Yad Vashem

Schon früh am Morgen war ich wieder auf den Beinen und holte mir den Schlüssel zu meinem Fahrrad ab, das sich für die Fahrt zum Treffpunkt so bewährt hatte. Auf der Dachterrasse bot sich das gleiche Bild wie am Morgen zuvor, auf den Sofas schnarchten die Reste der Nacht, ich rauchte und schenkte mir das Frühstück, welches ich in Old Jaffa nachholte.

Kaffee, Croissants und zum Abschluss ein Granatapfelsaft verschafften mir die nötige Kraft, einen hochinteressanten Tag zu überstehen, immerhin stand heute eine erneute Fahrt nach Jerusalem auf dem Programm. Das Ziel war nun nicht die Altstadt, sondern Yad Vashem, die größte Gedenkstätte des Holocausts, der Shoa.

Zunächst radelte ich den altbekannten Weg an der Strandpromenade entlang, um meinen Blick auf Steinen sitzend über das Meer schweifen zu lassen, die Wellen rauschten leise, die ersten Schwimmer tapsten ins Wasser, hinter mir brauste der Verkehr. Gemächlich brach ich ein Weilchen später auf und fuhr hinter zum Carlton Hotel, unterwegs traf ich Ruth und Holger in heller Aufregung: Die geplante Location für die Bembelbar war gecancelt und der Apfelwein noch nicht über den Zoll – von daher wartete für beide statt Strandleben oder Bildungsurlaub nun Organisation mit ungewissem Ausgang. Dann traf ich Thomas von der FuFa, der nun auch angekommen war, auch Christian, der schon gestern mit dabei war. Ich verschloss mein Rad an einem Bügel und traf auf ein munteres Trüppchen, welches sich vom gestrigen unterschied. Manch einer fehlte, manch einer war neu dabei. Sebastian und Simon, die gestern noch mit dem Bus durch die Stadt geeiert sind, hatten sich nun auch ein Fahrrad geliehen. Obgleich bei einem zunächst die Kette einen Abgang gemacht hatte und bei einem anderen die Pedale zerbrochen war, hatten sie es geschafft, pünktlich zu sein. Und nahezu pünktlich fuhren wir los.

Natürlich ist Israel undenkbar ohne den Holocaust, die in der Ausrottung der Juden der Welt gipfelnde Diskriminierung der Juden durch die deutschen Nationalsozialisten. Erst durch einen Vortrag von Moshe Zimmermann im Eintracht-Museum war ich auf die Gedenkstätte Yad Vashem aufmerksam geworden, um so dankbarer war ich dem Fanprojekt, dass es im Rahmen des Europapokalspieles eine Reise dorthin anbot – auch wenn die Heiterkeit zunehmend einer des Dramas angemessenen Ernsthaftigkeit wich.

Über die A1 rollte unser hochmoderner Bus erneut nach Jerusalem, bis wir Yad Vashem erreichten. Dort angekommen traf ich auf schusch und Miriam, die den heutigen Tag für einen Ausflug genutzt hatten, sie waren schon in der Gedenkhalle gewesen und brachen nun auf in die Altstadt.

Vor dem Eingangstor lagerte eine Gruppe Soldaten, junge bildhübsche Mädchen, starke Burschen, allesamt in grüner Uniform mit umgehängten Maschinengewehren – überhaupt ein allgegenwärtiges Bild in Israel, das aber erstaunlicherweise auch von mir wenig bedrohlich empfunden wurde. Die meisten waren Wehrpflichtige im Rahmen des mehrjährigen Militärdienstes, dessen Ende später an den Stränden Indiens ausgiebig gefeiert wird. Die heutige Gruppe stärkte sich mit Sandwiches, sie waren hier nicht zur Bewachung, sondern wie es schien gleichfalls zur Besichtigung.

Yad Vashem ist nicht nur Gedenk-, sondern gleichfalls Forschungsstätte; ein zentraler Punkt ist das Holocaust-Museum – doch das Gelände ist weitläufig: Freie Flächen mit für uneigennützige Lebensretter gepflanzten Bäumen, Erinnerungen an die Helden des Widerstandes, an die Märtyrer, an das Gedenken der ermordeten Kinder, an das Warschauer Ghetto und einer großen Halle der Erinnerung – sowie vieles mehr. Der erste Eindruck wirkt nicht ganz so bedrückend wie befürchtet, – was womöglich im Gegensatz zu einem Besuch der Konzentrationslagern daran liegt, dass dieser Ort kein Ort der tatsächlichen Geschichte ist. Hier ist nichts passiert, die Gegenwart der Massenvernichtung scheint abstrakt, der Boden im Vergleich zu Auschwitz nicht blutgetränkt – doch natürlich kreisen die Gedanken unaufhörlich um das Geschehene, um das Unvorstellbare.

