. So drehte ich meine Runden, traf auf Ingo oder schusch, hockte mich mit Suse, Arne und Muelli an den Tisch, derweil Holger Frankfurter Volksmusik auflegte. Noch einmal drehte ich meine Runde, gedachte gesanglich dem Europapokal, verabschiedete mich dann von Ruth und Holger und alsbald kam ein Stürmchen auf, während wir uns in ein Taxi setzten und mit den letzten Schekel zum Flughafen rollten.

Natürlich waren wir viel zu früh, selbst die befürchtete Ausreisekontrolle war kurz und schmerzlos. Als ich auf die Frage “Haben sie etwas von Fremden angenommen“ mit „ja“ antwortete, schaute die junge Dame irritiert, aber wir konnten schnell klären, dass dies nur beim Einkaufen der Fall gewesen war. Keine fünf Minuten später landete ich im Transit-Bereich, wo wir noch auf Arne warten mussten, aber auch er verweilte nicht allzulange bei der peinlichen Befragung. Bald hockten wir nach einem Duty-Free Besuch an einem Tisch, bis sich unsere Wege ob der Tatsache, dass ich über Warschau die anderen aber über Istanbul flog unsere Wege trennten. Für Pia hatte ich neben dem Jerusalemer Holzkreuz noch ein paar Muscheln sowie einen Fallafelmacher im Gepäck, für mich eine Anstecknadel als Erinnerung an Yad Vashem.

Wie immer zog sich die Warterei in die Länge, ich las meinen Philip Roth zu Ende und hatte beim Einchecken Glück, dass ich sowohl einen Fensterplatz als auch den Sitz am Notausgang bekam. Obgleich das Flugzeug extrem leer war, hockte natürlich jemand auf diesem Platz, doch er wurde bereitwillig geräumt. So blieb die Dreierreihe leer, ich drückte mich dennoch im Sitz rum. Bald hoben wir ab, rauschten in die Nacht und so wirklich wollte es mir nicht gelingen, eine Mütze Schlaf zu finden, bis wir vier Stunden später und mit erfolgter Zeitumstellung in Warschau landeten.

Wieder kam ich flott durch die Passkontrolle, und nutze meinen Aufenthalt, meine auf dem Hinweg erworbenen Zloty gegen ein Sandwich, eine Cola und ein Päckchen Zigaretten zu tauschen. Und schon begann das Boarding, wieder saß ich am Fenster. Wir hoben pünktlich ab, nun bekam ich auch wieder mein von der Hinreise sattsam bekanntes Schokoriegelchen nebst Wasser. Ich blickte in den beginnenden Tag, die Sonne über den Wolken wich bald einer Gräue unter den Wolken. Nun hieß es wieder Anschnallen. Wir landeten pünktlich in Frankfurt, rollten einige Zeit über das Rollfeld, bis wir in einen Bus stiegen, der uns zum Terminal brachte. Nach einer Zigarette, bei der ich Pia anrief, um ihr mitzuteilen, dass ich gelandet bin, wanderte ich zu den Bahngleisen und löste einen Fahrschein.

Es ist Freitag Mittag, 14 Uhr. Ich bin an der Haltestelle Stadion ausgestiegen, laufe hoch Richtung Waldstadion, trete durch den Eingang aufs Gelände und marschiere mit dem Rucksack in der Hand zum Eintracht Museum. Vor der Eingangstür sehe ich Pia, wir fallen uns in die Arme, ich bin wieder zuhause.