Wir teilten uns in zwei Gruppen auf, bekamen Kopfhörer in die Hand gedrückt, denn natürlich sind etliche Gruppen unterwegs und wenn jede Führung lautstark von statten gehen würde, wäre die Atmosphäre durch die Worte entwürdigt. So spricht hier der und in unserem Falle die Führende leise in ein Mikrophon und wir lauschten ergriffen durch die Kopfhörer – schon bei den ersten Schritten, die uns in die Allee der Gerechten unter den Völkern führte. Unser Guide war eine junge Israelin, Sheera, die uns klug in die unvorstellbare Geschichte des Holocausts einführte. In der Allee der Gerechten unter den Völkern werden Bäume für diejenigen gepflanzt, die uneigennützig und unter Lebensgefahr Juden vor der drohenden Vernichtung gerettet hatten. Zwiespältig erscheint hier die Person Oskar Schindlers, der zwar Hunderten das Leben gerettet tat, aber zunächst auch als Mitglied in der NSDAP von der Zwangsarbeit der Juden profitierte. Ein geplanter Baum für ihn wurde in den 60er Jahren abgelehnt, erst mit Erscheinen des Spielberg-Filmes Schindlers Liste wurde für ihn und seine Frau ein Baum gepflanzt. Schindler liegt heute in Jerusalem begraben.

Yad Vashem, Denkmal und Name so die wörtliche Übersetzung, will erinnern, forschen, erziehen und dokumentieren – für uns Deutsche ist ein Gang durch das Gelände natürlich ein besonders schwerer, und wenn wir deutscher Sprache begegnen, dann in Propagandareden, auf Plakaten und Dokumenten der NS-Zeit – Hinweise aber sind auf hebräisch oder englisch.

Die erste Station im Museum ist eine filmische Hommage an das jüdische Leben in der Vorkriegszeit, das Leben im Schtetl, unbeschwert und nicht zwingend religiös überladen der Alltag, auch der Kinder – nicht ahnend, was auf sie zukommen wird. Schon beim nächsten Bild verharrten wir. Ende 1944 in Estland, aufgenommen von den Soviets. Schon als der Kriegs aussichtslos schien, verfolgten die Nazis die Endlösung. Wir sehen auf einem Foto ermordete Juden, darüber eine Schicht Baumstämme, darüber eine Lage Leichen, darüber Baumstämme. Ein Scheiterhaufen, der angezündet werden sollte, um Spuren zu vernichten, alleine die vorrückende Rote Armee veranlasste die Nazis zur Flucht, sie kamen nicht mehr dazu, die Spuren der Verbrechen zu beseitigen. Sheera wiederholte immer wieder die entscheidende Frage: Wie konnte dies geschehen, wie kann das sein.

Massenphänomen und Prozess. Diese Begriffe geben Hinweise auf die Vernichtungswelle, deren Ursprünge weder religiös noch geplant waren. Anstelle des Judentums sollte keine andere Religion treten, der Antisemitismus trug kein kirchliches Gewand. Juden standen für die Nazis als Vertreter des Finanzkapitals, und auch für den Kommunismus, daraus etablierte sich das Feindbild, nicht zuletzt geschaffen durch Massenaufläufe, fackelbeleuchtet, fahnenumrankt, redenbegleitet.

Es kann in meinem Bericht nicht ansatzweise darum gehen, den Holocaust zu erklären, historisch präzise zu sein oder dessen Geschichte aufzuarbeiten, ich kann nur versuchen, Eindrücke wieder zu geben, Eindrücke von der schleichenden Entwicklung bis zum Massenmord. Die Entwicklung der Diskriminierung, Ausgrenzung, Vertreibung bis hin zur sich ab 1941 abzeichnenden Massenvernichtung der Juden der Welt. Und da das völkische Weltbild der Nazis eines des Blutes war, so war die Definition des Juden nicht dem Glauben unterlegen (den Glauben kann man wechseln) sondern des Blutes. Das heißt, wer jüdisches Blut ob seiner Abstammung in sich trug, war der Vernichtung geweiht.

Von 11 Millionen Juden überlebten 5 Millionen den Holocaust, 6 Millionen, darunter 1,5 Millionen Kinder wurden hingerichtet, erschossen und final in den Konzentrationslagern industriell vergast. Die Fotos, welches uns das Grauen in den Lagern und Ghettos zeigen, wurden von den Nationalsozialisten selbst produziert, als Dokumente, die das Leben der Juden als erbärmlich zeigen, eine Erbärmlichkeit, die ihnen die Nazis zugewiesen haben – schon vor der geplanten Massenvernichtung. Die so entstanden Bilder sollten nachweisen, dass sich der Deutsche dem Juden als überlegen erweist, hier der stolze blonde Arier und dort das erbärmliche Judenkind, im Dreck im Warschauer Ghetto, zerzaust und ausgemergelt. Seht her, so ist er, der Jude.

Natürlich hatte man ihnen alles genommen, zunächst die Teilnahme am Alltag, dann die Synagogen, dann die Habseligkeiten, nicht nur in den Ghettos im Osten die Lebensmittel, die Würde und am Ende in sorgloser Vernichtung das Leben und die Zukunft. Und da die Entwicklung zur Massenvernichtung nicht vorhersehbar war, so lebte bis zur Erkenntnis dessen die Hoffnung, dass sich die Dinge zum Guten wenden würde. Mit der im Januar 1942 auf der Wannseekonferenz beschlossenen Endlösung trieb die Geschichte der Juden auf ihr grausames Ende zu.

Wir sehen Kleinigkeiten, Bilder der Liebsten, welche die Vertriebenen und Ermordeten in den Taschen hatten, wir sehen den Alltag im Warschauer Ghetto mit Pflastersteinen und Schienen auf denen die Wagen die Leichen zur finalen Station brachten, Ghettos von den Nazis errichtet und vermeintlich der Selbstverwaltung durch den Judenrat anheim gestellt, wir sehen die Erschießungsgräben, die Betten von Auschwitz, in denen es kein Fünkchen Platz gab, ein Modell der Vernichtung, angefangen beim Anstellen, beim Zusammengepfercht sein, die ausgemergelten, vergasten Leichen, die in die Verbrennungsöfen geschoben wurden. Wir sehen Zeichnungen der Insassen, bedrückende Erinnerungen der Verzweiflung aber auch der Hoffnung. Wir sehen einen heimlich aus Munitionsmaterial gefertigten Kamm, dessen Geschichte umso bedrückender ist, als dass wir wissen, dass auch die Frauen kahlrasiert entindividualisert wurden, wir sehen einen handgefertigten Ring mit den Initialen G+H, heimlich gefertigt in der Hoffnung zweier Menschen in einer Zeit nach dem Lager zu heiraten – eine Hochzeit, die nie zu Stande kam, da er ermordet wurde und wir sehen die Bilder der Täter, an denen ich vorbei gehe. Wir sehen Bilder der Befreiung, die einen trotz der geschundenen und ausgemergelten Körper glücklich, nahezu ausgelassen, die anderen starr und ratlos, ja nahezu bedrückt. Denn mit der Befreiung stand die nächste Frage im Raum: Wohin?

Wohin soll ich gehen, wenn niemand meiner Familie mehr lebt, wenn alles, was ich hatte zerstört ist und wenn dort, wo ich herkam diejenigen leben, die das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu verantworten haben. Wohin?

Eine dramatische Note der Befreiung beinhaltet die erste Grundversorgung mit Lebensmitteln, wenn ein Mensch nur Haut und Knochen ist und seit langer Zeit nichts oder nur sehr wenig gegessen hat. Wer bringt die Geduld auf, langsam und weiterhin nur sehr wenig zu essen, um den Körper an die ersehnte Nahrung zu gewöhnen. Und so stürzte sich manch einer auf das Ungewohnte, der Körper vertrug es nicht, der Tod schlug selbst dann zu, als die Befreier die Voraussetzungen zum Leben schafften, welch Tragik: Verreckt, weil es Lebensmittel gab.

Am Ende unseres Weges betraten wir die Halle der Namen. Lassen wir Yad Vashem selbst zu Wort kommen: Die kreisförmige Haupthalle beherbergt die umfangreiche Sammlung von „Gedenkblättern“ – kurzen biografischen Notizen jedes Holocaust-Opfers. Über zwei Millionen solcher Blätter werden in den Regalen aufbewahrt, die entlang der Umfassungsmauer der Halle verlaufen; sie bieten Raum für sechs Millionen Gedenkblätter. Die Decke der Halle besteht aus einem zehn Meter hohen Kegel, der 600 Fotografien und Fragmente von Gedenkblättern zeigt. Diese Ausstellung repräsentiert nur einen Bruchteil der sechs Millionen ermordeter Männer, Frauen und Kinder aus der vielgestaltigen jüdischen Welt, die von den Nazis und ihren Helfershelfern zerstört wurde. Die Porträts der Opfer spiegeln sich im Wasser am Boden eines gegenüberliegenden, aus dem Fels gehauenen Kegels wider.

Nunmehr sind vier Millionen Namen bekannt, die Halle der Namen aber bietet noch Raum für weitere zwei Millionen Namen – es sind unvorstellbare Geschichten, die jeder einzelne erzählen könnte, sechs Millionen Leben, die vor der Zeit ausgelöscht wurden – und das ganze jüdischen Volk bis in alle Ewigkeit prägen werden. Die Halle der Namen ist ein unvergleichbarer Ort. Wer ihn einmal betreten hat, wird ihn niemals mehr vergessen.

Wir traten hinaus, blickten in den freien Himmel, blickten über Jerusalem und atmeten durch. Wir können das. Und es tat gut.

Wir liefen über das Gelände, liefen zum Denkmal für die Kinder. Errichtet wurde es, da eine Familie, deren zweijähriger Sohn ermordet wurde, ein Denkmal für ihren Uziel errichten wollte. Yad Vashem aber bat um ein Denkmal für alle vernichteten Kinder, da es angesichts der sechs Millionen Toten darunter jene 1,5 Millionen Kinder unmöglich sei, individuell zu bauen. Und so sahen wir am Eingang ein Portrait von Uziel und betreten einen beeindruckenden unterirdischen Raum. Es war dunkel, wir sahen einige beleuchtete Fotos ermordeter Kinder. Ein paar Schritte weiter in die Finsternis wird durch Spiegel und einige wenige Kerzen der Einruck erweckt, als würden 1,5 Millionen Sterne leuchten, ein jeder eine Kinderseele. Dazu werden abwechselnd von Frauen- und Männerstimmen auf hebräisch und englisch die Namen der ermordeten Kinder vorgelesen, endlos, tiefgehend, ergreifend.

Nun lief ich alleine durch das Gelände, zuvor hatten wir die Kopfhörer abgegeben und uns bei Sheera bedankt. Ich ging erneut durch das Museum, entdeckte Details, ließ mich treiben, lief erneut in die Halle der Namen, zum Denkmal der Kinder. Lief über den Platz des Warschauer Ghettos, ging in die Halle der Erinnerung, die Namen der größten Konzentrationslager auf den Boden geschrieben, im Boden eingelassen Asche der Opfer, dazu die ewige Flamme. Wanderte über die Allee der Gerechten der Völker zum Denkmal für die Märtyrer. Holte mir einen Kaffee, den ich später verschütten sollte und setzte mich draußen hin. Wir trafen uns alle wieder, ein Jeder, eine Jede mit einem Kopf voller Gedanken. Saß im Bus, blickte in die Dunkelheit.

Berufsverkehr in Tel Aviv. Carlton Hotel. Fahrrad. Am Strand radelte ich zurück, aß in Jaffa in einer bekannten Bäckerei eine Kleinigkeit und gab mein Fahrrad ab. Lief über die Jerusalem Road Richtung Meer, traf Stefan und Matteo, wir tranken ein Bier, redeten. Bald hockte ich wieder am Strand und schaute aufs Meer. Nachts traf ich Fabi und seine Kumpels, auch sie sind im Overstay untergebracht. Wir erzählten Geschichten mit Blick auf das Flutlicht des Bloomfield-Stadions.

Anmerkung: Da im Museum das Fotografieren nicht erlaubt war, ist die Auswahl der Bilder beschränkt, doch nicht minder bedrückend.